Straßenkunst, Hot Pants und Bratwurst – Leipzigs Kunstmeile lockte tausende Schaulustige an

 

"Null Acht Fuffzehn" im Laden für Nichts (Bild: Artefakte/ Leipziger Kulturgeschichten)
„Null Acht Fuffzehn“ im Laden für Nichts (Bild: Artefakte/ Leipziger Kulturgeschichten)

Fast hätte man glauben können, das Orkantief „Felix“ hat extra viele Menschen nach Plagwitz gepustet. Leipzigs Kunstmeile auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei lockte zu milden Temperaturen tausende Schaulustige in die Galerien und Ateliers. Umtanzt wurden sie nicht nur von Sturmböen, Kunst und Völlerei, sondern auch von zwei ganz ausgeflippten Burschen. (Von Daniel Thalheim)

„Musst du Wackeln mit der Hufte“

Ghettoblaster auf der Schulter, Bauch frei, Hot Pants am Hintern. So empfingen zwei junge Herren am Kunstwochenende in Plagwitz die Herangereisten, die in der Alten Baumwollspinnerei Kunst gucken wollten. Die beiden Typen, die zu milden Temperaturen mit ihren Reizen nicht geizten, waren der Hingucker am Nachmittag des 10. Januar. Selbst die Betreiber der Galerie Kleindienst schauten genüßlich auf die Leibespräsentation, als das Duo sich der Glastür des Ausstellungsraumes näherte. „Jetzt kommen sie“, freute sich einer der Herren im Anzug. Ein zappeliger Tanz, ein Wackeln mit den Hüften später waren die beiden Flippos schon wieder im Trubel der Kunstmeile entschwunden. Nur das blecherne Hämmern der Musik aus den Achtziger Jahren war zu vernehmen. In der Galerie selbst bellte noch ein erschrockener Hund. Die Gäste grinsten.
Im Westen nichts Neues? Die beiden Typen waren die Kirschen auf der Sahnetorte der Kunst. Das Gebäck präsentierte sich an dem Winterwochenende doch eher zurückhaltend. Wer was auf sich hielt, der ging nicht den konventionellen Weg. Natürlich konnte der Gast am vorderen Eingang mit dem Besuch dem „Archiv Massiv“ beginnen, dort brummte aber nicht der Bär. Auch nicht im unteren Teil der Halle 14, die, mit Ausnahme der Pilotenküche auf der ersten Etage im westlichen Flügel, eher wie ein still gelegtes Schiff in der Reederei glich. Zwar war die Ausstellung mit Kinderbildern ganz niedlich anzuschauen, aber das große Fragezeichen, warum um alles in der Welt hierin Fördergelder gepumpt werden, lief ständig mit. Immerhin ist der Ort bald barrierefrei erreichbar, denn so mancher Gast im Rollstuhl stand auch bei den anderen Galerien vor dem Problem, die unüberwindbaren Stufen nicht erklimmen zu können.
Der Herzschlag pochte eher in den Galerien nach dem großen Einkaufsmarkt für Kunstbedarf, aber auch da schlug der Muskel auf einer ganz anderen Ebene, als ringsum bei den kleineren Projekten und Ateliers. Der „Laden für Nichts“ lud zu seinem verlassenen und als „Null Acht Fuffzehn“ betitelten Banquet zur Street Art ein. Bei der raumumfassenden Präsentation sah man den Spaß, den die Künstler hatten, den Besucher mit knallbunten Geklecks zu verblüffen. Farbe als Lebenslust. Traumwandlerisch gestalteten die Maler, deren Namen sich aus den Hausmalern und einigen Gastbeiträgen zusammensetzte, den Ausstellungsraum zu einer Wohlfühlbude, die dennoch dem Zuschauer zeigte; hier wurde ausschweifend gefeiert, die Gesellschaft war aber schon lange weg. Der Spur der Verwüstung sah eher wie ein Resultat einer Auzusgsparty aus, die ziemlich gut verlaufen war. Die Besucher betraten ein Feld, das kriminologisch erforscht werden musste. Leere Flaschen, verschmierte Poster, leere Spraydosen, Affenporträts und eine gemalte Göttin im Vorgartenidyll. „Hier steppte der Papst im Kettenhemd, ihr ward nicht dabei“, könnte so die freie Botschaft lauten, die einem als Interpretation ins Auge sprang. Man könnte auch interpretieren, Street Art bombte mitten in den Elfenbeinturm der Hochkunst eine Farbenschlacht – beeindruckend zwar, aber wirklich so neu? Musste nicht neu sein, der Raum als Malwand ließ Kunst nicht so auf dem hohen Ross reiten wie nebenan in der „Maerzgalerie“, „Galerie Kleindienst“ und in der Galerie „Eigen & Art“. Dort trabte die Muse einen gemächlichen Gang.

