Ist das offene Museum die Zukunft? Warum in Leipzig ein Leonardo-Experte gegen einen ex-Direktor tritt

Daniel Thalheim

 

Ende der März verließ Alfred Weidinger das Museum der bildenden Künste in Leipzig in Richtung Linz. Er folgte einer Berufung als Chef der Oberösterreichischen Museen. Seitdem läuft ein Bewerbungsverfahren der Stadt Leipzig für die Besetzung des Direktorenpostens. Am 13. Juli meldet sich der Ordinarius des Instituts für Kunstgeschichte in Leipzig in der Leipziger Volkszeitung (LVZ+) und einen Tag später im Printprodukt zu Wort. Prof. Frank Zöllner hat sich international längst einen Namen als Leonardo-Experte gemacht. Doch warum kritisiert der im Ausstellungswesen unerfahrene Kunsttheoretiker sich zum Ausstellungskonzept des ex-Direktors des Leipziger Kunstmuseums? Und wieso weiß ein unbeteiligter Dritter wie Zöllner welche Klauseln Weidingers Arbeitsvertrag aufweist?

„Das Museum ist kein Zirkus“, titelt die LVZ Frank Zöllner zitierend am Abend des 13. Juli Online einen Beitrag, dessen Polemik sich weiter fortsetzt. Der Leonardo-Experte reibt sich an der hohen Zahl an vielfältigen Ausstellungen, die das MdbK seit Weidingers Führung verstärkt bundes- und weltweit in die Lichtkegel der Aufmerksamkeit rücken ließen. Sowohl Leipziger KünstlerInnen als auch Stars internationalen Ranges wie Yoko Ono bekamen in dem sonst brach liegenden Hallen des Museums in der Leipziger City Spielräume, die oft gleichzeitig nebeneinander stattfanden. Sogar der Gästelift wird mit Kunst bespielt. Das und weitere Angebote brachten dem Museum Besucherrekorde ein. 200.000 Besucher kamen laut jüngsten Erhebungen ins Museum, gerade wegen der vielen kleinen und zeitgemäßen Wechselausstellungen. Wohingegen Weidingers Amtsvorgänger Hans-Werner Schmidt noch die Prämisse verfolgte, Besucherzahlen seien für ein Museum nicht wichtig. Kunst – verglichen mit Weidingers Aktionszeitraum 2017 bis Anfang 2020 – fand bei Schmidt gefühltermaßen nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der österreichische Kunsthistoriker holte vorwiegend junge Positionen ins Museum, ging aber auch mit externen Kuratoren wie Christoph Tannert und Dr. Paul Kaiser auf die Spurensuche ostdeutscher Künstlerbiografien. 

„Zirkus“ ist daher ein abwertender Begriff des Kunstexperten Zöllner, obwohl dieser aus dem universitären Bereich heraus kaum sich eine Meinung zum internationalen Ausstellungswesen – gerade auf die zeitgenössische Kunst bezogen – bilden kann.

„Ich kenne die Wortmeldungen von Herrn Zöllner in der LVZ nicht und werde mich dazu auch nicht äußern“, kommentiert Alfred Weidinger die „pestilentia furori“ seines Fachkollegen. Zwar schätze der österreichische Kunsthistoriker den Universitätsprofessor Zöllner als Fachmann, aber er war niemals Direktor eines Museums und sollte sich zum aktuellen Ausstellungswesen und zu neuen Konzepten auch nicht äußern. 

Sich auf die museumseigenen Sammlungen zu konzentrieren anstatt einen „event-orientierten Lärm im Bereich der Wechselausstellungen zu veranstalten“, begründet der Kunst-Prof. in der LVZ weiter seine Attacke auf den ehemaligen MdbK-Direktor. 

