Ein neues Zugpferd für Leipzig – Wie Alfred Weidinger das MdBK neu aufstellen will

Mit dem Weggang des bisherigen Direktors des Museums der Bildenden Künste in Leipzig, wurde die Frage laut, wie das MdBK sich neu ausrichten könnte. Das Museum schien weder mit Leipzigs Künstlerszene noch mit den Institutionen und Leipziger Galerien verbandelt gewesen zu sein. Die Antwort auf diese Frage war zunächst die Wahl von Dr. Skadi Jennicke als neue Kulturdezernentin. Die zweite Antwort scheint Dr. Alfred Weidinger zu geben, der seit dem 1. August 2017 neuer Direktor des Kunstmuseums im Herzen der Messestadt ist.

Mit dem Weggang des bisherigen Direktors des Museums der Bildenden Künste in Leipzig, wurde die Frage laut, wie das MdBK sich neu ausrichten könnte. Das Museum schien weder mit Leipzigs Künstlerszene noch mit den Institutionen und Leipziger Galerien verbandelt gewesen zu sein. Die Antwort auf diese Frage war zunächst die Wahl von Dr. Skadi Jennicke als neue Kulturdezernentin. Die zweite Antwort scheint Dr. Alfred Weidinger zu geben, der seit dem 1. August 2017 neuer Direktor des Kunstmuseums im Herzen der Messestadt ist.

Von Daniel Thalheim

 

Eine Trutzburg zu öffnen und mit Leben zu bespielen

Der Sommer 2017 macht alle zu schaffen. Wenn die Sonne nicht vom Firmament „knallt“, dann kracht’s anderswo, begleitet von Wolkenbrüchen, vom Himmel. Ruhig ging es hingegen am Vormittag des 2. August 2017 im angenehm klimatisierten Beckmann-Saal des Museums der Bildenden Künste in Leipzig zu, wer den von außen eindringenden Baulärm ausblenden konnte. Vor einer Schar von Journalisten stellte der frisch ins Amt eingeführte neue Direktor des MdBK seine Pläne vor, wie das Kunstmuseum auf dem Sachsenplatz zu einer höheren Geltung internationalen Ranges erlangen könnte. Doch auch Leipzigs Kulturamtschefin Susanne Kucharski-Huniat zeigte sich interessiert, wer aus Wien frischen Wind in die hohen Hallen des Glas- und Betonkubus bringen will. Neben Alfred Weidinger saß auch Leipzigs Kulturdezernentin Skadi Jennicke. Von Neubeginn war bei ihr die Rede, aber auch von einem Sprung des Museums in die Stadt hinein, als sie die einleitenden Worte sprach. Der neue Museumsdirektor griff den Gedanken auf, um sogleich seinen Sechs-Säulen-Plan für die Neuausrichtung des MdBK vorzustellen.

Er betonte auch, dass es ihm nicht um einen Neubeginn gehe, sondern v.a. um eine auf die Leistungen seines Vorgängers aufbauende und weiterentwickelnde Feinjustierung. Die Trutzburg der Kunst sei auf dem internationalen Kunstmarkt gut aufgestellt. Aber Alfred Weidinger will ein Ausstellungsprogramm finden, das dem Haus gerecht werde. Hieße im Umkehrschluss, dass es unter seinem Vorgänger Hans-Werner Schmidt so nicht gewesen sein könnte. Dass bereits der neue Direktor das Haus organisatorisch am zweiten Tag nach seinem Amtsantritt kräftig umkrempelte, spürte man bereits. „Wir brauchen Besucher, müssen Erlöse erzielen“, unterstrich Alfred Weidinger seine Pläne. Sein Prinzip sei, dass große, international bekannte Künstler-Stars auch kleinere Ausstellungen mit weniger bekannten KünstlerInnen finanzieren könnten.

 

Die Vorhaben des neuen Direktors

„Wir müssen auf die Leipziger zugehen“, betonte Alfred Weidinger. Der österreichische Kunsthistoriker, der ein Experte zu den Künstlern Gustav Klimt und Oskar Kokoschka ist, will v.a. junge Kunst ihren Raum geben. Dass in Leipzig nahezu hinter jedem Fenster ein Künstler versteckt sei, zeichne Leipzig aus, zitierte er einen Beitrag aus der Neuen Züricher Zeitung. Deshalb möchte der ehemalige Vizedirektor und Prokurist des Wiener Belvederes junge Positionen unterstützen. Konkret sehen seine Pläne so aus, dass er sechs Säulen aufstellen will, um das MdBK zu pushen. Die erste Säule soll im Tiefgeschoss durch die Dauerausstellung zur Malerei der Leipziger Schulen von 1945 bis 2000 entstehen. Im Eingangsbereich des Souterrains wird der Besucher von Informationen zum Wirken und zu den Spezifika der Leipziger Künstler zwischen 1945 bis heute informiert. In zwei Galerieabschnitten werden die Dauerausstellungen zur Leipziger und Neuen Leipziger Schule bespielt. Das dürfte bedeuten, dass die wichtigsten Werke von Werner Tübke über Arno Rink bis David Schnell aus den Magazinen geholt werden. Eine umfassende Retrospektive zum Schaffen von Arno Rink stellt Alfred Weidinger auch in Aussicht. Der dritte Galerieraum im Souterrain soll von jungen, zeitgenössischen Leipziger Positionen bespielt werden. Frauenquote bei 50 % und U-30, wie Weidinger umriss. „Wir brauchen eine intensive Auseinandersetzung mit der Leipziger Kunst“, führte er mit Blick auf die heterogene Zusammensetzung und Varianten der sogenannten Leipziger Schulen aus, die die Wahrnehmung auf die Kunst in der DDR nachhaltig prägten und auch international Standards setzte und heute noch setzt. Vor allem die neue Malerei in Leipzig ist durchzogen von einer symbolistischen Kraft, wie sie sie zuletzt in den Siebziger- und Achtzigerjahren inne hatte. Künstler wie Markus Matthias Krüger, Thomas Geyer, Heiko Mattausch, Katrin Heichel, Mirjam Völker und Lee Böhm dürfen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Und: „Es wird immer wieder was Neues zu sehen sein!“

Mit Blick auf das Gebäudevolumen komme eine ganze andere Perspektive – die zweite Säule – ins Spiel. Alfred Weidinger stellte dar, dass der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei und der argentinische Installationskünstler Tomás Saraceno bereits Interesse bekundeten, das Haus zu bespielen, ebenso die John-Lennon-Witwe Yoko Ono. Künstler sehen die 16 m hohen Räume eher als Herausforderung, denn ein so riesiges Gebäude mit so wenig Ausstellungsfläche an den Wänden fordere das Arbeiten in den Raum heraus.

Der Geschichtsbezug wurde von ihm als dritte Säule bei der Pressekonferenz vorgestellt. Weidinger will den Leipziger Symbolisten und Secessionisten Max Klinger heraus aus dem Lokalkolorit holen und hinein in die internationale Kunstgeschichte stellen. Er sei zwar ein furchtbarer Maler gewesen, sagte Weidinger schmunzelnd, aber sein Verdienst läge im Erschaffen eines Gesamtkunstkunstwerks und sein einflussgebender Habitus auf die Wiener Kunstszene um 1900 – allen voran Gustav Klimt. Klinger müsse daher ein besonderer Raum zugesprochen werden, der ihn und sein Werk im Kontext des 19. Jahrhunderts voranstelle. Dazu müsste aber auch seine Beschäftigung mit der Antike in Bezug auf seine mehrfarbigen Skulpturen im Mittelpunkt stehen wie auch die Verquickung seines Werks mit den damals zeitgenössischen philosophischen Denkern und sein Verhältnis zu den Frauen. Die Dauerausstellungen werden auch einer Prüfung unterzogen und sollen mit Rotationen von Kunstwerken immer wieder interessant für die Besucher gestaltet werden. Es sollen kleine Sonderausstellungen entstehen, die aus den Dauerausstellungen entstünden – immer im Kontext der wissenschaftlichen Bearbeitung und Beleuchtung. Weidinger will so das Interesse wecken, und so auch mehr Besucherzahlen generieren.

