„Ich muss keinen Markt bedienen“ – Thomas Gatzemeier über die DDR, Disziplin und Literatur

Thomas Gatzemeier in seinem Atelier (Foto: Horst Kirstner/Karlsruhe)
Thomas Gatzemeier in seinem Atelier (Foto: Horst Kirstner/Karlsruhe)

Aus dem Archiv gekramt: Der aus Döbeln stammende Maler Thomas Gatzemeier übersiedelte 1986 gezwungenermaßen aus der DDR in die BRD, kam nach Leipzig zurück und wirkte ununterbrochen als Maler. Auch als Literat macht er von sich Reden. Gatzemeier 2012 – vielseitiger und neuer denn je.

Herr Gatzemeier, beim Gang durch ihr Atelier finde ich in ihren Arbeiten jene Arbeitsweise wieder, die ich selbst als Abendakademielehrling erlernte. Auch die Farbigkeit ihrer Bilder hinterlässt bei mir ein Deja-Vú – Grau- und Pastellabstufungen. Mir drängt sich die Frage auf: Wie arbeitet Thomas Gatzemeier?

Thomas Gatzemeier: Ich arbeite grundsätzlich Grau, überziehe die vorgemalten Flächen farbig. Dadurch entsteht der farblich zurückhaltende Eindruck. Es gab auch Künstler, die sich gegen die Vorgehensweise wehrten und wie Prof. Pfeifer (?) knallbunte Bilder malte. Als ich in die BRD übersiedelte blieb die pastellige Farbigkeit lange so wie ich sie erlernte.

Wann siedelten Sie in die BRD?

T.G.: Frühjahr 1986.

Damals waren Sie schon Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst?

T.G.:  (Lacht) Ich bin 1980 fertig geworden! Wie jung sehe ich denn aus? Das geht doch gar nicht, dass ich 1986 von der HGB abging! Von 1975 bis 1980 war ich Student.

Recht kurze Studienzeit…

T.G.: Fünf Jahre! Damals war das total verschult. Die, die es nicht schafften, wurden exmatrikuliert.

Heute ist das ganz anders…

T.G.: (Lächelt) Hm, ja.

Heute beschweren sich Studenten und Lehrende, dass eine Verschulung in den Universitäten und Hochschulen wieder einsetzt. Was denken Sie darüber?

T.G.: Ja, hoffentlich setzt das ein. Für mich war die HGB wie eine Akademie des 19. Jahrhunderts. Deswegen überlebte ja das handwerkliche Können in Leipzig so lange Zeit. Das Können kannst du ja als Künstler nur lernen. Lernen bedeutet aber auch, Disziplin zu üben. Sorry, wenn es für heute für viele so beschissen aussieht.

Hieß das auch früh aufstehen, raus, arbeiten…?

T.G.: Das hieß bei uns immer, dass wir früh rausmussten. Wie zur Arbeit gehen. Aber abends auch lustig sein. Am nächsten Tag mussten wir wieder fit sein.

Trotz Katers?

T.G.: Manchmal weigerten sich die Modelle weil es bei uns so nach Knoblauch stank. Bohnekamp machte es möglich. Das war ein Getränk, wo man für den niedrigsten Preis den höchsten Alkoholgehalt erhielt – 48 Volumenprozent für elf Mark. (Lacht)

Fast wie Strohrum…

T.G.: Ja, ja… fast. (Lacht)

Thomas Gatzemeier holt Kekse und Kaffee

Hans Aichinger arbeitet auch so diszipliniert wie Sie.

T.G.: Wie ich studierte er noch in der alten HGB. Dann kam der bunte Westen, die großen Farbkübel wurden verteilt, … da waren wir ganz ganz opportunistisch. Dann kam das Larifari.

Wurde aus ihrer Sicht die Kunst nach der DDR beliebiger, weniger politisch?

T.G.: Auch in der DDR war Kunst nicht immer politisch. Sie war metaphernreicher als heute. Das sieht man … (seufzt) an den Stars der Leipziger Schule, dass bei ihnen das figürliche und das Geschichten erzählen im Vordergrund stand – in Metaphern verpackt. Damals verschlüsselten wir unsere Bilder.

