Rheinländische Avantgarde – Wie der Sammler Wolfgang Hahn den Blick auf die Kunst veränderte

Von Daniel Thalheim

 

„Kunst ins Leben“ war in den 60er-Jahren ein Schlagwort. Um sich von einer überholten Malereitradition zu distanzieren verwendeten Künstler Alltagsgegenstände, Texte und Partituren anstatt klassischer Malerei und Bildhauerei zu frönen. Derzeit findet im Museum für Moderne Kunst der Stiftung Ludwig (MuMoK) eine spannende Ausstellung statt, die diese Avantgarde beleuchtet. Wer hätte das gedacht, dass das Rheinland ganz vorne mitmischte. Die Sammlung Wolfgang Hahn demonstriert, wie kühn und mutig die damaligen Künstler die Vorstellungen von Kunst aufrollten und umkehrten. Der Sammler half mit seiner Unterstützung für junge Künstler, dass die Kunstgeschichte neu geschrieben werden musste.

Die Avantgarden der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts dürfte unseren Blick auf die Welt der Kunst genauso verändert haben, wie die Impressionisten Frankreichs der 1860er und 1870er es taten, oder die frühen Avantgardisten der Jahrhundertwende bis weit in die Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein. Es war die Zeit der Modernen, wo unterschiedliche Epochenbegriffe aufeinander prallten und nebeneinander existierten. „In den 1960er-Jahren bildete sich im Rheinland eine Avantgardebewegung, die die Grenzen der Kunstdisziplinen durchbrach und sich vom Althergebrachten distanzierte“, teilt das Museum für Moderne Kunst (MuMoK) mit. „Aus Nouveau Réalisme, Fluxus und der neuen Musik war eine international vernetzte Generation von Künstler_innen zusammengekommen.“

Joseph Beuys Tür, 1954–1956 Verbrannte Holztür, darauf montiert Reiherschädel und Hasenohren / Burnt wooden door, mounted heron skull and rabbit ears 210 x 108 x 10 cm mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln / Former Hahn Collection, Cologne, erworben / acquired 1978 Photo: mumok © Bildrecht Wien, 2017
Joseph Beuys Tür, 1954–1956 Verbrannte Holztür, darauf montiert Reiherschädel und Hasenohren / Burnt wooden door, mounted heron skull and rabbit ears 210 x 108 x 10 cm mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln / Former Hahn Collection, Cologne, erworben / acquired 1978 Photo: mumok © Bildrecht Wien, 2017

Natürlich traf die Kunst den Puls der Zeit als Popmusik (Beatles, The Rolling Stones, Bob Dylan, Kinks, The Who) die Welt eroberte und mitten im Kalten Krieg die junge Generation aufmüpfig wurde: Friedensbewegung, Hippiekultur, Umweltschutz. Auch die Kunstavantgarden der Sechzigerjahre lehnten sich gegen bestehende Verhältnisse auf. Die Kunst wurde freier. Der akademische Duktus verschwand weitestgehend aus den Akademien.

Diese Kunst fand auch ihre Sammler. Einer unter ihnen war Wolfgang Hahn (1924 – 1987), der Chefrestaurator des Wallraf-Richartz-Museum in Köln. 2017 feierte das Wallraf-Richartz-Museum ihren Restaurator mit einer umfangreichen Ausstellung und beschreibt, wie Hahn sich die junge Kunst vom Munde absparte. 1968 wurde eine erste Sammlungsschau veranstaltet. Der Sammler Peter Ludwig (1925 – 1996) wurde auf die neuen Kunstwerke und ihre Erschaffer aufmerksam. Noch heute wird darüber diskutiert, wer wen beeinflusste. 1978 kam die Sammlung Hahn mit rund 400 Werken nach Wien, wo sie heute eine der Kernsammlungen des MuMoK bildet. Der Name Wolfgang Hahn blieb geisterhaft im Hintergrund stehen.

