Nacktes in Wien – Verborgene Seiten von Rubens’ „Pelzchens“

Peter Paul Rubens, Helena Fourment (
Peter Paul Rubens, Helena Fourment („Das Pelzchen“) um 1636/1638, Öl auf Holz, Provenienz: 1640 im Testament von Peter Paul Rubens erwähnt; 1658 im Testament von Helena Fourment genannt; 1730 in der Galerie in Wien nachweisbar (Foto: KHM Wien/ Presse)

2012 rief das KHM eine neue Ausstellungsreihe ins Leben. „Ansichtssachen“ blickt ins Detail von außergewöhnlichen und selten gezeigten Bildern der Wiener Gemäldesammlung. Neue Forschungsergebnisse spielen beim Zeigen auch eine Rolle. So auch von Peter Paul Rubens’ „Pelzchen“.

Rätselraten um „Pelzchen“

Noch bis zum 29. November widmet sich die beliebte Ausstellungsreihe einem Porträt, das bereits 2004 Teil und Hingucker der Ausstellung „Rubens in Wien. Die Meisterwerke“ war. „Pelzchen“ ist der Teil der Rubens-Sammlung des Fürstenhauses Liechtenstein gewesen. Seit 1730 ist es in der Gemäldegalerie des KHM nachweisbar. Peter Paul Rubens’ zweite Frau Helena Fourment (1614-1673) ist darauf zu sehen. Der Spitzname „Pelzchen“ gehtauf das Testament des Künstlers zurück, wo er sie so nannte. Er vermachte es ihr nach seinem Tod, so dass es nicht in der Konkursmasse verschwand. Ikonographisch verarbeitete Rubens in dem Bild womöglich die Venus Pudica, die mit ihren Armen ihre Nacktheit zu verbergen versucht. Rubens wolle so seiner Frau die Anmut der Liebesgöttin verdeutlichen, heißt es von den Kunsthistorikern heute. Sie stellen es mit der Darstellung der Kapitolinischen Venus im Zusammenhang. Früher dachte man, der Maler habe seine Gemahlin auf dem Weg zum Bad erwischt und sich von der Situation inspirieren lassen. Ließ Rubens sich gar von Tizians „Mädchen im Pelz“ inspirieren? Gar nicht soweit hergeholt, denn in den Schriften Plinius d.Ä. ist von der marmorstatue des Praxiteles die Rede, in der die Verkörperung der Aphrodite von Knidos sich zum Bad enkleidet und ihre Scham bedeckt. Das Rätselraten soll nun sein Ende haben, meint nun das KHM.

Angeblich mehr Geschichte als abgebildet - Venus im Pelz (Foto: KHM Wien / Presse)
Angeblich mehr Geschichte als abgebildet – Venus im Pelz (Foto: KHM Wien / Presse)

