Auf Abwegen von Nutbush City und Nashville – Michelle Williams möchte Pop-Sternchen sein

Kreuzt Soul mit Pop - Michelle Williams (Bild: Michelle Williams / Presse)
Kreuzt Soul mit Pop – Michelle Williams (Bild: Michelle Williams / Presse)

Es war einmal Beyonce Knowles. Um sie scharten sich drei weitere Grazien. Wer sich noch an den flotten Vierer erinnern kann, wird unweigerlich in die Jahre zurückversetzt, als das große Boyband-Sterben begann, und Hupfdohlen sich zu illustren Namen wie „TLC“, „No Angels“, „Spice Girls“ und eben zu „Destiny’s Child“ zusammentaten. Sie wurden viel eher zusammen geworfen. Fünfzehn Jahre nach dem großen Goldkehlen-Rausch, blieben nur wenige Damen übrig. Eine von ihnen nennt sich Michelle Williams. (W. E. Wilcox)

Eigentlich ist es ein Wunder, dass man über das Sangestalent noch spricht. Sie stand, wie die anderen Frolleins von „Destiny’s Child“, im Schatten von Beyonce Knowles, jene Dame, die gern auf Tina Turner macht, aber nicht kann. Michelle Williams erinnert an keine Vorbilder zwischen Nutbush City und Nashville, weder stimmlich noch äußerlich. Die aus Rockford, Illinois stammende Sängerin hat ganz andere Wurzeln als Beyonce. Williams’ Herz schlägt seit jeher für den guten alten R&B und Gospel, musikalisch pochende Herzen des so genannten „schwarzen Amerikas“. Klänge, die in den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit dem ebenfalls auf „schwarze Wurzeln“ zurückgehenden Jazz zum „Soul“ verschmolzen und zum Disco aufgepeppt zur modernen Populärkultur des ausgehenden 20. Jahrhunderts avancierten und bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben.
Anders als ihre ehemaligen Bandkolleginnen, war Michelle Williams kein Zögling der Sangeswettbewerbskultur der USA der Spätneunziger, sondern sog Gospel quasi mit der Muttermilch auf. Schon als Vierjährige sang die Tochter strenggläubiger Christen im örtlichen Gospelchor und zog im zarten Jugendalter mit dem Quartett „United Harmony“, später auch als Backgroundsängerin der R&B-Sängerin „Monica“ durch die Lande. Erst im Zuge der Neubesetzung von „Destiny’s Child“ kam sie zur Band, mit der sie fünf Jahre bis 2005 ihre größten Erfolge feierte. Schon während ihrer Liaision mit der schillernden Popwelt wandte sich Williams mit dem Studioalbum „Heart To Yours“ der alten Liebe, dem Gospel, zu. Auch ihr zweites Studiowerk „Do You Know“ widmete sich dem Powergesang, zu dem Schauspielerin Whoopie Goldberg im Film „Sister Act“ zu einem weltweiten Popularitätsschwung verhalf.
Mit Popularität fern der Gatter des Gospels hatte Michelle Williams es schwer. Ihr Erfolg als Solo-Künstlerin wurde innerhalb eines recht großen, aber international gesehen recht kleinen, Kreises gefeiert. Wer einmal Blut geleckt hat, will nicht vom Stoff runter. Macht Pop süchtig? WOhl kaum! Aber das liebe Geld, der Erfolg, das sichere einkommen…
Williams vollzog eine Wende in ihrer Musik, kehrte dem Gospel weitestgehend den Rücken zu und blickte auf das, was wir alle als Pop bezeichnen würden – eine Mixtur aus R&B und Dance. Nach zwei in den USA erfolgreichen Studioscheiben will die Sängerin es mit „Journey To Freedom“ noch einmal richtig wissen. Sogar mit ihren einstigen Mitstreiterinnen Beyonce Knowles und Kelly Rowland tat sie sich zuammen, um die Single „Say Yes“ besonders schmackhaft zu machen. Wer das aktuelle Studioalbum hört, weiß, hinter alldem scheint neben der Musik auch eine millionenschwere Marketingmaschine jene Noten in die Lauscher zu drücken, die das fade wirkende Pop-Einerlei auf dem neuesten Williams-Werk richtig gut finden sollen. Natürlich dürfen die typischen Heuler und Schmachtfetzen auf „Journey To Freedom“ nicht fehlen. Scheint „Journey To Freedom“ auch jene anzusprechen, die auf die in der Popwelt so typisch gewordenen „Harmonizer“, stampfenden Rhythmen und Chöre stehen. Ein Song wie „Yes“ mag neben „Everything“ vielleicht herausragen, aber außer Fastfood-Beats bleibt auch hier nicht viel übrig. Das Gefühl, das eine menschliche Stimme mit Hilfe der Musik vermitteln vermag, geht ein wenig unter. Die technoiden Klänge unterstreichen die Kälte, die „Journey To Freedom“, wie ein von einer Raumstation abgekoppelten und ge Erde rasenden Astronauten, umschwebt.
Warum das alles? Eingefleischte Anhänger würden argumentieren, dass heute genau so ein Album wegen purer Erwartungshaltung auf das Genre R&B klingen muss. Aber Michelle Williams’ Stimme könnte umso größer klingen, wenn der Blick nicht durch die Musik verstellt würde. Es beschleicht einem beim Hören das Gefühl, dass eine sehr gute Gospel- und R&B-Sängerin einen auf Pop-Sternchen machen will. Weil auch Michelle Williams „auf Pop macht“, scheint sie aus der Zeit gefallen zu sein. Selbst Popsternchen wie Kelis, Macy Gray, Mary J. Blidge und Tweet kehren zu den Wurzeln zurück, widmen ihre Alben dem Sound irgendwo zwischen Nutbush City, Nashville und Chicago. Starke Stimmen haben sie. Zeitlos geht immer. Wo Michelle Williams sich einfügen möchte, … schwer zu sagen. Aber wo Soul ist, muss auch Power sein. Das fehlt ihr und auch „Journey To Freedom“.

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