Beflügelte Kunst – Inka Perl und Johannes Zagler zeigen ihre persönlichen Altäre

“Drei Flügel” – Altäre von Inka Perl & Johannes Zagler (Foto: Inka Perl)

“Drei Flügel” – Altäre von Inka Perl & Johannes Zagler (Foto: Inka Perl)

Ist Religion noch Bestandteil von Kunst? Die Zeiten, wo Bischöfe, Päpste und Könige Werke in Auftrag gaben, um die Herrlichkeit der Kirche und ihrer eigenen Macht von herausragenden Künstlern darstellen zu lassen, sind zum großen Teil vorbei. Dennoch ist das Thema Religion nicht ausgestorben. Die Leipziger Künstler Inka Perl und Johannes Zagler zeigen in ihrer aktuellen Ausstellung „Drei Flügel“ um was es ihnen wirklich geht.

Alle guten Dinge sind drei? Die Zahl Drei ist die Hausnummer Gottes, wenn es nach der gängigen theologischen Auffassung geht. Die heilige Dreifaltigkeit steckt tief im liturgischen Handeln, in der konfessionell-katholischen Architektur und in der Kunst. Drei ist auch das Thema einer Ausstellung, die seit dem 9. April in der Galerie Potemka gezeigt wird. Gemeinsam, Miteinander und Gegeneinander widmen Inka Perl und Johannes Zagler sich dem „Altar“. Das Thema Religion spielt, trotz der Aufnahme einer religiös anmutenden Sprache und Zeichen, eine untergeordnete Rolle in den neuen Arbeiten der beiden Künstler.

„Es geht um die Darstellung von bedeutenden, emotional aufgeladenen Dingen und Ideen, die sie mit einer Fülle von Techniken und Materialien zu ikonografischen Werken verdichten“, erklärt Galeristin Lu Potemka. „Die Vielfalt der Mittel Zeichnung, Collage, Assemblage und Schrift schafft dabei kein beliebiges Durcheinander, sondern lässt vielmehr eine zeitgenössische Wunderkammer entstehen, die viele Fragen aufwirft, deren Beantwortung irgendwo zwischen aufgeklärtem Kopfschütteln und barockem Lachen liegt.“

Inka Perl, eine Leipziger Künstlerin, die in der Vergangenheit für ihre Kunst schon immer Zeichen und die Kunstsprache vor allem aus der katholischen Konfession schöpfte, sie mittels Selbstporträts als „Maria Unser“ oder auch mit dem Aufgreifen von Kirchenfenster aus nachgeahmten Bodenfliesen von Leipziger und Krakauer Hauseingängen in ihrer ursprüngichen Bedeutung veränderte und zum Ausdruck ihrer selbst überhöhte, ergänzt: „Es geht vielmehr um die eigene, ganz persönliche Lebenswahrnehmung, die Verehrung geliebter Dinge, Gefühle, Themen, Menschen.“

Wunderkammer? Barock? Kopfschütteln? Das klingt nach einem Ritt quer durch die Kunstgeschichte, angefangen von den kuriosen Kunst- und Natursammlungen des Kurfürsten Friedrich den Weisen und des Kaisers Rudolf II., bis hin zur Fluxus-Kunst der Sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Trotz ihrer Ablehnung des religiösen Missbrauchs weltweit spielt Inka Perl mit der Ästhetik katholischer Ikonografie und des Reliquienkults, die sie mit Inhalten der Romantik, der „Amour fou“, mit verschiedenen Rollen und Facetten der Selbstdarstellung auflädt. All die Inhalte fließen aus ihrem persönlichen Leben, aber sie überträgt sie nach Worten von Perls Galeristin auf eine Überpersönlichkeit, in eine Welt, in der Märchen, Heilige und Sagengestalten regieren. Auch das Thema Liebe wird bei ihr zur spirituellen Bauchnabelschau, die sich um die Sehnsucht, Erfüllung, die Qualen der romantischen Liebe dreht. Bei Perl wird die Liebe als etwas Heiliges, Unfassbares und Unentrinnbares dargestellt. Das Spiel mit dem Humor ist vor allem auch in Inka Perls Arbeit zu finden. So schuf sie einen Speckmäusealtar, der frei nach dem geflügelten Wort „Arm wie eine Kirchenmaus“ auch das eigene künstlerische Dasein ironisch beäugt, eine alte Redewendung, die als versteckter Hinweis auf der Rückseite des vom Bildhauer Elmar Hillebrand (*1925) geschaffenen Altars der Wallfahrtskirche St. Adelheid am Pützchen zu finden ist.

Das Anbetungswürdige eines Reliquienschreins oder Nischenaltars, wie man sie noch in hiesigen Breitengraden noch vor der Einführung der Reformation vor 500 Jahren vorfand, weicht in den Arbeiten von Perl und Zagler mit dem Aufgreifen des religiösen Relikts des Altarschreins, der zwar geschichtlich aufgeladen, aber in der modernen Welt, mit Ausnahme ihrer Standorte in Kirchen und Kathedralen, weitestgehend seine Bedeutung verloren hat, ab. Was bleibt ist eine ästhetische Spur in die Vergangenheit, aber auch in die Geschichte der Künstler und ihre Beschäftigung mit dem Hier und Jetzt, dem Ich sowie dem Leben und Tod.

Johannes Zagler erklärt: „Zwischen sich den dritten Flügel als Scharnier, als Klammer den Altar. Nicht als thematische Krücke, denn vielmehr als Verdichtung der immanenten Fragen: An was glaubt man noch? Für was könnte man sich in den Staub werfen? Was würde man opfern? Und was ist so wichtig, dialogfähig und aufgeladen, dass man es sich über den Schreibtisch hängt? Privataltäre. Als Projektion von Gesinnung, Liebe und den inneren Atlanten außerhalb der Zeit. Zwischen diesen weit voneinander eingeschlagenen ideellen und intellektuellen Pflöcken realisiert sich keine formale Strenge, sondern eine spannende Interaktion von verschiedenen Materialien, differenten Stilen und doch den immergleichen menschlichen Wahrheiten und Lügen. Ein Kaleidoskop der inneren Ikonographie zweier Anti- und Propoden. Keine gemeinsame Einzelausstellung, sondern ein dialektisches Umschwirren der gemeinsamen diametralen ästhetischen Achse. Ein Dialog, bei dem der Gesamttempel größer ist als die Summe seiner Einzelkultstätten. Eine Wunderkammer, bei der das barocke Lachen ebenso notwendig ist, wie das fragende Kopfschütteln und das Verdrehen der Augen – zum Himmel.“

Bei der Ausstellung, die noch bis Anfang Mai gezeigt wird, werden Perls und Zaglers Arbeiten in verschiedenen Räumen gegenübergestellt. Anfangs wollten die Künstler die Bilderschau durchmischen. Sie stellten bei der Ausstellungskonzeption fest, dass doch jeder seinen eigenen Raum bespielen muss, weil die Objekte in ihren Aussagen und Macharten nicht miteinander gemischt ausgestellt werden können.

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