Maß der Dinge – Peter Bux hinterfragt gesellschaftliche Strukturen

Heiligenfigur von Messieurs Demotte "Trisomic JC ist not a Superstar", 2016 (Foto: ARTEFAKTE 2016)
Heiligenfigur von Messieurs Demotte „Trisomic JC ist not a Superstar“, 2016 (Foto: ARTEFAKTE 2016)

Es ist ein mächtiges Wort – Mittelmaß. Es ist der Inbegriff des Durchschnitts. Es steht für Unauffälligkeit, Anpassung, Graue-Maus-Dasein. Wessen Leistung als mittelmäßig bezeichnet wird, genügt zwar irgendwelchen Leistungsansprüchen, aber mehr auch nicht. Im Westpol A.I.R.space im Leipziger Westwerk fand im Juli eine Ausstellung statt, die sich mit dem Thema Mittelmaß auseinandersetzte. Ein Dauerbrenner.

„Der Staat ist die Sicherung des Durchschnitts auf der Grundlage der Beschränkung.“ Kurator Peter Bux, selbst Künstler und seit 1994 in Leipzig als solcher aktiv, zitiert mit diesem Satz Gottfried Benn und fragt, ob Mittelmaß nun die neue Chance für 2016 sein könne. „Angesichts extrem ausgelebter gesellschaftlicher Differenzen, wäre ein Ausgleich der Fliehkräfte die Rettung“, sagt er. „Leider ist Konsens nicht ohne Kontrolle der Beschränkungen zu haben. Die radikale Freiheit bricht deshalb die schützende Mäßigung durch Konflikte immer wieder auf. Die radikalisierten Randgruppen und der neue Extremismus der Mitte schaffen ebenfalls Anpassungszwänge. Da scheint es in der Öffentlichkeit die beste Strategie zu sein, Inhalte ganz zu meiden. Und so sieht die erfolgreiche Kunst dieser Jahre aus: wie Nichtberührung. Ballon-Hunde-Kunst z.B.- da kann sich nun wirklich niemand beschweren. Schon im Nachbild wird sie entsorgt.“ Peter Bux ging es mit der vergangenen Ausstellung v.a. um eins: „Mit steigendem Einfluss sich scharf voneinander abgrenzenden nationalkonservativer Bewegungen und der Zunahme des Fundamentalismus sind wir stärker gezwungen, noch stärker den Konsens zu finden, weil wir als Gemeinschaft sonst nicht überleben würden. Wir müssen neue Einschränkungen entgegen unseres gewohnten Habitus‘ als Individualisten akzeptieren. Dieser höchst ambivalente Vorgang schafft wiederum Verwerfungen.“

Was in der Natur als Grundprinzip gilt, könnte umso mehr im menschlichen Zusammenleben gelten. Wohin der Überschwang an Gefühlen, die Suche nach Extremen, aber münden kann, beschrieben die Schriftsteller des „Sturm & Drang“, der Romantik, des Vormärz und selbst auch Gegenwartsschriftsteller von Hermann Hesse, Irvine Welsh, Hunter S. Thompson bis Clemens Meyer ausführlich. Der Protagonist endet oder verendet in den Fallstricken des Mittelmaßes der bürgerlichen Gesellschaft, oder passt sich an. Das Finden eines Konsens sei laut Peter Bux mit sich widerstreitenden Gefühlen verbunden. In der Ausstellung selbst werden künstlerische Vergleiche mit Kaspar Hauser, Pornoqueens, Jesus und Jeff Koons gezogen, um die Suche nach der „Goldenen Mitte“ auszuloten. Für Peter Bux wäre die Lesart der ausgestellten Werke von u.a. Ottmar Hörl, Peter Möller, Stefan Stößel, Miljohn Ruperto und ihm selbst von drei Seiten zu betrachten und zieht ein Bild heran, das der Mundart-Komiker Karl Valentin schon veranschaulichte: jede Sache habe drei Seiten – eine gute, eine schlechte und eine komische. Peter Bux wollte mit „Mittelmaß 2016“ den Humor zeigen, der aus einer allzu ernsten Beschäftigung mit dem Thema entsteht.

