Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Wer oder was ist Pornosophie? Ist es Sophie, die gern Pornostreifen schaut? Oder setzt sich das Wort aus den Teilen Porno und Philosophie zusammen. Weil Dr. Konstanze Caysa Philosophin ist, kann erstere Schlussfolgerung bedenkenlos als Quatsch beiseite gewischt werden. Konstanze Caysa verfasste eigens zur im Juni 2017 stattfindenen Ausstellung „Pornosophie“ ein Manifest, welches die Gruppenausstellung, die in diesem Zusammenhang nahezu unverschämt nach Gruppensex klingt, umklammert. 

Grit Hachmeister:
Grit Hachmeister: „Sweeter than anything“ 6-teilige Serie, Schwarzweißfotografien im Passepartout, gerahmt Liedtext von Pj Harvey je 24 x 30 cm

Wer oder was ist Pornosophie? Ist es Sophie, die gern Pornostreifen schaut? Oder setzt sich das Wort aus den Teilen Porno und Philosophie zusammen. Weil Dr. Konstanze Caysa Philosophin ist, kann erstere Schlussfolgerung bedenkenlos als Quatsch beiseite gewischt werden. Konstanze Caysa verfasste eigens zur im Juni 2017 stattfindenen Ausstellung „Pornosophie“ ein Manifest, welches die Gruppenausstellung, die in diesem Zusammenhang nahezu unverschämt nach Gruppensex klingt, umklammert.

Die Galerie Potemka meint: „Dr. Konstanze Caysa – Initiatoren dieser Ausstellung erhält in der österreichischen Kunstzeitschrift Millionart derzeit eine Reihe von vier Ausgaben, in denen das Werk der Künstlerphilosophin vorgestellt wird. Sie ist Nietzsche-Spezialistin und ein wiederkehrender Gedanke in ihrem Denken, ist der der Leiblichkeit, die sie, anders als die reine Körperlichkeit, an die Seele gekoppelt ist. Dies stellt für sie – gerne auch in Verbindung mit dem Verstand – eine höhere Intelligenz dar, als der abgespaltene Verstand, der frei von Intuition agiert. Pornosophie ist nicht als Pornografie zu verstehen, sondern die ausgestellten Werke stehen im Sinne des Leiblichkeits-Gedanken für die Verbindung von Körper, Geist und Seele.“

Stephanie Dost: Aus der Serie Nice Guys - Leopard und Tiger, 23,5 x 23,5cm, 2016, Buntstift auf Papier
Stephanie Dost: Aus der Serie Nice Guys – Leopard und Tiger, 23,5 x 23,5cm, 2016, Buntstift auf Papier

Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Von Konstanze Caysa

Expraktik ist Askese bis zum Exzess, zum Exerzitium erotischer Ekstase.

Erotische Ekstase steht gegen sexzentrische  und theozentrische Ekstase, sie bewegt sich im Spannungsfeld der Erotik  des Geschlechts  und  Erotik des Gehirns, von Geschlechtserotik und Gehirnerotik.

Der sexzentrische  Ekstatiker ist  Phallogozentrist und Vulvafetischist. Im Phallus und in der Vulva findet er das All- und Ureine. Die Vereinigung mit dem Göttlichen ist für ihn die geschlechtliche Vereinigung. Je mehr er von den Abstraktionen des Denkens entfernt ist, je näher glaubt er sich dem Göttlichen, dem Phallus, der Vulva.

Der theozentrische Ekstatiker glaubt, je mehr er dem sexuell Sinnlichen entfremdet ist, je näher ist er dem göttlichen Denken, dem reinen Hirn.

Für den Einen ist die mystische Vereinigung mit dem Absoluten ein Geschlechtsphänomen; für den Anderen ein Gehirnphänomen.

Der sexzentrische Ekstatiker glaubt, je weiter man die Kellertreppe zum Sexuellen hinabsteigt, je näher komme man dem Absoluten.

Der theozentrische Ekstatiker glaubt, je weiter man sich der Sphäre des Sexuellen entfernt, je näher kommt man Gott.

Beide streben eine Katharsis an: der Eine eine Katharsis durch das Gehirn, der Andere eine Katharsis durch den Sex.

