Glück der Neuorientierung – Hans Aichinger über Zweifel und Brüche im Leben

Hans Aichinger »untitled« oil on canvas 90 x 130 cm, 2014 (courtesy own by malerzgalerie Leipzig 2016)
Hans Aichinger »untitled« oil on canvas 90 x 130 cm, 2014 (courtesy by maerzgalerie Leipzig 2016)

Hans Aichinger gehört neben Neo Rauch zu den wenigen Leipziger Künstlern der Wendegeneration, die heute von ihrer Kunst leben können. In seinem großen und abgedunkelten Atelier saß im Herbst 2009 der Künstler und steckte sich eine blaue Gauloise an. „Künstlerzigarette“, sagte der ergraute Aichinger mit rauer Stimme.

„Von Kunst zu leben, davon habe ich schon immer geträumt“, blickte der 1959 in Leipzig geborene Maler auf seine Anfangstage zurück. Von 1982 bis 1986 studierte er bei Bernhard Heisig Malerei an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Sein Atelier war zum Zeitpunkt des Interviews im Jahr 2009 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei untergebracht. An den Wänden waren seine Gemälde angelehnt, auf dem Tisch lagen große und dicke Kunstbände von italienischen Malern wie Caravaggio & Co. Hans Aichinger bewunderte gerade die Hell-Dunkel-Malerei des Italieners und seiner Anhänger, die von Kunsthistorikern als Caravaggionisten bezeichnet werden. Doch Hans Aichinger brauchte nicht so tief in die Historie der Kunst abtauchen, um seine Beweggründe, Kunst zu machen, zu beschreiben. Wenngleich seine Malerei sich stark an der von Caravaggio orientiert, so lädt er seine Sujets mit gegenwartsbezogenen Kontexten auf, die auf dem ersten Blick nicht unbedingt etwas mit der Suche nach und Erkenntnis von Gott zu tun haben können. „Eigentlich ging mein Traum in Erfüllung, als ich von der HGB aufgenommen wurde. 1987 machte ich mein Diplom und hatte das Glück, auch gleich danach als Künstler von meinen Arbeiten leben zu können. Damals war der Einstieg einfacher, weil man Aufträge bekam. Es gab sozusagen eine Garantie zum Geld verdienen mit der Kunst. Das ist heute nicht mehr der Fall.“

Hans Aichinger beschrieb den Zustand, in dem sich viele Vertreter seiner Zunft in der damaligen DDR wiederfanden. Auch sein Malerkollege Thomas Gatzemeier lebte von Auftragsarbeiten. Doch 1986 verließ er das Land, das einen Kritiker wie ihn nicht vertragen wollte. Hans Aichinger blieb.

Hans Aichinger »The hole« oil on canvas 100 x 80 cm, 2014 (courtesy maerzgalerie 2016)
Hans Aichinger »The hole« oil on canvas 100 x 80 cm, 2014 (courtesy maerzgalerie 2016)

Der inzwischen ü-fünfzigjährige Künstler zündete sich eine neue Zigarette an. Diese Sorte rauchte er schon, seitdem er in den Achtzigerjahren mit Künstlerkollegen aus der Bonner Republik in Kontakt stand. Noch lange vor dem Boom hat er sein Atelier 1997 auf dem Spinnereigelände eingerichtet. Eigentlich sollte das jetzige Atelier ein Wohnatelier werden, sinniert er, aber dann lernte er seine Frau kennen, hat nun Kinder. In so einer Umgebung mag niemand Kinder aufwachsen sehen. So nimmt Hans Aichinger zwanzig Fahrtminuten mit dem Auto in Kauf, samt Stullen und eine Thermoskanne voller Kaffee. Wenn dieser mal nicht reiche, dann holt er sich welchen aus dem benachbarten Café Mule. „Malerei und Privates sollte man schon voneinander trennen, wenn man professionell arbeiten möchte. Man hat sonst immer alles vor Augen, die Couch, TV oder Küche. Entweder ist man nur am Malen und kann nicht abschalten, oder man ist blockiert und schafft gar nichts.“

Nach der Wende und in der Zeit der Wiedervereinigung orientierte auch Hans Aichinger, wie viele seiner Malerkollegen neu. Vom Realismus wurde in der Bundesrepublik nicht viel gehalten. Es galten entweder die großen Fotorealisten aus den USA bzw. der nach Los Angeles ausgewanderte Künstler … Helnwein, Post-Expressionisten wie Jörg Immendorf, die DDR-Exilanten und das Umfeld der Düsseldorfer Kunsthochschule, die Maler der Wiener Wiener Schule und die Vertreter der Informel Art, bei denen Emil Schumacher als einer der letzten Protagonisten galt. Zwischen Kitsch und Ramsch der Kaufhaus-Kunst, der bundesrepublikanischen Avantgarde wurde die Malerei der DDR schnell auf die Arbeiten eines Willi Sitte eingedickt, gleichgemacht und verdammt, vergessend darüber, dass Maler wie Arno Rink, Bernhard Heisig und Werner Tübke auch in der BRD einen guten Bekanntheitsgrad besaßen. Nach 1989 wurde v.a. in Deutschland-Ost vieles von dem Kulturgut verbannt und vergessen, was später als sogenannte Nostalgie-Welle über die gesamte BRD schwappte. Es war nicht alles so schlecht, was in der DDR, zumindest kulturell, stattfand. Auch hier darf das weinende Auge nicht vergessen werden. Im Arbeiter- und Bauernstaat wurden ebenfalls Künstler ausgegrenzt, diffamiert und von inoffiziellen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit regelrecht fertig gemacht – als bestes Beispiel sei der Dresdner Mail-Art-Künstler Jürgen Gottschalk genannt, oder eben auch Thomas Gatzemeier und Gerhard Richter.