Bernhard Heisig war ein Meister im Verschlüsseln…

T.G.: Er war einer der Meister. Sie waren aber alle sehr gut darin, egal ob du Mattheuer nimmst, oder Tübke, der gesagt hat „Ich bin ein zu spät geborener“. Das sagte er öffentlich!

Das war doch in der DDR als offene Politikkritik an sich, oder?

T.G.: Auf jeden Fall! Obwohl sie alle im System schön mitgemacht haben…

Wie war das bei Ihnen, eckten Sie an?

T.G.: Sonst wäre ich ja nicht weg gegangen. Ich eckte eigentlich immer mit jemandem irgendwo an.

Woran lag das?

T.G.: An meiner Haltung. Ich bin nunmal so veranlagt. Ich bin nicht mit jedem und alles konform. Ich mache immer schon das, was mir im Sinn steht und nicht das, was andere von mir erwarten. Damals machte mir es auch Spaß, zu provozieren. Das war damals ganz anders als heute, viel leichter. Heute läufst du mit Kunst gegen Watteberge. Früher hast du den Finger rausgehalten und irgendjemand biss immer rein. Das bedeutete aber auch, dass du als Künstler wahrgenommen wurdest. Heute, … Na ja. Heute ist der Künstler nur eine Handelsnummer auf dem Massenmarkt der Geschmäcker. Es sollte eigentlich um Kunst gehen, aber Nachfrage und Preise überdecken vieles.

Thomas Gatzemeier, Mikado, Öl auf Leinwand, 2016 (Foto: Thomas Gatzemeier, 2016)
Thomas Gatzemeier, Mikado, Öl auf Leinwand, 2016 (Foto: Thomas Gatzemeier, 2016)

Nehmen Sie aktuelle Strömungen wahr?

T.G.: Nur am Rande. Mein Bonmot ist, dass ich mich für Kunst nicht interessiere. Zumindest nicht so, dass ich auf Kunstmessen unterwegs bin und dort irgendwelche Strömungen erhaschen will. Ich gehe da mal von mir selbst aus: Ich muss keinen Markt bedienen, weil ich ihn in dem Sinn nicht habe.

Trotzdem haben Sie ihr Publikum?

T.G.: Das findet sich nach so vielen Jahren. Ich meine aber kein Publikum des Marktes, sondern ein Publikum aus wirklichen Liebhabern. Da fehlen Gottseidank die Kunstspekulanten.

Es gibt bei manchen Sammlern das Interesse an der Leipziger Schule, weil sie Aspekte der niederländischen Malerei in sich vereint. Würden Sie das ähnlich sehen?

T.G.: Bei uns war das die Renaissance. Bei mir sieht man das auch. Pontormo war unser Abgott. Wir schauten auch generell gern in die Kunstgeschichte, schauten welche Techniken die Künstler verwendeten. Während unseres Studiums gingen wir mit unserem Professor Stelzmann immer samstags in das Museum der bildenden Künste. Damals kopierte ich einen Cranach von Grund auf – von der Grundierung bis zur Imprimitur. Die kopierte Version musste ein wenig größer oder kleiner sein als das Original, dann war das auch in Ordnung. Aus meiner Sicht verwendete Cranach einer wunderbare Technik. Das darf man sich so vorstellen, dass ein Maler wie ein Musiker bestimmte Fertigkeiten erlernen muss, um damit Kunst machen zu können.

Ein Maler muss also eine Technik erst verstehen können?

T.G.: Ja. Dann kann man das erst verfremden. Dann fängt ja die eigene Kunst auch an.

Beispiel?

T.G.: Wenn ich ein Körperteil in seiner Form, Gestalt, seinem Wesen begriffen habe, kann ich ihn vergrößern, verkleinern, verfälschen. Wenn ich beispielsweise einen Fuß nicht begriffen habe, dann aber versuche ihn zu abstrahieren, geht das schief, …

Warum?