Mit der Ausstellung „Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre“ holt das MuMoK nun die Sammlung in ihren Hauptwerken wieder ans Licht der Öffentlichkeit, beginnend mit verbrannten Tür von Joseph Beuys bis zu Wolf Vostells Aktionsobjekten. Ihre Werke sind diesem erweiterten Kunstbegriff „Kunst ins Leben!“ verpflichtet, führten ihn gewissermaßen ein und erweiterten ihn. Happenings, Aktionen und Aufführungen neuer Musik sind mit Werken von Allan Kaprow (1927 – 2006), Nam June Paik (1932 – 2006) oder John Cage (1912 – 1992) unmittelbar miteinander verbunden. Herausragende Positionen der Pop Art von George Segal (1924 – 2000), Claes Oldenburg (*1929) oder Tom Wesselman (1931 – 2004) stehen in der Ausstellung im Diskurs mit Materialbildern aus dem Nouveau Réalisme, der mit Daniel Spoerri (*1930), Jean Tinguely (1925 – 1991) oder Niki de Saint Phalle (1930 – 2002) einen Schwerpunkt der Sammlung bildet. Hahns Abendmahl ist das legendäre Hauptwerk davon, das Spoerri 1964 im Hause Hahn veranstaltete, und ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.

 

Kunst ins Leben!

Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre


Freitag, 10. November 2017 bis Sonntag, 24. Juni 2018

In Würde jung geblieben: Ein Buch feiert 75 Jahre Capitol Records

Wer an Pop-Kultur denkt, beginnt seinen Faden unweigerlich bei der Punk- und Disco-Szene von New York Mitte bis Ende der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts und dort, wo Pop-Art-Künstler Andy Warhol seine Finger, bzw. seine Banane mit im Spiel hatte. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Prachtband über die Geschichte der US-amerikanischen Plattenfirma Capitol Records.

75 Jahre – gerafft und gestrafft

„75 Jahre Capitol Records“ – ein Dreivierteljahrhundert Musikgeschichte. Das beeindruckt. Dieser dicke Wälzer zeigt, dass die Pop-Kultur ihre Wurzeln in der Rhythm-und-Blues-Szene und im Jazz hat und dass der Name Capitol Records eng mit der Entwicklung der Popmusik verknüpft ist. Der Standort von Pop in Amerika war und ist, wenn es nach Capitol Records geht, nie in New York gewesen, sondern befand sich in der Nähe des Sunset Strip Boulevards – in Hollywood. Man darf auch nicht vergessen, dass Firmen wie RCA, CBS und Columbia ebenfalls ganz vorn mitmischten und immer noch dick im Geschäft sind.

75 Years of Capitol Records (TASCHEN 2016)
75 Years of Capitol Records (TASCHEN 2016)

Capitol Records – dieser Name klingt wie eine waschechte US-amerikanische Marke, wie Chevrolet und Dodge, Süßgetränken wie Coca Cola sowie Pepsi und doch irgendwie Fast-Food wie McDonald’s. Dieser im Namen und Firmenlogo offensichtlich drapierte Verweis auf das Capitol-Gebäude in Washington springt förmlich ins Auge – Capitol Records ist Amerika. Das klingt nach Weite, Klasse, Größe und – nun ja – auch nach Schmutz unter den Fingernägeln. Wer Musiker ist, kennt die Assoziation eines Aufnahmestudios mit der Geschichte, die darin sich eingeschrieben hat. Und diese Geschichte begann in Los Angeles im Jahr 1942. Es waren keine zwei Monate nach dem japanischen Angriff auf den US-amerikanischen Flottenstützpunkt im Pazifik, Pearl Harbor, vergangen, und die USA in den Zweiten Weltkrieg taumeln ließ, als drei Männer in einem Restaurant auf die Idee kamen, für den US-amerikanischen Markt eigene Platten zu produzieren. Es waren Johnny Mercer, ein Musiker aus den Südstaaten, dem Musik-Fan Glenn Wallichs und Filmproduzent „Buddy“ DaSylva. Zunächst unter dem Stern „Liberty Records“ geboren, wurde der Name rasch in „Capitol Records“ umgeändert – und mit der Kuppel des Capitol in Washington D.C. versehen – von Anfang an sahen die Gründer der Plattenverlegerfirma in ihrem Vorhaben ein Viersterne-Unternehmen.  Auf dem Programm: Hillbilly-Western-Musik, Blues, Swing und Jazz. Capitol Records avancierte schnell zu einem der Marktführer und von Großfirmen unabhängigen Entdeckerschmiede in den USA.

Ein dickes Ding

Um eben jene turbulente Geschichte festzuhalten und zu beschreiben, entstand ein voluminöser Fotoband vom Format eines Plattenspielers. Der Buchdeckel ist wie eine goldene Schallplatte gestaltet, die Capitol Records sich selbst verliehen haben könnte. Ein in vergoldet erscheinender Leineneinband eröffnet den Reigen von Musikern, die in einem Dreivierteljahrhundert im Aufnahmeturm von Capitol Records ihre Schallplatten auf Magnetbänder sowie Bity & Bytes bannten. Namen wie Billy Holliday, Ella Mae Morse, Nat King Cole, Dean Martin und der von Clumbia-Records gewechselte Frank Sinatra sind mit den Gründungstagen von Capitol-Records untrennbar verbunden. Mit EMI besaß Capitol Records einen wichtigen Partner und vertrieb so auch Alben europäischer Künstler in den USA.