Carina Linge: Peitho, 2011, C-Print auf Dibond, 60 x 45 cm, Edition 3 + 2 AP
Carina Linge: Peitho, 2011, C-Print auf Dibond, 60 x 45 cm, Edition 3 + 2 AP

Der Eine will sich vom Sexuellen ablösen und der Andere vom Gehirn, um sich mit Gott, dem Ur-Alleinen,  zu vereinen.

Der sexzentrische Ekstatiker strebt die Loslösung des Sexes vom Gehirn an.

Der theozentrische Ekstatiker strebt die Loslösung des Gehirns vom Sex an.

Der Eine will Sex ohne Hirn; der Andere Hirn ohne Sex.

Beide Denken nicht.

Beide  sind Mystiker: Mystiker des Sexes einerseits, Mystiker des Gehirns andererseits.

Der Sexmystiker steht gegen den Gehirnmystiker und vice versa.

Beide sind tolle Menschen, ihnen ist ein obsessiv-manischer Zug eigen, sie sind maßlos, bedenkenlos, gewissenlos, auf je verschiedene Art und Weise jenseits von Gut und Böse. Sie sind methodische Amoralisten mit je umgekehrten Vorzeichen.

Beide sind Dionysiker: Der Eine ist Sexdionysiker, der Andere ist Hirndionysiker.

Gegen die Vereinseitigungen von sexzentrischer und hirnzentrischer Ekastase steht die erotische Ekstase, die beide aufhebt.

Die erotische Ekstatik ist eine göttliche, heilige Erotik, die die Erotik des Sexes und die Erotik des Gehirns, die die “Erotik der Körper” und die “Erotik der Herzen” aufhebt.

Erotik ist nicht etwas Menschlich-Allzumenschliches, sondern eine Seinserfahrung. Durch sie begegnet mir in meinem Dasein das kosmische Sein, meine sinnliche Endlichkeit begegnet mir  im Medium der Erotik der Unendlichkeit – in  Augenblicken der Ekstase.

Shaima Sobhy: Covered Woman, 2017, 107 x150 cm, Acryl auf Leinwand
Shaima Sobhy: Covered Woman, 2017, 107 x150 cm, Acryl auf Leinwand

Der erotische Ekstatiker ist ein Mystiker ohne Gott – denn Gott ist die Liebe und Geschlechtsverkehr ist ihm Liebesverkehr zwischen Sex und Hirn, Sinnlichkeit und Denken, Leidenschaft und Vernunft, Leben und Tod.

Die bedingungslose Hingabe in der heiligen Ekstase ist nicht unkontrolliert, sie ist geordnet, um  Bedingungslosigkeit bis hin zur Bindungslosigkeit zu ermöglichen; Ekstase ist geformte Überschreitung, damit der Rausch gelingt. Der Ekstatiker ist ein Formulierer – ein Formgeber.

Der Künstlerphilosoph ist erotischer Heiliger. Sein Exerzitium ist der heilige Eros, er ist ein heiliger Asketiker.

Der Künstlerphilosoph ist der Asket, der die Askese zum Exerzitium macht; er betreibt die Askese als Exerzitien.

Kunst ist ihm Kult: Kult der Schönheit.

Schönheit umgibt nicht einfach die Macht – sie verspricht Macht.

Schönheit ist nicht leistend, sondern versprechend – das ist ihre Leistung.

Das Schöne wird nicht nur im Schönen gezeugt, sondern auch im Medium des Hässlichen.

Nicht nur die Schönheit ist faszinierend, sondern auch das Hässliche.

Das Hässliche ist in seiner Repulsion Attraktion. Attraktion verspricht immer Macht, egal ob schön oder hässlich, allzu oft ist die Hässlichkeit in ihrer Macht schön – weil auch das Hässliche fasziniert.

Der Dämon Eros ist schön und hässlich, arm und reich, kynisch und zynisch.

Nicht nur das Schöne ist Objekt der Kunst, sondern auch das Abstoßende, Ekelhafte, die Abjekte.

Die Kunst, die sich den Abjekten zuwendet, ist Pornosophie, sie stellt die Wahrheit der Abjekte, der “Huren” dar.

Dr. Konstanze Caysa: Parrhesiast, 2017, 42 x 19,5 cm, Mixed Media
Dr. Konstanze Caysa: Parrhesiast, 2017, 42 x 19,5 cm, Mixed Media

Dieser ästhetische Extremismus ist eine skandalisierende Lebensform, die dem “Skandal” (genannt Leben) auf den Grund geht. Die barbarische Wahrheit des Lebens kommt ans Licht.