In vielschichtiges Werk

„Es handelt sich in vielerlei Hinsicht um ein ungewöhnliches Werk, das zur genauen Betrachtung einlädt − schon deshalb, weil Rubens es nicht für den Kunstmarkt, sondern für sich selbst gemalt hatte“, teilt das Wiener Museum mit. „Jüngste technologische Analysen lieferten nun spektakuläre Erkenntnisse zur Malgenese dieses Hauptwerkes der niederländischen Portraitkunst des 17. Jahrhunderts.“
Zur Ausstellung „Rubens in Private. The Master Portrays His Family im Antwerpener Rubenshuis“ wurde „Pelzchen“ mit einer neuen Technik untersucht, die erstaunliche Ergebnisse gebracht haben soll. Ein multidisziplinäres Team unterzog das Gemälde einem Makro-Röntgenfluoreszenz-Scanning, kurz: Makro RFA Scan. Mit dieser Technik haben ein Naturwissenschaftler der Universität Antwerpen, eine Kunsthistorikerin der Katholischen Universität in Löwen sowie eine Kuratorin und eine Restauratorin der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums, ohne in das Bild direkt eingreifen zu müssen, analysiert, aus welchen Elementen eine Malschicht des Gemäldes zusammengesetzt ist. So haben sie eine Art Landkarte der Elemente auch von darunterliegenden, heute nicht mehr sichtbaren Malschichten erstellt, die Rückschlüsse auf die Bildgenese zulassen.
Helena steht für uns heute ganzfigurig, nackt, nur spärlich mit einem Pelzmantel bedeckt, vor einem dunklen Hintergrund auf einem roten Teppich. Bei genauem Hinsehen und gutem Licht dann noch ein Wasser spuckender Löwenmaskaron in dre rechten Bildhälfte im Hintergrund gesehen werden. „Da solche Brunnenauslässe für gewöhnlich nicht im Inneren eines Hauses gebraucht wurden, stellte sich die Frage, wo Helena eigentlich steht“, fragte sich das Forscherteam. „Um dies zu klären, wurde vom Bereich rechts hinter Helena ein Scan angefertigt, der für das Element Blei ein bemerkenswertes Bild lieferte. Rubens hatte ursprünglich hinter seiner Frau einen Brunnen mit zwei Ebenen in einer mit einem Rundbogen abschließenden Nische gemalt; auf der oberen Ebene stand ein puer mingens: ein kleiner, steinerner, gelockter Bub, der sein Hemdchen hochhält, um Wasser zu lassen. Helena stand also ursprünglich im Freien.“
Ließ Rubens sich von einer heute im Louvre befindlichen Brunnenstatue inspirieren, die er schon in Rom abzeichnete? Oder hat er unter anderem Anregungen von Tizian diese verarbeitet? Die Kunstforscher bahupten, dass diese Art von Brunnen einzigartig in Rubens’ Werk sei. Obwohl der urinierende Junge ein aus der Renaissance bekanntes Motiv für Fruchtbarkeit und Sexualität sein soll, habe der Meister es nur einmal verwendet – im Porträt seiner Frau. „Helena Fourment war zweifellos eine sehr fruchtbare Frau“, erklärt das KHM, „In den zehn Jahren ihrer Ehe mit Rubens gebar sie fünf Kinder, von ihrem zweiten Mann, Jan-Baptist van Brouchoven van Bergeyck, stammen weitere sechs.“

Doch was bringt die Detailforschung?

Ist das die einzige Interpretation, die die Bildanalyse zulässt? Jedenfalls hat Rubens den Brunnen wieder übermalt, warum auch immer. Kunsthistoriker spekulieren, der Brunnen habe von Helenas gefeierter Schönheit abgelenkt, oder die Anspielung der Fruchtbarkeit erschien ihm wohl zu direkt. Sie wissen es nicht. Geschichtliche Querverweise? Fehlanzeige. Quellen scheint es zum Malprozess auch nicht zu geben. Klar ist, dass Hélène Fourment zum Zeitpunkt der Werkentstehung Anfang 20 Jahre alt war, Rubens um die 40. Er malte das Bild einige Jahre vor seinem Tod 1640. Hélène sollte ihn noch 18 Jahre überleben. Jedenfalls verfolgte Rubens im „Venus im Pelz“ mehrere Ideen, verwarf die erste und setzte eine zweite um. Das Forscherteam glaubt aufgrund ihrer Analyse, dass es noch vor der ersten Umsetzung noch eine weitere, ursprünglichere Version, gab. Ihren Ergebnissen zufolge habe alles mit einer Halbfigur begonnen, so wie sie Tizian im „Mädchen im Pelz“ verwirklichte. Wahrscheinlich habe Rubens, so die Forscher weiter, das Gemälde während seines Londonbesuches in der Sammlung König Charles’ I. gesehen und kopiert. Tizians Werk wird mit dem von Rubens gegenübergestellt. Quelle und Inspiration? Was auch immer die Analyse gebracht haben soll, beide Maler griffen auf ein antikes Thema zurück und interpretierten es gemäß des vorherrschenden Zeitgeistes neu. Zwar habe man Arbeitsschritte von Rubens anhand der des Makro RFA Scans nachvollziehen können, aber die Übermalung des Brunnenbeckens mit dem pinkelnden Jungen bleibt noch ungeklärt. Vielleicht ist doch noch eine Quellenstudie notwendig.

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