High Noon in der Spinnerei – Um was es Johannes Tiepelmann mit seiner Malerei geht

Johannes Tiepelmann: Gebrüder Grimm, 2006/2007, Öl auf Leinwand, 387 x 265 cm (courtesy Galerie FLOX 2016)
Johannes Tiepelmann: Gebrüder Grimm, 2006/2007, Öl auf Leinwand, 387 x 265 cm (courtesy Galerie FLOX 2016)

Fünf Jahre ist es schon her. Wer damals nach guten Malern stöberte, der stieß noch 2011 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei oder im Tapetenwerk auf einen talentierten jungen Mann. Sein Ausstellungsrefugium befand sich damals mitten im Herzen von Lindenau. Die kleine Galerie befindet sich heute noch in der Aurelienstraße. „Potemka“ heißt sie, nach ihrer Galeristin benannt. 2011 hingen hier Arbeiten von Johannes Tiepelmann. Seit 2013 betreut die Galerie FLOX die Vermarktung seiner Werke. Eine Erinnerung.

24 Stunden vor der Vernissage am 16. September 2011 holperten Fahrräder über das buckelige Kopfsteinpflaster der Alten Baumwollspinnerei. Auf einem saß der Künstler, der an dem alten Industrieort, wo 1946 die Sowjetische Militäradministration Kriegsverbrecherprozesse durchführte, sein Atelier hatte und vom Drahtesel abstieg. Aus seiner Tasche zog er ein Paket. Bald darauf hielt er in der einen Hand ein eingewickeltes Gemüse-Wrap, in der anderen Hand einen Kaffee in einem Pappbecher. An seiner Schulter baumelte die Umhängetasche. Zum alljährlichen Großereignis Herbstrundgang der Spinnereigalerien mag er hier nicht sein, bekundete er beim Gehen. Dieser Trouble sei nicht sein Ding, meinte er während er die Tür zu seinem Atelier aufschloss.

Der Raum verschluckte wegen seiner Größe seine Besucher. Man fühlte sich klein. Dennoch war es gemütlich hier. In diesem Refugium lagen ausgedrückte Farbtuben, Pinsel steckten in Gläsern, Riesige Leinwände lehnten auf den Kopf gestellt an den Wänden. Davor mehrere kleine Arbeiten – farbenfroh, narrativ. Dazwischen eine Couch, ein Tisch, ein Sessel.

Johannes Tiepelmann: Raum, 2010, 287 x 287 cm, Öl/Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)
Johannes Tiepelmann: Raum, 2010, 287 x 287 cm, Öl/Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)

„Wie soll ich das erklären?“, sagte Johannes Tiepelmann zu seinem vorzeitigen Abgang von der HGB als er auf dem Sofa saß und eine Zigarette rauchte. Der damals 31-jährige Absolvent der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und Hochschule für Grafik und Buchkunst zögerte und führte aus, dass für ihn Kunst mit Schule nichts zu tun habe. „Es ist die Theorie, Scheine machen … und so weiter. Meinen ersten Schein habe ich gemacht, danach war ich fix und fertig. Ich möchte all diese Dinge, die man eingepaukt bekommt, selbst für mich entdecken. Ich habe tagein tagaus im Atelier gesessen und gemalt.“ Zur Spinnerei-Gemeinschaft fühlte er sich er auch nicht dazugehörig, auch wenn er seit über zehn Jahren sein Atelier hier hatte. „Mir fehlt natürlich etwas durch das nicht vorhandene Diplom. Stipendien kann ich nicht wahrnehmen. Die Antragsnehmer wollen Zeugnisse sehen.“ Doch auch die brauche er nicht, beteuerte der Maler damals, lieber verkaufe er die Gemälde. Neun Werke reihten sich im Atelier aneinander. Sie gingen in die Galerie Potemka. „Sie werden noch gerahmt und bekommen eine Membran“, sagte er und ließ seinen Blick schweifen. „Ich bin selbst gespannt wie es wirkt,“, fügte er fast schon still gesprochen hinzu. „Durch dieses Pergamentpapier wird die Farbigkeit entkräftet. Das ist so Absicht, weil es Bilder sind, die schon längst existieren – sie sind alle 1 : 1, bloß viereinhalb mal kleiner als die Originale.“ Die meisten Papierarbeiten sind 70 mal 100 Zentimeter groß. Man konnte sich vorstellen, wie groß das vierfache davon ist.

„Die Originale sind alle in Acryl gemalt worden, die hier alle in Öl. Eine völlig andere Herangehensweise, Öl ist viel zäher. Viele Details habe ich einfach weggelassen. Miniaturmalerei ist einfach nicht mein Ding. Die Farbigkeit habe ich im Gegensatz zu den größeren Originalen verändert. Es ist fast so als würde man die Augen zusammenkneifen und vorm Original stehen und dadurch viele Details wegschwimmen“, erklärte er. Doch wie der Mensch so ist, Details nähme er auch im echten Leben nicht oder nur verhuscht war. „Ich bin künstlerisch auch an einen Punkt gelangt, dass wenn ich jetzt was malen würde, komplett anders aussehen würde. Die Bilder wären auch nicht mehr so narrativ und mit Eindrücken voll gepackt. Obwohl ich extrem viele Sachen weg gelassen habe, sind die aktuellen Arbeiten noch ziemlich dicht erzählt.“

Regiearbeit wäre der große Traum von Johannes Tiepelmann gewesen. Er sagte, dass er in seinen Gemälden szenisch denke und mit ihnen Geschichten erzähle.