Dieser Skandalismus stellt sich gegen die political correctness der Massendemokratie, gegen die Hässlichkeit ihres grunzenden, schmatzenden, saufenden Hedonismus mit elitärem Hedonismus: kynischer Aristokratismus = Pornosophie.

Die gelingende Skandalisierung ist aber nicht grenzenlose Enttabuisierung. Ist Skandalisierung entgrenzte Enttabuisierung, dann ist sie unerotisch und pornographisch. Der Skandal, der ein Wahr-Sagen ist, braucht Tabus, um die Erotik zu ermöglichen.

Die Garantie der Tabus als Bedingung der Möglichkeit von Erotik ist die Form, der Stil.

Pornosophie ist stilisierte Erotik, kein Sex, sie ist ästhetisierte Religion, Erotik als Religion.

Was griechisch phallos heißt ist lateinisch fascinus.

Das Bündel, das Beil, als Symbol der Strafgewalt, fasziniert, verzaubert, verführt, bannt uns.

Insofern stand der Phallus immer für Souveränität und im Anschluss daran das gebündelte Feuer: die Fackel. Der Pornosoph, insofern er den Phallus heiligt, ist also der Fackelträger der Kunst: der Künstlerphilosoph.

Pornosophie (Group Show)

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Dr. Konstanze Caysa

Stephanie Dost

Grit Hachmeister

Corinne von Lebusa

Carina Linge

Shaima Sobhy 

Sophie von Stillfried

Robin Zöffzig

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Vernissage: 24.06.2017, 19 Uhr

Dr. Konstanze Caysa liest ihr pornosophisches Manifest
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Ausstellungsdauer: 25.06.-22.07.2017

Straßenkunst, Hot Pants und Bratwurst – Leipzigs Kunstmeile lockte tausende Schaulustige an

 

"Null Acht Fuffzehn" im Laden für Nichts (Bild: Artefakte/ Leipziger Kulturgeschichten)
„Null Acht Fuffzehn“ im Laden für Nichts (Bild: Artefakte/ Leipziger Kulturgeschichten)

Fast hätte man glauben können, das Orkantief „Felix“ hat extra viele Menschen nach Plagwitz gepustet. Leipzigs Kunstmeile auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei lockte zu milden Temperaturen tausende Schaulustige in die Galerien und Ateliers. Umtanzt wurden sie nicht nur von Sturmböen, Kunst und Völlerei, sondern auch von zwei ganz ausgeflippten Burschen. (Von Daniel Thalheim)