T.G.: Bei allen ernstzunehmenden abstrakten Malern von Picasso bis DeKooning sieht man ihre fundierte Ausbildung. Sie haben das Handwerk in sich. Damit gingen sie um. Das sieht einfacher aus als es ist…

Fehlt die Fertigkeit heute?

T.G.: Ich muss ehrlich sagen, dass die Leipziger Schule kaputt ist. Das Prinzip der alten akademischen Ausbildung fehlt. Sie ist den Bach runtergegangen.

Woher kommt das ihrer Meinung nach?

T.G.: (Holt tief Luft) Das sind die westlichen Einflüsse. Es sind die falschen Leute an die Schule gekommen.

Man sagt ja immer, dass ein Fisch immer vom Kopf her zu stinken anfängt…

T.G.: Jemand hat für die jetzige Entwicklung die Türen geöffnet. Die hat er wahrscheinlich nur deswegen geöffnet, um selbst bleiben zu können. Es ist traurig aber geht mich nichts mehr an.

Jetzt geht die HGB in eine andere Richtung als noch vor 15 Jahren.

T.G.: Ja, was soll sonst kommen als noch eine Westkunst-Hochschule? Gibt es doch schon allenorten. Ein Unikat mit einer sehr guten Tradition hätte einfach mal stehenbleiben können, … müssen! Wir wollen dabei auch nicht über Dresden reden. Dagegen ist Leipzig noch das Himmelreich auf Erden!

Und ihr persönliches Himmelreich?

T.G.: Hier, … da drüben! Neue Arbeiten! Landschaftsgemälde. Für mich ein kleiner Ausflug, um mich von der Schreiberei zu erholen. Dann gibt es die beiden neuen Akte, … dort die Muse, da die Odaliske (zeigt auf zwei nackte Damen in Öl) und viele Entwürfe für weitere neue Arbeiten. 2012 ist also Maljahr.

Nach Modell?

T.G.: Natürlich. Das sind alles Modelle, die du hier abgebildet siehst. Ist in Sachsen auch besser zu bewerkstelligen. Im Westen kriegst du keine …, sind alle prüde. (Lacht)

In den Neunzigern hatten Studenten für 30 Mark am Abend sitzen dürfen, …

T.G.: Das ist aber billig gewesen! Ich kenne eine Frau, die vor fünf Jahren des Geldes wegen Modell saß und mich vor kurzem anrief und fragte ob sie nicht für eine Zeichnung sitzen könnte. Sie hat noch keine von sich. Das fand ich schön. Ein anderes Modell lebt in Karlsruhe, kommt auch aus dem Osten und kannte das mit dem Nacktsein vom FKK am Ostseestrand her.

Wie kam das mit der Aktmalerei?

T.G.: Nun ja, erstens bin ich in der katholischen Diaspora hier in Sachsen dementsprechend erzogen worden. Dann waren wir immer im Museum. Wenn Besuch da war vor allen Dingen in Dresden, … alte Meister. Ich stand als kleiner Junge vor einer Venus von Giorgione und fragte meine Mutter wo die Frau jetzt ist. Da sagte sie, das Bild wurde 1400 und noch etwas gemalt. Mir ist irgendwie bewusst geworden, dass die Frau da bleibt. In der Malerei wird etwas dargestellt, das über jede Vergänglichkeit hinweg gehen kann.

Eine Künstlerin sagte mir, sie wolle die Zeit einfrieren…

T.G.: Ja, das ist der einzige Beweggrund meiner Aktmalerei. Jetzt kommt auch die Selbstreflexion hinzu, das Sterben. Meine Mutter begleitete ich bis zu ihrem letzten Atemzug und kenne auch ihre Mädchenfotos. Ich weiß nicht ob diese in hundert Jahren öffentlich sein werden, aber sie gibt es schon lange nicht mehr. Es ist ein vergangenes Leben, das für die Nachwelt festgehalten ist. Das tun zu können, ist das größte Privileg in der Kunst. Mittlerweile geht es auch um die eigenen Geschichten. Zuhause habe ich ganz frühe Arbeiten hängen zu denen ich ganz tiefe Beziehungen habe.