Alfred Weidinger möchte als weitere Säule auch den Strang Leipzig-Frauenbewegung-Kunst aufgreifen und thematisieren. Daher auch die avisierte Frauenquote bei den zeitgenössischen Arbeiten aus Leipzig, und als erste Vorschau die kommende Yoko-Ono-Ausstellung 2018, wo frühe Arbeiten von ihr gezeigt werden sollen. Das Museum der Bildenden Künste soll nach seinen Plänen für internationale Positionen zugeschnitten werden, aber anders als noch bei Schmidt, ohne wuchtige Gesamt- und monumentale Sonderschauen sondern mit dem zeigen von wissenschaftlichen Juwelen. Wenn auch eine Caravaggio-Ausstellung unter seiner Ägide nicht zustande kommen würde, dann nur, weil dies schlecht finanzierbar sei. Dann schon eher ein Bearbeiten des Themas Fotografie, welches in seiner Bedeutung in Leipzig bislang zu kurz geraten sei. „Es wird einen Fokus darauf geben, da setzen wir uns drauf.“

 

Zugpferd und Impulsgeber Museum der Bildenden Künste

Wer bei der Pressekonferenz genau hingehört hat, musste feststellen, dass der neue Museumsdirektor sich nicht als Verwalter sieht sondern als Impulsgeber für die Kunstszene der gesamten Stadt. Er will sich stärker mit der Künstlerszene Leipzigs vernetzen, aber auch mit wichtigen Institutionen wie dem Institut für Kunstgeschichte, mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst, den Spinnerei-Galerien. Er möchte auch den Magazinbestand des Museums inventarisieren und eine Museumsdatenbank aufbauen. Im Zeitalter der Digitalisierung gehen inzwischen viele Museen diesen Weg, um auf ihrer Internetpräsenz die Sammlungen adäquat zu präsentieren, auch mit virtuell gefilmten Museumsrundgängen. Projekte, die unter Hans-Werner Schmidt nicht angefasst wurden.

„Wir werden Kunst von Leipziger Künstlerinnen und Künstlern definitiv kaufen“, sprach Alfred Weidinger ein weiteres Vorhaben, neben dem Willen auch Vorlässe und Schenkungen zu übernehmen, an. Doch Sammlungslücken auszufüllen, wird es in seiner Amtszeit nicht geben. Ihm gehe es vorrangig um Leipzig und die Leipziger. „Ich hätte mich nicht beworben, wenn die Stadt mich nicht interessiert hätte, das Haus und die Kunst. Diese Stadt ist offen für alle. Deswegen bin ich hierher gezogen.“

Glück der Neuorientierung – Hans Aichinger über Zweifel und Brüche im Leben

Hans Aichinger »untitled« oil on canvas 90 x 130 cm, 2014 (courtesy own by malerzgalerie Leipzig 2016)
Hans Aichinger »untitled« oil on canvas 90 x 130 cm, 2014 (courtesy by maerzgalerie Leipzig 2016)

Hans Aichinger gehört neben Neo Rauch zu den wenigen Leipziger Künstlern der Wendegeneration, die heute von ihrer Kunst leben können. In seinem großen und abgedunkelten Atelier saß im Herbst 2009 der Künstler und steckte sich eine blaue Gauloise an. „Künstlerzigarette“, sagte der ergraute Aichinger mit rauer Stimme.

„Von Kunst zu leben, davon habe ich schon immer geträumt“, blickte der 1959 in Leipzig geborene Maler auf seine Anfangstage zurück. Von 1982 bis 1986 studierte er bei Bernhard Heisig Malerei an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Sein Atelier war zum Zeitpunkt des Interviews im Jahr 2009 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei untergebracht. An den Wänden waren seine Gemälde angelehnt, auf dem Tisch lagen große und dicke Kunstbände von italienischen Malern wie Caravaggio & Co. Hans Aichinger bewunderte gerade die Hell-Dunkel-Malerei des Italieners und seiner Anhänger, die von Kunsthistorikern als Caravaggionisten bezeichnet werden. Doch Hans Aichinger brauchte nicht so tief in die Historie der Kunst abtauchen, um seine Beweggründe, Kunst zu machen, zu beschreiben. Wenngleich seine Malerei sich stark an der von Caravaggio orientiert, so lädt er seine Sujets mit gegenwartsbezogenen Kontexten auf, die auf dem ersten Blick nicht unbedingt etwas mit der Suche nach und Erkenntnis von Gott zu tun haben können. „Eigentlich ging mein Traum in Erfüllung, als ich von der HGB aufgenommen wurde. 1987 machte ich mein Diplom und hatte das Glück, auch gleich danach als Künstler von meinen Arbeiten leben zu können. Damals war der Einstieg einfacher, weil man Aufträge bekam. Es gab sozusagen eine Garantie zum Geld verdienen mit der Kunst. Das ist heute nicht mehr der Fall.“

Hans Aichinger beschrieb den Zustand, in dem sich viele Vertreter seiner Zunft in der damaligen DDR wiederfanden. Auch sein Malerkollege Thomas Gatzemeier lebte von Auftragsarbeiten. Doch 1986 verließ er das Land, das einen Kritiker wie ihn nicht vertragen wollte. Hans Aichinger blieb.

Hans Aichinger »The hole« oil on canvas 100 x 80 cm, 2014 (courtesy maerzgalerie 2016)
Hans Aichinger »The hole« oil on canvas 100 x 80 cm, 2014 (courtesy maerzgalerie 2016)

Der inzwischen ü-fünfzigjährige Künstler zündete sich eine neue Zigarette an. Diese Sorte rauchte er schon, seitdem er in den Achtzigerjahren mit Künstlerkollegen aus der Bonner Republik in Kontakt stand. Noch lange vor dem Boom hat er sein Atelier 1997 auf dem Spinnereigelände eingerichtet. Eigentlich sollte das jetzige Atelier ein Wohnatelier werden, sinniert er, aber dann lernte er seine Frau kennen, hat nun Kinder. In so einer Umgebung mag niemand Kinder aufwachsen sehen. So nimmt Hans Aichinger zwanzig Fahrtminuten mit dem Auto in Kauf, samt Stullen und eine Thermoskanne voller Kaffee. Wenn dieser mal nicht reiche, dann holt er sich welchen aus dem benachbarten Café Mule. „Malerei und Privates sollte man schon voneinander trennen, wenn man professionell arbeiten möchte. Man hat sonst immer alles vor Augen, die Couch, TV oder Küche. Entweder ist man nur am Malen und kann nicht abschalten, oder man ist blockiert und schafft gar nichts.“