Später kamen Namen wie The Beach Boys, Phil Spector, The Beatles, Led Zeppelin, Tina Turner, Duran Duran, Bob Seger, Steve Miller, MC Hammer, George Clinton, Cocteau Twins, Crowded House, The Beastie Boys, The Foo Fighters, Blind Melon, Radiohead, Grace Jones, Coldplay, Iron Maiden, W.A.S.P., Poison, Megadeth, Great White und Kraftwerk hinzu. Der Fokus von Capitol Records lag schon längst nicht mehr auf allein US-amerikanische Talente, auch aus Europa wurde Musik importiert.

Capitol Records entwickelte sich schnell zu einer Schmiede des individuell erscheinenden Massengeschmacks und ist heute nicht mehr wegzudenken. Dieser Prachtband macht wieder Lust, sich mit den Künstlern einer Plattenfirma zu beschäftigen und auch so den Sound zu entdecken, der viele Alben so unverwechselbar macht. Begleitet wird der Brocken von eindrucksvoll geschriebenen und recherchierten Texten und einem Anhang von den besten Plattencovern aus der Geschichte dieses Unternehmens. Das macht es auch leichter, selbst im Plattenladen seines Vertrauens auf die eigene Zeitreise zu gehen.

Außerdem erfährt man mit Kurzbiografien, wer für Capitol Records als Fotograf gearbeitet hat und wird anhand eines Namen- und Schlagwortverzeichnis zielsicher durch 489 Seiten geführt. Dieses Buch gehört wegen diesen Gründen in jede Bibliothek jedes Musikfreundes. Es ist nicht nur ein echter Hingucker, sondern auch ein sehr informatives Nachschlagewerk für Menschen, die Spaß am Schmökern haben. Ein dickes Ding, eben.

 

75 Years of Capitol Records

Reuel GoldenBarney Hoskyns
Hardcover, 33 x 33 cm, 492 Seiten

ISBN 978-3-8365-6447-2
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch

Wider die Selfie-Kultur – Inka Perl hinterfragt das Leben zwischen zwei Aktendeckeln

 

Die Leipziger Künstlerin Inka Perl (Foto: ARTEFAKTE)
Die Leipziger Künstlerin Inka Perl (Foto: ARTEFAKTE)

Das Gefühl kennt jeder. Das Leben scheint von der Wiege bis zur Bahre von bürokratischen Regeln fremdbestimmt zu sein. Eine Leipziger Künstlerin veranschaulicht dieses Gefühl mit ihren jüngsten Arbeiten, die sie noch bis zum 1. Juli in im „Inter Disciplinary Shop“ auf dem Alten Baumwollspinnereigelände gezeigt hat. Ihr gelingt mit ihren neuen Arbeiten auch der Kniff, die grassierende Selfie-Kultur zu hinterfragen.

Der Weg zur „Inter Disciplinary Shop“-Galerie ist wegen des alten Kopfsteinpflasters auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei beschwerlich. Der Ort sprüht geradezu vor Authentizität. Der spröde Charme der Industriekultur des späten 19 und des 20. Jahrhunderts ist in den Galerie- und Atelierräumen noch spürbar. Wer würde aber angesichts der schweren Stahltüren, hohen Gussfenster, den fleckigen Decken an Internet und Selfie-Kult denken? Dass Menschen auch anders arbeiten und gestalten konnten, ist überall noch erkennbar. Diese Zeugnisse der vergangenen Industriewelt zeigen, dass dieser Platz laut, dreckig und trist war. So auch die Halle 10 gegenüber dem Komplex, wo u.a. „maerzgalerie“ und „eigen+art“ untergebracht sind. Wo es einst grau und öde war, ist es jetzt farbenfroh auf weißem Grund.

