In anderen Sphären: Major Tom hat die Erde verlassen

David Bowie als Thin White Duke 1976 (Foto: davidbowie.com/Press)
David Bowie als Thin White Duke 1976 (Foto: davidbowie.com/Press)

Er ist eine Musiklegende. Das war David Bowie schon zu Lebzeiten. Am 10. Januar verstarb der 69-jährige im Kreise seiner Familie an einem langen Krebsleiden, zwei Tage nach seinem Geburtstag und der Veröffentlichung von „Blackstar“ – seinem letzten musikalischen Werk.

Major Tom ist entflogen

Er schuf seit dem Erscheinen von „Space Odditiy“ ausschließlich Welthits. Von „Changes“ über „Litte Wonder“ bis „Where Are We Now“ wechselte Bowie seine Musik wie seine Outfits. Am Sonntag verstarb der „Thin White Duke“, wie sein Musikkollege Lemmy Kilmister einige Tage zuvor – ebenfalls kurz nach seinem Geburtstag -, an Krebs. Sein Sohn Duncan Jones bestätigte die Todesnachricht via Twitter nachdem auf Facebook die Meldung auf Bowies Homepage erschien. Kurz darauf veröffentlichten viele Musiker, Fans und Englands Premier David Cameron Kondolenzen via Twitter und Facebook.

Rock-Superstar und Pop-Chamäleon

Als Bowie die Bühne des Welterfolges betrat assoziierte man ihn mit „Major Tom“. Der auf der Erde gestrandete Weltraumspaziergänger, der in dem Song „Space Oddity“ auftauchte wurde mit David Bowie gleichgesetzt. Sein Äußeres – strubbeliges rotes Haar, die unterschiedlichen Pupillen und die befremdlich wirkende Attitüde machten ihn zum „Alien“ unter den Normalsterblichen.
Bowie erfand sich seit 1969 immer wieder neu – begleitet von sonderlich erscheinenden Studioaufnahmen, die aber immer wieder Welthits abwarfen. In den Siebzigern schuf der Verwandlungskünstler Glamrock-Alben wie „Aladdin Sane“ und „Ziggy Stardust“, wandte sich Ende der Siebziger der Avantgarde während seines Aufenthaltes in West-Berlin zu. Ergebnis war die Berlin-Trilogy aus „Low“, „Heroes“ und „Lodger“, die 2013 durch den Schaffensrückblick in Form von „The Next Day“ zu einem Vierteiler vervollkommnet wurde.
In den Achtziger Jahren warf sich das Chamäleon in eine Popschale und feierte mit dem vom Musiker Iggy Pop entliehenen „China Girl“ sowie mit „Modern Love“ und „Let’s Dance“ seine größten kommerziellen Erfolge.
Doch immer wieder zog es den Künstler in die Avantgarde. Es entstanden so umstrittene, weil auf Anti-Kommerzialität gebürstete, Alben mit seiner Band Tin Machine oder das bei Kritikern völlig zu Unrecht verissene Post-Jazz-Werk „Black Tie White Noise“. In den Neunzigern rannte Bowie bei den Alben „Outside“ (1995) und „Earthling“ (1997) Trends wie Drum’n’Bass hinterher. Der Mann, der eher dafür bekannt war, Trends zu setzen, ließ sich von jungen Musikern der nächsten Generation beeinflussen.

Seine Rückbesinnung auf alte Tugenden setzte mit dem 1999 erschienenen Studiowerk „Hours…“ ein, entwickelte sich über „Heathen“ (2002), „Reality“ (2003) und „The Next Day“ (2013) fort. „Blackstar“, welches an seinem 69. Geburtstag am 8. Januar 2016 erschien, widmete sich dem Jazz. Den Musikern ließ er, einem dem „Rolling Stone“-Magazin gegebenen Interview des Saxophonisten Donny McCaslin zufolge, freie Bahn („Spielt Jazz!“). Der Sänger selbst zog sich jedoch schon seit seinem Herzinfarkt 2003 immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück, gab im Rahmen seiner jüngsten Albumveröffentlichung keine Interviews mehr.
Man konnte nur ahnen, dass mit David Bowie etwas nicht stimmte. Keyboarder Jason Lindner erinnert sich jedoch, dass Bowie „sehr normal“ war und wie ein Gentleman gekleidet zu den Aufnahmen von „Blackstar“ ins Studio kam. „Aber als er den ersten Take sang, da hat es mich umgehauen – was für eine Stimme!“
Die Vorbereitungen für „Blackstar“ begannen bereits im Sommer 2014. Richtig konkret wurde es mit Bowies Zusage im Dezember 2014. Damals musste schon klar gewesen sein, dass der Sänger an Krebs erkrankt war. Mit „Blackstar“ unternahm das Pop-Chamäleon noch einen letzten Hakenschlag, überraschte Kritiker wie auch Fans mit seiner neuen Liedersammlung – als ob er es noch einmal wissen wollte. Angekündigt wurde die Kehrtwende weg vom Rock’n’Roll mit dem Stück „Sue“ auf der 2014 Compilation „Nothing Has Changed“. Sein letztes Lebenszeichen wird daher wohl immer unter dem Stern seiner Erkrankung und seinen jähen Tod stehen.