Nach der Wende und in der Zeit der Wiedervereinigung orientierte auch Hans Aichinger, wie viele seiner Malerkollegen neu. Vom Realismus wurde in der Bundesrepublik nicht viel gehalten. Es galten entweder die großen Fotorealisten aus den USA bzw. der nach Los Angeles ausgewanderte Künstler … Helnwein, Post-Expressionisten wie Jörg Immendorf, die DDR-Exilanten und das Umfeld der Düsseldorfer Kunsthochschule, die Maler der Wiener Wiener Schule und die Vertreter der Informel Art, bei denen Emil Schumacher als einer der letzten Protagonisten galt. Zwischen Kitsch und Ramsch der Kaufhaus-Kunst, der bundesrepublikanischen Avantgarde wurde die Malerei der DDR schnell auf die Arbeiten eines Willi Sitte eingedickt, gleichgemacht und verdammt, vergessend darüber, dass Maler wie Arno Rink, Bernhard Heisig und Werner Tübke auch in der BRD einen guten Bekanntheitsgrad besaßen. Nach 1989 wurde v.a. in Deutschland-Ost vieles von dem Kulturgut verbannt und vergessen, was später als sogenannte Nostalgie-Welle über die gesamte BRD schwappte. Es war nicht alles so schlecht, was in der DDR, zumindest kulturell, stattfand. Auch hier darf das weinende Auge nicht vergessen werden. Im Arbeiter- und Bauernstaat wurden ebenfalls Künstler ausgegrenzt, diffamiert und von inoffiziellen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit regelrecht fertig gemacht – als bestes Beispiel sei der Dresdner Mail-Art-Künstler Jürgen Gottschalk genannt, oder eben auch Thomas Gatzemeier und Gerhard Richter.

Bei Hans Aichinger gab es während der Nachwendezeit auch Zweifel. Doch nicht nur damals war dies der Fall. „Dass man zweifelt, gehört dazu“, gab er 2009 zu Protokoll. Er erklärte auch warum. „Zweifeln liegt in der Natur des Künstlers. Ich zweifele oftmals von Bild zu Bild, hatte größere Krisen – unabhängig von den äußeren Umständen. Dann fragt man sich schon, ‚Ist meine Kunst überhaupt sinnvoll?‘. Erfolg und Anerkennung sind wichtig. Geld als verknappte Sprache dieser beiden Aspekte äußert das. Sie kann Sympathie aber auch Misserfolg ausdrücken. Handwerklich sollte es bei keinem Künstler Zweifel geben, aber inhaltlich sollte man schon lesen können, was ein Künstler fühlt. Dann kommt es darauf an, wie viel man zulässt. Ich kann das mit gegenständlicher Malerei besser ausdrücken als mit ungegenständlicher Malerei.“

Hans Aichinger »Truth« oil on canvas 110 x 110 cm, 2013 (courtesy maerzgalerie 2016)
Hans Aichinger »Truth« oil on canvas 110 x 110 cm, 2013 (courtesy maerzgalerie 2016)

Der bärtige Mann nahm den dampfenden Milchkaffee vom Tisch, legte das bunt eingebundene Caravaggio-Heft auf den selben und trank einen Schluck. Durch die hohen Fenster konnte man die graue Wolkendecke beim Vorbeiziehen beobachten. Der Wind hatte schon längst die letzten Blätter von den Bäumen gefegt, Nebel schlug sich feucht auf das Kopfsteinpflaster. In der ehemaligen Stuckateur-Werkstatt war es auch nicht viel wärmer. Die Heizung funktioniere nicht so richtig, wies Hans Aichinger auf die Kühle im Atelier hin Er schaute dabei auf seine Gemälde.

Für Aichinger ist die gegenständliche Sprache für viele leichter lesbar, weil er mit Zeichen arbeitet, die jeder kennt. „Abstrakte Gehversuche habe ich auch einmal versucht“, blickte er noch einmal in die Zeit nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zurück. „Doch dem fühlte ich mich nicht gewachsen, weil ich selbst nicht beurteilen konnte, wann ich mit einem Gemälde fertig bin oder nicht.“

Es müsse weiter gehen, hielt er noch fest, als müsse er sich selbst motivieren. Zum Glück habe ich einen Galeristen, der sich um alle formalen Dinge kümmert. So werde ich im kommenden Frühjahr wieder eine eigene Personalausstellung haben. Es gibt auch noch andere Pläne, wie die durch Skandinavien wandernde Gruppenausstellung mit dem Thema ‚Leipziger Schule‘. Nach der Fußball-WM in Südafrika wird es in Kapstadt noch eine Ausstellung meiner Bilder geben. Ich werde zur Ausstellungseröffnung dort sein. Aber ich sehe die Sache realistisch. In Südafrika gibt es keine große Kunstszene, was mir viele immer berichten, eigentlich fast gar keine. Deswegen erhoffe ich mir davon nicht viel. Kapstadt ist eine große Stadt mit viel Geld, künstlerisch ist das aber nicht wichtig. Aber ein Abenteuer.“

Abgeschlossen hatte er zum Zeitpunkt des Gesprächs mit der Lebenszeit bis 1989 noch nicht. Ihn verbanden seine Gefühle noch mit der DDR. „Nun ja. Vor zehn Jahren war ich in Kuba“, erinnerte er sich. 1999 befand er sich wegen eines Arbeitsaufenthaltes in der Casa Alejandro de Humboldt in Havanna auf der Karibikinsel. „Dort tritt man auch auf diese wunderliche Situation: Ahnungslosigkeit trifft auf viel Hoffnung“, beschrieb er seine Eindrücke von Fidel Castros sozialistischem Eiland. „Es gibt aber auch viele interessante Menschen. Damit meine ich die künstlerischen Positionen, die sie mit den ehemaligen DDR-Künstlern und den Menschen teilen. Man schaut so als Randbeobachter auf diese Situation wie in ein Aquarium. In dieser exotischen Karibik ist eine völlig andere Kultur. Dort fand ich mich aber selbst wieder. Da gibt es staatsüberzeugte Funktionäre und Dissidenten in diesem despotischen System. Man hat so den Überblick. Und manchmal ist es nicht schlecht, sich aus den Prozessen heraus zu nehmen. Dieser randständige Beobachter war ich schon vor der Wende und habe es mir immer bewahrt.“

Aichinger sprach in diesem Zusammenhang davon, dass seine Generation die Wende bewusst miterlebte und dass dies ein Glück gewesen sei. Er „möchte die Erfahrung der Neuorientierung nicht missen“, und sah in der Wende einen „Vorteil“. Er begründete es auch mit den Worten, dass die Erfahrung, im Leben einmal gescheitert zu sein, auch ein wichtiger Erfahrungswert sein kann und eben nichts mit den heutigen glatt gebügelten Biografien zu tun habe. „Man sieht die Dinge anders, wenn man nicht nur auf der Siegerstraße ist und ständig den Fortschrittsglauben herunter predigt.“

„Ich muss keinen Markt bedienen“ – Thomas Gatzemeier über die DDR, Disziplin und Literatur

Thomas Gatzemeier in seinem Atelier (Foto: Horst Kirstner/Karlsruhe)
Thomas Gatzemeier in seinem Atelier (Foto: Horst Kirstner/Karlsruhe)

Aus dem Archiv gekramt: Der aus Döbeln stammende Maler Thomas Gatzemeier übersiedelte 1986 gezwungenermaßen aus der DDR in die BRD, kam nach Leipzig zurück und wirkte ununterbrochen als Maler. Auch als Literat macht er von sich Reden. Gatzemeier 2012 – vielseitiger und neuer denn je.

Herr Gatzemeier, beim Gang durch ihr Atelier finde ich in ihren Arbeiten jene Arbeitsweise wieder, die ich selbst als Abendakademielehrling erlernte. Auch die Farbigkeit ihrer Bilder hinterlässt bei mir ein Deja-Vú – Grau- und Pastellabstufungen. Mir drängt sich die Frage auf: Wie arbeitet Thomas Gatzemeier?