„Das dichte Ausstellungsprogramm war schlicht eine Notwendigkeit“, antwortet Weidinger rückblickend auf Artefakte. Denn in dieser Eigenschaft wurde er nach Leipzig geholt. „Nur dadurch gelang es das Museum wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Das MdbK ist seither eines der führenden Museen in Deutschland. In Hinblick auf die Qualität sowie Tiefenforschung zur ostdeutschen Kunstlandschaft haben wir das MdbK bundesweit und international in den Fokus gerückt. Künstler*innen konnten dadurch noch eigene Ausstellungen erleben.“

Als „skandalös“ bezeichnet der Leonardo-Experte in der LVZ Weidingers Vertrag aufgrund eingeschriebener Erfolgsprämien für Spenden und Sponsoren-Akquise. Weidinger könne nach Erfolg der Ausstellung gemessen, Prämien bis zu jährlich 20.000 EUR kassieren.

„Mein Vertrag war nur der Stadt bekannt. Wie Herr Zöllner sich öffentlich dazu äußern kann, weiß ich nicht. Ich vermute, dass Inhalte ihm von Dritten zugespielt wurden“, äußert sich Alfred Weidinger.

Laut Leipzigs Kulturdezernentin Skadi Jennicke, die sich ebenfalls im oben genannten LVZ-Beitrag äußerte, habe Weidinger diese Prämienoption nie eingelöst. Zöllner ist der Meinung, dass Museen als öffentlich finanzierte Räume von einer marktorientierten Ökonomisierung befreit sein sollten. 

Doch die Realität sieht dahingehend etwas anders aus. In den letzten Jahren wurden seitens der Sächsischen Landesregierung gerade die Kulturinstitutionen mit weniger öffentlichen Mittel beschert als noch in den 1990ern. Das ändert sich seit einigen Jahren wieder. Doch ohne Sponsoring kann das Fachpersonal auch die Museen nicht ordnungsgemäß führen und finanziell so aufstellen, dass mehr Besucher kommen. Auf Finanzebene des Museums hieße ein Wegfall von „zwanghaften Ökonomisierungen“ auch weniger Ausstellungen im Jahr, weniger Besucher und somit weniger Einnahmen. Zwar besitzen die Kunstsammlungen des MdbK eine Fülle verschiedenartiger Positionen und sammlungsgeschichtlicher Kontexte, mit denen man arbeiten könne. Doch kunsthistorische Sammlungen leben, zumindest im bürgerlichen Kontext, seit ihren Gründungen im 19. Jahrhundert von privaten Stiftungen und Geldzuwendungen. Erst seit dem frühen 20. Jahrhundert wurde ein Finanzsystem aus öffentlichen Geldern geschaffen, die die Museen weit aus dem üblichen Verwalten und Zeigen von privat gestifteten Sammlungen herausholten, wie dies noch in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts der Fall war. Öffentliche Gelder wurden lediglich für die Angestellten, Betriebskosten und Renovieren bzw. Umbauten von der Stadtverwaltung gestemmt, nicht für den Ankauf von Kunstwerken und Sammlungen, auch nicht zur Finanzierung von Einzelausstellungen samt ihrer Versicherungswerte und Ausstellungskataloge. Die Frage über die Zukunft der Museen sollte daher grundsätzlich nicht am Missfallen „quietschbunter Wände und Riesenbuchstaben“ gestellt werden, sondern am Finanzstatus öffentlicher Einrichtungen wie die Sächsischen Museen. Gerade im Hinblick auf das Zusammenbrechen der Finanzstruktur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss man berechtigterweise die Frage stellen, was finanziell aus öffentlicher Hand und im Einklang von Sponsoringgeldern machbar ist. Starre Strukturen, Verwaltungs- und Elitedenken, sind für den Kulturbetrieb Gift. Vielleicht muss man Frank Zöllners Kritik an Weidinger auch unter dem Aspekt betrachten, wie frei und unabhängig Kunst in Zukunft sein kann, bzw. Kunsthistoriker arbeiten können wenn sie von Privathand finanziert werden. Auch dahingehend sollte es im Umstrukturierungsprozess kultureller Eigenbetriebe der Stadt Leipzig Sicherheiten geben. Beide Positionen, von Zöllner und Weidinger, haben ihren Wert in einer Debatte, die viel zu spät geführt wird. Was am Beispiel der Museen im Preußischen Kulturbesitz deutlich wird ist der Ökonomisierungszwang, dem ein ganzes Land – von der Pflege und Sozialem bis hin zur Kultur – seit der Agenda 2010 unterlegen ist. Die nachhaltige Etablierung einer Exportwirtschaft, wie in den USA, und die 1999 eingeleitete Wende weg von einem binnenwirtschaftlich strukturiertem Land, zeigt seine hässliche Fratze. Kultur und Soziales werden kaputt gespart. Kliniken und Medizin werden der marktwirtschaftlichen Ökonomie unterworfen. Leiharbeit und Billiglohnwirtschaft drückt vielleicht auch aufgrund der C19-Pandemie die Bürger dauerhaft in die soziale Alimentierung. 

