Ist das offene Museum die Zukunft? Warum in Leipzig ein Leonardo-Experte gegen einen ex-Direktor tritt

Daniel Thalheim

 

Ende der März verließ Alfred Weidinger das Museum der bildenden Künste in Leipzig in Richtung Linz. Er folgte einer Berufung als Chef der Oberösterreichischen Museen. Seitdem läuft ein Bewerbungsverfahren der Stadt Leipzig für die Besetzung des Direktorenpostens. Am 13. Juli meldet sich der Ordinarius des Instituts für Kunstgeschichte in Leipzig in der Leipziger Volkszeitung (LVZ+) und einen Tag später im Printprodukt zu Wort. Prof. Frank Zöllner hat sich international längst einen Namen als Leonardo-Experte gemacht. Doch warum kritisiert der im Ausstellungswesen unerfahrene Kunsttheoretiker sich zum Ausstellungskonzept des ex-Direktors des Leipziger Kunstmuseums? Und wieso weiß ein unbeteiligter Dritter wie Zöllner welche Klauseln Weidingers Arbeitsvertrag aufweist?

„Das Museum ist kein Zirkus“, titelt die LVZ Frank Zöllner zitierend am Abend des 13. Juli Online einen Beitrag, dessen Polemik sich weiter fortsetzt. Der Leonardo-Experte reibt sich an der hohen Zahl an vielfältigen Ausstellungen, die das MdbK seit Weidingers Führung verstärkt bundes- und weltweit in die Lichtkegel der Aufmerksamkeit rücken ließen. Sowohl Leipziger KünstlerInnen als auch Stars internationalen Ranges wie Yoko Ono bekamen in dem sonst brach liegenden Hallen des Museums in der Leipziger City Spielräume, die oft gleichzeitig nebeneinander stattfanden. Sogar der Gästelift wird mit Kunst bespielt. Das und weitere Angebote brachten dem Museum Besucherrekorde ein. 200.000 Besucher kamen laut jüngsten Erhebungen ins Museum, gerade wegen der vielen kleinen und zeitgemäßen Wechselausstellungen. Wohingegen Weidingers Amtsvorgänger Hans-Werner Schmidt noch die Prämisse verfolgte, Besucherzahlen seien für ein Museum nicht wichtig. Kunst – verglichen mit Weidingers Aktionszeitraum 2017 bis Anfang 2020 – fand bei Schmidt gefühltermaßen nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der österreichische Kunsthistoriker holte vorwiegend junge Positionen ins Museum, ging aber auch mit externen Kuratoren wie Christoph Tannert und Dr. Paul Kaiser auf die Spurensuche ostdeutscher Künstlerbiografien. 

„Zirkus“ ist daher ein abwertender Begriff des Kunstexperten Zöllner, obwohl dieser aus dem universitären Bereich heraus kaum sich eine Meinung zum internationalen Ausstellungswesen – gerade auf die zeitgenössische Kunst bezogen – bilden kann.

„Ich kenne die Wortmeldungen von Herrn Zöllner in der LVZ nicht und werde mich dazu auch nicht äußern“, kommentiert Alfred Weidinger die „pestilentia furori“ seines Fachkollegen. Zwar schätze der österreichische Kunsthistoriker den Universitätsprofessor Zöllner als Fachmann, aber er war niemals Direktor eines Museums und sollte sich zum aktuellen Ausstellungswesen und zu neuen Konzepten auch nicht äußern. 

Sich auf die museumseigenen Sammlungen zu konzentrieren anstatt einen „event-orientierten Lärm im Bereich der Wechselausstellungen zu veranstalten“, begründet der Kunst-Prof. in der LVZ weiter seine Attacke auf den ehemaligen MdbK-Direktor. 

„Das dichte Ausstellungsprogramm war schlicht eine Notwendigkeit“, antwortet Weidinger rückblickend auf Artefakte. Denn in dieser Eigenschaft wurde er nach Leipzig geholt. „Nur dadurch gelang es das Museum wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Das MdbK ist seither eines der führenden Museen in Deutschland. In Hinblick auf die Qualität sowie Tiefenforschung zur ostdeutschen Kunstlandschaft haben wir das MdbK bundesweit und international in den Fokus gerückt. Künstler*innen konnten dadurch noch eigene Ausstellungen erleben.“

Als „skandalös“ bezeichnet der Leonardo-Experte in der LVZ Weidingers Vertrag aufgrund eingeschriebener Erfolgsprämien für Spenden und Sponsoren-Akquise. Weidinger könne nach Erfolg der Ausstellung gemessen, Prämien bis zu jährlich 20.000 EUR kassieren.

„Mein Vertrag war nur der Stadt bekannt. Wie Herr Zöllner sich öffentlich dazu äußern kann, weiß ich nicht. Ich vermute, dass Inhalte ihm von Dritten zugespielt wurden“, äußert sich Alfred Weidinger.

