Humorvoll und verfolgt: Subversive Postkartenkunst in der DDR

Robert Rehfeldt, Diese Karte teilt Ihnen meine Gedanken mit. Denken Sie weiter, 1979, Stempel, Offset, 10,6x 14,8 cm; © VG Bild-Kunst Bonn 2015
Robert Rehfeldt, Diese Karte teilt Ihnen meine Gedanken mit. Denken Sie weiter, 1979, Stempel, Offset, 10,6x 14,8 cm; © VG Bild-Kunst Bonn 2015

Sich subversiv gegen die Politik in der DDR zu wenden konnte eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen. Keinem Künstler wurde das so bewusst gemacht wie Jürgen Gottschalk aus Dresden. Der Autodidakt sprang auf den Zug der „Mail Art“ und verbreitete so auch politische Fragestellungen. Die Stasi zerstörte nach und nach sein Leben.

Was die Galerie Alte und Neue Meister in Schwerin blumig als „Refugium der Künste und zugleich ein Medium der Freiheit“ beschreibt, konnte für manche das Gefängnis bedeuten – wenn die Aussagen der Bilder politisch verstanden wurden, oder der Künstler selbst politische Gedanken notierte. Dass die Stasi nicht unbedingt Humor besaß, wird an der Biografie des Dresdner Grafikers Jürgen Gottschalk deutlich. In dem über der Evangelischen Verlagsanstalt publizierten Heft „Druckstellen – Die Zerstörung einer Künstler-Biografie durch die Stasi“ beschreibt er heute, wie sein Leben mehr und mehr vom DDR-Innenministerium und von der Stasi-Behörde bestimmt, geregelt und dann zerstört wurde. Was die Schweriner Kunstsammlungen naiv als „Freiräume“ bezeichnet, war aus Sicht Gottschalks ein künstlerischer Käfig, wo man den Künstler kontrollieren konnte.
Was machte ihn so gefährlich aus Sicht der Stasi? Gottschalk wandte sich Ende der Siebzigerjahre dem aus den USA schwappenden Trend der Mail Art zu. Mit Witz und politischem Hintersinn haben Künstler in der DDR die neue Kunstsprache, Botschaften in Form von Briefen und Brief-Design zu verarbeiten, aufgegriffen und Projekte angeschoben und sich so ins Visier der Staatsssicherheit gebracht.
Ins Leben wurde diese Kunstform von einem gewissen Ray Johnson (1926 – 1995) gerufen. In den Sechzigerjahren machte er den Postweg zu einem künstlerischen Medium. Er schuf das Netzwerk „The New York Correspondence School Of Art“ betrieb den Austausch von Kunstwerken außerhalb des üblichen Galerien- und Museensystems. Dabei war es wichtig anti-kommerziell zu agieren und ein erhaltenes Briefpostkunstwerk mit Collagen-Details zu ergänzen und zu einem x-beliebigen Menschen – am besten im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis – weiterzuschicken. In der DDR galt Robert Rehfeld (1923 – 1993) als erster Protagonist dieser Kunst.
Post-Kunst wurde Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre von den Künstlern als Fenster zur Welt betrachtet, das sich nur marginal für wenige Privilegierte in Richtung Westen öffnete.
Dazu die Schweriner Galerie: „Mit subversivem Humor demonstrieren die Werke, was Kunst in der Diktatur leistete. Zudem entwickelten die Künstler unkonventionelle Drucktechniken und Strategien, um mit den einengenden gesellschaftlichen Umständen kreativ umzugehen. Kunst und inoffizielle Ausstellungsorte wurden zu einer alternativen Öffentlichkeit. Darüber hinaus intervenierten Künstler mit Performances oder Land Art-Aktionen gegen den offiziellen Formenkanon der DDR. Mecklenburg empfahl sich für diese experimentellen Formen als Rückzugsgebiet.“
Schon allein weil diese Art des Kunstmachens aus dem von der DDR propagierten „Feindesland“ kam, galt die Zuwendung von DDR-Bürgern zu dieser Kunst als subversiv genug, um Überwachungen zu tätigen. Für Jürgen Gottschalk begann in den frühen Achtziger Jahren der Weg in die Selbstständigkeit mit einer eigenen Druckerpresse. Außerdem erwuchsen Kontakte zu anderen Künstlern wie Steffen Giersch, Joachim Stange und Birger Jesch. Das Postkartenkunst-Netzwerk begann zu arbeiten – auch mit internationalen Kontakten. Eben diese Internationalität war den DDR-Behörden „suspekt“. Wenn sogar über den „Missbrauch des Postweges“ Kunstwerke mit politischen Aussagen in Umlauf gebracht wurden, dann musste laut Gottschalk eine aus Sicht der DDR-Behörden eine „konterrevolutionäre Kraft des Imperialismus“ dahinterstecken. Botschaften wie „Solidarität mit Solidarnosc“ war schon Anlass genug, Gottschalk und andere Künstler zu überwachen, Ausstellungen und Drucke zu verbieten, Briefe aus dem Umlauf zu nehmen, Druckmaterial zu beschlagnahmen und hohe Geldstrafen zu verhängen. Welche Gegenmaßnahmen die Staatssicherheitsbehörde der DDR noch gegen Mail-Art-Künstler wie Jürgen Gottschalk einleitete, erfuhren sie erst nach der Wiedervereinigung durch die Einsichtnahme ihrer Stasi-Unterlagen. Am eigenen Leib hatten sie es mit einem aus dem Nebel agierenden Staatsapparat zu tun, der einem Künstler wie Gottschalk ein künstlerisches „Nest“ baute, bis der Künstler den Fehler machte, in einem fiktiven und nicht zur Veröffentlichung gedachten Selbstinterview die DDR-Politik offen zu kritisieren. Gottschalk verschwand in Stasi-U-Haft. Denn der Grafiker stellte zudem noch eine Ausreiseantrag, wurde 1984 nach einer Vorladung beim Rat des Stadtbezirkes verhaftet. Nach einem fingierten Prozess landete er ins Zuchthaus – unter Schwerverbrechern. Im April 1985 wurde Gottschalk über das Abschiebegefängnis im heutigen Chemnitz in die BRD abgeschoben. Nach der Rückkehr nach Dresden nach der Wiedervereinigung stellte Gottschalk fest, dass seine IM-Peiniger Szenekneipen und Reisebüros betrieben. Was in der DDR als „imperialistisch“ gehalten wurde, war plötzlich recht. Die Arbeiten von Jürgen Gottschalk fehlen bei der Schweriner Ausstellung.