Ungeachtet der Zöllnerischen Kritik, verfolgt Alfred Weidinger gemeinsam mit dem ebenfalls aus Leipzig weg gegangenen Kurtator Fabian Müller in Oberösterreich die Tiefenschau zu ostdeutschen Künstlerbiografien und bereitet mit den Kunsthistorikern Christoph Tannert und Paul Kaiser weitere Ausstellungen vor, die sich mit den Leipziger Schulen beschäftigen sollen. „Leider ist das immer wieder so“, kommentiert Weidinger die Kritik seines Kollegen, „wenn man weg ist, wird nach einem getreten. In diesem Fall ist es halt Herr Zöllner, mit dem ich ein sehr gutes Verhältnis hatte.“

 

Causa Krause – Wenn Angst entscheidet

Daniel Thalheim

Wie kann es sein, dass ein Künstler so viel Wirbel verursacht, wie, in den letzten Wochen, Axel Krause? Als die Teilnehmerliste der Leipziger Jahresausstellung Mitte April 2019 bekannt gegeben wurde, schlugen Presseberichte auf den Kunstmaler ein, handelte der Vereinsvorstand wie ein Rudel aufgescheuchter Hühner, verstand nicht die Öffentlichkeitsarbeit zu koordinieren, verteidigte zunächst die Teilnahme Krauses, lud ihn kurzfristig aus und trat von allen Funktionen zurück, um mit denselben Personen, die Ausstellung ohne den „Troublemaker“ weiter voranzutreiben. Selbst das Kulturdezernat schaltete sich kurz ein. MdbK-Chef Alfred Weidinger wollte die politisch geführte Diskussion ins Kunstmuseum der Stadt holen. Im Auge dieses Sturms sitzt der Mann, der wichtigen Vertretern der Neuen Leipziger Schule den Weg ebnete. Er kann das Aufsehen um seine Person nicht so recht verstehen. Im Regen steht ein Vereinsvorstand, der mit all dem nicht umzugehen wusste. Eine Geschichte über Angst, Anschuldigungen, Täuschungen und Enttäuschungen. 