Thomas Gatzemeier: Ich arbeite grundsätzlich Grau, überziehe die vorgemalten Flächen farbig. Dadurch entsteht der farblich zurückhaltende Eindruck. Es gab auch Künstler, die sich gegen die Vorgehensweise wehrten und wie Prof. Pfeifer (?) knallbunte Bilder malte. Als ich in die BRD übersiedelte blieb die pastellige Farbigkeit lange so wie ich sie erlernte.

Wann siedelten Sie in die BRD?

T.G.: Frühjahr 1986.

Damals waren Sie schon Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst?

T.G.:  (Lacht) Ich bin 1980 fertig geworden! Wie jung sehe ich denn aus? Das geht doch gar nicht, dass ich 1986 von der HGB abging! Von 1975 bis 1980 war ich Student.

Recht kurze Studienzeit…

T.G.: Fünf Jahre! Damals war das total verschult. Die, die es nicht schafften, wurden exmatrikuliert.

Heute ist das ganz anders…

T.G.: (Lächelt) Hm, ja.

Heute beschweren sich Studenten und Lehrende, dass eine Verschulung in den Universitäten und Hochschulen wieder einsetzt. Was denken Sie darüber?

T.G.: Ja, hoffentlich setzt das ein. Für mich war die HGB wie eine Akademie des 19. Jahrhunderts. Deswegen überlebte ja das handwerkliche Können in Leipzig so lange Zeit. Das Können kannst du ja als Künstler nur lernen. Lernen bedeutet aber auch, Disziplin zu üben. Sorry, wenn es für heute für viele so beschissen aussieht.

Hieß das auch früh aufstehen, raus, arbeiten…?

T.G.: Das hieß bei uns immer, dass wir früh rausmussten. Wie zur Arbeit gehen. Aber abends auch lustig sein. Am nächsten Tag mussten wir wieder fit sein.

Trotz Katers?

T.G.: Manchmal weigerten sich die Modelle weil es bei uns so nach Knoblauch stank. Bohnekamp machte es möglich. Das war ein Getränk, wo man für den niedrigsten Preis den höchsten Alkoholgehalt erhielt – 48 Volumenprozent für elf Mark. (Lacht)

Fast wie Strohrum…

T.G.: Ja, ja… fast. (Lacht)

Thomas Gatzemeier holt Kekse und Kaffee

Hans Aichinger arbeitet auch so diszipliniert wie Sie.

T.G.: Wie ich studierte er noch in der alten HGB. Dann kam der bunte Westen, die großen Farbkübel wurden verteilt, … da waren wir ganz ganz opportunistisch. Dann kam das Larifari.

Wurde aus ihrer Sicht die Kunst nach der DDR beliebiger, weniger politisch?

T.G.: Auch in der DDR war Kunst nicht immer politisch. Sie war metaphernreicher als heute. Das sieht man … (seufzt) an den Stars der Leipziger Schule, dass bei ihnen das figürliche und das Geschichten erzählen im Vordergrund stand – in Metaphern verpackt. Damals verschlüsselten wir unsere Bilder.

Bernhard Heisig war ein Meister im Verschlüsseln…

T.G.: Er war einer der Meister. Sie waren aber alle sehr gut darin, egal ob du Mattheuer nimmst, oder Tübke, der gesagt hat „Ich bin ein zu spät geborener“. Das sagte er öffentlich!

Das war doch in der DDR als offene Politikkritik an sich, oder?

T.G.: Auf jeden Fall! Obwohl sie alle im System schön mitgemacht haben…

Wie war das bei Ihnen, eckten Sie an?

T.G.: Sonst wäre ich ja nicht weg gegangen. Ich eckte eigentlich immer mit jemandem irgendwo an.

Woran lag das?

T.G.: An meiner Haltung. Ich bin nunmal so veranlagt. Ich bin nicht mit jedem und alles konform. Ich mache immer schon das, was mir im Sinn steht und nicht das, was andere von mir erwarten. Damals machte mir es auch Spaß, zu provozieren. Das war damals ganz anders als heute, viel leichter. Heute läufst du mit Kunst gegen Watteberge. Früher hast du den Finger rausgehalten und irgendjemand biss immer rein. Das bedeutete aber auch, dass du als Künstler wahrgenommen wurdest. Heute, … Na ja. Heute ist der Künstler nur eine Handelsnummer auf dem Massenmarkt der Geschmäcker. Es sollte eigentlich um Kunst gehen, aber Nachfrage und Preise überdecken vieles.

Thomas Gatzemeier, Mikado, Öl auf Leinwand, 2016 (Foto: Thomas Gatzemeier, 2016)
Thomas Gatzemeier, Mikado, Öl auf Leinwand, 2016 (Foto: Thomas Gatzemeier, 2016)

Nehmen Sie aktuelle Strömungen wahr?

T.G.: Nur am Rande. Mein Bonmot ist, dass ich mich für Kunst nicht interessiere. Zumindest nicht so, dass ich auf Kunstmessen unterwegs bin und dort irgendwelche Strömungen erhaschen will. Ich gehe da mal von mir selbst aus: Ich muss keinen Markt bedienen, weil ich ihn in dem Sinn nicht habe.

Trotzdem haben Sie ihr Publikum?

T.G.: Das findet sich nach so vielen Jahren. Ich meine aber kein Publikum des Marktes, sondern ein Publikum aus wirklichen Liebhabern. Da fehlen Gottseidank die Kunstspekulanten.

Es gibt bei manchen Sammlern das Interesse an der Leipziger Schule, weil sie Aspekte der niederländischen Malerei in sich vereint. Würden Sie das ähnlich sehen?

T.G.: Bei uns war das die Renaissance. Bei mir sieht man das auch. Pontormo war unser Abgott. Wir schauten auch generell gern in die Kunstgeschichte, schauten welche Techniken die Künstler verwendeten. Während unseres Studiums gingen wir mit unserem Professor Stelzmann immer samstags in das Museum der bildenden Künste. Damals kopierte ich einen Cranach von Grund auf – von der Grundierung bis zur Imprimitur. Die kopierte Version musste ein wenig größer oder kleiner sein als das Original, dann war das auch in Ordnung. Aus meiner Sicht verwendete Cranach einer wunderbare Technik. Das darf man sich so vorstellen, dass ein Maler wie ein Musiker bestimmte Fertigkeiten erlernen muss, um damit Kunst machen zu können.

Ein Maler muss also eine Technik erst verstehen können?

T.G.: Ja. Dann kann man das erst verfremden. Dann fängt ja die eigene Kunst auch an.

Beispiel?

T.G.: Wenn ich ein Körperteil in seiner Form, Gestalt, seinem Wesen begriffen habe, kann ich ihn vergrößern, verkleinern, verfälschen. Wenn ich beispielsweise einen Fuß nicht begriffen habe, dann aber versuche ihn zu abstrahieren, geht das schief, …

Warum?

T.G.: Bei allen ernstzunehmenden abstrakten Malern von Picasso bis DeKooning sieht man ihre fundierte Ausbildung. Sie haben das Handwerk in sich. Damit gingen sie um. Das sieht einfacher aus als es ist…

Fehlt die Fertigkeit heute?

T.G.: Ich muss ehrlich sagen, dass die Leipziger Schule kaputt ist. Das Prinzip der alten akademischen Ausbildung fehlt. Sie ist den Bach runtergegangen.

Woher kommt das ihrer Meinung nach?

T.G.: (Holt tief Luft) Das sind die westlichen Einflüsse. Es sind die falschen Leute an die Schule gekommen.