Bowies Wirken als Schauspieler

Seine künstlerische Sozialisierung begann schon in den Sechziger Jahren. Bowies Eltern brachten ihm Rock’n’Roll nahe. Davids Bruder Terry führte ihn an Jazz und US-Beat-Poeten heran. Bereits als Teenager war Bowie in einigen Schülerbands aktiv und begann 1964 seinen ersten Gehversuch mit einer Solo-Aufnahme, die allerdings floppte. Den Kontakt zur Schauspielerei fand Bowie zunächst einmal beim britischen Pantomime-Künstler Lindsay Kemp. Von ihm stammt auch wahrscheinlich der Einfluss für Bowies spätere Bühnenshows und dessen extravagantes Auftreten. Sein Image beeinflusste so verschiedene Musiker v.a. in der Wave-Szene. Leute wie Steve Strange („Visage“) und Morrissey beriefen sich auf ihn – ebenso die US-amerikanische Sängerin Madonna.
Weniger Eindruck hinterließ der „Thin White Duke“ als Schauspieler. Normale Typen zu spielen stand nicht auf seiner „Speisekarte“. Bowie tauchte seit den Siebzigern in verschiedenen Theater-, TV- und Kinoproduktionen meist in Nebenrollen auf. Bekannt wurde er durch seine Rolle in dem 1975 erschienenen Streifen „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Der Musiker betonte später, dass er in dem Film lediglich sich selbst gespielt hätte. Seine schauspielerische Leistung wurde von Kritikern als beste beschrieben, obwohl Bowie eigentlich keinerlei Erfahrung mit professioneller Schauspielerei besaß. Seine Rolle als Koboldkönig im cineastischen Fantasy-Werk „Die Reise ins Labyrinth“ blieb eher unbeachtet. Seine Interpretation als Andy Warhol im 1996 publizierten Künstlerfilm „Basquiat“ fand ein breiteres Publikum. Ansonsten beließ Bowie, der sich doch mehr als Musiker sah, seine schauspielerische Leistung in Kurzauftritten, wie im Prequel der TV-Serie „Twin Peaks“. In Martin Scorseses Film „Die letzte Versuchung Christi“ war Bowie neben Willem Dafoe und Harvey Keitel als Pontius Pilatus zu sehen. Relativ unbekannt war seine Rolle im Streifen „Houdini & Company“ an der Seite von Rosanna Arquette. Als Physiker Nikola Tesla tauchte Bowie in dem Film „Prestige – Die Meister der Magie“ auf.

Das malerische Schaffen des „Alien“

Weitaus unbekannter als sein musikalisches und schauspielerisches Werk ist Bowies Wirken als Maler und Grafiker. Seit Anfang der Siebziger Jahre widmete er einen Teil seines Lebens der Kunst. In den Neunziger Jahren tauchte er als bildender Künstler auf, stellte grafische und malerische Arbeiten vor, die irgendwo zwischen Neuer Sachlichkeit, Dada! und Pop Art einzuordnen sind. Seine Arbeiten sind vorwiegend als Drucke erhältlich. Früh arbeitete „Major Tom“ mit digitalen Medien und mit am Computer geschaffenen Collagenbildern. Diese druckte er auf Leinwand, verfremdete und überarbeitete sie noch mit Öl- und Acryfarbe. Die meisten seiner Arbeiten entstanden in einer Schaffensperiode von 1994 bis 1997. Er arbeitete auch mit Kohle, Edding und Druckgrafik.
Viele seiner Arbeiten wurden u.a. in der Schweiz (Daniel Blaise Thorens Gallery, Basel), in The Gallery oder auch im Royal College of Art in London gezeigt. Sein frühestes bekanntes Werk ist „My Mate Den“ aus dem Jahr 1965 – eine Bleistiftskizze von Bowies damaligen Gitarristen Denis Taylor.
Welche künstlerischen Schätze noch auf die Nachwelt warten, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Wahrscheinlich ist, dass die bereits auf dem Kunstmarkt erhältlichen Nachdrucke seiner Arbeiten kommerziell vermarket werden, Sammler bald hohe Summen für die bereits erworbenen Arbeiten verlangen könnten. Das ist wohl immer so, wenn ein Künstler verstirbt – sein Marktwert schnellt nach seinem Tod in die Höhe. Wahrscheinlich wird auch ein Run auf sein musikalisches Schaffen einsetzen, frühere Alben wieder in den Charts auftauchen. Und es ist auch nicht so, dass Bowie zu Lebzeiten darben musste – sein Vermögen wurde auf 900 Mio. Euro geschätzt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s