Gewittrige Stimmungen

Der 6. Juni beginnt mit schwül-stickiger Hitze. Man merkt, über Leipzig braut sich ein Unwetter zusammen. Axel Krauses Atelier befindet sich am nordöstlichen Zipfel des Stadtzentrums, in der Nähe der Delitzscher Straße, wo das östlich gelegene Gewerbegebiet vom gutbürgerlichen Quartier des angrenzenden Gohlis abgetrennt wird. Während der Malerkollege von u.a. Neo Rauch, Hans Aichinger und  Thomas Gatzemeier über seine politische Meinung, sein Leben, die Leidenschaft zur Malerei und über das von ihm wahrgenommene Chaos der Leipziger Jahresausstellung spricht, sausen Donner, Regen und Blitze auf die Messestadt hinab. Im Atelier war die Stimmung weniger gewittrig. Dass Axel Krause weiterhin von der 26. Leipziger Jahresausstellung „ausgeladen“ bleibt, betrachtet er als weniger schmerzhaft als es für Außenstehende den Anschein haben mag. „Ich hätte gern mit meinen Kollegen zusammen ausgestellt“, stellt er lächelnd fest. Das Bedürfnis nach Normalität war für ihn nach dem Medienwirbel um seine Person im vergangenen Jahr groß, sagt er zurückblickend. Ihn überraschte der erneute Sturm aus Presse, Funk und Fernsehen mitten in seiner Schaffensphase, als er für die Jahresausstellung zwei neue Gemälde anfertigte. Dass er auf einmal der Bösewicht sein soll, der eine Ausstellung zum erodieren brachte, will und kann der gebürtige Hallenser nicht verstehen. Seine Nicht-Teilnahme sieht der Weggefährte von Neo Rauch nicht ganz so tragisch, weil er seine Arbeiten bereits im Vorfeld zur Ausstellung im Internet bekannt gemacht hat, lächelnd und mit Bedauern anmerkt, dass dadurch seine beiden Gemälde einer größeren Öffentlichkeit zur Schau gestellt würden als die übrigen Künstler der 26. L.J.A. je erfahren könnten. In einem der Bilder steht ein „Mythenmetzger“ mit Antlitz des verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski, dessen Absicht wir nicht ganz klar erkennen; warum blickt er zum Betrachter und was hat er genau vor? Dass in dem romantisch erscheinenden Sujet im Mondschein, mit nackter Rückenansicht einer Frau, spiegelglattem See und Gebirge die Situation kurz davor ist, „gekillt“ zu werden, dürfte im Bezug auf den Wirbel um die L.J.A. fast schon ein hellseherisch auf den Betrachter wirken.

 „Menschen haben unterschiedliche Positionen“, stellt der Maler, der in den Achtziger- und Neunzigerjahren auch als Theatermaler an der Oper Leipzig tätig war, fest und unterstreicht, dass er nicht zu denen gehört, die Person vom Werk zu trennen versuchen. Dass Krause von  anderen Künstlern für seine politische Nähe zur AfD kritisiert wird, ist für ihn normal. Kritischen Gesprächen und auch gegenüber der geplanten Aktion von Künstlern während der zuerst anberaumten Eröffnung am 6. Juni zeigt sich Axel Krause offen, weil alles im Rahmen der gesellschaftlichen Regeln passiert wäre. Auch als Moritz Frei seine Arbeiten zurück  gezogen hat, erkennt Krause als legitimes Meinungsinstrument an. „Hätte auch sein können, dass er mich nicht leiden kann, ich komisch rieche…“

Was aus Sicht des Malers, der schon früh von Schule und Eltern in seinem Bestreben gefördert wurde, ist es nicht in Ordnung, dass er ausgeschlossen wird. Er betrachtet seine Wahl zur Teilnahme als vereinsdemokratisch legitim. „Das, was jetzt passiert ist, ist ein zutiefst undemokratischer Vorgang“, gibt er zu Protokoll und meint im Subtext die offizielle Ausladung seiner Person durch den Vereinsvorstand und, wohl um sich von dieser Entscheidung zu befreien, den kompletten Rücktritt des verantwortlichen Vorstands sowie die Absage der gesamten Ausstellung. Krause erzählt nicht, dass dieser Aktionismus zu einer vereinsrechtlich fragwürdigen „Unzeit“ stattfand. Er bezeichnet das Vorgehen des Vereins als unprofessionell und unredlich. Das chaotische Handeln zuletzt passt zur aufgeriebenen Kommunikation im Inneren des Vorstands und einem Teil der Kommissionsmitglieder, wo in der letzten Woche vor der Absage die Sachebene komplett verlassen wurde, auch nach Außen kommunikative Fehler unternommen wurden. Podiumsdiskussionen während der Ausstellung wurden innerhalb des Vorstands abgelehnt, bestimmte Personen im Umfeld der Kritiker als „Hetzer“ bezeichnet, journalistische Beiträge als unrichtig abgewertet. Der Vorstand hat sich zum Schluss von einer Debatte beherrschen lassen anstatt die Diskussion selbst in der Hand zu halten. Dass nahezu derselbe Vorstand der L.J.A. sich nach dem Rücktritt selbst „kommissarisch“ eingesetzte, ohne dass vereinsintern Abstimmungen eingeholt, geschweige die Neuaufstellung der Ausstellung vereinspolitisch legitimiert wurde, ist ein weiterer Bestandteil der Fehlerkette. Der Versuch, die Öffentlichkeit so von einem öffentlichen Ereignis auszuschließen dürfte ebenfalls ein falsches Signal aussenden. Normalität sieht anders aus. Man kann den Maler verstehen, wenn er von nicht-demokratischem Handeln des Vereinsvorstands spricht, das Ganze als „tragische Angelegenheit“ und „Armutszeugnis für unsere Demokratie“ beschreibt. Denn nach seinen Worten komme im Kleinen etwas zum Tragen, was auf großen Ebenen überall stattfände: unangenehme Meinungen auszugrenzen und als „falsch“ abzustempeln. Nichtsdestotrotz wünscht sich der Maler, dass Arbeiten von ihm erneut zu einer der kommenden Jahresausstellungen nominiert und ausgestellt werden.

