Wende im Westwerk: Verschlingt Kommerz die Kunst?

Heiligenfigur von Messieurs Demotte
Heiligenfigur von Messieurs Demotte „Trisomic JC ist not a Superstar“ in einer Westpol-Ausstellung von 2016, 2016 (Foto: ARTEFAKTE 2016)

2007 entstand auf dem 16.000 m²-Gelände des ehemaligen VEB Industrieamaturenwerkes vom Leipziger Designer und Kaufmann Falk Röhner das „Westwerk“ als Kunst- und Kulturzentrum im Leipziger Westen. Nach der Zeit des Leerstands und der partiellen industriell genutzten Zwischenlösungen seit Mitte der Neunzigerjahre fanden in der „Industriekathedrale“ des sogenannten Neuen Bauens Künstler, Offspaces und Kulturveranstaltungen verschiedenster Ausrichtungen ihre Heimat.

Steht das Westwerk vor dem Aus als Kulturzentrum im Leipziger Westen?

2017 ist es nach Ansicht vieler Betroffenen mit dem Kulturaushängeschild vorbei. Das Verwittern begann nicht plötzlich, wie es mit dem einvernehmlichen Auszug des Off Space „Westpol“ den Anschein hatte. Mehreren Künstlern, die auf der oberen Ebene arbeiteten, erging es genauso. Einige Jahre zuvor verlor die „essential existence gallery“ ihr Domizil. Am 25. Januar dieses Jahres verkündete das „sublab“ sein Aus im Westwerk.

Im Zusammenhang der nun erfolgten Kündigungswelle erschien eine Initiative auf dem Plan, die gegen die Umwandlung Kritik übt. Das Weblog „Der Westen wehrt sich“ startet einen Aufruf, sich gegen das Vorhaben den Privateigentümers des Westwerks zu wehren, aus dem Kunst- und Kulturort ein Einkaufszentrum mit Parkhaus zu schaffen.

Was im vergangenen Jahr begann, geht nun in eine weitere Runde. „Auch alle anderen NutzerInnen wurden mit drastischen Kostenerhöhungen konfrontiert“, heißt es auf der Aufruf-Seite. „Der Hackerspace SubLab und andere Mietparteien fühlen sich um ihre Räumlichkeiten bedroht.“
Außerdem soll der Einzug der Leipziger Einkaufsmarktkette „Konsum“ im Gespräch sein. Der Parkplatz hinter dem A-Eingang soll ein Parkhaus werden. Das Vorhaben wäre aus Sicht der Westwerk-Intiativgruppe das Standort-Aus für den dort ansässigen Spätverkauf. „Die Umnutzung des Westwerks von einem einzigartigen Kulturraum zu einem schnöden Kommerzzentrum, ist Teil der besorgniserregenden Entwicklung in Plagwitz & Lindenau: Die Wohnungspreise explodieren und diejenigen die einst den Mythos Hypezig erschaffen haben, können sich nun die Wohn- und Arbeitsräume nicht mehr leisten“, kritisiert die bunt gemischte Gruppe von Menschen, die sich gegen diese Entwicklung wehren will.

Mit dieser Entwicklung verlöre das Westwerk seinen Ruf als Kunst- und Kulturzentrum, könnte man mutmaßen. Anstatt im Laufe der vergangenen zehn Jahre gemeinsam mit Galeristen und Kunstschaffenden den Standort weiter zu entwickeln, würde mit den Kündigungen ein unangenehm empfundener Schnitt unternommen.

Peter Sterzing, Verwalter des Westwerks, sieht die Lage nicht so drastisch, wie sie von den Gekündigten und den Initiatoren „Der Westen wehrt sich“ geschildert wird. In einem am 24. Januar in der Online-Version der Leipziger Volkszeitung erschienenen Interview, bekräftigt der Westwerk-Verwalter, dass nur zehn von einhundert Mietern gekündigt wurde. Die Umstrukturierung sei auch notwendig, um die frei werdenden Flächen sanieren zu können. Denn, so müsse man auch wissen, viele der Mieter, brauchten in der Vergangenheit keine Miete zu zahlen. Eine so große Halle, wie der Westpol sie genutzt hatte, brauche auch langfristig einen Mieter, der sie bezahlen könne, so Sterzing weiter im LVZ-Interview. Er verneint den Einzug einer Billardhalle und konkrete Pläne mit der Leipziger Einkaufsmarktkette „Konsum“ sowie die Errichtung eines Parkhauses. Lediglich eine weitere Parkebene sei als Idee formuliert worden. Auch stünden die Ohren seitens des Verwalters für Vorschläge von Künstlern und Kulturschaffenden offen, um, wie er immer wieder bekräftigt, die Vielfalt und Durchmischung des Kunstzentrums zu erhalten. Die Spinnerei besäße ein Callcenter und mehrere kommerziell arbeitende Galerien als Basisfinanzierer, die Betreiber des Felsenkellers holen einen Supermarkt ins Boot, um weiterhin Kulturveranstaltungen leisten zu können, führt Sterzing im LVZ-Interview als Beispiele, wie ein Kulturzentrum weiter geführt kann, ohne komplett einzugehen, an. Dies bekräftigte er im Oktober 2016 auch gegenüber Artefakte im Zusammenhang mit dem Westpol-Auszug.

