Aufschlussreiche Rückansichten – Wie im MdBK Provenienzforschung betrieben wird

Provenienzforscher lesen anstatt der Vorderseiten die Rückseiten der Bilder. (Foto: ARTEFAKTE 2016)
Provenienzforscher lesen anstatt der Vorderseiten die Rückseiten der Bilder. (Foto: ARTEFAKTE 2016)

Der Zeitraum 1933 bis 1945 hält noch heute Forscher auf Trab, auch in Leipzig. Damals erwarb das Museum Skulpturen, Gemälde und Grafiken aus Privatbesitz. Einige dieser Stücke wurden unter Zwang von ihren ehemaligen Besitzern verkauft oder von den Nationalsozialisten zwangsenteignet. Kunsthistorikerin Birgit Brunk geht der Geschichte dieser Kunstwerke nach und entdeckt so manche neue Spur.

Arbeitserleichterungen und Recherchen

Sie ist Provenienzforscherin und arbeitet seit Oktober 2015 um Museum für Bildende Künste in Leipzig. Gemeinsam gemeinsam mit der Gemälderestauratorin Antje Hake steht sie in der Restaurierungswerkstatt des Museums und überprüft die Rückseite eines Bildes, das aus der Hand des „Milljöh“-Zeichners Wilhelm Busch stammt. Auch das kleine Gemälde von Wilhelm Busch besitzt eine Geschichte, die so noch nicht erzählt wurde. Auf dessen Rückseite befinden sich Siegel, Stempel und eine handschriftlich verfasste Eigentumserklärung. Die Rückseite des Buschbildes ist ein seltenes Beispiel dafür, wie man mithilfe der Rückseiteninformationen relativ schnell Klarheit über die früheren Besitzverhältnisse erzielen kann. Dieses Bild hat sich im Besitz der Familie Busch befunden und ist 1968 dem MdbK geschenkt worden. Laut Birgit Brunk eine „eine unkritische Provenienz“. Meist gestaltet sich die Auswertung der Informationen auf der Rückseite deutlich mühsamer, erklärt sie. Zollstempel und die Etiketten von Ausstellungen müssen datiert und zugeordnet werden. Das erfordert Detektivarbeit.

Mit der Provenienzforschung kam die promovierte Kunsthistorikerin recht früh in Kontakt. Für die Museumsstiftung Wilhelm Lehmbruck in Duisburg erarbeitete sie bereits einen Bestandskatalog. Im Zuge der Recherchen wurde ihre Arbeit schnell zur Forschung zur Geschichte der Bilder und Skulpturen. Auch wenn die Werke oft erst in den 1960er Jahren ins Lehmbruck Museum kamen, so stellte sich doch die Frage, wo sich die Werke zwischen 1933 und 1945 befunden hatten. In Leipzig geht sie derselben Frage nach. Neben den Kunstwerken gehören alte Bestandskataloge, Dokumente in Archiven und Online-Datenbanken zu ihren Recherchemitteln. „Man muss mit offenen Augen auch diese Geschichte der Kunstwerke anschauen“, sagt die Forscherin. Wie man die Vergangenheit der Bilder und Skulpturen 2016 klärt, sei laut Birgit Brunk mit der Schwierigkeit der lückenlosen Recherche verbunden. Die einstigen Besitzer leben größtenteils nicht mehr. Erbengemeinschaften treten mit ihren Ansprüchen oftmals an die Museen heran.