 

Alles nur Kunst? Parteinähe und die große Weltpolitik

„Es geht (bei der Diskussion, Anm. d. Verf.) weniger um meine Person als um einen Vorgang. Wenn es den AfD-Künstler Meier gegeben hätte, dann säße hier Meier. Das hat nichts mit mir zu tun, sondern mit der Eigenschaft, dass ich eine Meinung vertrete, die weg vom Hauptstrom ist, von der Mehrheit“, sagt der Künstler, der sich künstlerisch im Symbolismus und Surrealismus zuhause fühlt. Seine in der Öffentlichkeit unternommenen Äußerungen zu den 2015 erfolgten Migrantenbewegungen nach Europa und den danach erfolgten Schlagzeilen um Integration, Kriminalität und Islam wurden von seinen schärfsten Kritikern in die Nähe der neurechten, identitären Bewegung gestellt, Krause als „Neo Nazi“ bezeichnet. 

Während Axel Krause zu seiner persönlichen Meinung zur Partei „Alternative für Deutschland“ spricht, versucht er, nicht seine ruhige und bestimmte Haltung zu verlieren. Auf tief gehende Analysen zur weltumspannenden Migrationsbewegung, ihren Ursachen und Folgen, wirkt der sonst in sich ruhende Maler nervös. Er reibt seine Finger aneinander, sein Blick sucht nach Antworten. 

Letztlich dürften seine Situationsbeschreibungen und ihre rhetorisch zugespitzten Wertungen wie „in Frankfurt fühle man sich wie im Urlaub“, bezogen auf den hohen Migrantenanteil in der dortigen Stadtbevölkerung, „ein Volk benötige seine ureigene Identität“, die von der Rockband „Rammstein“ unlängst als Teil einer selbstzerstörerischen Geschichtsbewältigung im Video „Deutschland“ als identitätslos abgelehnt und vehement als Bestandteil der eigenen Kultur verneint wurde, zum Gesamtbild Krause beitragen. Es geht auch um die Argumentationsebene, wie Probleme mit Umweltschutz, Klimawandel, Migrationsbewegungen und Integration in der BRD, nicht nur, von Axel Krause verstanden und polarisiert werden – und so zwei Parteien (Grüne und AfD) in der Bundesrepublik groß werden ließen, die sich dieser Themenlage antipodisch gegenüberstehen. Die bislang als „bürgerliche Mitte“ angesehenen „Volksparteien“ SPD und Union werden derzeit zwischen beiden Positionen offenkundig zerrieben. Man muss nicht Axel Krause heißen, um das zu erkennen und politisch für sich selbst einzuordnen. Ihn als „Neurechten“ einzustufen, von gesellschaftlichen Debatten auszuschließen, dürfte weniger einer offenen Meinungskultur zweckdienlich sein wie ihn gänzlich zu ignorieren und frei nach dem Motto „Mit Rechten redet man nicht“ sich selbst einer – mitunter von Angst bestimmten – Diskussion zu entziehen; die Angst vor dem Konflikt, die Angst vor dem Versagen, die Angst anzuecken.