Sehen das ihre „Fans“ das genauso?

T.G.: In Westdeutschland ist Aktmalerei schwer vermittelbar. Die Kunden können damit nicht gut umgehen. Das hat mir bei einigen Galerien, mit denen ich zusammen arbeite, bereits Probleme bereitet, weil ich plötzlich Akte malte und sie dafür die Kundschaft nicht haben. Zumindest im schwäbischen Raum finde ich keinen, der einen Akt braucht. Die kaufen irgendwelche Eisenbiegereien, Abstraktionen, … Da herrscht tatsächlich noch die Diktatur der Abstraktion. Die sind noch nicht darüber weg. Die sind noch in der Nachkriegskunst.

Düsseldorf?

T.G.: Stuttgart, … Otto Hajek und so. Diese eckigen Dinger, die man überall rumstehen sieht. Stadtmöblierung. Dekoration. Weil das noch in den Köpfen der Menschen ist habe ich ein begrenztes Publikum.

Es gibt viele Künstler, die nach Leipzig kamen und Abstraktion mit Figuration mischten, … vor allem im grafischen Bereich.

T.G.: Hm. Wer auf den „Markt“ schielt, entdeckt, dass die Trends auch Zufällen unterworfen sind. Ich nenne das immer Durchlauferhitzer. Der Markt braucht immer neue Ware. Wenn die Ware aus der Mode kommt, wird der Künstler fallen gelassen. So lange wie ich dabei war, hat man das zig-mal gesehen, dass Leute gepusht, fünf-sechs Jahre am „Markt“ hoch gehandelt wurden, danach aber in der Versenkung verschwinden. Nur Einzelexemplare überleben dann. Wer die Mechanismen versteht, kann sich rechtzeitig ausklinken.

Können Sie das näher erklären?

T.G.: Es gibt Künstler, die wirklich nur Imitate abliefern. In Karlsruhe war Markus Lüpertz Professor, also versuchten viele Studenten wie Lüpertz zu malen. Ich glaube, dass sie keine Künstler sind, sondern nur malende Groupies. (Lacht)

Gut, aber Rembrandts Schüler malten auch wie der Maestro…

T.G.: Rembrandt war ja auch eine Marke, die sich verkaufte.

Das hätte auch Leonardo gefallen…

T.G.: Damals ging’s um was anderes. Die hatten noch was anderes. Damals war es nicht so schlimm wie heutzutage. Da kam noch ein eigener Charakter heraus. Selbst bei den Meisterschülern. Ich war 2011 in Italien, in Asisi. Drei Wochen lang habe ich mich wieder intensiv mit der Renaissance beschäftigt, … Giotto, Perugino. Das war der Lehrer von,… lass mich überlegen, … der so früh gestorben ist, … Raffael, … Er war Peruginos Schüler. Man kann an Raffaels Werk sehen wie er sich von seinem Meister langsam löste. Die Renaissancemeister hatten den selben Ausbildungsgrad wie die Mediziner. Bis sie Meister wurden.

Hat Malerei etwas Alchimistisches?

T.G.: Durchaus.

Wer Vasaris Beschreibungen liest, stellt fest: der Schüler musste dem Meister folgen.

T.G.: Das ist nicht das Schlechteste. Davon zeugt ja noch die überragende Kunst der Renaissance und des Barock. Bis in die Leipziger Schule hinein wirkte das Prinzip. Heute zählt auch nur die Idee. Wer weiß, was später davon übrig bleibt. Bestimmte handwerkliche Fähigkeiten werden abhanden kommen und durch irgendwelche computergenerierten Surrogate ersetzt.

Surrogatkunst ist doch ein Widerspruch in sich, oder?

T.G.: (Lacht und trinkt einen Schluck Kaffee) Ich koche übrigens auch noch selbst.

