Gemeisterte Linien – Werke von Piet Mondrian im Gropiusbau

Piet Mondrian
Piet Mondrian „Tableau Nr. 1“ (Foto: Gropiusbau/Presse)

Er ist nach Paul Klee, Kasimir Malewitsch und Pablo Picasso der Meister der Abstraktion im frühen 20. Jahrhundert. Piet Mondrian brach die Formen des Kubismus zur reinen Linie und Fläche herunter. Im Berliner Gropiusbau werden bis Anfang Dezember Werke des einzigartigen Künstlers gezeigt, die seinen Werdegang vom Impressionismus hin zum abstrakten Gemälde zeigen.

Erfahrbare Malerei zwischen Impressionimus und Abstraktion

„Diese herausragende Werkschau macht erfahrbar, inwiefern Piet Mondrians berühmten abstrakten Gemälde in einer Linie mit seiner frühen impressionistischen Landschaftsmalerei stehen“, sagte zur Ausstellungseröffnung Kulturstaatsministerin Monika Grütters am 3. September im Gropiusbau angesichts der Mondrian-Ausstellung. Es ist die erste große Mondrian-Schau in Deutschland seit der Eröffnungsausstellung in der Neuen Nationalgalerie 1968. 50 Gemälde und Zeichnungen sollen den Besuchern ein Bild von Mondrians Suche nach dem eigenen künstlerischen Weg vermitteln. Gemeinsam mit der niederländischen Kulturministerin Mariette Bussemaker eröffnete Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Ausstellung „Piet Mondrian. Die Linie“ im Martin-Gropius-Bau (MGB) in Berlin. „Beispielhaft führt diese Ausstellung die Tradition des Austausches und der Zusammenarbeit zwischen niederländischen und deutschen Kultureinrichtungen fort“, sagt die niederländische Kulturministerin.
Ihre deutsche Amtskollegin in ihrer Rede: „Es ist faszinierend nachzuvollziehen, wie Mondrian zu seiner eigenen künstlerischen Sprache, zum Neoplastizismus, gefunden hat. Mondrian wollte durch Reduktion auf das Wesentliche – Farbe, Form, Linie, Raum – zum Wesentlichen, zur universalen Struktur des Lebens vordringen. Seine Kunst sollte universal sein und damit eine völlig neue, unmittelbare, kulturelle Grenzen überschreitenden Verständlichkeit eröffnen. Bescheidenheit gehörte dabei ganz offensichtlich nicht zu seinen Stärken – nicht weniger als „das Erleuchten der Menschheit durch Schönheit und Reinheit“ war sein Ziel- aber genau mit dieser Kühnheit hat er Ikonen der klassischen Moderne geschaffen, die uns bis heute in ihren Bann ziehen.“
„Das erste, was ich in meiner Malerei veränderte, war die Farbe“, notierte Mondrian 1941. Diesem Satz sollte man nicht blind vertrauen. Schon in seinen Zeichnungen nahm er drastisch reduzierende Schritte vor. Das tat der 1944 verstorbene Künstler, indem er schrittweise die Beziehungen und rhythmischen Strukturen zwischen vertikalen und horizontalen Linien und Elementen hervorhob. Diese Arbeitsweise übertrug er auf seine farbigen Arbeiten auf Leinwand. Auf diese Weise entwickelte er seinen Stil vom Traditionalisten zum Protagonisten der Moderne.

Piet Mondrian
Piet Mondrian „Kirchturm“ (Foto: Gropiusbau / Presse)