Diese Diskussion, und auch wie der Vorstand der L.J.A. mit wenig Weitblick und Sachverstand mit der Angelegenheit von Anfang umging, wollte am 11. Juni der MdbK-Chef Alfred Weidinger in das Leipziger Kunstmuseum holen, um Axel Krause, dem Journalist Jens Kassner, der Galeristin Arne Linde und dem AfD-nahen Psychologen Hans-Joachim Maaz in den Räumen des Leipziger Kunstmuseums ergebnisoffen sprechen zu lassen. Die geladenen Gäste Rainer Schade, ex-Vorstand des L.J.A. und der Künstler Moritz Frei sagten entweder nicht zu, bzw. sagten ab. Zuletzt sagte auch Axel Krause seine Teilnahme an der Veranstaltung ab, wegen einer Formalie. Die Leipziger Jahresausstellung versucht hingegen, Normalität walten zu lassen. Seit dem 12. Juni wird die Ausstellung ohne Axel Krauses Bilder gezeigt. Am 28. Juni findet die Finissage nur mit geladenen Gästen statt. Zu feiern wird es nichts geben.

Ein neues Zugpferd für Leipzig – Wie Alfred Weidinger das MdBK neu aufstellen will

Mit dem Weggang des bisherigen Direktors des Museums der Bildenden Künste in Leipzig, wurde die Frage laut, wie das MdBK sich neu ausrichten könnte. Das Museum schien weder mit Leipzigs Künstlerszene noch mit den Institutionen und Leipziger Galerien verbandelt gewesen zu sein. Die Antwort auf diese Frage war zunächst die Wahl von Dr. Skadi Jennicke als neue Kulturdezernentin. Die zweite Antwort scheint Dr. Alfred Weidinger zu geben, der seit dem 1. August 2017 neuer Direktor des Kunstmuseums im Herzen der Messestadt ist.

Mit dem Weggang des bisherigen Direktors des Museums der Bildenden Künste in Leipzig, wurde die Frage laut, wie das MdBK sich neu ausrichten könnte. Das Museum schien weder mit Leipzigs Künstlerszene noch mit den Institutionen und Leipziger Galerien verbandelt gewesen zu sein. Die Antwort auf diese Frage war zunächst die Wahl von Dr. Skadi Jennicke als neue Kulturdezernentin. Die zweite Antwort scheint Dr. Alfred Weidinger zu geben, der seit dem 1. August 2017 neuer Direktor des Kunstmuseums im Herzen der Messestadt ist.

Von Daniel Thalheim

 

Eine Trutzburg zu öffnen und mit Leben zu bespielen

Der Sommer 2017 macht alle zu schaffen. Wenn die Sonne nicht vom Firmament „knallt“, dann kracht’s anderswo, begleitet von Wolkenbrüchen, vom Himmel. Ruhig ging es hingegen am Vormittag des 2. August 2017 im angenehm klimatisierten Beckmann-Saal des Museums der Bildenden Künste in Leipzig zu, wer den von außen eindringenden Baulärm ausblenden konnte. Vor einer Schar von Journalisten stellte der frisch ins Amt eingeführte neue Direktor des MdBK seine Pläne vor, wie das Kunstmuseum auf dem Sachsenplatz zu einer höheren Geltung internationalen Ranges erlangen könnte. Doch auch Leipzigs Kulturamtschefin Susanne Kucharski-Huniat zeigte sich interessiert, wer aus Wien frischen Wind in die hohen Hallen des Glas- und Betonkubus bringen will. Neben Alfred Weidinger saß auch Leipzigs Kulturdezernentin Skadi Jennicke. Von Neubeginn war bei ihr die Rede, aber auch von einem Sprung des Museums in die Stadt hinein, als sie die einleitenden Worte sprach. Der neue Museumsdirektor griff den Gedanken auf, um sogleich seinen Sechs-Säulen-Plan für die Neuausrichtung des MdBK vorzustellen.

