Einsamkeit in Farbe – Marc Lüders’ Jahrmarktsbilder

Figur 809-7-1, oil on cibachrome-print, 150 x 100 cm, 2013 (AUsschnitt, Marc Lüders / Presse)
Figur 809-7-1, oil on cibachrome-print, 150 x 100 cm, 2013 (AUsschnitt, Marc Lüders / Presse)

Seine Figuren wenden sich vom Betrachter ab. Sie sind oftmals in den Bildern selbst nicht anwesend, obwohl sie da sind. Marc Lüders lässt seine Protagonisten durch Scheinwelten und die Natur wandeln. Sie selbst scheinen sie nicht wahrzunehmen, wirken wie entrückt. Kritisiert da jemand die heutige Zeit?

Die Scheinwelt der Gegenwart

Junge Männer über Smartphones gebeugt, junge Frauen mit Einkaufstaschen im Wald, ein Mann, der sich an einem Weiher der Idylle abwendet und zu etwas „interessanterem“ schaut – Marc Lüders weiß Akzente zu setzen. Der 1963 in Hamburg geborene Maler tritt mit jüngeren Arbeiten aus den Jahren 2012 bis 2014 mit einer Sprache in Erscheinung, die Fotografie und Malerei zusammenführt, ja verschmelzen lässt. Farbe wird zur durchscheinenden Haut und zur Kleidung, weil Lüders die fotografierten Hintergründen in den Figuren aufgreift. So verschwinden sie schon fast im Geschehen, vorrangig Rummel-Szenen. Deswegen oder auch trotz dessen, gehen die Figuren keine Beziehung zu ihrer Umwelt ein. Fast schon scheint es, dass die konsumgeschädigten Marketingopfer bereits in den Fallstricken der neuesten Smartphones, Kopfhörern und anderen Technologien gefangen, ohne jemals eine Zuwendung zu ihrem Drumherum zuzulassen. Sie scheinen verloren. Nicht die billigen Freuden des Jahrmarktes erfreut sie, sie geben sich dem billigeren Vergnügen ihres Mobil-Telefons hin, unterhalten ihre sozialen Beziehungen via Facebook, Instragram, Flickr & Co., kennen  ihre Mitmenschen nur aus der Distanz. Sie alle wirken in der virtuellen Scheinwelt des Internets entschwunden. Die Volkstümlichkeit des Internets wird dem des Jahrmarktrummels gleichgesetzt. So suggerieren es die Bilder.

Die Smartphon- und Facebook-Generation als Vanitas (Foto: Marc Lüders / Presse)
Die Smartphon- und Facebook-Generation als Vanitas (Foto: Marc Lüders / Presse)

Alles ist eitel

Das ist gar nicht so abwegig. Lüders scheint – ob bewusst oder unbewusst – sich dem „Vanitas“-Motiv zu nähern. Der lateinische Begriff für „Leerer Schein“, „Nichtigkeit“ und „Eitelkeit“ steht für alles Irdische. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit tauchen Vanitas-Motive als Sanduhr und Totenschädel auf. Hinter der Maske der Schönheit lauert der Tod. Alles Irdische ist demnach vergänglich. Selbst die Kunst gehörte der mittelalterlichen Vorstellungswelt der Vanitas an. Im Zeitalter der Aufklärung gab es viele Thesen, die Kunst gegen die Vanitas hielten und sie zur Unvergänglichkeit deklarierten, überdauern sie doch ihre Schöpfer. Demnach sind die Attribute der Gegenwartswelt: Smartphon, Einkaufs- und Tragetasche, Rucksack, Outfit und sogar die dargestellte Figur selbst alles Vanitas-Symbole. Lüders potenziert diese Motive vorm Hintergrund des Vergänglichen überhaupt: Rummelplatz und Natur. Der Jahrmarkt wird jahrein jahraus abgebaut, die Natur erneuert sich jahreszeitenbedingt immer wieder selbst. Im Falle der dargestellten Natur und von den Jahreszeiten öffnet sich eine weitere Ebene – die der Auferstehung. Der Mensch angesichts der Wiederauferstehung, von der er sich aber abwendet, weil er zu sehr mit sich selbst und den banalen Dingen des Alltags beschäftigt ist. Die Erwartung des Weltgerichts und des Paradieses bleibt aus, der Mensch ist verloren im Hier und Jetzt.

Was sagt Marc Lüders zu seinem Werk?

Nichts! Zumindest fast nichts. Er lässt sagen. So schreibt Luninata Sabau über Lüders’ Erfindung der Realtät und dem Neuen Surrealismus. Die Kunsthistorikerin stellt Lüders’ Grenzgängertum zwischen Literatur-Exegese und Kunstgeschichte dar, vornehmlich die des Pop-Art und Surrealismus – Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts, die sich vorrangig mit dem Vanitas-Symbol beschäftigt haben, wenngleich nicht im religiösen aber im psychologischen und philosophischen Sinn. Stefan Berg stellt die Verschränkung zwischen Fotografie und Malerei heraus und nähert sich der Entfremdung zwischen Mensch und Umgebung – ebenfalls ein typisches Vanitas-Symbol. Ludwig Seyfarth beschreibt anhand der optischen Täuschung von Malerei – die Trompe L’oeil-Technik -, dass alles irgendwie nur Schein ist. Nur, dass – angefangen mit Gerhard Richter und den US-amerikanischen Fotorealisten in den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts – alles einem modernen Duktus unterworfen ist. Die Zeiten ändern sich, somit auch die Sprache und damit auch die profane und religiöse Ikonografie. Um was es Lüders tatsächlich geht, wenn er seine transparenten Figuren in seinen Photopicturen laufen lässt, bleibt wohl noch eine Weile sein Geheimnis. Denn nicht alles ist Vanitas in Lüders Bildern. Im Falle seiner Schöpfung „Figur 748-9-1, 2008/09“ wendet sich die in einem Ladengeschäft inmitten von Produkten stehende Figur vom Konsum ab und schaut durch ein Fenster nach draußen. Ob er dort etwas göttliches oder etwas profanes sieht, bleibt dem Betrachter selbst überlassen. Angesichts der gleichgültig und lässig erscheinenden Pose des Dargestellten, scheint es wohl letzteres zu sein. „Letztendlich geht es immer auch um Irritation“, erklärte Lüders 2015 bei einer Ausstellung in der Hamburger Levy-Galerie zur Wirkung seiner Werke.

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