Man sagt ja immer, dass ein Fisch immer vom Kopf her zu stinken anfängt…

T.G.: Jemand hat für die jetzige Entwicklung die Türen geöffnet. Die hat er wahrscheinlich nur deswegen geöffnet, um selbst bleiben zu können. Es ist traurig aber geht mich nichts mehr an.

Jetzt geht die HGB in eine andere Richtung als noch vor 15 Jahren.

T.G.: Ja, was soll sonst kommen als noch eine Westkunst-Hochschule? Gibt es doch schon allenorten. Ein Unikat mit einer sehr guten Tradition hätte einfach mal stehenbleiben können, … müssen! Wir wollen dabei auch nicht über Dresden reden. Dagegen ist Leipzig noch das Himmelreich auf Erden!

Und ihr persönliches Himmelreich?

T.G.: Hier, … da drüben! Neue Arbeiten! Landschaftsgemälde. Für mich ein kleiner Ausflug, um mich von der Schreiberei zu erholen. Dann gibt es die beiden neuen Akte, … dort die Muse, da die Odaliske (zeigt auf zwei nackte Damen in Öl) und viele Entwürfe für weitere neue Arbeiten. 2012 ist also Maljahr.

Nach Modell?

T.G.: Natürlich. Das sind alles Modelle, die du hier abgebildet siehst. Ist in Sachsen auch besser zu bewerkstelligen. Im Westen kriegst du keine …, sind alle prüde. (Lacht)

In den Neunzigern hatten Studenten für 30 Mark am Abend sitzen dürfen, …

T.G.: Das ist aber billig gewesen! Ich kenne eine Frau, die vor fünf Jahren des Geldes wegen Modell saß und mich vor kurzem anrief und fragte ob sie nicht für eine Zeichnung sitzen könnte. Sie hat noch keine von sich. Das fand ich schön. Ein anderes Modell lebt in Karlsruhe, kommt auch aus dem Osten und kannte das mit dem Nacktsein vom FKK am Ostseestrand her.

Wie kam das mit der Aktmalerei?

T.G.: Nun ja, erstens bin ich in der katholischen Diaspora hier in Sachsen dementsprechend erzogen worden. Dann waren wir immer im Museum. Wenn Besuch da war vor allen Dingen in Dresden, … alte Meister. Ich stand als kleiner Junge vor einer Venus von Giorgione und fragte meine Mutter wo die Frau jetzt ist. Da sagte sie, das Bild wurde 1400 und noch etwas gemalt. Mir ist irgendwie bewusst geworden, dass die Frau da bleibt. In der Malerei wird etwas dargestellt, das über jede Vergänglichkeit hinweg gehen kann.

Eine Künstlerin sagte mir, sie wolle die Zeit einfrieren…

T.G.: Ja, das ist der einzige Beweggrund meiner Aktmalerei. Jetzt kommt auch die Selbstreflexion hinzu, das Sterben. Meine Mutter begleitete ich bis zu ihrem letzten Atemzug und kenne auch ihre Mädchenfotos. Ich weiß nicht ob diese in hundert Jahren öffentlich sein werden, aber sie gibt es schon lange nicht mehr. Es ist ein vergangenes Leben, das für die Nachwelt festgehalten ist. Das tun zu können, ist das größte Privileg in der Kunst. Mittlerweile geht es auch um die eigenen Geschichten. Zuhause habe ich ganz frühe Arbeiten hängen zu denen ich ganz tiefe Beziehungen habe.

Sehen das ihre „Fans“ das genauso?

T.G.: In Westdeutschland ist Aktmalerei schwer vermittelbar. Die Kunden können damit nicht gut umgehen. Das hat mir bei einigen Galerien, mit denen ich zusammen arbeite, bereits Probleme bereitet, weil ich plötzlich Akte malte und sie dafür die Kundschaft nicht haben. Zumindest im schwäbischen Raum finde ich keinen, der einen Akt braucht. Die kaufen irgendwelche Eisenbiegereien, Abstraktionen, … Da herrscht tatsächlich noch die Diktatur der Abstraktion. Die sind noch nicht darüber weg. Die sind noch in der Nachkriegskunst.

Düsseldorf?

T.G.: Stuttgart, … Otto Hajek und so. Diese eckigen Dinger, die man überall rumstehen sieht. Stadtmöblierung. Dekoration. Weil das noch in den Köpfen der Menschen ist habe ich ein begrenztes Publikum.

Es gibt viele Künstler, die nach Leipzig kamen und Abstraktion mit Figuration mischten, … vor allem im grafischen Bereich.

T.G.: Hm. Wer auf den „Markt“ schielt, entdeckt, dass die Trends auch Zufällen unterworfen sind. Ich nenne das immer Durchlauferhitzer. Der Markt braucht immer neue Ware. Wenn die Ware aus der Mode kommt, wird der Künstler fallen gelassen. So lange wie ich dabei war, hat man das zig-mal gesehen, dass Leute gepusht, fünf-sechs Jahre am „Markt“ hoch gehandelt wurden, danach aber in der Versenkung verschwinden. Nur Einzelexemplare überleben dann. Wer die Mechanismen versteht, kann sich rechtzeitig ausklinken.

Können Sie das näher erklären?

T.G.: Es gibt Künstler, die wirklich nur Imitate abliefern. In Karlsruhe war Markus Lüpertz Professor, also versuchten viele Studenten wie Lüpertz zu malen. Ich glaube, dass sie keine Künstler sind, sondern nur malende Groupies. (Lacht)

Gut, aber Rembrandts Schüler malten auch wie der Maestro…

T.G.: Rembrandt war ja auch eine Marke, die sich verkaufte.

Das hätte auch Leonardo gefallen…

T.G.: Damals ging’s um was anderes. Die hatten noch was anderes. Damals war es nicht so schlimm wie heutzutage. Da kam noch ein eigener Charakter heraus. Selbst bei den Meisterschülern. Ich war 2011 in Italien, in Asisi. Drei Wochen lang habe ich mich wieder intensiv mit der Renaissance beschäftigt, … Giotto, Perugino. Das war der Lehrer von,… lass mich überlegen, … der so früh gestorben ist, … Raffael, … Er war Peruginos Schüler. Man kann an Raffaels Werk sehen wie er sich von seinem Meister langsam löste. Die Renaissancemeister hatten den selben Ausbildungsgrad wie die Mediziner. Bis sie Meister wurden.

Hat Malerei etwas Alchimistisches?

T.G.: Durchaus.

Wer Vasaris Beschreibungen liest, stellt fest: der Schüler musste dem Meister folgen.

T.G.: Das ist nicht das Schlechteste. Davon zeugt ja noch die überragende Kunst der Renaissance und des Barock. Bis in die Leipziger Schule hinein wirkte das Prinzip. Heute zählt auch nur die Idee. Wer weiß, was später davon übrig bleibt. Bestimmte handwerkliche Fähigkeiten werden abhanden kommen und durch irgendwelche computergenerierten Surrogate ersetzt.

Surrogatkunst ist doch ein Widerspruch in sich, oder?

T.G.: (Lacht und trinkt einen Schluck Kaffee) Ich koche übrigens auch noch selbst.

Das Internet ist doch auch ein Surrogat der Wirklichkeit…

T.G.: Aber man kann es benutzen. Gegen Modernität bin ich nicht im Geringsten. Aber ich schmeiße nicht das andere weg, was „aus der Mode gekommen ist“.

War Kunst am Ende nicht doch sehr dogmatisch?