Clemens Tremmel, Bildausschnitt (Foto: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)
Clemens Tremmel, Bildausschnitt (Foto: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)

Akademiekunst der hohen Schule

Die Leipziger Schule fand nicht statt. Dafür standen Akos Birkas, Corinne von Lebusa und Clemens Tremmel auf dem Kunstplan. Figürliche und gegenständliche Malerei hatte an diesem Wochenende wieder Hochkonjunktur in Leipzig. Wenn auch das Sinnhafte außen vor blieb, stand die Frage im Raum, welchem Zweck eine gemalte Figur dienen sollte, es sei denn als Metapher oder Symbol? In der Geschichte der gegenständlichen Malerei gab es viele Gründe, die Umwelt und die Personen realitätstreu abzubilden – als Erinnerung, als Allegorie, auch als Anspruch des Künstlers, im Wettstreit mit der Natur zu liegen, oder auch mit sich selbst und anderen Malern und Grafikern. Handwerkliches Geschick auf hohem Niveau stand in den drei genannten Galerien „Eigen + Art“, „Maerzgalerie“ und „Kleindienst“ auf dem Speiseplan.
Realitätsnähe stellten alle dort vorgestellten Künstler in Frage. Landschaft sah zwar aus wie Landschaft, ebenso Gesicht und Körper wie aus dem Lehrbuch für figürliche Malerei entnommen, aber die Kontexte der ausgestellten Arbeiten entzogen sich unserem Realtätsempfinden. Figur und Raum standen als Symbole für Seele und Empfinden. So beschrieb die Leipziger Künstlerin Rosa Loy für die „Kleindienst“-Galerie die Werke von Corinne von Lebusa als „subjektive Mystik“ und „wunderbare Welt des privaten Kosmos’“. Der scheinbare perfekte Körper, oder das Gesicht, beschnitt die Künstlerin um Gliedmaßen, oder Sujets erschienen uns bizarr, wie im Bild „Die Richtung“, wo Lebusa einer dargestellten Frau einen Stab anheftete. Durchbohrt er sie, oder klebt er an ihr fest? Die Dargestellte schien es selbst nicht zu wissen. Die 1978 in Herzberg geborene, auf der Burg Giebichenstein und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte Künstlerin absolvierte ihr Studium bei Neo Rauch und ist seit 2007 mit eigenen Ausstellungen zugange. Ihr Werk wirkte wie aus der Zeit gefallen, als naive Malerei durch die Surrealisten entdeckt und weiterentwickelt wurde. An die geometrischen Formen und neonfarbenen Lichtwirkungen des „Art Deco“ erinnerten die Werke „Lichtmess“, „Just We“ und „Vision“.
