Salzige Liebeserklärung: Wie Sebastião Salgado sich für Mensch und Umwelt einsetzt

Kann ein Künstler heutzutage noch kritisch sein, ohne eine Multimillionen-Firma im Rücken zu haben? Sebastião Salgado ist so ein Zeitgenosse, der mit geübtem Blick das Elend der Menschen, die Verwüstung der Umwelt und die Schönheit der Natur uns vor Augen führt.

„In „Genesis“ sprach die Natur durch meine Kamera zu mir. Und ich durfte zuhören“, sagt der brasilianische Fotograf über sich selbst und seine Arbeit, die er für dieses Projekt seit 2004 durchführt und in ein Buch münden ließ, das seine Frau konzipierte. 2013 fand dazu eine Ausstellung im Natural History Museum in London statt. „Genesis“ entführt den Leser in die archaische Vulkanlandschaft der Galapagosinseln, zeigt uns die Seelöwen, Kormorane, Pinguine und Wale in der Antarktis und im Südatlantik, die Alligatoren und Jaguare des brasilianischen Urwalds und das Großwild Afrikas. Sebastião Salgados „Liebeserklärung an unseren Planeten“ wird von „Exodus“ flankiert.

fo-salgado_exodus-cover_05315Sebastião Salgados groß angelegte Bilddokumentation ist mittlerweile ein Klassiker zum Thema Migration und Vertreibung geworden. Was „Genesis“ ein groß angelegter Panoramablick auf die Schönheit der Erde ist, gerät bei „Exodus“ zu aufwühlenden Momenten, was wir Menschen aus dem Planten und uns und unseren Zeitgenossen machen: Hunger, Elend, wirtschaftliche Not, Flucht, Vertreibung, Krieg und Tod.

Für „Exodus“, einem von Salgado vielen Großprojekten, bereiste der Fotograf in den Neunzigerjahren die ganze Welt. Er lichtete Menschen ab, die durch Krieg, Völkermord, Unterdrückung, Elend und Hunger gezwungen waren, ihre Heimat aufzugeben und sich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu begeben. Zu sehen sind Flüchtende, Verzweifelte, Tote. Beschrieben wird darin das Elend der Kurden, das Exil der Palästinenser im Libanon, die Not der Afghanen, die Grenzkonflikte zwischen Mexiko und den USA, die vietnamesische Migration, die Reise von Russen nach Amerika, das Flüchtlingsdrama im ehemaligen Jugoslawien, die Not im Süd-Sudan, der Krieg in Ruanda, Konflikte in Südamerika, , das Leben in den Megastädten dieser Erde.

Im direkten Kontrast stehen vom Fotograf eingefangene Momente des Glücks, der menschlichen Wärme und Herzlichkeit.

Das Buch ist damals wie heute brisant und aktuell. Es zeigt die Opfer des globalen Wandels, der globalisierten, sprich: entfesselten, Wirtschaft und das politische Versagen. Beim Anblick der Bilder muss sich jeder fragen, ob er aufgrund seines Wahlverhaltens, seines Konsums und seines Freizeitverhaltens nicht mitschuldig am Elend anderer Menschen sein könnte, Menschen, die man nie in seinem Leben kennenlernen würde, bereiste man nicht selbst jene Länder, die Salgado aufsuchte.

Weit mehr als ein Jahrzehnt ist seit der Veröffentlichung der Erstauflage von „Exodus“ vergangen. Zu den Krisenherden der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts sind neue Konfliktherde hinzugekommen. Zu den Millionen der damals heimatlosen und unbehausten Menschen wuchs die Zahl um weitere Millionen exponentiell.

Das Buch ist ein Balanceakt. Zwischen der Dramatik der Situation und den ästhetischen Ansprüchen an Aufbau und Komposition seiner Bilder führt der Fotograf den Betrachtern einen nicht medial konform gehenden und ungefilterten Prozess globaler Verelendung vor Augen, aus dem sich wohlstandsgenährte und -verwöhnte Europäer und Amerikaner als Akteure im globalen Zusammenspiel ökonomischer und politischer Prozesse nicht mit voyeuristischer Schaulust entziehen können. „Exodus“ ist eine bittere, wenn nicht auch sehr salzige Liebeserklärung an den Mensch, der für den Reichtum weniger alles verliert, was er hat. „Exodus“ ist aber auch gleichzeitig ein Epitaph für das Andenken jener Menschen, die in den Zeitläufen der Geschichte oftmals vergessen werden, worin nur die Herrschenden die Geschichte schreiben wollen. Insofern ist Sebastião Salgado ein Fürsprecher der Verlierer und der Opfer, aber auch gleichzeitig ein Dokumentar und Geschichtsschreiber im Sinne der Kunst. So setzt er sich für die Ungehörten und Ungesehenen ein, die nicht mehr in der Berichterstattung von Presse sowie der privaten und öffentlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten auftauchen.

 

 

Sebastião Salgado. Exodus

Hardcover mit Begleitheft, 24,8 x 33 cm, 432 Seiten

ISBN 978-3-8365-6129-7

Ausgabe: Deutsch

€ 49,99

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