Elegante Zickzack-Muster – Eine Schau im GRASSI widmete sich den Goldenen Zwanzigern

Aus der Not geboren? "Art Déco" ist kunsthistorisch ein Verlegenheitsbegriff, wie Barock und Rokoko. Hier: Blick in die Ausstellung im Grassimuseum für Angewandte Kunst in Leipzig. Das Gebäude und die Innenräumen entstanden Ende der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts und werden ebenfalls als "Art Déco"-Architektur verstanden, obwohl dies kein Quellenbegriff ist und von zeitgenössischen Kommentaren als "modern" bezeichnet wurde. (Foto: Artefakte 2016)
Aus der Not geboren? „Art Déco“ ist kunsthistorisch ein Verlegenheitsbegriff, wie Barock und Rokoko. Hier: Blick in die Ausstellung im Grassimuseum für Angewandte Kunst in Leipzig. Das Gebäude und die Innenräumen entstanden Ende der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts und werden ebenfalls als „Art Déco“-Architektur verstanden, obwohl dies kein Quellenbegriff ist und von zeitgenössischen Kommentaren als „modern“ bezeichnet wurde. (Foto: Artefakte 2016)

Eigentlich ist „Art déco“ ein Verlegenheitsbegriff. Auslöser soll die 1925 in Paris durchgeführte Kunstgewerbeausstellung „Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes“ gewesen sein. Doch im Zusammenhang mit den vielen vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen europäischen Stilströmungen taucht der Begriff „Art déco“ erstmals 1966 auf. Anfang April endete dazu eine Ausstellung im Leipziger Grassimuseum für Angewandte Kunst.

Wie ein Stilbegriff erfunden wird

Hilary Gelson war Journalistin der „Times“. Sie schrieb 1966 einen Bericht über die Kunstströmungen, die nach dem Ersten Weltkrieg stellvertretend für die „Goldenen Zwanziger“ stehen sollten. Auslöser war die 1966 gezeigte Rückschau „Les Années 25 – Art Déco, Bauhaus, Stijl, Esprit Nouveau“. Sie stellte auf Grundlage der 1925 in Paris veranstaltete Kunstgewerbeausstellung „Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes“ den Stilbegriff „Art déco“ vor. Kurz darauf setzte sich der Name schnell durch. Auch in Deutschland hat sich „Art déco“ als Titulierung für flächige Ornamentik, expressive Farbigkeiten und zackige Formen etabliert. Wie kurz der Begriff eigentlich gedacht ist, zeigt ein Blick hinter die Fassade.

L’Art Decoratif ist ein Verlegenheitsbegriff

Die französische Sprache ist mitunter tückisch. In der Vergangenheit wurde alles das als „l’art decoratif“ bezeichnet, was eben dekorativ und schmuck aussieht. Stilbegriffe wie Rokoko und Barock hat es als zeitgenössische Quellenbegriffe so nicht gegeben. Sie wurden im 19. Jahrhundert als abwertende Begriffe eingeführt. Bei „Art déco“ scheint das anders zu sein. Das, was die 1925 stattgefundene Ausstellung in Paris zeigte, war alles das, was man unter industriell gefertigter Kunst und als modern verstand. Nicht umsonst bezeichnet das Grassimuseum für Angewandte Kunst in seiner Ausstellungsankündigung für die am 7. November gestartete Kunstgewerbeschau unter dem Motto „Elegant / Kostbar / Sinnlich – Art Déco“ den von Gelson eingeführten Namen als Sammelbegriff dessen, was schon im Ausklang der europäischen Sezessionsbewegungen – in Deutschland zusammenfassend als Jugendstil bezeichnet – vor und um 1900 mit der britischen „Arts & Crafts“-Bewegung, der Wiener Werkstätte und dem Deutschen Werkbund begann: die Versachlichung und Vereinfachung der Ornamentik zugunsten der Fläche und Form. In der Malerei ist die Abkehr der opulenten Form bei den Arbeiten des Kubismus, Fauvismus und Expressionismus zu erkennen. Diese Formensprachen fanden auch Einzug ins Kunsthandwerk und Architektur.