Wer den holprigen Weg in Richtung Alte Salzstraße entlang geht, entdeckt weitere Kunsträume. Neben der Galerie „The Grass Is Greener“ befindet sich ein weiterer Ort für die Kunst. Der „Inter Disciplinary Shop“ ist nicht jedem ein Begriff, obwohl es ihn schon einige Zeit gibt. Der Raum ist auch keine Galerie im eigentlichen Sinn. Viel eher sehen seine Betreiber ihren „Shop“ als Refugium für Hybridprojekte der Angewandten und Bildenden Künste. Im „Inter-Disciplinary-Shop“ können Designer, Künstler und Wissenschaftler an gemeinsamen Projekten arbeiten, die in Ausstellungen münden. Das ist bei der am 1. Juli geendeten Ausstellung „Gott spielen“ anders gewesen. Diese Kunstschau von Objekten war ein gemeinsames Anliegen des Designers Stefan Höllobler, der Medienkünstlerin Inka Perl und der Künstlerin Joanna Grzybek. Dabei spielte neben dem Thema auch der Umgang mit Stoff als netzwerkbildendes Element eine wichtige Rolle. Aus Sicht der Ausstellungsmacher war die Verknüpfung des einstigen Industriestandorts für die Gewebeproduktion mit dem heutigen feinen Geflecht aus Künstlern, Gewerbetreibenden und Galerien auch ausschlaggebend für das Spannungsfeld der Ausstellung.

Die Leipzigerin Inka Perl beschäftigt sich seit langem mit dem Ich in der Welt. Diese Frage hat sie bereits in mehreren Ausstellungen zu beantworten versucht. Was für den einen „schillernde Denkobjekte“ sind, ist für den anderen die Beschäftigung mit dem sakralen Aspekt im profanen Kontext. Inka Perl bedient sich seit ihrem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst von der Formensprache christlich geprägter Kunst – Altäre, Ikonen, Reliquiare. Für ihre Arbeiten sammelt und setzt sie Dinge, die sie findet, zusammen und verblüfft so den Betrachter mit ihren Objektcollagen aufgrund ihrer Vielschichtigkeit und ihres augenzwinkernden Witzes.

Die Leipziger Künstlerin Inka Perl hebt u.a. das "Selfie" in das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. (Foto: ARTEFAKTE)
Die Leipziger Künstlerin Inka Perl hebt u.a. das „Selfie“ in das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. (Foto: ARTEFAKTE)

Bei der Ausstellung „Gott spielen“ setzte sie sich zusammen mit Stefan Höllobler und Joanna Grzybek mit der Frage nach Voyeurismus und Individualität in der heutigen Gesellschaft auseinander. Für Inka Perl spielt dabei das „Selfie“ eine große Rolle. Denn heutzutage wird das eigene Leben im World Wide Web ausgebreitet – und das kann mitunter ziemlich banal sein.

Mit ihrer Objektreihe „Selfies“ hinterfragte die Künstlerin dieses Entblößen des Privatlebens im öffentlichen Raum und bot dem Betrachter eine eigene Sicht an – im öffentlichen Raum. Sie lieferte in ihren „Guckkästen“ ein Kaleidoskop privater Einblicke. „In ihrer äußeren Form erinnern sie an Büroordner. In ihnen sind phantastische Räume zu sehen, durch welche ich meine Innenwelten darzustellen versuche“, erklärt sie ihre neuen Arbeiten.

Ihre „Reliquiare“ sollen demnach den Selfie-Wahn auf die Schippe nehmen. Die technologischen Möglichkeiten, hinter denen machtvolle wirtschaftliche Interessen stehen, begünstigten eine Entwicklung, die auch sie mit Sorge betrachtet. Mit der Massenveröffentlichungen von Selfies im Internet ginge auch ein Verfall des künstlerischen Wertes eines Bildes einher, meint sie. Dadurch verlöre das Werk seine Einmaligkeit. Als Gegenposition zur im Internet grassierenden Selbstentblößungskultur schwebten ihre „Selfies“ als einmalige Objekte im Raum, sozusagen „ge-uploaded“ in einer analogen „Cloud“.

Inka Perl brachte noch eine weitere Sichtweise in ihre Arbeiten mit ein. Sie blickte zu ihren Arbeiten und erzählte, dass sie das Leben eines Menschen zwischen zwei Bürokladden organisiert sieht. Bilanzen, Zahlen, Verwaltung, Formulare – für die Künstlerin nicht unbedingt das, was als Leben bezeichnen sollte. Dennoch würden sich Menschen im bürokratisch geregelten Leben gemütlich machen, und so von der Wiege bis zur Bahre im geregelten Tagesablauf der Wirtschaftswelt bis zur Abnutzung „funktionieren“. Die individuelle Freiheit bekäme so eine überschaubare Grenze gesetzt. Oder setzen die Menschen ihre Grenzen selbst und engen sie sich mitunter ein?