T.G.: Warum? Ich empfand Dogma immer als eine Form der Freiheit. Du muss ja auch sehen, warum Künstler ihren Beruf wählen. Der Beruf des freien Künstlers war die höchste Form der Freiheit in der DDR. Es gab damals keinen anderen Beruf mit mehr Freiheiten. Schriftsteller waren damals viel benachteiligter im Gegensatz zu den Malern. Vielleicht habe ich deshalb damals nichts geschrieben. Das wäre chancenlos gewesen. (Lacht)

Wie äußerte sich Freiheit als Künstler in der DDR, im Reisen?

T.G.: Für mich nicht. Ich durfte frei in die Sowjetunion reisen. Für das andere habe ich meinen Aktenvermerk. (Lacht)

Haben Sie noch Kontakt zu ihren alten Studienkollegen?

T.G.: Ja. Axel Krause zum Beispiel, Wolfgang Lehmann treffe ich regelmäßig. Annette Schröter auch. Wir treffen uns hin und wieder, kochen und essen zusammen. Aber nicht mehr so oft wie früher, da hat jeder mit sich selbst zu tun. Zum Beispiel Annette als Professorin, … ich möchte den Job nie und nimmer machen.

Warum?

T.G.: Jede Menge Studenten betreuen und so weiter. Wenn man es richtig machen will, dürften es nur 14 Studenten sein. Dann geht das. Das ist auch so eine Westgeschichte, weshalb so viele Studenten zugelassen werden heutzutage. Wofür bildet man die aus? Für Hartz IV? So viele Absolventen kann der Markt doch gar nicht fassen. Wer wirklich was erreichen will, setzt sich auch durch. Volker Stelzmann hat sich beispielsweise sieben Mal an der HGB beworben ehe er angenommen wurde. Heute kann man das auch frei ohne Studium machen. Dann muss man nicht gleich Akademien in Gang setzen, wo die Lehrer allein durch die Masse an Studierenden schlechter werden. Da baut das Kultusministerium totale Scheiße, … wenn ich das so sagen darf. Es geht heute nicht mehr um Qualität sondern um Zahlen. Wenn ein Professor antritt muss er 40 Studenten haben. Im Kultusministerium begreifen die Leute anscheinend nicht, was ein Kunstprofessor alles macht. Er muss mit jedem Studenten jede Woche im Minimum eine Stunde lang betreuen. Bei 40 Studenten wäre das allein schon eine 40-Stunden-Woche. Dann sind deren Ateliers in der ganzen Stadt verteilt. Dann haben Professoren eine riesige Bürokratie zu bewältigen. So ist das unmöglich, eine gute Ausbildung zu gewähren. Dann fehlt es oft noch an Geld…

Also back to the roots zu den alten Meister-Schüler-Werkstätten?

T.G.: Wäre mal eine Idee, … damals in der Renaissance fing ein Junge im Alter von zehn Jahren beim Meister an. Dann ging’s erst einmal um die Grundlagen. Als wir beim Stelzmann studierten haben wir erst einmal Leinwand spannen und sie zu grundieren gelernt. Nichts anderes. Damals hatten wir die Grundierung noch selbst angerührt. Heute kann doch keiner mehr vernünftig einen Rahmen mehr spannen. Die kann man sich bei Boesner anfertigen und zu sich liefern lassen. Ich geb’s zu: Manchmal mach ich das auch… (Lacht)

Ich stelle fest, dass 2012 das Jahr der Entschleunigung ist. Malen hat doch auch etwas mit Langsamkeit zu tun…

T.G.: Schreiben auch!

Nun ja, …

T.G.: Für mich schon. ich brauche lange Zeit dafür. Ich versuche das ähnlich zu machen wie bei der Malerei. (Lacht)

Wie lange brauchten Sie für „Morgen, morgen wird alles zu einem guten Ende kommen“?

T.G.: Zwei Jahre. Ich habe Erzählungen geschrieben. Dabei entsteht parallel noch ein bisschen anderes. Ich zeichnete nebenher auch. Das Buch war im Entwurf viel dicker. Am Ende wird einiges rausgeworfen. Das ist anstrengend.

Wie fühlten Sie sich dabei als Sie Teile des Buches, wie Sie sagten, weg warfen – was war der Grund?

T.G.: Mir hat jemand gesagt, dass er gewisse Stellen nicht gut geschrieben empfand. Ich habe es aber nicht richtig merken wollen. Dann hatte ich einen Lektor, der für den Rowohlt-Verlag arbeitete. Er war ein Menschenversteher, ein richtig lieber Zeitgenosse. Aber das passt nicht zu mir. Zuletzt habe ich eine Lektorin gefunden, die aus Dresden stammt. Sie sagte mir nachdem sie innerhalb einer Stunde das Skript überflog geradeaus ins Gesicht, was nicht stimmte. Sie wusch mir regelrecht den Kopf. So deutlich, klar und exakt, … sie will ich für den nächsten Roman unbedingt wieder haben wollen. (Lacht)

Da ging es wirklich ums Handwerk, oder?

T.G.: (Seufzt) Es ist wie mit dem Bilder malen. Mir fehlten im Roman die ruhigen Flächen. Das sind die Dinge, die ich löschte. Ich überließ dem Leser die ruhigen Flächen. Ich habe vorher dem Leser die Geschichte erklären wollen, also eine Geschichte in der Geschichte. Das sollte man als Autor eher nicht tun. Also flog alles das raus, was die Story störte.

Hat es Ihnen gut getan?

T.G.: Das war eine harte Zeit. Ich musste mich immer fragen was ich nun lösche. Ganz ohne Zwischenablage und doppelten Boden. Es ist so wie man einen Cut macht und nur eine Filmrolle hat. Was rausgeschnitten ist ist nun mal weg. Dann fing ich an, alles wieder zu überarbeiten. Ein langer Prozess…

Verändert das nicht ein Buch?

T.G.: Nein, nein! Der Plot stimmt. Vor einem Roman mache ich einen ganz klaren Plan. Zu jeder Figur gibt es – so wie ich das bezeichne – eine Stasi-Akte, eine Charakterstudie. Die muss ich in mir aufnehmen. Um mich richtig in ihn hineinzuversetzen, muss ich den Typen richtig kennenlernen.

Wo lesen Sie aus ihrem Roman? Ich habe da was von einer Kreuzfahrt gelesen…

T.G.: Eine Atlantiküberfahrt mit einem Stück Karibik – und das noch einmal retoure.

Das ist wie Urlaub, oder?

T.G.: Das ist nicht wie Urlaub, das ist harte Arbeit. Wir hatten nur den Vorteil, ein Stück Kreuzfahrt geschenkt bekommen zu haben. Dabei habe ich Lesungen gehalten, mich sehr viel mit dem Publikum beschäftigt. So ein Schiff ist schon was besonderes, wie eine kleine Welt. Ich habe das schon öfter gemacht. Als Besatzungsmitglied hat man ja das Recht, überall auf Deck hin zu gelangen – außer Maschinenraum und Brücke. Dann lernt man das Leben auf dem Schiff richtig kennen. Dann geht man nicht in die Touristenbar, sondern in die Bar unter Deck. Dort wo die Tänzerinnen aus der Ukraine sind, der Jongleur, der von einem Schiff zum anderen reist. Also die ganzen Showleute, … zig Völker auf so einem Schiff. Für mich ist das alles sehr interessant.

Wie geht’s weiter?

T.G.: Ich sehe mich als Dienstleister. Kunst muss man irgendwie auch vermitteln können. Das ist mein Kulturauftrag.

 

Hier geht es zum „virtuellen Zuhause“ von Thomas Gatzemeier.