In den vergangenen Jahren habe sich aber im Bereich der Provenienzforschung viel getan, stellt die Kunsthistorikerin auch fest. Mit den Online-Datenbanken des Getty Research Institute in L.A. existiere ein riesiger Fundus mit digitalisierten Auktionskatalogen und Handelsbüchern wichtiger Kunsthändler mit einer Fülle von Einträgen, die eine Forschung an der Geschichte von Kunstgegenständen leicht mache. „Ich muss nicht in die USA fliegen, um in den dortigen Archiven zu suchen. In ein bis zwei Mausklicks habe ich die Datei, die ich zur Überprüfung benötige. Das erleichtert die Arbeit sehr.“

Vorrangig wird die NS-Zeit erforscht

Am Museum der Bildenden Künste stellt sich auch eine andere Perspektive dar. Auch hier gingen während der NS-Zeit und Sowjetischen Besatzungszeit Kunstwerke verloren. Ein Auslöser war die von den Nazis als Propagandaschau beworbene Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937. Aus Beständen verschiedener deutscher Museen wurden Werke impressionistischer und expressionistischer Künstler zusammengetragen und bei einer Ausstellungstournee gezeigt. „20.000 Kunstwerke wurden hierfür damals aus den deutschen Museen beschlagnahmt“, weiß Birgit Brunk. „Das Leipziger Museum, das bei dieser Beschlagnahmungsaktion vorrangig über 300 Zeichnungen und Grafiken verlor, hat unter diesen Verlust sehr gelitten.“ Bei der vor einigen Jahren enthüllten Geschichte der Sammlung von Hildebrand Gurlitt kam heraus, so die Kunstforscherin weiter, dass sich im Schwabinger Kunstfund auch Grafiken befinden, die ursprünglich aus dem Bestand des Museums der Bildenden Künste stammen, die dann von Hildebrand Gurlitt zwischen 1933 und 1945 angekauft wurden.

In dieser Zeit gelangten auch Kunstwerke an die deutschen Museen, die von Privathändlern, Galerien und auch von den Voreigentümern direkt verkauft wurden. Die von den Nazis von 1933 an betriebene Entrechtung von Bürgern jüdischen Glaubens führte zu Berufsverboten und schließlich auch zur finanziellen Not der betroffenen Familien. Sie verkauften gezwungenermaßen ihre Kunstgegenstände und Möbel, um entweder weiterleben, oder auch um ausreisen zu können. Gerade in Leipzig waren v.a. Verlegerfamilien betroffen, die innerhalb kürzester Zeit alles verloren. Birgit Brunk gibt auch an, dass sie die Betroffenen oftmals direkt an die Museen wandten, um ihre Kunstgegenstände zu versilbern. „Viele der Menschen waren seit langem für die Museen mäzenatisch tätig, fanden in den Museen direkte Ansprechpartner für ihre Anliegen.“ Sie räumt auch ein, dass die Museen auch Nutznießer der Zwangssituationen der Verfolgten waren. Oftmals gelangte das erzielte Geld auf Sperrkonten und erreichte die sich in der Notlage befindenden Menschen nicht.

Kunsthistorikerin Birgit Brunk (vorn) und Restauratorin Antje Hake (im Hintergrund) begutachten ein Gemälde des „Milljöh“-Zeichners Wilhelm Busch. (Foto: ARTEFAKTE 2016)
Kunsthistorikerin Birgit Brunk (vorn) und Restauratorin Antje Hake (im Hintergrund) begutachten ein Gemälde des „Milljöh“-Zeichners Wilhelm Busch. (Foto: ARTEFAKTE 2016)

Was ist mit der Zeit von 1945 bis 1990?

Am MdBK ist die Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und DDR auch wegen laufender Forschungsergebnisse in Bezug auf die Bodenreformzeit am fortschreiten. „Was noch nicht systematisch in den Fokus genommen wurden, ist das Schicksal von Republikflüchtlingen, deren Besitz enteignet wurde“, zieht sie hier eine Trennlinie in ihren Forschungen. Diese können nur dann systematisch vorgenommen werden, wenn hierfür ein Forschungsauftrag vorliege. „Mein Auftrag ist derzeit, nach Abschluss der Provenienzrecherchen zu den Erwerbungen zwischen 1933 und 1945, die Klärung der Provenienzen der Erwerbungen ab 1945. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Identifizierung von Kunstwerken, die möglicherweise einen nationalsozialistisch bedingten Verfolgungshintergrund haben“, betont sie ihren künftigen Schwerpunkt. Bei diesen Recherchen werde sie natürlich auch auf Fälle von DDR-Unrecht treffen, so die Kunsthistorikerin weiter. Gar nicht so selten finden sich bei Ankäufen nach 1945 unterschiedliche Unrechts-Tatbestände aus ehemals jüdischem Besitz. Diese seien dann von dem DDR-Staat enteignet worden.