Johannes Tiepelmann: Allerseelen, 2010, 195 x 145 cm, Öl auf Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)
Johannes Tiepelmann: Allerseelen, 2010, 195 x 145 cm, Öl auf Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)

Hingen die neuen Werke thematisch zusammen und warum sind sie entstanden? „Ohne den Termin bei der Galerie Potemka wäre diese Serie gar nicht zustande gekommen“, stellte er fest und fügte hinzu, dass er seine Bilder wie abstrakte und ungegenständliche Stories aufbaue. Mit dem Ausstellungstitel “Klausur“ meine er die Zurückgezogenheit des Künstlers in seinem Atelier, nicht das Sammeln von Scheinen und die strebsame Betriebsamkeit im Wettbewerb unter Schülern und Studenten. Johannes Tiepelmanns Akte auf Papier erschienen so als aus Erinnerungen geschälte Reproduktionen von bereits geschaffenen Bildern. Ein Grund für die neuen kleinformatigen Werke war der, dass die Originale durch Verkäufe überall hin verstreut wurden. Sie entstanden, wie es der Maler ausdrückte, mit dem Blick eines Riesen auf seine Kinder.

Ein wenig entstand der Eindruck, als sei David Lynch auf den Pinsel gekommen. „Einzelne Bilder würde ich gerne mal verfilmen. Die meisten würden wahrscheinlich high-noon-typisch daher kommen. Da kann schon mal wie in dem da drüben auch ein Mikro auftauchen, weil ich das einmal in einem Film gesehen hatte, weil die dort schlecht geschnitten hatten und das komplette Kamerateam im Spiegelglas eines Wolkenkratzers zu sehen gewesen war.“ Auch wenn so der Film entlarvt wurde, fand der Maler diesen Fehler richtig sexy und sagte: „Zu fragen was hinter dem Kameraauge ist!“ – Im Grunde gab es zwei Gemälde, die er parallel gemalt hat. Auf dem einen ein Clown mit Mikrofon, auf dem anderen ein Mensch, der sich auf Planken krümmt. Im Grunde schaut der Clown auf ein Geschehen vor ihm. Sogar die Beleuchtung auf beiden Bildern ist aufeinander abgestimmt.

„Die Originale sind in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, die hier in wenigen Wochen und Monaten“, sagte der Maler und schaute auf ein Bild, welches eine Auseinandersetzung mit zwei Windhunden bezeugt. „Ich sehe in den Reproduktionen eher Brüderschaften untereinander, die, als ich die Originale gemalt hatte, nicht absehbar waren. ich habe mir die Bilder der letzten zehn Jahre herausgesucht, die eine gewisse Geltung für mich haben.“ Das Medium Malerei an sich wollte er mit „Klausur“ in Frage stellen.

Johannes Tiepelmann lehnte sich zurück, drehte sich eine Zigarette. „Ich bin gespannt wie sie aussehen, wenn die psychedelische Farbigkeit durch die Membran zurück genommen wird.“

Wer die Originale kannte, stellte rasch fest, dass die „Klausur“-Arbeiten komplett anders aussahen und durch die Membranhaut einen trüben Blick in die Erinnerung schweifen ließen. „Sie sind etwas aufgeräumter“, meinte er zum Schluss.

Ein Gast sagte während der Ausstellung, die am 16. September 2011 eröffnet wurde, man hätte Lust, die Originalfarbigkeit zu entdecken, müsse seine ganze Vorstellungskraft aufwenden, um diese im Kopf entstehen zu lassen.“ Für den Kunstschaffenden, dessen Vater auch an der HGB studiert hat, erschienen die Arbeiten als ein Wendepunkt, ein Abschluss und ein Anfang. Man darf weiterhin gespannt sein, was als nächstes von diesem spannenden Künstler aus Leipzig kommt.

Glück der Neuorientierung – Hans Aichinger über Zweifel und Brüche im Leben

Hans Aichinger »untitled« oil on canvas 90 x 130 cm, 2014 (courtesy own by malerzgalerie Leipzig 2016)
Hans Aichinger »untitled« oil on canvas 90 x 130 cm, 2014 (courtesy by maerzgalerie Leipzig 2016)

Hans Aichinger gehört neben Neo Rauch zu den wenigen Leipziger Künstlern der Wendegeneration, die heute von ihrer Kunst leben können. In seinem großen und abgedunkelten Atelier saß im Herbst 2009 der Künstler und steckte sich eine blaue Gauloise an. „Künstlerzigarette“, sagte der ergraute Aichinger mit rauer Stimme.

„Von Kunst zu leben, davon habe ich schon immer geträumt“, blickte der 1959 in Leipzig geborene Maler auf seine Anfangstage zurück. Von 1982 bis 1986 studierte er bei Bernhard Heisig Malerei an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Sein Atelier war zum Zeitpunkt des Interviews im Jahr 2009 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei untergebracht. An den Wänden waren seine Gemälde angelehnt, auf dem Tisch lagen große und dicke Kunstbände von italienischen Malern wie Caravaggio & Co. Hans Aichinger bewunderte gerade die Hell-Dunkel-Malerei des Italieners und seiner Anhänger, die von Kunsthistorikern als Caravaggionisten bezeichnet werden. Doch Hans Aichinger brauchte nicht so tief in die Historie der Kunst abtauchen, um seine Beweggründe, Kunst zu machen, zu beschreiben. Wenngleich seine Malerei sich stark an der von Caravaggio orientiert, so lädt er seine Sujets mit gegenwartsbezogenen Kontexten auf, die auf dem ersten Blick nicht unbedingt etwas mit der Suche nach und Erkenntnis von Gott zu tun haben können. „Eigentlich ging mein Traum in Erfüllung, als ich von der HGB aufgenommen wurde. 1987 machte ich mein Diplom und hatte das Glück, auch gleich danach als Künstler von meinen Arbeiten leben zu können. Damals war der Einstieg einfacher, weil man Aufträge bekam. Es gab sozusagen eine Garantie zum Geld verdienen mit der Kunst. Das ist heute nicht mehr der Fall.“

