Ein alchemistischer Akt der Transformation – James Nizam stellt neue Arbeiten in Reiter Galleries Berlin aus

Daniel Thalheim

Als der britische Künstler James Nizam vor einigen Jahren neue Arbeiten in der Gallery Jones in Vancouver vorstellte, titelte Betty Wood von dem Online-Portal „The Spaces“, Nizam verleihe den Vororten ein neues Glühen. Er setzte sich mit der Vorstadtarchitektur Amerikas auseinander, brachte Gitter, Zäune und Wände mithilfe Reflexionsbändern zum Glühen in dem er sie im Dunkel mit Blitzlicht fotografierte. Dieses künstlerische Gestalten der trostlosen Postmoderne, führt uns das trügerische Bild vor, das in Vorstädten herrscht. Die eigentlich im Tageslicht erscheinende langweilige Idylle tritt in die Dunkelheit zurück. Nizam lässt das Design aufleben.

Bei anderen Arbeiten unternahm Nizam kleine Einschnitte in die Struktur eines Hauses, um eine Lichtinstallationsserie zu schaffen. Während das Sonnenlicht durch die Löcher und Risse in den Wänden in einen abgedunkelten Studioraum strömt, lenkt Nizam seine Bewegung mit Hilfe von Winkelspiegeln, die um den Raum herum stationiert sind. Die Bewegung des Lichts wird zudem von Nizams Kamera mit Hilfe von Mehrfachbelichtungen aufgezeichnet. Dabei ist Nizam in der Lage, das Sonnenlicht einzufangen und zu manipulieren und mit dem Licht dynamische Formen zu erzeugen, die oft als große geometrische Gebilde erscheinen. Diese Arbeit erstreckt sich über verschiedene Medien: zunächst als flüchtige Lichtinstallation und dann als Fotografie, die dieses Gefühl der Zeitlichkeit dokumentiert.

Wir merken, James Nizam inszeniert Licht und ihre Reflexion. Der Fotograf hinterfragt so unsere Strukturen, rückt sie auch, salopp ausgedrückt, in ein neues Licht. Er verändert mit seinen Arbeiten unsere Wahrnehmung auf die uns geschaffene Realität aus Architektur und Struktur. In eine weitaus natürlichere Struktur bewegt sich Nizam mit sienen neuen Arbeiten, die er im Rahmen seines Berlinaufenthalts anfertigte. Der kanadische Künstler arbeitet derzeit im Rahmen eines einjährigen Residenzstipendiums im Künstlerhaus Bethanien in Berlin.

James Nizam nähert sich mit seinem neuen Projekt mit dem unvorstellbar alten Licht der Sterne. Er begab sich auf nächtliche Expeditionen in den kanadischen Rocky Mountains und auf den Kanarischen Inseln. Dort hat er für seine fortlaufende Werkreihe »Drawing with Starlight« Sternkonstellationen aufgenommen. Er nutzt für seine Fotografien eine modifizierte Analogkamera. Mit Langzeitbelichtungen und die Rotation der Erde nutzend, „zeichnet“ er mithilfe des Sternenlichts seine fotografierten Bilder. Weil er mit zeitlich präzise abgestimmten Zoom-Bewegungen und Belichtungssequenzen kombiniert, schreibt er die durch die Erdrotation entstehenden stellaren Bewegungsmuster als strahlende Geometrien direkt auf den Film. Ab diesem Wochenende zeigt Nizam diese großformatigen fotografischen Werke in den Reiter Galleries in Berlin. Seine neuen Arbeiten stehen in direktem Bezug zu den »Uranographic Figures«, einer Reihe diagrammatischer Aufzeichnungen. Er nennt seine Ausstellung »Celestial Telegraphies«. Sie offenbart ein wichtiges Konzept des Künstlers: Indem er verschiedene Medien für seine Bilder einsetzt, verschiebt der Künstler unser Wahrnehmungsgewölk in ein ganz neues Empfinden. Hierfür dienen ihm die technologischen Möglichkeiten der Fotografie und der Bildbearbeitung sein Interesse an Daten und visuelle Codes zu vertiefen und uns zu vermitteln. So entstehen im Zusammenwirken mit dem natürlichen Licht und der Erdrotation merkwürdige Gebilde, die Lichtspuren wie kristalline Strukturen erscheinen lassen. Nizam nutzt auch Audiosignale, die er mit einem Laserstrahl durch die Ausstellungsräume lenkt, wie mit seiner Installation »Photophonic Harmony«. „Basierend auf Alexander Graham Bells „Photophon“ (1880), einem Gerät, das Schall auf einem Lichtstrahl senden kann, wandelt Nizam seine fotografischen Bilder in Klänge und kodiert das Laserlicht wiederum mit deren Schallwellen“, heißt es von den Ausstellungsmachern. „Der Empfänger des Lasers gibt schließlich das Lichtbild der Sterne als in der Ausstellung hörbare Soundlandschaft wieder.“

Aus Sicht der Galerie mit Sitzen in Leipzig und in Berlin ist Nizams Werk ein alchemistisch anmutender Akt der Transformation. Sein Zeigen neuartiger medialer Prozesse, ermöglichen neue, poetische Konstellationen und Blickwinkel.

Beitragsbild: James Nizam »Drawing with Starlight (Circle)« (Detail) . 2020 . Analogfotografie, Copyright; Nizam & Reiter Galleries 2020.

JAMES NIZAM   |   CELESTIAL TELEGRAPHIES

ERÖFFNUNG  |  DONNERSTAG,  10. SEPTEMBER  16  –  21 UHR
BERLIN 
 |  10785  POTSDAMER STRASSE 81B
AUSSTELLUNG  |  10.9.  –  31.10. 2020

Sonderöffnungszeiten während der Berlin Art Week
Samstag, 12. September 12-19 Uhr  |  Sonntag, 13. September 11-17 Uhr

https://www.reitergalleries.com/de/ausstellungen/astra-lucida/

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