Im Fehler liegt die Kunst – Medienkünstlerin Mimi Vanderhoff verfremdet Bits & Bytes

Seit Jahren wird von einem Trend in der Kunst gesprochen. Glitch Art heißt der handwerkliche Kniff, aus Software-Fehlern von Kameras, Receivern, Fernsehern und Smartphones etwas künstlerisches zu machen. manchmal hilft der Zufall nach, manchmal der Künstler. In Leipzig scheint das Werkeln mit dem Fehler auch Fuß zu fassen.

Die Kunst der Zwischentöne

„Statt des Pinsels schwinge ich die Maus.“ Mimi Vanderhoff entdeckte vor Jahren als Mediengestalterin die Kunst am Computer. Für sie ist der PC mehr als nur ein Arbeitsmittel – er ist auch Werkstoff und öffentlicher Raum. Mit dem Computer gestaltet sie Bilder, die sie Online ausstellt. Das hört sich zunächst banal an, ist es aber nicht.

Früh entdeckte sie, dass gerade der Zufall sehr interessante Bilder hervorbringen kann. „Ohne Fehler keine Kunst“, sagt sie lachend. Ihr sei durchaus bewusst, dass die Kunst für Jedermann, wie sie sagt, durchaus auch als beliebig und „minderwertig“ angesehen wird. Dabei nutzt sie, wie viele andere tausende Künstler vor den Bildschirmen, neue Werkzeuge anstelle von Palette, Pinsel und Farbe. Mithilfe eines Fotoapparates fing die Künstlerin verpixelte und farbig auseinanderfallende Bilder eines defekten TV-Receivers am Fernsehbildschirm ein. So entstanden abstrakte Momentaufnahmen. Bald änderte sich ihr Anspruch. Als Medienkünstlerin wollte sie aber nichts dem Zufall überlassen. Bald arbeitete sie gezielt mit den Effekten, die die digitale Welt ausspuckt, griff in die Motive ein und schuf ganz neue Arbeiten. „Es gibt verschiedene Wege, die zur Kunst führen“, sagt sie und weist auf die mannigfaltigen Techniken hin, die die Medienwelt bereit hält, um daraus etwas künstlerisches schaffen zu können.

Mimi Vanderhoff, Lucky Look, Digi Art, 2016.
Mimi Vanderhoff, Lucky Look, Digi Art, 2016.

Ein frisches Medium

Dass die Künstlerin etwas kreierte, was anderswo „Glitch Art“ genannt wird, ist ihr erst durch einen TV-Beitrag bewusst geworden. Im Internet entdeckte sie, wie mannigfaltig diese Art des Kunstschaffens ist und konnte so ihre eigenen Techniken verfeinern und erweitern. Sie erfuhr durch ihre weitere Beschäftigung mit dem als Trend bezeichneten Kunstgriff auch, dass „Glitch Art“ seine frühen Wurzeln in der Entstehung der Fotografie und des Film im frühen 20. Jahrhundert hat. Auch in der Musik wird „ge-glitcht“. Im übertragenen Sinn hat das britische Elektro-Duo Autechre bereits um 1990 mit Aufnahme- und Verfremdungstechniken gearbeitet, die Töne auseinanderfallen, aber neu zusammen gepuzzelt, ganz neue Zwischentöne zum Vorschein kommen ließen. Als Trend sieht sie den Umgang mit digitalen Bildern, wie ihre es sind, nicht. „Glitch, bzw. Digi Art ist für mich schon eine Kunstgattung, wie Malerei oder Grafik“, betont sie. „Auch für meine Arbeiten benötige ich handwerkliches Geschick, wie man es bspw. von einem Maler abverlangen würde. Nur mit dem Unterschied, dass Computerkunst ein – verglichen mit Ölmalerei und Radierung – ein noch recht frisches Medium ist.“

Sie fügt hinzu, dass ihre Kunst – im Gegensatz zu ihrer Arbeitsweise vor drei Jahren – sich weiterentwickelt hat. Sie bildet  viel stärker in ihren Bildern Räume und Geschichten heraus, und lässt so die Ästhetik, anders als bei der Glitch Art,  nicht frei laufen laufen. Und irgendwie, so meint die Künstlerin, sei Glitch Art im Prinzip das, was Künstler wie Andy Warhol und Josef Beuys schon früher gesagt haben: Kunst kann jeder machen. Im Zeitalter der digitalen Revolution sei dies nun endlich möglich. Der Weg zum Drucker sei auch nicht weit, sagt sie abschließend. Haptik sei trotz der digitalen Medien nicht vorbei. Im Gegenteil: unser Sehen und Begreifen der Umwelt würden durch moderne Bildmedien eher erweitert. Dass dies schon andere Künstler so begriffen hätten, zeigen Arbeiten von Gerhard Richter, Marc Lüders und Daniel Richter.