„Musst du Wackeln mit der Hufte“

Ghettoblaster auf der Schulter, Bauch frei, Hot Pants am Hintern. So empfingen zwei junge Herren am Kunstwochenende in Plagwitz die Herangereisten, die in der Alten Baumwollspinnerei Kunst gucken wollten. Die beiden Typen, die zu milden Temperaturen mit ihren Reizen nicht geizten, waren der Hingucker am Nachmittag des 10. Januar. Selbst die Betreiber der Galerie Kleindienst schauten genüßlich auf die Leibespräsentation, als das Duo sich der Glastür des Ausstellungsraumes näherte. „Jetzt kommen sie“, freute sich einer der Herren im Anzug. Ein zappeliger Tanz, ein Wackeln mit den Hüften später waren die beiden Flippos schon wieder im Trubel der Kunstmeile entschwunden. Nur das blecherne Hämmern der Musik aus den Achtziger Jahren war zu vernehmen. In der Galerie selbst bellte noch ein erschrockener Hund. Die Gäste grinsten.
Im Westen nichts Neues? Die beiden Typen waren die Kirschen auf der Sahnetorte der Kunst. Das Gebäck präsentierte sich an dem Winterwochenende doch eher zurückhaltend. Wer was auf sich hielt, der ging nicht den konventionellen Weg. Natürlich konnte der Gast am vorderen Eingang mit dem Besuch dem „Archiv Massiv“ beginnen, dort brummte aber nicht der Bär. Auch nicht im unteren Teil der Halle 14, die, mit Ausnahme der Pilotenküche auf der ersten Etage im westlichen Flügel, eher wie ein still gelegtes Schiff in der Reederei glich. Zwar war die Ausstellung mit Kinderbildern ganz niedlich anzuschauen, aber das große Fragezeichen, warum um alles in der Welt hierin Fördergelder gepumpt werden, lief ständig mit. Immerhin ist der Ort bald barrierefrei erreichbar, denn so mancher Gast im Rollstuhl stand auch bei den anderen Galerien vor dem Problem, die unüberwindbaren Stufen nicht erklimmen zu können.
Der Herzschlag pochte eher in den Galerien nach dem großen Einkaufsmarkt für Kunstbedarf, aber auch da schlug der Muskel auf einer ganz anderen Ebene, als ringsum bei den kleineren Projekten und Ateliers. Der „Laden für Nichts“ lud zu seinem verlassenen und als „Null Acht Fuffzehn“ betitelten Banquet zur Street Art ein. Bei der raumumfassenden Präsentation sah man den Spaß, den die Künstler hatten, den Besucher mit knallbunten Geklecks zu verblüffen. Farbe als Lebenslust. Traumwandlerisch gestalteten die Maler, deren Namen sich aus den Hausmalern und einigen Gastbeiträgen zusammensetzte, den Ausstellungsraum zu einer Wohlfühlbude, die dennoch dem Zuschauer zeigte; hier wurde ausschweifend gefeiert, die Gesellschaft war aber schon lange weg. Der Spur der Verwüstung sah eher wie ein Resultat einer Auzusgsparty aus, die ziemlich gut verlaufen war. Die Besucher betraten ein Feld, das kriminologisch erforscht werden musste. Leere Flaschen, verschmierte Poster, leere Spraydosen, Affenporträts und eine gemalte Göttin im Vorgartenidyll. „Hier steppte der Papst im Kettenhemd, ihr ward nicht dabei“, könnte so die freie Botschaft lauten, die einem als Interpretation ins Auge sprang. Man könnte auch interpretieren, Street Art bombte mitten in den Elfenbeinturm der Hochkunst eine Farbenschlacht – beeindruckend zwar, aber wirklich so neu? Musste nicht neu sein, der Raum als Malwand ließ Kunst nicht so auf dem hohen Ross reiten wie nebenan in der „Maerzgalerie“, „Galerie Kleindienst“ und in der Galerie „Eigen & Art“. Dort trabte die Muse einen gemächlichen Gang.

Clemens Tremmel, Bildausschnitt (Foto: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)
Clemens Tremmel, Bildausschnitt (Foto: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)