Der Weg zur abstrakten Malerei

Piet Mondrian (1872–1944) zählt mit seinem Werk zu den Begründern der abstrakten Malerei. Weniger bekannt ist, dass der Niederländer um 1900 im impressionistischen Stil der Haager Schule zu malen begann, sich an verschiedenen Kunststilen ausprobierte, bis Linien und Flächen sein künstlerisches Werk prägten. Als Impressionist malte er Felder, Bauernhöfe, Windmühlen und immer wieder Bäume und Flusslandschaften. Ab 1905 begann er zu experimentieren. 1910 wurde die Gruppe „Moderne Kunst Kring“ gegründet, der „Zirkel der modernen Kunst“. Mit dabei: Jan Toorop, Jan Sluyters und Piet Mondrian. 1911 stellten sie gemeinsam mit französischen Avantgardekünstlern, darunter Cézanne, Braque, Picasso in der Ausstellung „Moderne Kunst Kring“ im Amsterdamer Stedelijk Museum aus.
Im selben Jahr beteiligte Mondrian sich mit einer Arbeit im „Salon des Indépendants“ in Paris. Als er ab 1912 in Paris weilte, wurde er von Künstlern wie Braque und Picasso beeinflusst. Fortan malte er kubistisch. Mondrian setzte bald auf„Harmonie durch die Gleichwertigkeit von Linien, Farben und Flächen“. Er begann schematischer zu zeichnen und zu malen. Naturlandschaften mutieren zu abstrakten Kompositionen.
1913 kam er nach Berlin, um an Herwarth Waldens Ausstellung „Erster Deutscher Herbstsalon“ teilzunehmen. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er wieder nach Paris zurück. Seitdem betrieb er die Auflösung des Figurativen in seiner Kunst. Seinen Stil bezeichnete er als „Neoplastizismus“.
In den 1920er und 1930er Jahren hatte Mondrian zahlreiche Ausstellungen in Den Haag, Amsterdam, Rotterdam, Stockholm, Paris, New York, Dresden, Berlin, Potsdam, Wien. Der finanzielle Erfolg blieb jedoch aus. Um zu überleben, malte er weiterhin Blumenaquarelle und übernahm Auftragsarbeiten.
Als Kunsttheoretiker und Mitbegründer der Künstlervereinigung „De Stijl“, die 1917 niederländische Maler, Architekten, Designer, Grafiker und Dichter gegründet hatten, verfasste Mondrian unter anderem die Schrift „Le Néo-Plasticisme“. Sie erschien 1925 in deutscher Übersetzung als Bauhausbuch Nr. 5 unter dem Titel „Neue Gestaltung“.
Von 1933 an wurden seine Bilder in Deutschland als „entartet“ diffamiert. Einige seiner Werke wurden 1937 auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München ausgestellt. Vor den Nazis und wegen des aufkommenden Zweiten Weltkriegs floh er 1938 nach London, 1940 nach New York.
In den USA, besonders in New York, stieß seine Arbeit auf großes Interesse. Viele aus Europa geflüchtete Künstler lebten in den 1940er Jahren am „Big Apple“. „Neu entstehende Werke lockerte Mondrian nun mosaikartig mit Primärfarben auf und überwand so seine früheren strengen Kompositionen zugunsten einer neuen, fast musikalisch zu bezeichnenden Rhythmisierung des Motivs“, schreibt das Museum Gropiusbau. Und genau diese Entwicklung vom Impressionisten zum Vertreter der Abstrakten Moderne will die vom Gemeentemuseum Den Haag gemeinsam mit dem Martin-Gropius-Bau entwickelte Ausstellung beschreiben. Benno Tempel, der Direktor des Gemeentemuseum Den Haag ermöglichte dieses Vorhaben. Der Mondrian-Experte, Hans Janssen, Kustos am Gemeentemuseum, betreut die Ausstellung. Die Ausstellung „Piet Mondrian. Die Linie“ wurde gemeinsam vom Gemeentemuseum Den Haag und dem MGB zum 200. Geburtstag der niederländischen Staatsgründung zwischen 1813 und 1815 entwickelt. Die Niederländer hatten dem Berliner Museum dafür mehr als 50 Werke Mondrians als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Zu sehen ist die Ausstellung vom 4. September bis 6. Dezember 2015 im Gropiusbau.

Der Gropiusbau

1881 wurde der heute nach seinem Architekten benannte Martin-Gropius-Bau als königliches Kunstgewerbemuseum eröffnet. Martin Gropius, ein Großonkel von Walter Gropius, und Heino Schmieden errichteten das ziegelverkleidete, mit Mosaiken und Terrakottareliefs geschmückte Gebäude im Stil der Renaissance. Die bildhauerischen Arbeiten stammen von Ludwig Brunow, Otto Geyer, Emil Hundrieser, Otto Lessing, Rudolf Siemering und Louis Sussmann-Hellborn.
Der Bau zählt laut Kunsthistorikern zur „Schinkelschule“ – einem tradierten Stil ausgehend vom Architekten Karl Friedrich Schinkel (1781 – 1841). Ende 1945 wurde das Haus schwer beschädigt. Erst 1965 wurde die Ruine nach einer Intervention von Walter Gropius unter Denkmalschutz gestellt. Nach mehrjährigem Wiederaufbau wurde das Haus 1981 mit einer großen Schinkel-Ausstellung eröffnet.
Das Architekturbüro Hilmer & Sattler und Albrecht restaurierte das Gebäude 1998/1999 erneut grundlegend. 2001 übernahm der Bund die Trägerschaft des Hauses, die Berliner Festspiele wurden mit dem Betrieb des Hauses betraut. Jährlich sind im Martin-Gropius-Bau etwa zehn Ausstellungen aus den Bereichen Kunst, Archäologie, Fotografie und Kulturgeschichte zu sehen. Häufig werden in Kooperation mit Berliner und internationalen Partnern repräsentative Ausstellungen organisiert, die einem breiten Publikum aktuelle Entwicklungen der Kunst wie auch die großen Kulturen der Welt erschließen. Eine Buchhandlung, ein Restaurant mit Café und ein Vortrags- und Kinosaal ergänzen das Angebot.

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