Das Internet ist doch auch ein Surrogat der Wirklichkeit…

T.G.: Aber man kann es benutzen. Gegen Modernität bin ich nicht im Geringsten. Aber ich schmeiße nicht das andere weg, was „aus der Mode gekommen ist“.

War Kunst am Ende nicht doch sehr dogmatisch?

T.G.: Warum? Ich empfand Dogma immer als eine Form der Freiheit. Du muss ja auch sehen, warum Künstler ihren Beruf wählen. Der Beruf des freien Künstlers war die höchste Form der Freiheit in der DDR. Es gab damals keinen anderen Beruf mit mehr Freiheiten. Schriftsteller waren damals viel benachteiligter im Gegensatz zu den Malern. Vielleicht habe ich deshalb damals nichts geschrieben. Das wäre chancenlos gewesen. (Lacht)

Wie äußerte sich Freiheit als Künstler in der DDR, im Reisen?

T.G.: Für mich nicht. Ich durfte frei in die Sowjetunion reisen. Für das andere habe ich meinen Aktenvermerk. (Lacht)

Haben Sie noch Kontakt zu ihren alten Studienkollegen?

T.G.: Ja. Axel Krause zum Beispiel, Wolfgang Lehmann treffe ich regelmäßig. Annette Schröter auch. Wir treffen uns hin und wieder, kochen und essen zusammen. Aber nicht mehr so oft wie früher, da hat jeder mit sich selbst zu tun. Zum Beispiel Annette als Professorin, … ich möchte den Job nie und nimmer machen.

Warum?

T.G.: Jede Menge Studenten betreuen und so weiter. Wenn man es richtig machen will, dürften es nur 14 Studenten sein. Dann geht das. Das ist auch so eine Westgeschichte, weshalb so viele Studenten zugelassen werden heutzutage. Wofür bildet man die aus? Für Hartz IV? So viele Absolventen kann der Markt doch gar nicht fassen. Wer wirklich was erreichen will, setzt sich auch durch. Volker Stelzmann hat sich beispielsweise sieben Mal an der HGB beworben ehe er angenommen wurde. Heute kann man das auch frei ohne Studium machen. Dann muss man nicht gleich Akademien in Gang setzen, wo die Lehrer allein durch die Masse an Studierenden schlechter werden. Da baut das Kultusministerium totale Scheiße, … wenn ich das so sagen darf. Es geht heute nicht mehr um Qualität sondern um Zahlen. Wenn ein Professor antritt muss er 40 Studenten haben. Im Kultusministerium begreifen die Leute anscheinend nicht, was ein Kunstprofessor alles macht. Er muss mit jedem Studenten jede Woche im Minimum eine Stunde lang betreuen. Bei 40 Studenten wäre das allein schon eine 40-Stunden-Woche. Dann sind deren Ateliers in der ganzen Stadt verteilt. Dann haben Professoren eine riesige Bürokratie zu bewältigen. So ist das unmöglich, eine gute Ausbildung zu gewähren. Dann fehlt es oft noch an Geld…

Also back to the roots zu den alten Meister-Schüler-Werkstätten?

T.G.: Wäre mal eine Idee, … damals in der Renaissance fing ein Junge im Alter von zehn Jahren beim Meister an. Dann ging’s erst einmal um die Grundlagen. Als wir beim Stelzmann studierten haben wir erst einmal Leinwand spannen und sie zu grundieren gelernt. Nichts anderes. Damals hatten wir die Grundierung noch selbst angerührt. Heute kann doch keiner mehr vernünftig einen Rahmen mehr spannen. Die kann man sich bei Boesner anfertigen und zu sich liefern lassen. Ich geb’s zu: Manchmal mach ich das auch… (Lacht)

Ich stelle fest, dass 2012 das Jahr der Entschleunigung ist. Malen hat doch auch etwas mit Langsamkeit zu tun…

T.G.: Schreiben auch!

Nun ja, …

T.G.: Für mich schon. ich brauche lange Zeit dafür. Ich versuche das ähnlich zu machen wie bei der Malerei. (Lacht)

Wie lange brauchten Sie für „Morgen, morgen wird alles zu einem guten Ende kommen“?