Die Sowjetische Besatzungszeit wird bei ihrer Forschung künftig stärker berücksichtigt, wenngleich sie ihre Recherchen auf die NS-Raubkunst eingrenzen. Dennoch könnte die Periode zwischen 1945 und 1948 sehr viele neue Erkenntnisse zur Bestandsentwicklung bringen. In den Inventarbüchern des Museums finden sich zahlreiche Einträge zu den sogenannten „Schlossbergungen“. Aus dem Museum gelangten auch viele Kunstwerke in die damalige Sowjetunion, die im Zuge einer großen Rückgabeaktion 1959 zurück ins MdbK fanden. „Sechs Kunstwerke fehlen noch dem Museum“, weist sie auf einige kleine Lücken im Leipziger Bestand hin. Aus Sicht des Museums ist dies ein verschwindend kleiner Teil im Vergleich zu anderen Museen. Bei den sogenannten Schlossbergungen und Enteignungen, die in der Sowjetischen Besatzungszone und frühen DDR stattfanden, eröffne sich ein größeres Forschungsfeld. „Es gibt vom damaligen Rat der Stadt Leipzig Übereignungen an das MdBK. Ein großer Teil wurde bereits geklärt, ein kleiner Teil muss genauer untersucht werden.“

Daraus ergeben sich weitere Probleme. Im Hinblick auf die Rückübertragung von Eigentumsrechten an Grundstücken und Gebäuden war eine Vorentscheidung für die Lösung der damit zusammenhängenden offenen Vermögensfragen durch die Gemeinsame Erklärung der Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik vom 15. Juni 1990 gefallen. In der Gemeinsamen Erklärung heißt es, dass die Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage (1945-1949) „nicht mehr rückgängig zu machen“ seien. Für die Enteignungen der DDR 1949-1990 wurde der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“ festgelegt. Die Gemeinsame Erklärung wurde über Art. 41 Abs. 1 Bestandteil des Einigungsvertrags und im Grundgesetz verankert. Die in der Erklärung festgelegten Eckpunkte wurden im Vermögensgesetz konkretisiert. Dieses Gesetz regelt den Restitutionsanspruch der enteigneten Alteigentümer.

Laut Birgit Brunk tue sich die Kultusministerkonferenz (KMK) derzeit schwer damit, das Forschungsfeld der Provenienzforschung auf die DDR-Zeit zu erweitern. Diese will bei der Erstellung des neuen Leitfadens für Provenienzforschung die Themen getrennt behandelt sehen. Dabei hat das Bundesverwaltungsgericht bereits 2009 festgestellt, dass diese Enteignungen, zumindest aufgrund der Bodenreformen von 1945 bis 1948, schweres Verfolgungsunrecht seien. Das hebelt zumindest zum Teil den Abwehrversuch der letzten DDR-Regierung unter Hans Modrow aus, die Rechte der damals enteigneten Eigentümer in volles bürgerliches Eigentum zu überführen. „Das Thema ist noch sehr präsent“, so Birgit Brunk. „Im nächsten Frühjahr werden wir innerhalb des Arbeitskreises für Provenienzforschung dieses Problem als Schwerpunkt behandeln.“