Art déco und Rokoko?

Gilles-Marie Oppenort (1685-1742) war ein französischer Architekt. Er gilt als einer der Hauptvertreter der Régence-Stil-Dekoration. Als Régence wird eine relativ knappe Periode unter Ludwig XV. bezeichnet, die sich von 1715 bis 1723 erstreckte. Philipp von Orléans übernahm die Regentschaft, weil der junge König noch minderjährig war – daher der Begriff Regentenstil. Der opulente Schmuck an den von u.a. Oppenort entworfenen Portale, Altäre, Grabmäler, Obelisken, Möbel und Uhren geben die im 19. Jahrhundert erschienenen Bücher „L’Art Decoratif Appliquee a L’art Industriel“, „Histoire de la peinture décorative“ und „L’art décoratif dans le vieux Paris“ beredte Zeugnisse ab, dass seine Ornamentkunst als Designer und Zeichner im 19. Jahrhundert als „dekorativ“ verstanden wurde. Oppenort entwarf Ornamente, die er aus den italienischen Grotesken zu einem „rocaille“-Design weiterentwickelte, was in Deutschland gern als „Rokoko“ bezeichnet wird. Auch das wurde damals als „decoratif“ bezeichnet. Das Rokoko rettete sich ins 20. Jahrhundert, weil damals noch „Art déco“ nicht als Formen- und Stilbegriff Eingang in die Kunstgeschichte gefunden hatte. Der Theaterarchitekt Oskar Kaufmann errichtete 1901 das Renaissance-Theater in Berlin auf einem spitzwinkligem Grundriß eines ehemaligen Vereinshauses. 1928 bezeichnete der britische Kunsthistoriker Max Osborn die farblich opulente Einrichtung aus den Zwanziger Jahren als „expressives Rokoko“. Heute wird es als „Art Déco“ beschrieben. Dabei beschreibt der französische Begriff nichts anderes als kunsthandwerkliches Schaffen rund um die dekorativen Künste, wie es im englischsprachigen Raum als Arts&Crafts bezeichnet wird und im deutschsprachigen Raum als „Kunsthandwerk“ bekannt ist.

Der Zackenstil ein Ausdruck des Ausdrucks

Als Hauptmerkmal des „Art déco“ wird gern der Zackenstil angeführt, den man auch am Leipziger Grassimuseum und Chrysler Building in New York sehen kann, sich aber auch an den Türen des Gemeindehauses der Paul-Gerhardt-Kirche in Leipzig-Connewitz befindet und in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts von Architekten wie Clemens Holzmeister, Ignaz Reiser und Wilhelm Haller verwendet wurde. Verwendung fand der Zickzack-Stil aber schon in den Wandmalereien in ägyptischen Tempeln des Pharaonenreichs. Daran knüpft v.a. die Ornamentik im arabischsprachigen Kulturraum an, der im Mittelalter bis nach Spanien hineinreichte. Selbst in der normannischen Architektur der „Gotik“ in England taucht das Zickzackbandmuster als Versinnbildlichung von Wasser auf. Zickzack-Linien und andere Ornamente dahingehend als typisch für „Art déco“ zu bezeichnen ist nicht nur irreführend sondern auch aus wissenschaftlicher Sicht kunsthistorisch falsch und speist sich aus purer Hermeneutik. Leider wird gerade in der populärwissenschaftlichen Literatur dies anders gesehen und verbreitet.

2 Antworten auf “Elegante Zickzack-Muster – Eine Schau im GRASSI widmete sich den Goldenen Zwanzigern”

  1. Hat dies auf Leipziger Kulturgeschichten rebloggt und kommentierte:

    Wenn jemand die Architektur der Zwanzigerjahre als „Art Déco“ bezeichnet, dann hat „Artefakte“ das Gegenargument, warum die Zwanzigerjahre architekurgeschichtlich und kunstgeschichtlich etwas heterogener betrachtet werden müssen.

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