Akademiekunst der hohen Schule

Die Leipziger Schule fand nicht statt. Dafür standen Akos Birkas, Corinne von Lebusa und Clemens Tremmel auf dem Kunstplan. Figürliche und gegenständliche Malerei hatte an diesem Wochenende wieder Hochkonjunktur in Leipzig. Wenn auch das Sinnhafte außen vor blieb, stand die Frage im Raum, welchem Zweck eine gemalte Figur dienen sollte, es sei denn als Metapher oder Symbol? In der Geschichte der gegenständlichen Malerei gab es viele Gründe, die Umwelt und die Personen realitätstreu abzubilden – als Erinnerung, als Allegorie, auch als Anspruch des Künstlers, im Wettstreit mit der Natur zu liegen, oder auch mit sich selbst und anderen Malern und Grafikern. Handwerkliches Geschick auf hohem Niveau stand in den drei genannten Galerien „Eigen + Art“, „Maerzgalerie“ und „Kleindienst“ auf dem Speiseplan.
Realitätsnähe stellten alle dort vorgestellten Künstler in Frage. Landschaft sah zwar aus wie Landschaft, ebenso Gesicht und Körper wie aus dem Lehrbuch für figürliche Malerei entnommen, aber die Kontexte der ausgestellten Arbeiten entzogen sich unserem Realtätsempfinden. Figur und Raum standen als Symbole für Seele und Empfinden. So beschrieb die Leipziger Künstlerin Rosa Loy für die „Kleindienst“-Galerie die Werke von Corinne von Lebusa als „subjektive Mystik“ und „wunderbare Welt des privaten Kosmos’“. Der scheinbare perfekte Körper, oder das Gesicht, beschnitt die Künstlerin um Gliedmaßen, oder Sujets erschienen uns bizarr, wie im Bild „Die Richtung“, wo Lebusa einer dargestellten Frau einen Stab anheftete. Durchbohrt er sie, oder klebt er an ihr fest? Die Dargestellte schien es selbst nicht zu wissen. Die 1978 in Herzberg geborene, auf der Burg Giebichenstein und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte Künstlerin absolvierte ihr Studium bei Neo Rauch und ist seit 2007 mit eigenen Ausstellungen zugange. Ihr Werk wirkte wie aus der Zeit gefallen, als naive Malerei durch die Surrealisten entdeckt und weiterentwickelt wurde. An die geometrischen Formen und neonfarbenen Lichtwirkungen des „Art Deco“ erinnerten die Werke „Lichtmess“, „Just We“ und „Vision“.
„Elementar“ begriff Clemens Tremmel seine Malerei. In der „Maerzgalerie“ lebte er sein Faible für Landschaftsmalerei aus. Wie bei Lebusa schien auch das Werk des Meisterschülers von Ralf Kerbach und Student bei Christian Sery und Hans-Peter Adamski aus der Zeit gefallen zu sein. Spuren der Romantik wurden bei seinen Arbeiten verwischt, auf den Kopf gestellt, zerkratzt, seine Naturpanoramen zerstückelt. Stellten die Bilder unsere Beziehung zur Natur in Frage, vielleicht sogar die Naturbezogenheit des Menschen, übertüncht von Zweifeln, Suche und Süchten? Anders als Markus Mathias Krüger, der seine Naturlandschaften als Spiegelbild der Seele in einer unruhigen Idylle zeigt, ging Tremmel ein Stück weiter. Ein (selbst)zerstörerisches Werk, dass Tremmel dieser Tage in Leipzig präsentierte, zu Recht umwoben von den Besuchern und mittendrin ein zufriedener Galerist Torsten Reiter.
Akos Birkas zeigte im „Schatten des Anderen“ in kalten, disharmonischen Akkorden scheinbar romantische und innige Beziehungen, umflochten von geometrischen Figuren, wie aus der Hand eines Piet Mondrian gemalt.
„Der 1941 in Budapest geborene Maler spielt gern mit Motiven aus der Kunstgeschichte“, informierte eine Galeriemitarbeiterin einen Gast. Dann war noch das Selbstporträt. Ganz wichtig fürs Werkverständnis von Birkas, denn seit den Siebziger Jahren kehrte er immer wieder zu sich selbst zurück. Er steht mit dieser Werkslinie auf einer Ebene mit Künstlern wie Salvador Dali und Rembrandt van Rjins, die zeitlebens immer wieder Abbildungen von sich in ihr Werk einflochten oder als eigenes Genre auslebten. „Birkas“, so die Mitarbeiterin weiter, „beschäftigt sich mit seinem neuen Werksabschnitt mit menschlichen Ängsten wie Homophobie und Xenophobie.“ Ganz aktuell also, denn die Xenophobie ist als Fremdenfeindlichkeit bekannt und erreicht wegen der aktuellen islamistischen Terrorakte in Nigeria, in Syrien und Irak, aber auch in Frankreich und Deutschland wieder beängstigende Spitzen. Ungarn selbst war in den vergangenen Jahren auch nicht als Hort der Demokratie und Freiheit bekannt geworden, hatte die dort regierende Regierung aus Rechtspopulisten mit fremdenfeindlichen Übergriffen von sich Reden gemacht. Eine Gefahr, die, auch angesichts rechtspopulistischer Demonstrationen, sich in Deutschland schleichend um sich greifen könnte und längst aus der so genannten bürgerlichen Mitte unserer Gesellschaft heraus, seine knorrige Hand, mit dem Stallgeruch der Nazis samt Schlagwörten wie „Ordnung“ und „Sicherheit“ ideologisch verbrämt, ausstreckt.