Er betonte auch, dass es ihm nicht um einen Neubeginn gehe, sondern v.a. um eine auf die Leistungen seines Vorgängers aufbauende und weiterentwickelnde Feinjustierung. Die Trutzburg der Kunst sei auf dem internationalen Kunstmarkt gut aufgestellt. Aber Alfred Weidinger will ein Ausstellungsprogramm finden, das dem Haus gerecht werde. Hieße im Umkehrschluss, dass es unter seinem Vorgänger Hans-Werner Schmidt so nicht gewesen sein könnte. Dass bereits der neue Direktor das Haus organisatorisch am zweiten Tag nach seinem Amtsantritt kräftig umkrempelte, spürte man bereits. „Wir brauchen Besucher, müssen Erlöse erzielen“, unterstrich Alfred Weidinger seine Pläne. Sein Prinzip sei, dass große, international bekannte Künstler-Stars auch kleinere Ausstellungen mit weniger bekannten KünstlerInnen finanzieren könnten.

 

Die Vorhaben des neuen Direktors

„Wir müssen auf die Leipziger zugehen“, betonte Alfred Weidinger. Der österreichische Kunsthistoriker, der ein Experte zu den Künstlern Gustav Klimt und Oskar Kokoschka ist, will v.a. junge Kunst ihren Raum geben. Dass in Leipzig nahezu hinter jedem Fenster ein Künstler versteckt sei, zeichne Leipzig aus, zitierte er einen Beitrag aus der Neuen Züricher Zeitung. Deshalb möchte der ehemalige Vizedirektor und Prokurist des Wiener Belvederes junge Positionen unterstützen. Konkret sehen seine Pläne so aus, dass er sechs Säulen aufstellen will, um das MdBK zu pushen. Die erste Säule soll im Tiefgeschoss durch die Dauerausstellung zur Malerei der Leipziger Schulen von 1945 bis 2000 entstehen. Im Eingangsbereich des Souterrains wird der Besucher von Informationen zum Wirken und zu den Spezifika der Leipziger Künstler zwischen 1945 bis heute informiert. In zwei Galerieabschnitten werden die Dauerausstellungen zur Leipziger und Neuen Leipziger Schule bespielt. Das dürfte bedeuten, dass die wichtigsten Werke von Werner Tübke über Arno Rink bis David Schnell aus den Magazinen geholt werden. Eine umfassende Retrospektive zum Schaffen von Arno Rink stellt Alfred Weidinger auch in Aussicht. Der dritte Galerieraum im Souterrain soll von jungen, zeitgenössischen Leipziger Positionen bespielt werden. Frauenquote bei 50 % und U-30, wie Weidinger umriss. „Wir brauchen eine intensive Auseinandersetzung mit der Leipziger Kunst“, führte er mit Blick auf die heterogene Zusammensetzung und Varianten der sogenannten Leipziger Schulen aus, die die Wahrnehmung auf die Kunst in der DDR nachhaltig prägten und auch international Standards setzte und heute noch setzt. Vor allem die neue Malerei in Leipzig ist durchzogen von einer symbolistischen Kraft, wie sie sie zuletzt in den Siebziger- und Achtzigerjahren inne hatte. Künstler wie Markus Matthias Krüger, Thomas Geyer, Heiko Mattausch, Katrin Heichel, Mirjam Völker und Lee Böhm dürfen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Und: „Es wird immer wieder was Neues zu sehen sein!“

Mit Blick auf das Gebäudevolumen komme eine ganze andere Perspektive – die zweite Säule – ins Spiel. Alfred Weidinger stellte dar, dass der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei und der argentinische Installationskünstler Tomás Saraceno bereits Interesse bekundeten, das Haus zu bespielen, ebenso die John-Lennon-Witwe Yoko Ono. Künstler sehen die 16 m hohen Räume eher als Herausforderung, denn ein so riesiges Gebäude mit so wenig Ausstellungsfläche an den Wänden fordere das Arbeiten in den Raum heraus.