Hans Aichinger beschrieb den Zustand, in dem sich viele Vertreter seiner Zunft in der damaligen DDR wiederfanden. Auch sein Malerkollege Thomas Gatzemeier lebte von Auftragsarbeiten. Doch 1986 verließ er das Land, das einen Kritiker wie ihn nicht vertragen wollte. Hans Aichinger blieb.

Hans Aichinger »The hole« oil on canvas 100 x 80 cm, 2014 (courtesy maerzgalerie 2016)
Hans Aichinger »The hole« oil on canvas 100 x 80 cm, 2014 (courtesy maerzgalerie 2016)

Der inzwischen ü-fünfzigjährige Künstler zündete sich eine neue Zigarette an. Diese Sorte rauchte er schon, seitdem er in den Achtzigerjahren mit Künstlerkollegen aus der Bonner Republik in Kontakt stand. Noch lange vor dem Boom hat er sein Atelier 1997 auf dem Spinnereigelände eingerichtet. Eigentlich sollte das jetzige Atelier ein Wohnatelier werden, sinniert er, aber dann lernte er seine Frau kennen, hat nun Kinder. In so einer Umgebung mag niemand Kinder aufwachsen sehen. So nimmt Hans Aichinger zwanzig Fahrtminuten mit dem Auto in Kauf, samt Stullen und eine Thermoskanne voller Kaffee. Wenn dieser mal nicht reiche, dann holt er sich welchen aus dem benachbarten Café Mule. „Malerei und Privates sollte man schon voneinander trennen, wenn man professionell arbeiten möchte. Man hat sonst immer alles vor Augen, die Couch, TV oder Küche. Entweder ist man nur am Malen und kann nicht abschalten, oder man ist blockiert und schafft gar nichts.“

Nach der Wende und in der Zeit der Wiedervereinigung orientierte auch Hans Aichinger, wie viele seiner Malerkollegen neu. Vom Realismus wurde in der Bundesrepublik nicht viel gehalten. Es galten entweder die großen Fotorealisten aus den USA bzw. der nach Los Angeles ausgewanderte Künstler … Helnwein, Post-Expressionisten wie Jörg Immendorf, die DDR-Exilanten und das Umfeld der Düsseldorfer Kunsthochschule, die Maler der Wiener Wiener Schule und die Vertreter der Informel Art, bei denen Emil Schumacher als einer der letzten Protagonisten galt. Zwischen Kitsch und Ramsch der Kaufhaus-Kunst, der bundesrepublikanischen Avantgarde wurde die Malerei der DDR schnell auf die Arbeiten eines Willi Sitte eingedickt, gleichgemacht und verdammt, vergessend darüber, dass Maler wie Arno Rink, Bernhard Heisig und Werner Tübke auch in der BRD einen guten Bekanntheitsgrad besaßen. Nach 1989 wurde v.a. in Deutschland-Ost vieles von dem Kulturgut verbannt und vergessen, was später als sogenannte Nostalgie-Welle über die gesamte BRD schwappte. Es war nicht alles so schlecht, was in der DDR, zumindest kulturell, stattfand. Auch hier darf das weinende Auge nicht vergessen werden. Im Arbeiter- und Bauernstaat wurden ebenfalls Künstler ausgegrenzt, diffamiert und von inoffiziellen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit regelrecht fertig gemacht – als bestes Beispiel sei der Dresdner Mail-Art-Künstler Jürgen Gottschalk genannt, oder eben auch Thomas Gatzemeier und Gerhard Richter.

Bei Hans Aichinger gab es während der Nachwendezeit auch Zweifel. Doch nicht nur damals war dies der Fall. „Dass man zweifelt, gehört dazu“, gab er 2009 zu Protokoll. Er erklärte auch warum. „Zweifeln liegt in der Natur des Künstlers. Ich zweifele oftmals von Bild zu Bild, hatte größere Krisen – unabhängig von den äußeren Umständen. Dann fragt man sich schon, ‚Ist meine Kunst überhaupt sinnvoll?‘. Erfolg und Anerkennung sind wichtig. Geld als verknappte Sprache dieser beiden Aspekte äußert das. Sie kann Sympathie aber auch Misserfolg ausdrücken. Handwerklich sollte es bei keinem Künstler Zweifel geben, aber inhaltlich sollte man schon lesen können, was ein Künstler fühlt. Dann kommt es darauf an, wie viel man zulässt. Ich kann das mit gegenständlicher Malerei besser ausdrücken als mit ungegenständlicher Malerei.“

Hans Aichinger »Truth« oil on canvas 110 x 110 cm, 2013 (courtesy maerzgalerie 2016)
Hans Aichinger »Truth« oil on canvas 110 x 110 cm, 2013 (courtesy maerzgalerie 2016)

Der bärtige Mann nahm den dampfenden Milchkaffee vom Tisch, legte das bunt eingebundene Caravaggio-Heft auf den selben und trank einen Schluck. Durch die hohen Fenster konnte man die graue Wolkendecke beim Vorbeiziehen beobachten. Der Wind hatte schon längst die letzten Blätter von den Bäumen gefegt, Nebel schlug sich feucht auf das Kopfsteinpflaster. In der ehemaligen Stuckateur-Werkstatt war es auch nicht viel wärmer. Die Heizung funktioniere nicht so richtig, wies Hans Aichinger auf die Kühle im Atelier hin Er schaute dabei auf seine Gemälde.

