In Würde jung geblieben: Ein Buch feiert 75 Jahre Capitol Records

Wer an Pop-Kultur denkt, beginnt seinen Faden unweigerlich bei der Punk- und Disco-Szene von New York Mitte bis Ende der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts und dort, wo Pop-Art-Künstler Andy Warhol seine Finger, bzw. seine Banane mit im Spiel hatte. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Prachtband über die Geschichte der US-amerikanischen Plattenfirma Capitol Records.

75 Jahre – gerafft und gestrafft

„75 Jahre Capitol Records“ – ein Dreivierteljahrhundert Musikgeschichte. Das beeindruckt. Dieser dicke Wälzer zeigt, dass die Pop-Kultur ihre Wurzeln in der Rhythm-und-Blues-Szene und im Jazz hat und dass der Name Capitol Records eng mit der Entwicklung der Popmusik verknüpft ist. Der Standort von Pop in Amerika war und ist, wenn es nach Capitol Records geht, nie in New York gewesen, sondern befand sich in der Nähe des Sunset Strip Boulevards – in Hollywood. Man darf auch nicht vergessen, dass Firmen wie RCA, CBS und Columbia ebenfalls ganz vorn mitmischten und immer noch dick im Geschäft sind.

75 Years of Capitol Records (TASCHEN 2016)
75 Years of Capitol Records (TASCHEN 2016)

Capitol Records – dieser Name klingt wie eine waschechte US-amerikanische Marke, wie Chevrolet und Dodge, Süßgetränken wie Coca Cola sowie Pepsi und doch irgendwie Fast-Food wie McDonald’s. Dieser im Namen und Firmenlogo offensichtlich drapierte Verweis auf das Capitol-Gebäude in Washington springt förmlich ins Auge – Capitol Records ist Amerika. Das klingt nach Weite, Klasse, Größe und – nun ja – auch nach Schmutz unter den Fingernägeln. Wer Musiker ist, kennt die Assoziation eines Aufnahmestudios mit der Geschichte, die darin sich eingeschrieben hat. Und diese Geschichte begann in Los Angeles im Jahr 1942. Es waren keine zwei Monate nach dem japanischen Angriff auf den US-amerikanischen Flottenstützpunkt im Pazifik, Pearl Harbor, vergangen, und die USA in den Zweiten Weltkrieg taumeln ließ, als drei Männer in einem Restaurant auf die Idee kamen, für den US-amerikanischen Markt eigene Platten zu produzieren. Es waren Johnny Mercer, ein Musiker aus den Südstaaten, dem Musik-Fan Glenn Wallichs und Filmproduzent „Buddy“ DaSylva. Zunächst unter dem Stern „Liberty Records“ geboren, wurde der Name rasch in „Capitol Records“ umgeändert – und mit der Kuppel des Capitol in Washington D.C. versehen – von Anfang an sahen die Gründer der Plattenverlegerfirma in ihrem Vorhaben ein Viersterne-Unternehmen.  Auf dem Programm: Hillbilly-Western-Musik, Blues, Swing und Jazz. Capitol Records avancierte schnell zu einem der Marktführer und von Großfirmen unabhängigen Entdeckerschmiede in den USA.

Ein dickes Ding

Um eben jene turbulente Geschichte festzuhalten und zu beschreiben, entstand ein voluminöser Fotoband vom Format eines Plattenspielers. Der Buchdeckel ist wie eine goldene Schallplatte gestaltet, die Capitol Records sich selbst verliehen haben könnte. Ein in vergoldet erscheinender Leineneinband eröffnet den Reigen von Musikern, die in einem Dreivierteljahrhundert im Aufnahmeturm von Capitol Records ihre Schallplatten auf Magnetbänder sowie Bity & Bytes bannten. Namen wie Billy Holliday, Ella Mae Morse, Nat King Cole, Dean Martin und der von Clumbia-Records gewechselte Frank Sinatra sind mit den Gründungstagen von Capitol-Records untrennbar verbunden. Mit EMI besaß Capitol Records einen wichtigen Partner und vertrieb so auch Alben europäischer Künstler in den USA.

Später kamen Namen wie The Beach Boys, Phil Spector, The Beatles, Led Zeppelin, Tina Turner, Duran Duran, Bob Seger, Steve Miller, MC Hammer, George Clinton, Cocteau Twins, Crowded House, The Beastie Boys, The Foo Fighters, Blind Melon, Radiohead, Grace Jones, Coldplay, Iron Maiden, W.A.S.P., Poison, Megadeth, Great White und Kraftwerk hinzu. Der Fokus von Capitol Records lag schon längst nicht mehr auf allein US-amerikanische Talente, auch aus Europa wurde Musik importiert.

Capitol Records entwickelte sich schnell zu einer Schmiede des individuell erscheinenden Massengeschmacks und ist heute nicht mehr wegzudenken. Dieser Prachtband macht wieder Lust, sich mit den Künstlern einer Plattenfirma zu beschäftigen und auch so den Sound zu entdecken, der viele Alben so unverwechselbar macht. Begleitet wird der Brocken von eindrucksvoll geschriebenen und recherchierten Texten und einem Anhang von den besten Plattencovern aus der Geschichte dieses Unternehmens. Das macht es auch leichter, selbst im Plattenladen seines Vertrauens auf die eigene Zeitreise zu gehen.

Außerdem erfährt man mit Kurzbiografien, wer für Capitol Records als Fotograf gearbeitet hat und wird anhand eines Namen- und Schlagwortverzeichnis zielsicher durch 489 Seiten geführt. Dieses Buch gehört wegen diesen Gründen in jede Bibliothek jedes Musikfreundes. Es ist nicht nur ein echter Hingucker, sondern auch ein sehr informatives Nachschlagewerk für Menschen, die Spaß am Schmökern haben. Ein dickes Ding, eben.

 

75 Years of Capitol Records

Reuel GoldenBarney Hoskyns
Hardcover, 33 x 33 cm, 492 Seiten

ISBN 978-3-8365-6447-2
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch

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