Der Geschichtsbezug wurde von ihm als dritte Säule bei der Pressekonferenz vorgestellt. Weidinger will den Leipziger Symbolisten und Secessionisten Max Klinger heraus aus dem Lokalkolorit holen und hinein in die internationale Kunstgeschichte stellen. Er sei zwar ein furchtbarer Maler gewesen, sagte Weidinger schmunzelnd, aber sein Verdienst läge im Erschaffen eines Gesamtkunstkunstwerks und sein einflussgebender Habitus auf die Wiener Kunstszene um 1900 – allen voran Gustav Klimt. Klinger müsse daher ein besonderer Raum zugesprochen werden, der ihn und sein Werk im Kontext des 19. Jahrhunderts voranstelle. Dazu müsste aber auch seine Beschäftigung mit der Antike in Bezug auf seine mehrfarbigen Skulpturen im Mittelpunkt stehen wie auch die Verquickung seines Werks mit den damals zeitgenössischen philosophischen Denkern und sein Verhältnis zu den Frauen. Die Dauerausstellungen werden auch einer Prüfung unterzogen und sollen mit Rotationen von Kunstwerken immer wieder interessant für die Besucher gestaltet werden. Es sollen kleine Sonderausstellungen entstehen, die aus den Dauerausstellungen entstünden – immer im Kontext der wissenschaftlichen Bearbeitung und Beleuchtung. Weidinger will so das Interesse wecken, und so auch mehr Besucherzahlen generieren.

Alfred Weidinger möchte als weitere Säule auch den Strang Leipzig-Frauenbewegung-Kunst aufgreifen und thematisieren. Daher auch die avisierte Frauenquote bei den zeitgenössischen Arbeiten aus Leipzig, und als erste Vorschau die kommende Yoko-Ono-Ausstellung 2018, wo frühe Arbeiten von ihr gezeigt werden sollen. Das Museum der Bildenden Künste soll nach seinen Plänen für internationale Positionen zugeschnitten werden, aber anders als noch bei Schmidt, ohne wuchtige Gesamt- und monumentale Sonderschauen sondern mit dem zeigen von wissenschaftlichen Juwelen. Wenn auch eine Caravaggio-Ausstellung unter seiner Ägide nicht zustande kommen würde, dann nur, weil dies schlecht finanzierbar sei. Dann schon eher ein Bearbeiten des Themas Fotografie, welches in seiner Bedeutung in Leipzig bislang zu kurz geraten sei. „Es wird einen Fokus darauf geben, da setzen wir uns drauf.“

 

Zugpferd und Impulsgeber Museum der Bildenden Künste

Wer bei der Pressekonferenz genau hingehört hat, musste feststellen, dass der neue Museumsdirektor sich nicht als Verwalter sieht sondern als Impulsgeber für die Kunstszene der gesamten Stadt. Er will sich stärker mit der Künstlerszene Leipzigs vernetzen, aber auch mit wichtigen Institutionen wie dem Institut für Kunstgeschichte, mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst, den Spinnerei-Galerien. Er möchte auch den Magazinbestand des Museums inventarisieren und eine Museumsdatenbank aufbauen. Im Zeitalter der Digitalisierung gehen inzwischen viele Museen diesen Weg, um auf ihrer Internetpräsenz die Sammlungen adäquat zu präsentieren, auch mit virtuell gefilmten Museumsrundgängen. Projekte, die unter Hans-Werner Schmidt nicht angefasst wurden.

„Wir werden Kunst von Leipziger Künstlerinnen und Künstlern definitiv kaufen“, sprach Alfred Weidinger ein weiteres Vorhaben, neben dem Willen auch Vorlässe und Schenkungen zu übernehmen, an. Doch Sammlungslücken auszufüllen, wird es in seiner Amtszeit nicht geben. Ihm gehe es vorrangig um Leipzig und die Leipziger. „Ich hätte mich nicht beworben, wenn die Stadt mich nicht interessiert hätte, das Haus und die Kunst. Diese Stadt ist offen für alle. Deswegen bin ich hierher gezogen.“