„Farbige Grafik – Mail Art in der DDR“
Noch bis zum 14. Februar 2016

Öffnungszeiten der Ausstellungen:
Galerie Alte & Neue Meister Schwerin | Di – So 11 – 17 Uhr
Schloss Güstrow | Di – So 11 – 17 Uhr
Künstler in der Ausstellung „Außer Kontrolle! Farbige Grafik & Mail Art in der DDR“ 20. November 2015 bis 14. Februar 2016

Andreas Barth
Hartmut Beil
Martin Bernhardt
Viola Blum (Uta Hünniger)
Christian Brachwitz
Manfred Butzmann
Bernd A. Chmura
Martin Colden
Guillermo Deisler
Ralph Gabriel
Martina und Steffen Giersch
Thomas Günther
Thomas Gürtler
Thomas Habedank
Daniel Hillert
Karl-Georg Hirsch
Martin Hoffmann
Joseph W. Huber
Uta Hünniger Horst Hussel
Joachim Jansong
Birger Jesch
Norbert Kaufmann
Ralf Kerbach Köhler
Bo Kondren
Norbert Knofo Kröcher
G. Küper
Ronald Lippok
Oskar Manigk
Christoph Meyer
Bert Papenfuß-Gorek
Detlef Pilz
Udo Rathke
Robert Rehfeldt
J. Richter
Wolfram Adalbert Scheffler
Jürgen Schieferdecker
Holger Stark
Jakob Stark
Silka Teichert
Endre Tót
A. Paul Weber
Claus Weidensdorfer
Lutz Wohlrab
Arno Wolff Ruth
Wolf-Rehfeldt
Reinhard Zabka
Miro Zahra
Tanja Zimmermann

Mit Texten von:
Sascha Anderson
Stefan Dörning
Thomas Klein
Thomas Leusink
Sarah Marrs
Robert Mießner
Bert Papenfuß-Gorek
Alexander Pehlemann
Kai Pohl Stefan Ret
Andreas Schreier
Silka Teichert
Dirk Teschner
Hugo Velarde
Dirk Wassersleben
Dietmar Wolf

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