Glitch – Herkunft und Zukunft

Aus einer technischen Panne wird Kunst. Der Begriff „Glitch“ wurde 1962 vom US-amerikanischen Raumfahrer John Glenn im Zusammenhang mit elektrischen Spannungsänderungen in die Welt gesetzt. In der Medienkunst tauchten Pannen in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf. Jamie Fenton und Paul Zaritsky arbeiteten mit Audioverfremdungen in einem Video namens „Digital TV Dinner“ von 1978. Doch schon 1935 soll es eine Farbbox gegeben haben, die Farben verfremden konnte. So zumindest stellte es Rosa Menkman in ihrem „Glitch Studies Manifest“ dar. Pannenbilder sind also keine Seltenheit oder eine zufällige Spielart. Schon früh beschäftigten sich Künstler wie Len Lye, Nam June Paik und Cory Archangel mit dem digitalen oder auch mechanischen Rauschen in den Bildern.

Im musikalischen Bereich steht „Glitch“ für experimentellen Lärm. Musikprojekte wie Autechre und Aphex Twin sind die namhaftesten unter den Experimentalmusikern, die mit elektronischen Verfremdungen arbeiten. In der Bildenden Kunst wurde die digitale Panne seit den Neunziger Jahren vermehrt in den Fokus verschiedener künstlerischer Arbeiten gerückt. Das führte zu Konferenzen, Workshops, Vorträge, Podiumsdiskussionen und Performances – und natürlich mit der zunehmenden Digitalisierung der privaten Welt durch Smartphones, Tablets und Computerprogrammen zu einer Flut von Glitch Art. Das bewusste Verändern von elektronischen Informationen wird mithilfe von Computerprogrammen oder durch mechanische Einwirkung auf Festplatten unternommen und „data bending“ genannt. Auch das Eingreifen in Bildinformationen zählt unter „Glitch“, wenn im RichText die Rohdaten durch den Künstler manipuliert und verändert werden. Ziel ist es, das ursprüngliche Bild so stark zu verfremden, das daraus etwas Neues entsteht.

Auf Portalen wie „Artflakes“ kann man u.a. Glitch-Art-Werke entdecken. Die Arbeit am Computer macht es einfach, die eigne Kunst mit Hilfe von Verkaufsportalen zu vermarkten. Das klassische Ausstellungsprinzip einer Galerie wird so ins Internet verschoben. Zwar verlieren durch die unendliche Vervielfältigungen von Kunstwerken die Arbeiten ihre Einmaligkeit, aber nur so können die Künstler ihre Bilder direkt an die Käufer bringen. Diese Art der Vermarktung könnte so auch für klassisch arbeitende Künstler und Galerien eine Zukunft bedeuten und so für niedrige Preise klassische Grafiken und Gemälde als Posterdrucke an Mann und Frau zu bringen und vielleicht Interesse für traditionell hergestellte Kunstwerke zu wecken. Für Glitch-Art-Bilder könnte der umgekehrte Weg in die Galerie auch eine Beschäftigung der Künstler mit den traditionellen Techniken bedeuten. So könnte eine neue künstlerische Technik althergebrachte Herangehensweisen befruchten.

 

Hier geht es zur Webseite und zum Webshop von Mimi Vanderhoff

In anderen Sphären: Major Tom hat die Erde verlassen

David Bowie als Thin White Duke 1976 (Foto: davidbowie.com/Press)
David Bowie als Thin White Duke 1976 (Foto: davidbowie.com/Press)

Er ist eine Musiklegende. Das war David Bowie schon zu Lebzeiten. Am 10. Januar verstarb der 69-jährige im Kreise seiner Familie an einem langen Krebsleiden, zwei Tage nach seinem Geburtstag und der Veröffentlichung von „Blackstar“ – seinem letzten musikalischen Werk.