Bei Hans Aichinger gab es während der Nachwendezeit auch Zweifel. Doch nicht nur damals war dies der Fall. „Dass man zweifelt, gehört dazu“, gab er 2009 zu Protokoll. Er erklärte auch warum. „Zweifeln liegt in der Natur des Künstlers. Ich zweifele oftmals von Bild zu Bild, hatte größere Krisen – unabhängig von den äußeren Umständen. Dann fragt man sich schon, ‚Ist meine Kunst überhaupt sinnvoll?‘. Erfolg und Anerkennung sind wichtig. Geld als verknappte Sprache dieser beiden Aspekte äußert das. Sie kann Sympathie aber auch Misserfolg ausdrücken. Handwerklich sollte es bei keinem Künstler Zweifel geben, aber inhaltlich sollte man schon lesen können, was ein Künstler fühlt. Dann kommt es darauf an, wie viel man zulässt. Ich kann das mit gegenständlicher Malerei besser ausdrücken als mit ungegenständlicher Malerei.“

Hans Aichinger »Truth« oil on canvas 110 x 110 cm, 2013 (courtesy maerzgalerie 2016)
Hans Aichinger »Truth« oil on canvas 110 x 110 cm, 2013 (courtesy maerzgalerie 2016)

Der bärtige Mann nahm den dampfenden Milchkaffee vom Tisch, legte das bunt eingebundene Caravaggio-Heft auf den selben und trank einen Schluck. Durch die hohen Fenster konnte man die graue Wolkendecke beim Vorbeiziehen beobachten. Der Wind hatte schon längst die letzten Blätter von den Bäumen gefegt, Nebel schlug sich feucht auf das Kopfsteinpflaster. In der ehemaligen Stuckateur-Werkstatt war es auch nicht viel wärmer. Die Heizung funktioniere nicht so richtig, wies Hans Aichinger auf die Kühle im Atelier hin Er schaute dabei auf seine Gemälde.

Für Aichinger ist die gegenständliche Sprache für viele leichter lesbar, weil er mit Zeichen arbeitet, die jeder kennt. „Abstrakte Gehversuche habe ich auch einmal versucht“, blickte er noch einmal in die Zeit nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zurück. „Doch dem fühlte ich mich nicht gewachsen, weil ich selbst nicht beurteilen konnte, wann ich mit einem Gemälde fertig bin oder nicht.“

Es müsse weiter gehen, hielt er noch fest, als müsse er sich selbst motivieren. Zum Glück habe ich einen Galeristen, der sich um alle formalen Dinge kümmert. So werde ich im kommenden Frühjahr wieder eine eigene Personalausstellung haben. Es gibt auch noch andere Pläne, wie die durch Skandinavien wandernde Gruppenausstellung mit dem Thema ‚Leipziger Schule‘. Nach der Fußball-WM in Südafrika wird es in Kapstadt noch eine Ausstellung meiner Bilder geben. Ich werde zur Ausstellungseröffnung dort sein. Aber ich sehe die Sache realistisch. In Südafrika gibt es keine große Kunstszene, was mir viele immer berichten, eigentlich fast gar keine. Deswegen erhoffe ich mir davon nicht viel. Kapstadt ist eine große Stadt mit viel Geld, künstlerisch ist das aber nicht wichtig. Aber ein Abenteuer.“

Abgeschlossen hatte er zum Zeitpunkt des Gesprächs mit der Lebenszeit bis 1989 noch nicht. Ihn verbanden seine Gefühle noch mit der DDR. „Nun ja. Vor zehn Jahren war ich in Kuba“, erinnerte er sich. 1999 befand er sich wegen eines Arbeitsaufenthaltes in der Casa Alejandro de Humboldt in Havanna auf der Karibikinsel. „Dort tritt man auch auf diese wunderliche Situation: Ahnungslosigkeit trifft auf viel Hoffnung“, beschrieb er seine Eindrücke von Fidel Castros sozialistischem Eiland. „Es gibt aber auch viele interessante Menschen. Damit meine ich die künstlerischen Positionen, die sie mit den ehemaligen DDR-Künstlern und den Menschen teilen. Man schaut so als Randbeobachter auf diese Situation wie in ein Aquarium. In dieser exotischen Karibik ist eine völlig andere Kultur. Dort fand ich mich aber selbst wieder. Da gibt es staatsüberzeugte Funktionäre und Dissidenten in diesem despotischen System. Man hat so den Überblick. Und manchmal ist es nicht schlecht, sich aus den Prozessen heraus zu nehmen. Dieser randständige Beobachter war ich schon vor der Wende und habe es mir immer bewahrt.“

Aichinger sprach in diesem Zusammenhang davon, dass seine Generation die Wende bewusst miterlebte und dass dies ein Glück gewesen sei. Er „möchte die Erfahrung der Neuorientierung nicht missen“, und sah in der Wende einen „Vorteil“. Er begründete es auch mit den Worten, dass die Erfahrung, im Leben einmal gescheitert zu sein, auch ein wichtiger Erfahrungswert sein kann und eben nichts mit den heutigen glatt gebügelten Biografien zu tun habe. „Man sieht die Dinge anders, wenn man nicht nur auf der Siegerstraße ist und ständig den Fortschrittsglauben herunter predigt.“

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