Laut Leipzigs Kulturdezernentin Skadi Jennicke, die sich ebenfalls im oben genannten LVZ-Beitrag äußerte, habe Weidinger diese Prämienoption nie eingelöst. Zöllner ist der Meinung, dass Museen als öffentlich finanzierte Räume von einer marktorientierten Ökonomisierung befreit sein sollten. 

Doch die Realität sieht dahingehend etwas anders aus. In den letzten Jahren wurden seitens der Sächsischen Landesregierung gerade die Kulturinstitutionen mit weniger öffentlichen Mittel beschert als noch in den 1990ern. Das ändert sich seit einigen Jahren wieder. Doch ohne Sponsoring kann das Fachpersonal auch die Museen nicht ordnungsgemäß führen und finanziell so aufstellen, dass mehr Besucher kommen. Auf Finanzebene des Museums hieße ein Wegfall von „zwanghaften Ökonomisierungen“ auch weniger Ausstellungen im Jahr, weniger Besucher und somit weniger Einnahmen. Zwar besitzen die Kunstsammlungen des MdbK eine Fülle verschiedenartiger Positionen und sammlungsgeschichtlicher Kontexte, mit denen man arbeiten könne. Doch kunsthistorische Sammlungen leben, zumindest im bürgerlichen Kontext, seit ihren Gründungen im 19. Jahrhundert von privaten Stiftungen und Geldzuwendungen. Erst seit dem frühen 20. Jahrhundert wurde ein Finanzsystem aus öffentlichen Geldern geschaffen, die die Museen weit aus dem üblichen Verwalten und Zeigen von privat gestifteten Sammlungen herausholten, wie dies noch in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts der Fall war. Öffentliche Gelder wurden lediglich für die Angestellten, Betriebskosten und Renovieren bzw. Umbauten von der Stadtverwaltung gestemmt, nicht für den Ankauf von Kunstwerken und Sammlungen, auch nicht zur Finanzierung von Einzelausstellungen samt ihrer Versicherungswerte und Ausstellungskataloge. Die Frage über die Zukunft der Museen sollte daher grundsätzlich nicht am Missfallen „quietschbunter Wände und Riesenbuchstaben“ gestellt werden, sondern am Finanzstatus öffentlicher Einrichtungen wie die Sächsischen Museen. Gerade im Hinblick auf das Zusammenbrechen der Finanzstruktur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss man berechtigterweise die Frage stellen, was finanziell aus öffentlicher Hand und im Einklang von Sponsoringgeldern machbar ist. Starre Strukturen, Verwaltungs- und Elitedenken, sind für den Kulturbetrieb Gift. Vielleicht muss man Frank Zöllners Kritik an Weidinger auch unter dem Aspekt betrachten, wie frei und unabhängig Kunst in Zukunft sein kann, bzw. Kunsthistoriker arbeiten können wenn sie von Privathand finanziert werden. Auch dahingehend sollte es im Umstrukturierungsprozess kultureller Eigenbetriebe der Stadt Leipzig Sicherheiten geben. Beide Positionen, von Zöllner und Weidinger, haben ihren Wert in einer Debatte, die viel zu spät geführt wird. Was am Beispiel der Museen im Preußischen Kulturbesitz deutlich wird ist der Ökonomisierungszwang, dem ein ganzes Land – von der Pflege und Sozialem bis hin zur Kultur – seit der Agenda 2010 unterlegen ist. Die nachhaltige Etablierung einer Exportwirtschaft, wie in den USA, und die 1999 eingeleitete Wende weg von einem binnenwirtschaftlich strukturiertem Land, zeigt seine hässliche Fratze. Kultur und Soziales werden kaputt gespart. Kliniken und Medizin werden der marktwirtschaftlichen Ökonomie unterworfen. Leiharbeit und Billiglohnwirtschaft drückt vielleicht auch aufgrund der C19-Pandemie die Bürger dauerhaft in die soziale Alimentierung. 

Ungeachtet der Zöllnerischen Kritik, verfolgt Alfred Weidinger gemeinsam mit dem ebenfalls aus Leipzig weg gegangenen Kurtator Fabian Müller in Oberösterreich die Tiefenschau zu ostdeutschen Künstlerbiografien und bereitet mit den Kunsthistorikern Christoph Tannert und Paul Kaiser weitere Ausstellungen vor, die sich mit den Leipziger Schulen beschäftigen sollen. „Leider ist das immer wieder so“, kommentiert Weidinger die Kritik seines Kollegen, „wenn man weg ist, wird nach einem getreten. In diesem Fall ist es halt Herr Zöllner, mit dem ich ein sehr gutes Verhältnis hatte.“

 

  1. Es war nicht alles Gold was glänzte, aber nachtreten geht überhaupt nicht.
    Der schlimme Vertrag wurde im Leipziger Rathaus aufgesetzt. Die Verursacher sind hiergeblieben, also immer noch da.

    Gefällt 1 Person

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