„Ich habe nichts bereut“ – Der Maler Thomas Gatzemeier über seine Ausreise aus der DDR

Die weibliche Figur als Inspiration: Thomas Gatzemeier beim Malen einer Aktgruppe. (Foto: Klaus Lorenz 2010)
Die weibliche Figur als Inspiration: Thomas Gatzemeier beim Malen einer Aktgruppe. (Foto: Klaus Lorenz 2010)

Obwohl auch er einen Leipzig-Hintergrund besitzt, zählt Thomas Gatzemeier nicht wie Hans Aichinger, Tim Eitel und Neo Rauch zu den ganz Großen der hiesigen Kunstszene. Der inzwischen in Karlsruhe lebende Maler und Schriftsteller vertrat schon früh gegenüber den meisten Künstlern dieser Stadt seine eigene Position und geht seit 1986 erst recht seinen eigenen Weg. Bis 28. August stellt der Maler neue Arbeiten in der Städtischen Galerie Döbeln aus. Vom 28. September bis 13. November sind in einer Wunderkammerschau seine Werke im Kunstverein Siegen zu sehen. Vom 7. Oktober bis zum 12. November findet ebenfalls eine Wunderkammerausstellung in der Kölner Galerie Koppelmann statt. In der Evangelischen Dorfkirche St. Maria und St. Veit Stetten im Reistal sind vom 16. Oktober bis 27. November ist ebenfalls eine Ausstellung des Künstlers zu sehen.

Hoheneck und Naumburg waren auch die Auslöser

Die Ursachen für seinen Weggang aus der DDR vor 30 Jahren liegen woanders. Nicht seine Malerkollegen, auch nicht das Leben in der DDR waren die Gründe für Gatzemeiers Ausreise – vorrangig waren es politische. Sein Entschluss wuchs, nachdem er mitbekam, was mit seiner Schwägerin im Hochsicherheitsgefängnis Hoheneck bei Chemnitz geschah. Plötzlich drang das DDR-System aus Überwachung und Bevormundung mitten in seine Familie ein. Was ihn vorher trotz Antretens vor dem „Kadi“ kaum gekratzt hatte, traf ihn nun mitten im Leben. Wer einmal die heutige Gedenkstätte von Hoheneck besucht hat, kennt das Gefühl der Beklemmung in dem düsteren, auf einem Hügel nahe Chemnitz gebauten, burgähnlichen Frauengefängnis aus der Wilhelminischen Epoche, wo Insassinnen gegen Devisen die Bettwäsche für westdeutsche Versandhäuser nähten. Aus dem persönlichen Beweggrund wurde schließlich ein politischer.

Der Ausgangspunkt lag in einem früheren Ereignis. Gatzemeiers Bruder und dessen Frau demonstrierten bereits 1984 zusammen mit anderen Oppositionellen in Jena offen gegen die SED-Führung – fünf Jahre, bevor in Leipzig die Kritik auf die Straße getragen wurde. „Alle sind samt und sonders in den Knast gegangen“, blickt Gatzemeier zurück. „Mein Bruder hat mit zehn anderen Leuten jeden Samstag mit ans Revers angesteckten weißen Rosen auf dem Marktplatz von Jena gesessen – ohne Spruchbänder, Plakate und Losungen.“ Der Maler erklärt, dass die weiße Rose das Symbol des Widerstands sei – eine Erinnerung an die gleichnamige Widerstandsgruppe, die 45 Jahre zuvor in München gegen das Hitler-Regime agitierte. „Das nahmen die Jenaer Oppositionellen auf und stellten sich stumm auf den Marktplatz. Alle bekamen ein Jahr Haft aufgebrummt.“ Der einstige Schüler Arno Rinks war selbst seit dem 16. Lebensjahr bei der Staatssicherheit und anderen DDR-Behörden aktenkundig gewesen und wurde nach dem Studium von weit über zehn IM (Inoffizielle Mitarbeiter) und IMB (Inoffizielle Mitarbeiter Beobachtung) überwacht. Er bekundet heute, den Ärger mit den Staatsicherheitsleuten ganz gut durchstanden und seinen Weg gefunden zu haben. „Irgendwann muss ich wohl eine rote Linie überschritten haben“, so Gatzemeier. Diese „rote Linie“ war sein Ausreiseantrag, nachdem Familienmitglieder seine Schwägerin im Frauengefängnis Hoheneck besuchten und ihm von den dortigen Verhältnissen berichteten. „Ihre Stubenälteste war eine lebenslänglich inhaftierte KZ-Wärterin. In der Bettwäsche, die sie in Hoheneck nähte, durfte meine Schwägerin später im Aussiedlerheim in der BRD schlafen“, konstatiert der Künstler nicht ohne Sarkasmus ob des menschenfeindlichen Systems, in das Politik und Wirtschaft der BRD verstrickt waren und von welchem sie profitierten. Gatzemeiers Bruder war in Naumburg inhaftiert. Er war mit Schwerkriminellen – Mördern, Totschlägern, Kinderschändern, Vergewaltigern – untergebracht. Der Maler durfte seinen Bruder einmal im Monat besuchen. Nach einem Jahr wurden dieser und dessen Frau von der BRD freigekauft.

Dieser Umstand und das Wissen darüber, wie die SED mit Andersdenkenden umgeht, waren Auslöser für Gatzemeiers Ausreise. Auch er bekam infolge seines Ausreiseantrags Probleme mit dem Staat: Einbrüche in sein Atelier, regelmäßige Einbestellungen in die Behörden, v. a. in die Abteilung Inneres – nebst der Drohung mit Inhaftierung und Existenzvernichtung. Gatzemeier deutet an, dass sein damaliger Verhöroffizier heute Immobilienmakler in Döbeln sei. „Mit meiner Antragsstellung wurde es also auch richtig heiß für mich.“

Keiner wusste, ob eine solche Vorladung auch eine Inhaftierung oder eine Sofortausreise mit sich bringen würde. Man packte also zu jedem Termin die Zahnbürste ein, brachte die Kinder zu den Großeltern. Es folgte erst einmal ein Ausstellungsverbot für den Maler. In Leipzig wollte er im „Klub der Intelligenz“ ausstellen. Ein behördliches Schreiben erging an die dortigen Angestellten, die unterschreiben mussten, dass Gatzemeier republikfeindlich gesinnt sei und seine Werke dort nie wieder ausgestellt würden. Das Schreiben fand er später in seiner Stasi-Akte. Sämtliche Versuche, in der DDR auszustellen, wurden auf diese Weise zunichtegemacht. Er zog sich ins Kunsthandwerk zurück und konnte auf diese Weise seine Brötchen verdienen – aber auch nur, weil die DDR-Behörden vergaßen, seine Steuernummer zu löschen. „Finanziell oder materiell gesehen gab es also keinen Grund für eine Ausreise“, schmunzelt der Künstler heute. Wie glimpflich er aber davon kam, zeigt die Biografie des Dresdner Grafikers Jürgen Gottschalk. Geradezu dessen ganzes Leben war in der DDR von Inoffiziellen Mitarbeitern bestimmt worden, bis sich die Schlinge zuzog, weil er sich aus dem Gefängnis des überwachten Lebens befreien wollte: zwei Jahre Haft wegen zwei damals nie veröffentlichten Sätzen in einem fiktiven Selbstinterview, in denen er 1984 die Politik der SED kritisierte.

Von der Renaissance inspiriert - Thomas Gatzemeier (Foto: Klaus Lorenz 2007)
Von der Renaissance inspiriert – Thomas Gatzemeier (Foto: Klaus Lorenz 2007)

Willkommen in der Bürokratenrepublik Deutschland

Der Eindruck, den der Maler in anderer Weise vom „Goldenen Westen“ hatte, war ebenfalls nicht so glänzend, wie die bunte Werbefilmwelt im Fernsehen auch in der DDR suggerierte. Denn bevor es mit der Kunst weiterging, musste er sich zunächst mit anderen Dingen auseinandersetzen.