Es gibt durchaus eine ernste Seite. Dass die Suche nach der „Mitte“ negativ belastet sein kann, beweisen die Künste, die Naturwissenschaften, die Musik – mit durchschnittlichen Leistungen kommt man nicht weit. Johann Wolfgang von Goethe umriss das Mittelmaß als den schlimmsten Gegner des Genies. Es gibt ebenso positive Sichtweisen. Der antik-griechische Philosoph Aristoteles sah im Mittelmaß eine Eigenschaft, die Besonnenheit und Tapferkeit bewahrt, die ansonsten durch Mangel und Übermaß zugrunde gehen würden. Augustinus von Hippo, Kirchenvater und -lehrer des 3./4. Jahrhunderts, schrieb in seinem Werk „De diversis quaestionibus“, dass die Mäßigkeit eine feste und ruhige Herrschaft der Vernunft über die Begierde ausübe. Mittelmaß erscheine aber als einheitliche Form und Norm, die von ganz großen Leistungen entfernt ist.

Ausstellungsdetail Ottmar Hört "Der Künstler Kaspar Hauser", Skulpturengruppe 2016. (Foto: ARTEFAKTE 2016)
Ausstellungsdetail Ottmar Hört „Der Künstler Kaspar Hauser“, Skulpturengruppe 2016. (Foto: ARTEFAKTE 2016)

Doch niemand will als mittelmäßig gelten. Es entsteht heute der Eindruck, dass jeder sich irgendwie von den anderen abheben möchte. Im Internetzeitalter gilt dieses Prinzip umso mehr, weil man leicht mit irgendwelchen Hobbys Aufmerksamkeit gerieren kann, frei nach dem Motto: „Ich bin was Besonderes, weil ich etwas besonderes mache.“ Und das findet Peter Bux harmlos gegenüber den fundamentalen Radikalisierungen in der Gesellschaft, die momentan auch Todesopfer mit sich bringen. Die jüngsten Vorkommnisse können aus seiner Sicht ebenfalls eine Art von gesellschaftlicher und politischer Optimierung sein. Im Privatleben verflacht dieses Ansinnen. Der Mensch optimiert sich in den „sozialen“ Medien selbst und zelebriert so das Leben als eine Aneinanderreihung von „Selfies“, oder wie Peter Bux es augenzwinkernd formuliert: „Ein Stop-Motion von Spiegelbildern einer beautyfizierten Biografie.“

Warum das Thema Mittelmaß in der Gesellschaft heute so relevant ist, führt Peter Bux aus. Er sieht die Frage vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und vor dem Kontext, dass Menschen in einer gesellschaftlichen Struktur ihre Regeln zum Zusammenleben finden müssen. Könnte Mittelmaß bzw. das Maß halten demzufolge das Maß aller Dinge sein, wie es der Philosoph Immanuel Kant schon formulierte? Denn ohne dem Prinzip der Mäßigung gäbe es nicht die Möglichkeit, eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung zu erhalten. Dass dies so ist, zeigt allein schon die Jagd nach dem Durchschnittswert, die mitunter seine Blüten in Statistiken, Hochrechnungen, Wahlergebnissen, Verhaltensweisen unter die Gauß‘sche Glocke der Normalverteilung treibt. Hier gilt der Durchschnittswert, der Durchschnittsbürger, der Durchschnittsverbraucher. Max Mustermann ist der Typ, den jeder kennt. Peter Bux jedenfalls sieht in „Mittelmaß 2016“ als einen Teil einer Ausstellungsreihe, die er 2015 mit „Instabil 2015“ begann und 2017 mit einer weiteren Schau fortsetzen will.

Die Westpol-Ausstellung im August

Verschimmelte Dias und Lichtmalerei bilden den Auftakt der neuen Ausstellungsreihe im Westpol A.I.R.space im Leipziger Westwerk. Innerhalb eines Monats werden vier Ausstellungen unter dem Motto „Stakkato“ durchgeführt. René Schäfer, Nancy Jahns, Sebastian Richter und Andrea Flemming wollen ihre unterschiedlichen künstlerischen Positionen zu einem gemeinsamen Projekt vereinen. Jede Ausstellung mutiert zu einem individuellen Eigenraum des jeweiligen Künstlers. Die schnelle Abfolge der vier Ausstellungen schaffe laut der Ausstellungsmacher eine Rhythmik aus fliegendem Wechsel und Schnelligkeit.

Vom 5. bis 9. August eröffnet René Schäfer den Bilderreigen. Vom 12. bis 16. August führt Nancy Jahns die Reihe fort. Vom 19. bis 23. August stellt Sebastian Richter seine Werke aus. Den Abschluss bildet das künstlerische Wirken von Andrea Flemming. Die Eröffnungen der Einzelausstellungen finden jeweils an den Sonnabenden statt. Die Öffnungszeiten sind von Sonnabend bis Dienstag jeweils von 16 bis 20 Uhr.

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