„Elementar“ begriff Clemens Tremmel seine Malerei. In der „Maerzgalerie“ lebte er sein Faible für Landschaftsmalerei aus. Wie bei Lebusa schien auch das Werk des Meisterschülers von Ralf Kerbach und Student bei Christian Sery und Hans-Peter Adamski aus der Zeit gefallen zu sein. Spuren der Romantik wurden bei seinen Arbeiten verwischt, auf den Kopf gestellt, zerkratzt, seine Naturpanoramen zerstückelt. Stellten die Bilder unsere Beziehung zur Natur in Frage, vielleicht sogar die Naturbezogenheit des Menschen, übertüncht von Zweifeln, Suche und Süchten? Anders als Markus Mathias Krüger, der seine Naturlandschaften als Spiegelbild der Seele in einer unruhigen Idylle zeigt, ging Tremmel ein Stück weiter. Ein (selbst)zerstörerisches Werk, dass Tremmel dieser Tage in Leipzig präsentierte, zu Recht umwoben von den Besuchern und mittendrin ein zufriedener Galerist Torsten Reiter.
Akos Birkas zeigte im „Schatten des Anderen“ in kalten, disharmonischen Akkorden scheinbar romantische und innige Beziehungen, umflochten von geometrischen Figuren, wie aus der Hand eines Piet Mondrian gemalt.
„Der 1941 in Budapest geborene Maler spielt gern mit Motiven aus der Kunstgeschichte“, informierte eine Galeriemitarbeiterin einen Gast. Dann war noch das Selbstporträt. Ganz wichtig fürs Werkverständnis von Birkas, denn seit den Siebziger Jahren kehrte er immer wieder zu sich selbst zurück. Er steht mit dieser Werkslinie auf einer Ebene mit Künstlern wie Salvador Dali und Rembrandt van Rjins, die zeitlebens immer wieder Abbildungen von sich in ihr Werk einflochten oder als eigenes Genre auslebten. „Birkas“, so die Mitarbeiterin weiter, „beschäftigt sich mit seinem neuen Werksabschnitt mit menschlichen Ängsten wie Homophobie und Xenophobie.“ Ganz aktuell also, denn die Xenophobie ist als Fremdenfeindlichkeit bekannt und erreicht wegen der aktuellen islamistischen Terrorakte in Nigeria, in Syrien und Irak, aber auch in Frankreich und Deutschland wieder beängstigende Spitzen. Ungarn selbst war in den vergangenen Jahren auch nicht als Hort der Demokratie und Freiheit bekannt geworden, hatte die dort regierende Regierung aus Rechtspopulisten mit fremdenfeindlichen Übergriffen von sich Reden gemacht. Eine Gefahr, die, auch angesichts rechtspopulistischer Demonstrationen, sich in Deutschland schleichend um sich greifen könnte und längst aus der so genannten bürgerlichen Mitte unserer Gesellschaft heraus, seine knorrige Hand, mit dem Stallgeruch der Nazis samt Schlagwörten wie „Ordnung“ und „Sicherheit“ ideologisch verbrämt, ausstreckt.