Für Aichinger ist die gegenständliche Sprache für viele leichter lesbar, weil er mit Zeichen arbeitet, die jeder kennt. „Abstrakte Gehversuche habe ich auch einmal versucht“, blickte er noch einmal in die Zeit nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zurück. „Doch dem fühlte ich mich nicht gewachsen, weil ich selbst nicht beurteilen konnte, wann ich mit einem Gemälde fertig bin oder nicht.“

Es müsse weiter gehen, hielt er noch fest, als müsse er sich selbst motivieren. Zum Glück habe ich einen Galeristen, der sich um alle formalen Dinge kümmert. So werde ich im kommenden Frühjahr wieder eine eigene Personalausstellung haben. Es gibt auch noch andere Pläne, wie die durch Skandinavien wandernde Gruppenausstellung mit dem Thema ‚Leipziger Schule‘. Nach der Fußball-WM in Südafrika wird es in Kapstadt noch eine Ausstellung meiner Bilder geben. Ich werde zur Ausstellungseröffnung dort sein. Aber ich sehe die Sache realistisch. In Südafrika gibt es keine große Kunstszene, was mir viele immer berichten, eigentlich fast gar keine. Deswegen erhoffe ich mir davon nicht viel. Kapstadt ist eine große Stadt mit viel Geld, künstlerisch ist das aber nicht wichtig. Aber ein Abenteuer.“

Abgeschlossen hatte er zum Zeitpunkt des Gesprächs mit der Lebenszeit bis 1989 noch nicht. Ihn verbanden seine Gefühle noch mit der DDR. „Nun ja. Vor zehn Jahren war ich in Kuba“, erinnerte er sich. 1999 befand er sich wegen eines Arbeitsaufenthaltes in der Casa Alejandro de Humboldt in Havanna auf der Karibikinsel. „Dort tritt man auch auf diese wunderliche Situation: Ahnungslosigkeit trifft auf viel Hoffnung“, beschrieb er seine Eindrücke von Fidel Castros sozialistischem Eiland. „Es gibt aber auch viele interessante Menschen. Damit meine ich die künstlerischen Positionen, die sie mit den ehemaligen DDR-Künstlern und den Menschen teilen. Man schaut so als Randbeobachter auf diese Situation wie in ein Aquarium. In dieser exotischen Karibik ist eine völlig andere Kultur. Dort fand ich mich aber selbst wieder. Da gibt es staatsüberzeugte Funktionäre und Dissidenten in diesem despotischen System. Man hat so den Überblick. Und manchmal ist es nicht schlecht, sich aus den Prozessen heraus zu nehmen. Dieser randständige Beobachter war ich schon vor der Wende und habe es mir immer bewahrt.“

Aichinger sprach in diesem Zusammenhang davon, dass seine Generation die Wende bewusst miterlebte und dass dies ein Glück gewesen sei. Er „möchte die Erfahrung der Neuorientierung nicht missen“, und sah in der Wende einen „Vorteil“. Er begründete es auch mit den Worten, dass die Erfahrung, im Leben einmal gescheitert zu sein, auch ein wichtiger Erfahrungswert sein kann und eben nichts mit den heutigen glatt gebügelten Biografien zu tun habe. „Man sieht die Dinge anders, wenn man nicht nur auf der Siegerstraße ist und ständig den Fortschrittsglauben herunter predigt.“

Wider die Selfie-Kultur – Inka Perl hinterfragt das Leben zwischen zwei Aktendeckeln

 

Die Leipziger Künstlerin Inka Perl (Foto: ARTEFAKTE)
Die Leipziger Künstlerin Inka Perl (Foto: ARTEFAKTE)

Das Gefühl kennt jeder. Das Leben scheint von der Wiege bis zur Bahre von bürokratischen Regeln fremdbestimmt zu sein. Eine Leipziger Künstlerin veranschaulicht dieses Gefühl mit ihren jüngsten Arbeiten, die sie noch bis zum 1. Juli in im „Inter Disciplinary Shop“ auf dem Alten Baumwollspinnereigelände gezeigt hat. Ihr gelingt mit ihren neuen Arbeiten auch der Kniff, die grassierende Selfie-Kultur zu hinterfragen.

Der Weg zur „Inter Disciplinary Shop“-Galerie ist wegen des alten Kopfsteinpflasters auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei beschwerlich. Der Ort sprüht geradezu vor Authentizität. Der spröde Charme der Industriekultur des späten 19 und des 20. Jahrhunderts ist in den Galerie- und Atelierräumen noch spürbar. Wer würde aber angesichts der schweren Stahltüren, hohen Gussfenster, den fleckigen Decken an Internet und Selfie-Kult denken? Dass Menschen auch anders arbeiten und gestalten konnten, ist überall noch erkennbar. Diese Zeugnisse der vergangenen Industriewelt zeigen, dass dieser Platz laut, dreckig und trist war. So auch die Halle 10 gegenüber dem Komplex, wo u.a. „maerzgalerie“ und „eigen+art“ untergebracht sind. Wo es einst grau und öde war, ist es jetzt farbenfroh auf weißem Grund.