„Hast du jetzt einen Fehler gemacht, von Deutschland nach Deutschland zu ziehen – war das schlau?“, fragte er sich damals und spricht von der „Bürokratischen Republik Deutschland“. „Ich wurde zunächst mit einer Flut an Bürokratie erschlagen. Das hieß: Ämter, Ämter, Ämter – von der Geburt bis zum Tod muss alles registriert sein.“ Auch die Anerkennung als politischer Flüchtling sei damals „ein ziemlicher Ritt mit dem Amtsschimmel“ gewesen. „Für einen Beamten, mit dem ich zu tun hatte, war jeder, der aus dem Osten kam, ein Kommunist“, beschreibt der Aktmaler die Konflikte nach seiner Ankunft in Westdeutschland. Die heute vorhandene Wohnungsnot habe es in den Achtzigerjahren in der BRD noch nicht gegeben. Er sagt lachend: „Wir bekamen eine Wohnung, die fast so schön wie eine Altbauwohnung in Döbeln war – auch den baulichen Zustand betreffend.“

Zum Lachen fanden er und seine Familie es jedoch nicht, dass sie kurz nach ihrem Einzug einen Zeitungsausschnitt der BILD in ihrem Briefkasten fanden. Darauf stand die Überschrift: „Die Ostdeutschen nehmen uns die Rente weg.“ Heute schmunzelt er, dass dieselben Ängste nun vor Migranten geschürt werden. Manches ändere sich eben nie. Später habe man sich mit der Nachbarin, die den Schnipsel in den Briefkasten warf, gut verstanden. „Sie war im Übrigen mit einem Griechen verheiratet und arbeitete in einem Ausländerzentrum“, sagt er mit Verweis darauf, wie die Medien mit Vorurteilen spielen und wie leicht sich Menschen beeinflussen lassen. Ein Spiel, das in beiden Teilen Deutschlands beherrscht wurde und seit der Wiedervereinigung noch immer gespielt wird. „Es war einfach schizophren, was damals abging und auch heute noch so ist.“

Nochmals von vorne anfangen

„Ich bin mit einer großen Naivität in den westdeutschen Kunstmarkt hineingerauscht“, reflektiert Gatzemeier heute seine Anstrengungen, in der BRD künstlerisch Fuß zu fassen. Er sei 10.000 km durch Deutschland von Galerie zu Galerie gefahren und habe den Galeristen seine Mappe vorgestellt. Ein Fehler, den er heute nicht mehr machen würde. „Das war sehr erniedrigend“, hält er sich erinnernd fest, dennoch hatte er recht schnell Anschluss gefunden.

„Thomas Gatzemeier hinterließ einen so nachhaltigen Eindruck, dass wir bis heute zusammenarbeiten“, bestätigt die damalige Kölner Galeristin Ingrid Koppelmann auf Anfrage von ARTEFAKTE hinsichtlich seiner Kontaktaufnahme im Jahr 1988. Die heute noch existierende Galerie war eine der ersten Anlaufstellen für den ehemaligen DDR-Künstler, den man heute unter dem vom Eigen+Art-Galeristen Gerd Harry „Judy“ Lybke Ende der Achtzigerjahre eingeführten Kunstmarktbegriff „Neue Leipziger Schule“ führen könnte, wäre Gatzemeier in der DDR und somit auch in Leipzig geblieben. „Ingrid Koppelmann ist sehr liberal. Ihr war es gleichgültig, woher die Künstler stammten“, meint der bekennende Jacopo-da-Pontormo-Fan, der wusste, dass Köln damals ein großes Zentrum der zeitgenössischen Malerei gewesen war. Gute Voraussetzungen für einen Neustart.

Künstlerisch wieder Boden zu gewinnen, war für ihn als Vertreter der in der DDR hoch geförderten und gelehrten figurativen Malerei nicht ganz einfach. In seinem neuen Heimatland Baden-Württemberg galt das Diktat der abstrakten Malerei. „Obwohl in Karlsruhe die Malerei der Neuen Sachlichkeit ihren Ursprung hatte“, weiß der versierte Kenner der Kunstgeschichte, „war die Nachkriegsschule rein von der ungegenständlichen Malerei beeinflusst.“ Markus Lüpertz lehrte an der Karlsruher Kunstakademie, ebenso der aus der DDR ausgereiste Georg Baselitz. Bis sich ein „Reingeschmeckter“ hier etabliert hat, dauere es drei Generationen, sagte Professor Siebenmorgen vom Badischen Landesmuseum scherzhaft zu ihm.

Nach seiner ersten Ausstellung in der Galerie Koppelmann jedoch folgten Teilnahmen an Kunstmessen und weitere Ausstellungen. An die zyklisch wiederkehrenden Krisen des Marktkapitalismus, wie es der Künstler beschreibt, habe er sich erst gewöhnen müssen. Inzwischen ist der Künstler auch beruhigt und sagt selbstbewusst, dass er keinen Markt bedienen müsse. Gatzemeier präsentiert sich als Allrounder ganz im Sinne der Renaissance, versteht sich auch als versierter Schriftsteller mit Durchblick und Erzählkraft. Der Aktmalerei ist er treu geblieben. Auch wenn er – und das begrüßt er – nicht immer den Geschmack des Publikums trifft. Mit der Kölner Galerie „Kunstwerk Nippes – Galerie Koppelmann“ ist er heute noch verbunden. Die damalige Besitzerin Ingrid Koppelmann hat das Geschäft inzwischen an ihre Tochter Janine übergeben. 2016 wird dort die dritte Ausstellung mit Gatzemeier nach der Übernahme durch die nächste Generation gezeigt.

Was ist der Jenaer Kreis?

„Mein Bruder und meine Schwägerin sind 1984 inhaftiert worden“, erinnert sich der Maler aus Döbeln mit der Vorliebe für die italienische Renaissance und Aktmalerei. Er schildert, dass beide im Jenaer Weißen Kreis tätig gewesen seien. Dort bildete sich zu Beginn der Siebzigerjahre die „Junge Gemeinde Jena-Stadtmitte“ um den Diakon Thomas Auerbach heraus. Diese Gruppierung konnte laut Historiker Ehrhardt Neubert eine ältere widerständige Tradition in Jena aufgreifen und Kritiker sowie Oppositionelle aus Industrie und Universität aufnehmen. Es entwickelten sich weitere Zellen, wie die von den Schriftstellern Lutz Rathenow, Jürgen Fuchs, Bernd Markowski und Wolfgang Hinkeldey. Nach der 1976 erfolgten Ausweisung Wolf Biermanns aus der DDR organisierten die Jenaer Oppositionellen im selben Jahr eine Solidaritätsaktion für den Liedermacher, die in einer von vielen Schriftstellern unterzeichneten Protesterklärung und einer anschließenden Verhaftungswelle kulminierte, bei der rund 50 Personen inhaftiert wurden. 1984 wollte die SED die oppositionelle Bewegung in der DDR endgültig gewaltsam zerschlagen. Zehntausende reisten seit Anfang 1980 Jahr für Jahr aus der DDR aus oder stellten Ausreiseanträge, wurden von Behörden, systemkonformen Kollegen und Stasi schikaniert und kriminalisiert. Die Oppositionellen zogen sich in die Themenbereiche Ökologie und Menschenrechte zurück. Offene Kritik am SED-Regime trat bis 1989 nur noch selten zu Tage.

 

Hier geht es zum „virtuellen Zuhause“ von Thomas Gatzemeier.