T.G.: Zwei Jahre. Ich habe Erzählungen geschrieben. Dabei entsteht parallel noch ein bisschen anderes. Ich zeichnete nebenher auch. Das Buch war im Entwurf viel dicker. Am Ende wird einiges rausgeworfen. Das ist anstrengend.

Wie fühlten Sie sich dabei als Sie Teile des Buches, wie Sie sagten, weg warfen – was war der Grund?

T.G.: Mir hat jemand gesagt, dass er gewisse Stellen nicht gut geschrieben empfand. Ich habe es aber nicht richtig merken wollen. Dann hatte ich einen Lektor, der für den Rowohlt-Verlag arbeitete. Er war ein Menschenversteher, ein richtig lieber Zeitgenosse. Aber das passt nicht zu mir. Zuletzt habe ich eine Lektorin gefunden, die aus Dresden stammt. Sie sagte mir nachdem sie innerhalb einer Stunde das Skript überflog geradeaus ins Gesicht, was nicht stimmte. Sie wusch mir regelrecht den Kopf. So deutlich, klar und exakt, … sie will ich für den nächsten Roman unbedingt wieder haben wollen. (Lacht)

Da ging es wirklich ums Handwerk, oder?

T.G.: (Seufzt) Es ist wie mit dem Bilder malen. Mir fehlten im Roman die ruhigen Flächen. Das sind die Dinge, die ich löschte. Ich überließ dem Leser die ruhigen Flächen. Ich habe vorher dem Leser die Geschichte erklären wollen, also eine Geschichte in der Geschichte. Das sollte man als Autor eher nicht tun. Also flog alles das raus, was die Story störte.

Hat es Ihnen gut getan?

T.G.: Das war eine harte Zeit. Ich musste mich immer fragen was ich nun lösche. Ganz ohne Zwischenablage und doppelten Boden. Es ist so wie man einen Cut macht und nur eine Filmrolle hat. Was rausgeschnitten ist ist nun mal weg. Dann fing ich an, alles wieder zu überarbeiten. Ein langer Prozess…

Verändert das nicht ein Buch?

T.G.: Nein, nein! Der Plot stimmt. Vor einem Roman mache ich einen ganz klaren Plan. Zu jeder Figur gibt es – so wie ich das bezeichne – eine Stasi-Akte, eine Charakterstudie. Die muss ich in mir aufnehmen. Um mich richtig in ihn hineinzuversetzen, muss ich den Typen richtig kennenlernen.

Wo lesen Sie aus ihrem Roman? Ich habe da was von einer Kreuzfahrt gelesen…

T.G.: Eine Atlantiküberfahrt mit einem Stück Karibik – und das noch einmal retoure.

Das ist wie Urlaub, oder?

T.G.: Das ist nicht wie Urlaub, das ist harte Arbeit. Wir hatten nur den Vorteil, ein Stück Kreuzfahrt geschenkt bekommen zu haben. Dabei habe ich Lesungen gehalten, mich sehr viel mit dem Publikum beschäftigt. So ein Schiff ist schon was besonderes, wie eine kleine Welt. Ich habe das schon öfter gemacht. Als Besatzungsmitglied hat man ja das Recht, überall auf Deck hin zu gelangen – außer Maschinenraum und Brücke. Dann lernt man das Leben auf dem Schiff richtig kennen. Dann geht man nicht in die Touristenbar, sondern in die Bar unter Deck. Dort wo die Tänzerinnen aus der Ukraine sind, der Jongleur, der von einem Schiff zum anderen reist. Also die ganzen Showleute, … zig Völker auf so einem Schiff. Für mich ist das alles sehr interessant.

Wie geht’s weiter?

T.G.: Ich sehe mich als Dienstleister. Kunst muss man irgendwie auch vermitteln können. Das ist mein Kulturauftrag.

 

Hier geht es zum „virtuellen Zuhause“ von Thomas Gatzemeier.

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