Theodora Kokhodze, Gemälde (Bild: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)
Theodora Kokhodze, Gemälde (Bild: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)

Mitten in der Pilotenküche

Der Ghettoblaster näherte sich wieder. Bald darauf stolperten die zwei knapp gekleideten Herren in die Pilotenküche in der ersten Etage des Westflügels der Halle 14. „Flyer“, rief der eine, „wir brauchen Flyer!“ Er schnappte sich ein Papier, das vor einer jungen Frau lag. Sie riss das Blatt wieder an sich. „Das gehört mir!“ Der junge Mann war zunächst verblüfft, rief aber weiter nach Flyern, tanzte mit dem anderen durch die Ausstellungsräume der Pilotenküche, wo die Künstlerin Theodora Kokhodze einigen Gästen ihre Arbeiten vorstellte. Ihre Seelenlandschaften schienen in einem Akt aus Spontanität und Zerstörung entstanden zu sein, gegenübergestellt von diversen räumlichen Objekten anderer Ausstellungsteilnehmer. Zu ihrer Arbeit sagte die Gewinnerin der „Bienal Internacional de Arte Infantil y Juvenil. 2001“: „Ich kann immer noch fühlen als wäre ich ein Kind, voll von Energy und Passion. Meine Gemälde sind für mich wie eine innere Flucht. Jedes Bild, jede Farbe, jedes Gefühl ist ein Ausdruck für für die Reise meiner Seele. Ich beende meine Arbeit nie, ich glaube, der Betrachter sollte sie auf seine eigene Weise erfahren und für sich zu Ende denken.“
Die Pilotenküche demonstrierte mit dem Mix aus verschiedenen Werken diverser Künstler und Künstlerinnen wohl die erfrischenste Schau der jungen Wilden in Leipzig an dem vergangenem Kunstwochenende, neben dem „Laden für Nichts“. Wer die erste Etage betrat, musste durch ein papiernes Tor schreiten und an einem halbnacktem Desperado aus Pappe vorbei, einem der beiden halbnackten Ulknudeln mit dem Ghettoblaster nicht ganz unähnlich, wurde von dem Schlachtross Napoleons und einem Biedermeierstuhl eingeladen und befand sich im schummerigen Licht der Pilotenküchenbar wieder, wo das Kleingeld für ein paar Bier und Schnäpse auf den hölzernen Tresen klimperte. Hinter dem Eingangsbereich erstreckte sich in den Küchenräumen des einstigen Fabrikgebäudes der Ausstellungsbereich. Die Gäste waren zahlreich. Der Mix aus Street Art und Objektkunst könnte fast als Pendant zu der Arbeit im „Laden für Nichts“ gelten, wesentlich düsterer komponiert.
Als wenig später die beiden Disco-Nudeln zusammen mit Kokhodze auf dem Kopfsteinpflaster tanzten, trugen sie das Schild mit der Aufschrift „Pilotenküche“ mit sich und machten so Werbung für die erste Preisverleihung inklusive Aftershow in derselbigen. Ganz klar wurden von den beiden Herren die Bratwurst, die in rauen Mengen konsumiert wurde, angeprangert und als Dreingabe für den Hinterkopf die leutselige Art des Kunstevents, dass die Gäste dann doch nicht komplett in die Kunstwelt einzutauchen versuchten, das Ausstellungswochenende als Rummel verstanden, um, abgefüllt mit Bier und Fleisch, wieder von dannen zu ziehen, bespickt von ein paar bunten Eindrücken, die in ein paar Tagen ohnehin wieder verblassen dürften. Mitnahmeeffekte gab es wohl nur für die echten Sammler, die gezielt in den Ateliers und in der Gruppenausstellung “Lost & Stay – a room that…“ nach Objekten ihrer Leidenschaft suchten. Aber so lustig und erfrischend „Disco“ die Darstellung der beiden Herren war, dahinter steckte die Arbeit zweier Performance-Künstler. Kenneth Stitt und Martin Holz tanzten übers Kopfsteinpflaster. Holz ist der Koordinator der „Pilotenküche“. Der gebürtige Sachse studierte zunächst Germanistik und Philosophie, danach Kunstpädagogik in Leipzig, malt, schreibt und verschreibt sich der Kunst. Stitt performte bereits im vergangenen Herbst in der „Pilotenküche“. Zumindest er ist in Leipzig kein Unbekannter auf dem Performance-Parkett. Wird er im Januar nochmals in einer eigenen Performance für das „Theatre Impermanent“ in der Leipziger Demmeringstraße zu sehen sein.

Kenneth Stitt aka Rudolph Byson Gaa live at the Voodoo Night at Pilotenkueche, November 28th 2014

Kenneth Stitt mit seinen Performances in Lindenau 2015

  1. Hat dies auf Leipziger Kulturgeschichten rebloggt und kommentierte:

    Stürmisch war’s am vergangenen Wochenende. Fast hatte es den Anschein, der Frühling pustet sich mit aller Gewalt den Weg frei. Gute Voraussetzungen für den Winterrundgang der Spinnerei-Galerien in Leipzig für mehr Publikum, inklusiv heißem Tanz auf dem Kopfsteinpflaster, Wintergrillen und massig interessanten Ausstellungen. Im Artikel, der auf „Artefakte“ erschien, konnte nur ein kleiner Einblick unternommen werden, was am 10. Januar auf dem Kunstparkett in Plagwitz geschah. Mehr aber auf „Artefakte“. Mehr „sexy“ als 2015 geht nicht, oder etwa doch…? Lesen Sie selbst.

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