Wer den holprigen Weg in Richtung Alte Salzstraße entlang geht, entdeckt weitere Kunsträume. Neben der Galerie „The Grass Is Greener“ befindet sich ein weiterer Ort für die Kunst. Der „Inter Disciplinary Shop“ ist nicht jedem ein Begriff, obwohl es ihn schon einige Zeit gibt. Der Raum ist auch keine Galerie im eigentlichen Sinn. Viel eher sehen seine Betreiber ihren „Shop“ als Refugium für Hybridprojekte der Angewandten und Bildenden Künste. Im „Inter-Disciplinary-Shop“ können Designer, Künstler und Wissenschaftler an gemeinsamen Projekten arbeiten, die in Ausstellungen münden. Das ist bei der am 1. Juli geendeten Ausstellung „Gott spielen“ anders gewesen. Diese Kunstschau von Objekten war ein gemeinsames Anliegen des Designers Stefan Höllobler, der Medienkünstlerin Inka Perl und der Künstlerin Joanna Grzybek. Dabei spielte neben dem Thema auch der Umgang mit Stoff als netzwerkbildendes Element eine wichtige Rolle. Aus Sicht der Ausstellungsmacher war die Verknüpfung des einstigen Industriestandorts für die Gewebeproduktion mit dem heutigen feinen Geflecht aus Künstlern, Gewerbetreibenden und Galerien auch ausschlaggebend für das Spannungsfeld der Ausstellung.

Die Leipzigerin Inka Perl beschäftigt sich seit langem mit dem Ich in der Welt. Diese Frage hat sie bereits in mehreren Ausstellungen zu beantworten versucht. Was für den einen „schillernde Denkobjekte“ sind, ist für den anderen die Beschäftigung mit dem sakralen Aspekt im profanen Kontext. Inka Perl bedient sich seit ihrem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst von der Formensprache christlich geprägter Kunst – Altäre, Ikonen, Reliquiare. Für ihre Arbeiten sammelt und setzt sie Dinge, die sie findet, zusammen und verblüfft so den Betrachter mit ihren Objektcollagen aufgrund ihrer Vielschichtigkeit und ihres augenzwinkernden Witzes.

Die Leipziger Künstlerin Inka Perl hebt u.a. das "Selfie" in das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. (Foto: ARTEFAKTE)
Die Leipziger Künstlerin Inka Perl hebt u.a. das „Selfie“ in das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. (Foto: ARTEFAKTE)

Bei der Ausstellung „Gott spielen“ setzte sie sich zusammen mit Stefan Höllobler und Joanna Grzybek mit der Frage nach Voyeurismus und Individualität in der heutigen Gesellschaft auseinander. Für Inka Perl spielt dabei das „Selfie“ eine große Rolle. Denn heutzutage wird das eigene Leben im World Wide Web ausgebreitet – und das kann mitunter ziemlich banal sein.

Mit ihrer Objektreihe „Selfies“ hinterfragte die Künstlerin dieses Entblößen des Privatlebens im öffentlichen Raum und bot dem Betrachter eine eigene Sicht an – im öffentlichen Raum. Sie lieferte in ihren „Guckkästen“ ein Kaleidoskop privater Einblicke. „In ihrer äußeren Form erinnern sie an Büroordner. In ihnen sind phantastische Räume zu sehen, durch welche ich meine Innenwelten darzustellen versuche“, erklärt sie ihre neuen Arbeiten.

Ihre „Reliquiare“ sollen demnach den Selfie-Wahn auf die Schippe nehmen. Die technologischen Möglichkeiten, hinter denen machtvolle wirtschaftliche Interessen stehen, begünstigten eine Entwicklung, die auch sie mit Sorge betrachtet. Mit der Massenveröffentlichungen von Selfies im Internet ginge auch ein Verfall des künstlerischen Wertes eines Bildes einher, meint sie. Dadurch verlöre das Werk seine Einmaligkeit. Als Gegenposition zur im Internet grassierenden Selbstentblößungskultur schwebten ihre „Selfies“ als einmalige Objekte im Raum, sozusagen „ge-uploaded“ in einer analogen „Cloud“.

Inka Perl brachte noch eine weitere Sichtweise in ihre Arbeiten mit ein. Sie blickte zu ihren Arbeiten und erzählte, dass sie das Leben eines Menschen zwischen zwei Bürokladden organisiert sieht. Bilanzen, Zahlen, Verwaltung, Formulare – für die Künstlerin nicht unbedingt das, was als Leben bezeichnen sollte. Dennoch würden sich Menschen im bürokratisch geregelten Leben gemütlich machen, und so von der Wiege bis zur Bahre im geregelten Tagesablauf der Wirtschaftswelt bis zur Abnutzung „funktionieren“. Die individuelle Freiheit bekäme so eine überschaubare Grenze gesetzt. Oder setzen die Menschen ihre Grenzen selbst und engen sie sich mitunter ein?