Major Tom ist entflogen

Er schuf seit dem Erscheinen von „Space Odditiy“ ausschließlich Welthits. Von „Changes“ über „Litte Wonder“ bis „Where Are We Now“ wechselte Bowie seine Musik wie seine Outfits. Am Sonntag verstarb der „Thin White Duke“, wie sein Musikkollege Lemmy Kilmister einige Tage zuvor – ebenfalls kurz nach seinem Geburtstag -, an Krebs. Sein Sohn Duncan Jones bestätigte die Todesnachricht via Twitter nachdem auf Facebook die Meldung auf Bowies Homepage erschien. Kurz darauf veröffentlichten viele Musiker, Fans und Englands Premier David Cameron Kondolenzen via Twitter und Facebook.

Rock-Superstar und Pop-Chamäleon

Als Bowie die Bühne des Welterfolges betrat assoziierte man ihn mit „Major Tom“. Der auf der Erde gestrandete Weltraumspaziergänger, der in dem Song „Space Oddity“ auftauchte wurde mit David Bowie gleichgesetzt. Sein Äußeres – strubbeliges rotes Haar, die unterschiedlichen Pupillen und die befremdlich wirkende Attitüde machten ihn zum „Alien“ unter den Normalsterblichen.
Bowie erfand sich seit 1969 immer wieder neu – begleitet von sonderlich erscheinenden Studioaufnahmen, die aber immer wieder Welthits abwarfen. In den Siebzigern schuf der Verwandlungskünstler Glamrock-Alben wie „Aladdin Sane“ und „Ziggy Stardust“, wandte sich Ende der Siebziger der Avantgarde während seines Aufenthaltes in West-Berlin zu. Ergebnis war die Berlin-Trilogy aus „Low“, „Heroes“ und „Lodger“, die 2013 durch den Schaffensrückblick in Form von „The Next Day“ zu einem Vierteiler vervollkommnet wurde.
In den Achtziger Jahren warf sich das Chamäleon in eine Popschale und feierte mit dem vom Musiker Iggy Pop entliehenen „China Girl“ sowie mit „Modern Love“ und „Let’s Dance“ seine größten kommerziellen Erfolge.
Doch immer wieder zog es den Künstler in die Avantgarde. Es entstanden so umstrittene, weil auf Anti-Kommerzialität gebürstete, Alben mit seiner Band Tin Machine oder das bei Kritikern völlig zu Unrecht verissene Post-Jazz-Werk „Black Tie White Noise“. In den Neunzigern rannte Bowie bei den Alben „Outside“ (1995) und „Earthling“ (1997) Trends wie Drum’n’Bass hinterher. Der Mann, der eher dafür bekannt war, Trends zu setzen, ließ sich von jungen Musikern der nächsten Generation beeinflussen.

Seine Rückbesinnung auf alte Tugenden setzte mit dem 1999 erschienenen Studiowerk „Hours…“ ein, entwickelte sich über „Heathen“ (2002), „Reality“ (2003) und „The Next Day“ (2013) fort. „Blackstar“, welches an seinem 69. Geburtstag am 8. Januar 2016 erschien, widmete sich dem Jazz. Den Musikern ließ er, einem dem „Rolling Stone“-Magazin gegebenen Interview des Saxophonisten Donny McCaslin zufolge, freie Bahn („Spielt Jazz!“). Der Sänger selbst zog sich jedoch schon seit seinem Herzinfarkt 2003 immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück, gab im Rahmen seiner jüngsten Albumveröffentlichung keine Interviews mehr.
Man konnte nur ahnen, dass mit David Bowie etwas nicht stimmte. Keyboarder Jason Lindner erinnert sich jedoch, dass Bowie „sehr normal“ war und wie ein Gentleman gekleidet zu den Aufnahmen von „Blackstar“ ins Studio kam. „Aber als er den ersten Take sang, da hat es mich umgehauen – was für eine Stimme!“
Die Vorbereitungen für „Blackstar“ begannen bereits im Sommer 2014. Richtig konkret wurde es mit Bowies Zusage im Dezember 2014. Damals musste schon klar gewesen sein, dass der Sänger an Krebs erkrankt war. Mit „Blackstar“ unternahm das Pop-Chamäleon noch einen letzten Hakenschlag, überraschte Kritiker wie auch Fans mit seiner neuen Liedersammlung – als ob er es noch einmal wissen wollte. Angekündigt wurde die Kehrtwende weg vom Rock’n’Roll mit dem Stück „Sue“ auf der 2014 Compilation „Nothing Has Changed“. Sein letztes Lebenszeichen wird daher wohl immer unter dem Stern seiner Erkrankung und seinen jähen Tod stehen.