Theodora Kokhodze, Gemälde (Bild: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)
Theodora Kokhodze, Gemälde (Bild: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)

Mitten in der Pilotenküche

Der Ghettoblaster näherte sich wieder. Bald darauf stolperten die zwei knapp gekleideten Herren in die Pilotenküche in der ersten Etage des Westflügels der Halle 14. „Flyer“, rief der eine, „wir brauchen Flyer!“ Er schnappte sich ein Papier, das vor einer jungen Frau lag. Sie riss das Blatt wieder an sich. „Das gehört mir!“ Der junge Mann war zunächst verblüfft, rief aber weiter nach Flyern, tanzte mit dem anderen durch die Ausstellungsräume der Pilotenküche, wo die Künstlerin Theodora Kokhodze einigen Gästen ihre Arbeiten vorstellte. Ihre Seelenlandschaften schienen in einem Akt aus Spontanität und Zerstörung entstanden zu sein, gegenübergestellt von diversen räumlichen Objekten anderer Ausstellungsteilnehmer. Zu ihrer Arbeit sagte die Gewinnerin der „Bienal Internacional de Arte Infantil y Juvenil. 2001“: „Ich kann immer noch fühlen als wäre ich ein Kind, voll von Energy und Passion. Meine Gemälde sind für mich wie eine innere Flucht. Jedes Bild, jede Farbe, jedes Gefühl ist ein Ausdruck für für die Reise meiner Seele. Ich beende meine Arbeit nie, ich glaube, der Betrachter sollte sie auf seine eigene Weise erfahren und für sich zu Ende denken.“
Die Pilotenküche demonstrierte mit dem Mix aus verschiedenen Werken diverser Künstler und Künstlerinnen wohl die erfrischenste Schau der jungen Wilden in Leipzig an dem vergangenem Kunstwochenende, neben dem „Laden für Nichts“. Wer die erste Etage betrat, musste durch ein papiernes Tor schreiten und an einem halbnacktem Desperado aus Pappe vorbei, einem der beiden halbnackten Ulknudeln mit dem Ghettoblaster nicht ganz unähnlich, wurde von dem Schlachtross Napoleons und einem Biedermeierstuhl eingeladen und befand sich im schummerigen Licht der Pilotenküchenbar wieder, wo das Kleingeld für ein paar Bier und Schnäpse auf den hölzernen Tresen klimperte. Hinter dem Eingangsbereich erstreckte sich in den Küchenräumen des einstigen Fabrikgebäudes der Ausstellungsbereich. Die Gäste waren zahlreich. Der Mix aus Street Art und Objektkunst könnte fast als Pendant zu der Arbeit im „Laden für Nichts“ gelten, wesentlich düsterer komponiert.
Als wenig später die beiden Disco-Nudeln zusammen mit Kokhodze auf dem Kopfsteinpflaster tanzten, trugen sie das Schild mit der Aufschrift „Pilotenküche“ mit sich und machten so Werbung für die erste Preisverleihung inklusive Aftershow in derselbigen. Ganz klar wurden von den beiden Herren die Bratwurst, die in rauen Mengen konsumiert wurde, angeprangert und als Dreingabe für den Hinterkopf die leutselige Art des Kunstevents, dass die Gäste dann doch nicht komplett in die Kunstwelt einzutauchen versuchten, das Ausstellungswochenende als Rummel verstanden, um, abgefüllt mit Bier und Fleisch, wieder von dannen zu ziehen, bespickt von ein paar bunten Eindrücken, die in ein paar Tagen ohnehin wieder verblassen dürften. Mitnahmeeffekte gab es wohl nur für die echten Sammler, die gezielt in den Ateliers und in der Gruppenausstellung “Lost & Stay – a room that…“ nach Objekten ihrer Leidenschaft suchten. Aber so lustig und erfrischend „Disco“ die Darstellung der beiden Herren war, dahinter steckte die Arbeit zweier Performance-Künstler. Kenneth Stitt und Martin Holz tanzten übers Kopfsteinpflaster. Holz ist der Koordinator der „Pilotenküche“. Der gebürtige Sachse studierte zunächst Germanistik und Philosophie, danach Kunstpädagogik in Leipzig, malt, schreibt und verschreibt sich der Kunst. Stitt performte bereits im vergangenen Herbst in der „Pilotenküche“. Zumindest er ist in Leipzig kein Unbekannter auf dem Performance-Parkett. Wird er im Januar nochmals in einer eigenen Performance für das „Theatre Impermanent“ in der Leipziger Demmeringstraße zu sehen sein.

Kenneth Stitt aka Rudolph Byson Gaa live at the Voodoo Night at Pilotenkueche, November 28th 2014

Kenneth Stitt mit seinen Performances in Lindenau 2015