„Ich versuche, nicht mit dem Spielen aufzuhören“ – Die Malerin Theodora Kokhodze

Theodora Kokhodze ist kein Name, den man mit der Leipziger Kunstszene assoziiert. Dennoch war die Georgierin 2014 in Leipzig, und sie weilt erneut hier. Grund für ihren ersten Aufenthalt war das Residenzenprogramm der „Pilotenkueche“ auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei. Die Geschichte von Theodora Kokhodze ist auch die Geschichte einer jungen Frau, die sich künstlerisch noch finden möchte und 2015 wieder in der Messestadt zu Gast war.

„Leipzig ist nicht mein Geburtsort, nicht meine Heimatstadt, aber das befremdlichste war, das ich während meiner zeit hier nie als Fremde gefühlt habe“, sagt die 1991 in Tiflis geborene Künstlerin. Aktuell wohnt die Gewinnerin der „Bienal Internacional de Arte Infantil y Juvenil. 2001“ nach ihrem Aufenthalt in Tiflis wieder in Leipzig. Was sie am meisten an Leipzig erstaunt, ist die Schnelligkeit der Stadt. Sie sagt, dass man den Rhythmus und Puls förmlich spüren kann. Auf die Malerin wirkt Leipzig etwas „paradox“, weil die Pleißemetropole ihrer Meinung nach gleichzeitig groß wie auch klein wirkt. „Die Stadt ist kein neues Berlin“, stellt sie fest, „Leipzig ist was ganz anderes, eher ein großer privater Ort.“

Die Messestadt hinterlässt für sie noch andere Eindrücke, wie die Ruhe, die Leipzig auf sie ausstrahlt. „Egal wie erschöpft man am Abend ist, hier gibt es immer etwas, das einen spüren und lebendig fühlen lässt.“

Die „Spinnerei“ nimmt Theodora Kokhodze als riesige Plattform für Künstler wahr. Das Gelände selbst hinterlässt einen großen Eindruck auf die. „Zuerst war ich ein wenig erschrocken über die Ausmaße der Architektur, aber gleichzeitig war ich ziemlich stimuliert. Bald aber fühlte ich, dass dies der richtige Ort für mich ist – ein industrieller Raum mit Stahlträgern und all den Emotionen, die in diesen Gebäuden innewohnen, …“

Die Teilnahme am Residenzenprogramm der PilotenKueche stellt für die junge Malerin eine große Chance dar. Sie sagt: „Für mich ist es wichtig, andere Künstler kennenzulernen, vor allem aber auch, mich anderen Menschen künstlerisch mitzuteilen.“ Das geschah ihr zufolge auch zwangsläufig, weil sich die Residenzenkünstler einen Atelierraum teilen und so eine Begegnung unvermeidlich ist.

Im WERK 2 - Theodora Kokhodze gehört mit ihrem international ausgerichteten Stil zur jungen Malergeneration Georgiens (Foto: ARTEFAKTE 2015)
Im WERK 2 – Theodora Kokhodze gehört mit ihrem international ausgerichteten Stil zur jungen Malergeneration Georgiens (Foto: ARTEFAKTE 2015)

Kunst war schon immer ein Bestandteil ihres Lebens. Kokohodze bekam im zarten Alter von elf Jahren den begehrten  internationalen Kunstpreis für Kinder und Jugendliche in Argentinien, dem „Bienal Internacional de Arte Infantil y Juvenil. 2001“. Sie begann die Umgebung zu malen, in der sie aufwuchs und lebte. 2009 nahm sie ihr Studium an der Tbilisi State Academy of Arts, Faculty of Fine Arts auf, wo sie vier Jahre verbrachte.

Die Geschichte von Theodora Kokhodze ist auch eine Geschichte des Findens. Das kann sie in Georgien nicht. Das Goethe-Institut beschreibt zwar eine in Tiflis brummende Kunstszene, aber Georgiens Kunst gilt laut einer Reportage von „Deutschlandradio Kultur“ im restlichen Europa als „exotisch“. Anders als in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, war Georgiens Kunst nicht vom Sozialistischen Realismus der Kommunistischen Herrschaft, viel eher von der Entdeckung der eigenen Traditionen, geprägt.

Kokhodze möchte daraus ausbrechen und ihre eigene, persönliche Revolution starten. Die kann sie derzeit nur in Leipzig machen. Sie sagt: „Ich habe das Gefühl, dass mein Heimatland kulturell paralysiert ist. Ich musste es verlassen, um neu stimuliert zu werden. Seitdem partizipiere ich von vielen Ausstellungen.“

Sie fügt hinzu: „Die innere Revolution war Teil meiner Diplomarbeit. Ich malte ein Triptychon über sexuelle Konflikte auf drei riesigen Leinwänden.“ Dann zitiert sie den Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw (1856-1950) mit den Worten: „We don’t stop playing because we grow old. We grow old because we stop playing“, und ergänzt, bezogen auf ihre Kunst: „Ich versuche, nicht mit dem Spielen aufzuhören.“

Zurück in Leipzig sagt sie, dass sie noch immer auf einer Entdeckungsreise ist, meint auch: „Meine Gemälde sind nur Eindrücke meiner inneren Flucht. Jedes Bild, jede Farbe, jedes Gefühl ist ein Ausdruck meiner Seelenreise. Ich kenne die Farbigkeit von Flüstern, eines Gesprächs, eines Schreies. Das ist es, warum ich Kunst so liebe.“

Science Fiction und Gesellschaftskritik – Zehn Jahre Spinnerei-Galerien mit Rundgangmarathon