Bowies Wirken als Schauspieler

Seine künstlerische Sozialisierung begann schon in den Sechziger Jahren. Bowies Eltern brachten ihm Rock’n’Roll nahe. Davids Bruder Terry führte ihn an Jazz und US-Beat-Poeten heran. Bereits als Teenager war Bowie in einigen Schülerbands aktiv und begann 1964 seinen ersten Gehversuch mit einer Solo-Aufnahme, die allerdings floppte. Den Kontakt zur Schauspielerei fand Bowie zunächst einmal beim britischen Pantomime-Künstler Lindsay Kemp. Von ihm stammt auch wahrscheinlich der Einfluss für Bowies spätere Bühnenshows und dessen extravagantes Auftreten. Sein Image beeinflusste so verschiedene Musiker v.a. in der Wave-Szene. Leute wie Steve Strange („Visage“) und Morrissey beriefen sich auf ihn – ebenso die US-amerikanische Sängerin Madonna.
Weniger Eindruck hinterließ der „Thin White Duke“ als Schauspieler. Normale Typen zu spielen stand nicht auf seiner „Speisekarte“. Bowie tauchte seit den Siebzigern in verschiedenen Theater-, TV- und Kinoproduktionen meist in Nebenrollen auf. Bekannt wurde er durch seine Rolle in dem 1975 erschienenen Streifen „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Der Musiker betonte später, dass er in dem Film lediglich sich selbst gespielt hätte. Seine schauspielerische Leistung wurde von Kritikern als beste beschrieben, obwohl Bowie eigentlich keinerlei Erfahrung mit professioneller Schauspielerei besaß. Seine Rolle als Koboldkönig im cineastischen Fantasy-Werk „Die Reise ins Labyrinth“ blieb eher unbeachtet. Seine Interpretation als Andy Warhol im 1996 publizierten Künstlerfilm „Basquiat“ fand ein breiteres Publikum. Ansonsten beließ Bowie, der sich doch mehr als Musiker sah, seine schauspielerische Leistung in Kurzauftritten, wie im Prequel der TV-Serie „Twin Peaks“. In Martin Scorseses Film „Die letzte Versuchung Christi“ war Bowie neben Willem Dafoe und Harvey Keitel als Pontius Pilatus zu sehen. Relativ unbekannt war seine Rolle im Streifen „Houdini & Company“ an der Seite von Rosanna Arquette. Als Physiker Nikola Tesla tauchte Bowie in dem Film „Prestige – Die Meister der Magie“ auf.

Das malerische Schaffen des „Alien“

Weitaus unbekannter als sein musikalisches und schauspielerisches Werk ist Bowies Wirken als Maler und Grafiker. Seit Anfang der Siebziger Jahre widmete er einen Teil seines Lebens der Kunst. In den Neunziger Jahren tauchte er als bildender Künstler auf, stellte grafische und malerische Arbeiten vor, die irgendwo zwischen Neuer Sachlichkeit, Dada! und Pop Art einzuordnen sind. Seine Arbeiten sind vorwiegend als Drucke erhältlich. Früh arbeitete „Major Tom“ mit digitalen Medien und mit am Computer geschaffenen Collagenbildern. Diese druckte er auf Leinwand, verfremdete und überarbeitete sie noch mit Öl- und Acryfarbe. Die meisten seiner Arbeiten entstanden in einer Schaffensperiode von 1994 bis 1997. Er arbeitete auch mit Kohle, Edding und Druckgrafik.
Viele seiner Arbeiten wurden u.a. in der Schweiz (Daniel Blaise Thorens Gallery, Basel), in The Gallery oder auch im Royal College of Art in London gezeigt. Sein frühestes bekanntes Werk ist „My Mate Den“ aus dem Jahr 1965 – eine Bleistiftskizze von Bowies damaligen Gitarristen Denis Taylor.
Welche künstlerischen Schätze noch auf die Nachwelt warten, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Wahrscheinlich ist, dass die bereits auf dem Kunstmarkt erhältlichen Nachdrucke seiner Arbeiten kommerziell vermarket werden, Sammler bald hohe Summen für die bereits erworbenen Arbeiten verlangen könnten. Das ist wohl immer so, wenn ein Künstler verstirbt – sein Marktwert schnellt nach seinem Tod in die Höhe. Wahrscheinlich wird auch ein Run auf sein musikalisches Schaffen einsetzen, frühere Alben wieder in den Charts auftauchen. Und es ist auch nicht so, dass Bowie zu Lebzeiten darben musste – sein Vermögen wurde auf 900 Mio. Euro geschätzt.