„Konsum“ kommt – nur wann ist noch ein vages Ziel

Peter Sterzing sagt auch im LVZ-Interview, dass noch keine konkreten Verträge und Absprachen mit künftigen Neumietern existieren. Dass tatsächlich Gespräche, zumindest mit dem „Konsum“-Vorstand, im Gange sind, bestätigt Abteilungsleiter der Marketingkommunikation Konsum Leipzig, Matthias Benz, auf schriftliche Anfrage von Artefakte. „Ja, es laufen Gespräche zur Errichtung einer Konsum Leipzig Filiale im Westwerk Komplex“, heißt es von ihm am 26. Januar. Seit einem Jahr finden die Gespräche darüber statt, dass die Leipziger Einkaufskette in das Westwerk einziehen kann. Die Idee, so Benz, wurde und wird gemeinsam mit den Westwerk-Betreibern entwickelt.

Wo der „Konsum“ einziehen wird, stehe bereits fest. „Sollte es zu einer Filiale kommen, so wird sich diese im Erdgeschoss befinden.“ Doch weder zu einem Zeitfenster, wann der Einzug soweit ist, noch zu den Kosten lässt sich gegenwärtig etwas sagen, teilt der Abteilungsleiter der Konsum-Marketingkommunikation weiterhin mit. Auch Pläne und Bauanträge lägen noch nicht vor.

Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Konsumgenossenschaft Leipzig eG im Jahr 1884 als „Consum-Verein zu Plagwitz und Umgebend“ in unmittelbarer Nähe zum heutigen Westwerk gegründet wurde und eine tiefe Historie dort und in Plagwitz im Allgemeinen besitzt. „So stand es für uns nie zur Diskussion, die Gebäude der Konsumzentrale zu verlassen, obwohl der Konsum Leipzig heute nur noch einen kleinen Teil des Komplexes besetzt. Weiterhin haben wir uns von der Festwiese als Austragungsort unseres Sommerfestes verabschiedet und besinnen uns auch hier auf unsere Herkunft, indem das Fest nun auf dem Innenhof der Konsumzentrale veranstaltet wird. Darüber hinaus pflegen wir u.a. eine enge Kooperation mit dem Verein Wasser-Stadt-Leipzig e.V., welcher am Karl-Heine-Kanal in Plagwitz verortet ist.“

Der neu hinzukommende Standort im Westwerk würde demzufolge auch den Teil der kulturellen und wirtschaftlichen Geschichte, die der „Konsum“ seit 133 Jahren v.a. auch im Leipziger Westen mitträgt und gestaltet, weiterschreiben. „Dass wir bei den Gesprächen zur weiteren Nutzung berücksichtigt werden, freut uns sehr und bestätigt uns in unserer Verbundenheit zu diesem traditionsreichen Stadtteil.“

Zusammenfassung: Zehn von einhundert Mietern wurden die Mietverträge im Westwerk gekündigt. Vornehmlich betrifft die Kündigungswelle die Mieter der obersten Etage, wozu u.a. das Westpol und das sublab-Space gehörten. Die Westwerk-Betreiber wollen das Gebäude Stück für Stück sanieren, wozu aus ihrer Sicht die Kündigungen unumgänglich seien. Man kann zunächst nur darüber spekulieren, dass später auch anderen Mietern gekündigt wird. Doch möchten die Betreiber Kunst- und Kulturschaffende im Westwerk halten. Doch sie müssten, wenn sie dies nicht ohnehin schon machen, Miete zahlen, oder sich zumindest Mieterhöhungen leisten können. Dass ein riesiger Komplex wie das Westwerk auch dauerhaft finanziert werden muss, fordert auch Verständnis für die Situation der Westwerk-Betreiber ab und den Schritt, den sie soeben unternehmen. Denn wäre dies nicht der Fall, stünde der Gesamtkomplex als Kunst- und Kulturzentrum sicherlich vor dem Aus. Das will sicherlich keiner. 

 


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