Neo Rauch zieht immer Schaulustige an (Foto: Artefakte / L-IZ.de 2015)
Neo Rauch zieht immer Schaulustige an (Foto: Artefakte / L-IZ.de 2015)

Kann Kunst nicht einfach nur schön sein? Nicht immer muss Kunst streitbar und umstritten sein. Beim diesjährigen Frühjahrsrundgang der Galerien auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei wurde klar, dass Kunst durchaus zum Event mutieren darf. Es gibt aber auch Mut zur Meinung. Ein Mammut-Marathon auf eine Party der Farben.
Eigentlich erwartet man, dass Kunst streitbar ist. Dass Kunst, sei es Malerei, Objektkunst, Grafik und Plastik, Bezüge auf aktuelle Verwerfungen der Gesellschaft, Brüche in der Politik, Konflikte und Diskussionen kommentiert. Das aufzuzeigen ist nicht zwingend Aufgabe der Künstler, aber beim diesjährigen Rundgang, Jubiläum und Rückschau hin oder her, gab es sehr wenig zu sehen, das die heutige Welt mit Ukraine-Krieg, Afrika-Misere, Islamismus, Islamischer Staat, Boko Haram, Terrorgefahr, Wirtschaftskritik, Grexit, BND-Affäre, NSA, NSU, Rechtsradikalismus, Vorurteile, Ausgrenzung, Gewalt und vieles andere mehr unter die Lupe nimmt – zumindest die großen Ereignisse.

Man wünscht sich schon einen Kommentator wie Gerhard Richter herbei, keinen, der mit Hitler-Klamauk von sich Reden macht, sondern jemanden, der die heutige Gesellschaft, sprich: uns, den Spiegel vorhält. Was sehen wir, wenn wir in die Galerien hineinschnarchen, beim Prosecco und Szene-Bier gute Miene zum heiteren Tanz auf dem Vulkan machen? Es scheint, dass die Künstler einen Scheuklappenblick haben. Der Schein trügt. Unter der Oberfläche kann Kunst schon knarzen. Der Lichtkegel wird auf das alltägliche Leben geworfen. Schon sind die Künstler bei einem anderen, vielleicht gar nicht so plakativen Thema angelangt: die Banalität der Wohlstandsgesellschaft, die Flucht ins Ich, ins Idyll, vielleicht sogar ins Tabula Rasa. Am Ende überspannt die Aufschrift „Jubiläum“ das Spinnerei-Event. Was bleibt, ist ein Feiern mit sich selbst.

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Straßenkunst, Hot Pants und Bratwurst – Leipzigs Kunstmeile lockte tausende Schaulustige an

 

"Null Acht Fuffzehn" im Laden für Nichts (Bild: Artefakte/ Leipziger Kulturgeschichten)
„Null Acht Fuffzehn“ im Laden für Nichts (Bild: Artefakte/ Leipziger Kulturgeschichten)

Fast hätte man glauben können, das Orkantief „Felix“ hat extra viele Menschen nach Plagwitz gepustet. Leipzigs Kunstmeile auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei lockte zu milden Temperaturen tausende Schaulustige in die Galerien und Ateliers. Umtanzt wurden sie nicht nur von Sturmböen, Kunst und Völlerei, sondern auch von zwei ganz ausgeflippten Burschen. (Von Daniel Thalheim)

„Musst du Wackeln mit der Hufte“

Ghettoblaster auf der Schulter, Bauch frei, Hot Pants am Hintern. So empfingen zwei junge Herren am Kunstwochenende in Plagwitz die Herangereisten, die in der Alten Baumwollspinnerei Kunst gucken wollten. Die beiden Typen, die zu milden Temperaturen mit ihren Reizen nicht geizten, waren der Hingucker am Nachmittag des 10. Januar. Selbst die Betreiber der Galerie Kleindienst schauten genüßlich auf die Leibespräsentation, als das Duo sich der Glastür des Ausstellungsraumes näherte. „Jetzt kommen sie“, freute sich einer der Herren im Anzug. Ein zappeliger Tanz, ein Wackeln mit den Hüften später waren die beiden Flippos schon wieder im Trubel der Kunstmeile entschwunden. Nur das blecherne Hämmern der Musik aus den Achtziger Jahren war zu vernehmen. In der Galerie selbst bellte noch ein erschrockener Hund. Die Gäste grinsten.
Im Westen nichts Neues? Die beiden Typen waren die Kirschen auf der Sahnetorte der Kunst. Das Gebäck präsentierte sich an dem Winterwochenende doch eher zurückhaltend. Wer was auf sich hielt, der ging nicht den konventionellen Weg. Natürlich konnte der Gast am vorderen Eingang mit dem Besuch dem „Archiv Massiv“ beginnen, dort brummte aber nicht der Bär. Auch nicht im unteren Teil der Halle 14, die, mit Ausnahme der Pilotenküche auf der ersten Etage im westlichen Flügel, eher wie ein still gelegtes Schiff in der Reederei glich. Zwar war die Ausstellung mit Kinderbildern ganz niedlich anzuschauen, aber das große Fragezeichen, warum um alles in der Welt hierin Fördergelder gepumpt werden, lief ständig mit. Immerhin ist der Ort bald barrierefrei erreichbar, denn so mancher Gast im Rollstuhl stand auch bei den anderen Galerien vor dem Problem, die unüberwindbaren Stufen nicht erklimmen zu können.
Der Herzschlag pochte eher in den Galerien nach dem großen Einkaufsmarkt für Kunstbedarf, aber auch da schlug der Muskel auf einer ganz anderen Ebene, als ringsum bei den kleineren Projekten und Ateliers. Der „Laden für Nichts“ lud zu seinem verlassenen und als „Null Acht Fuffzehn“ betitelten Banquet zur Street Art ein. Bei der raumumfassenden Präsentation sah man den Spaß, den die Künstler hatten, den Besucher mit knallbunten Geklecks zu verblüffen. Farbe als Lebenslust. Traumwandlerisch gestalteten die Maler, deren Namen sich aus den Hausmalern und einigen Gastbeiträgen zusammensetzte, den Ausstellungsraum zu einer Wohlfühlbude, die dennoch dem Zuschauer zeigte; hier wurde ausschweifend gefeiert, die Gesellschaft war aber schon lange weg. Der Spur der Verwüstung sah eher wie ein Resultat einer Auzusgsparty aus, die ziemlich gut verlaufen war. Die Besucher betraten ein Feld, das kriminologisch erforscht werden musste. Leere Flaschen, verschmierte Poster, leere Spraydosen, Affenporträts und eine gemalte Göttin im Vorgartenidyll. „Hier steppte der Papst im Kettenhemd, ihr ward nicht dabei“, könnte so die freie Botschaft lauten, die einem als Interpretation ins Auge sprang. Man könnte auch interpretieren, Street Art bombte mitten in den Elfenbeinturm der Hochkunst eine Farbenschlacht – beeindruckend zwar, aber wirklich so neu? Musste nicht neu sein, der Raum als Malwand ließ Kunst nicht so auf dem hohen Ross reiten wie nebenan in der „Maerzgalerie“, „Galerie Kleindienst“ und in der Galerie „Eigen & Art“. Dort trabte die Muse einen gemächlichen Gang.