Eine rechtliche Grundlage von Ansprüchen für Enteignungen aus der Bodenreformzeit und DDR gibt es derzeit noch nicht. Der Bundesgesetzgeber hat in der Vergangenheit für die unterschiedlichen historischen Sachverhalte unterschiedliche gesetzliche Regelungen getroffen. Das Ausgleichsleistungsgesetz von 1994 regelt den Umgang mit enteignenden Maßnahmen der Sowjetischen Besatzungszone. Das Vermögensgesetz, ebenfalls von 1994, regelt den Umgang  mit Enteignungen und enteignungsgleichen Maßnahmen der DDR. Für mögliche Ansprüche aufgrund von Enteignungen während der NS-Zeit auf dem Gebiet der späteren DDR gilt der  § 1 Absatz 6 des Vermögensgesetzes. Das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (SMWK) gibt Auskunft, dass der Bund laut Koalitionsvertrag die Provenienzforschung zur Klärung der Ansprüche früherer Eigentümer von Kunst- und Kulturgut, das von Behörden in der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone sowie in der DDR den rechtmäßigen Eigentümern entzogen wurde, verstärken will. Mit dem Thema Kulturgutverluste während der Sowjetischen Besatzung und in der DDR befasst sich auch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, das von Bund und Ländern gemeinsam getragen und finanziert wird.

Hintergrund Restitutionen in der Bundesrepublik

Seit 1990 beschäftigt sich das Museum für Bildende Künste in Leipzig intensiv mit Rückgabeansprüchen von enteigneten Eigentümern oder ihren Angehörigen. 1998 gaben verschiedene Staaten in der Washingtoner Erklärung ab, dass im Fall von NS-verfolgungsbedingtem Kulturgut eine faire und gerechte Lösung zwischen der kulturgutbewahrenden Einrichtung und dem Alteigentümer bzw. dessen Erben oder sonstigen Rechtsnachfolgern vorgesehen werden soll. Rechtsverbindlich ist diese Erklärung wegen Verjährung nicht, dennoch gibt es eine moralische Verpflichtung der Museen, etwaigen Ansprüchen nachzukommen. Die Washingtoner Erklärung bezieht sich auf verfolgungsbedingten Entzug während der NS-Zeit. Sie ist eine Selbstverpflichtung der Träger von öffentlichen Einrichtungen und gilt auch in den Fällen, in denen kein Restitutionsanspruch besteht, wie eben beim Versäumen von Anmeldefristen.

Erst mit dem Fall des Kunstsammlers Hildebrand Gurlitt und dem Verdacht, dass er noch Bestände aus dem Besitz jener Menschen besaß, die ihre Kunstgegenstände unter Zwang und Druck verkaufen mussten, gerät die Provenienzforschung verstärkt in den Fokus des öffentlichen Interesses. Buchautor Stefan Koldehoff stellte in seinem Buch „Die Bilder sind unter uns – Das Geschäft mit der NS-Raubkunst und der Fall Gurlitt“ fest, dass zwischen 1933 und 1945 über 600.000 Kunstwerke von jüdisch-gläubigen Familien, Galeristen und Kunstsammlern entwendet, oder unter Wert zwangsversteigert wurden. 12.000 restituierte Werke, 67 Museen, 90.000 überprüfte Werke sind aufgrund der Presseinformation der Kulturstiftung der Länder vom 12. Februar 2014 bekannt, die die Kulturstiftung der Länder im Rahmen der Pressekonferenz zu “Provenienzforschung in Deutschland- Ergebnisse und Ausblicke“, herausgegeben hat. Diese Daten beruhen auf Angaben der Arbeitsstelle für Provenienzforschung, die zwischenzeitlich in die von Bund, Ländern und Kommunen Anfang 2015 errichtete Stiftung „Deutsches Zentrum Kulturgutverluste“ integriert wurde. Für Sachsen selbst fehle nach Auskunft des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst (SMWK) derzeit noch ein statistischer Überblick über Kunstwerke, die restituiert wurden oder auf die noch Rückgabeansprüche bestehen.

 

 

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