Clemens Tremmel, Bildausschnitt (Foto: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)
Clemens Tremmel, Bildausschnitt (Foto: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)

Akademiekunst der hohen Schule

Die Leipziger Schule fand nicht statt. Dafür standen Akos Birkas, Corinne von Lebusa und Clemens Tremmel auf dem Kunstplan. Figürliche und gegenständliche Malerei hatte an diesem Wochenende wieder Hochkonjunktur in Leipzig. Wenn auch das Sinnhafte außen vor blieb, stand die Frage im Raum, welchem Zweck eine gemalte Figur dienen sollte, es sei denn als Metapher oder Symbol? In der Geschichte der gegenständlichen Malerei gab es viele Gründe, die Umwelt und die Personen realitätstreu abzubilden – als Erinnerung, als Allegorie, auch als Anspruch des Künstlers, im Wettstreit mit der Natur zu liegen, oder auch mit sich selbst und anderen Malern und Grafikern. Handwerkliches Geschick auf hohem Niveau stand in den drei genannten Galerien „Eigen + Art“, „Maerzgalerie“ und „Kleindienst“ auf dem Speiseplan.
Realitätsnähe stellten alle dort vorgestellten Künstler in Frage. Landschaft sah zwar aus wie Landschaft, ebenso Gesicht und Körper wie aus dem Lehrbuch für figürliche Malerei entnommen, aber die Kontexte der ausgestellten Arbeiten entzogen sich unserem Realtätsempfinden. Figur und Raum standen als Symbole für Seele und Empfinden. So beschrieb die Leipziger Künstlerin Rosa Loy für die „Kleindienst“-Galerie die Werke von Corinne von Lebusa als „subjektive Mystik“ und „wunderbare Welt des privaten Kosmos’“. Der scheinbare perfekte Körper, oder das Gesicht, beschnitt die Künstlerin um Gliedmaßen, oder Sujets erschienen uns bizarr, wie im Bild „Die Richtung“, wo Lebusa einer dargestellten Frau einen Stab anheftete. Durchbohrt er sie, oder klebt er an ihr fest? Die Dargestellte schien es selbst nicht zu wissen. Die 1978 in Herzberg geborene, auf der Burg Giebichenstein und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte Künstlerin absolvierte ihr Studium bei Neo Rauch und ist seit 2007 mit eigenen Ausstellungen zugange. Ihr Werk wirkte wie aus der Zeit gefallen, als naive Malerei durch die Surrealisten entdeckt und weiterentwickelt wurde. An die geometrischen Formen und neonfarbenen Lichtwirkungen des „Art Deco“ erinnerten die Werke „Lichtmess“, „Just We“ und „Vision“.
„Elementar“ begriff Clemens Tremmel seine Malerei. In der „Maerzgalerie“ lebte er sein Faible für Landschaftsmalerei aus. Wie bei Lebusa schien auch das Werk des Meisterschülers von Ralf Kerbach und Student bei Christian Sery und Hans-Peter Adamski aus der Zeit gefallen zu sein. Spuren der Romantik wurden bei seinen Arbeiten verwischt, auf den Kopf gestellt, zerkratzt, seine Naturpanoramen zerstückelt. Stellten die Bilder unsere Beziehung zur Natur in Frage, vielleicht sogar die Naturbezogenheit des Menschen, übertüncht von Zweifeln, Suche und Süchten? Anders als Markus Mathias Krüger, der seine Naturlandschaften als Spiegelbild der Seele in einer unruhigen Idylle zeigt, ging Tremmel ein Stück weiter. Ein (selbst)zerstörerisches Werk, dass Tremmel dieser Tage in Leipzig präsentierte, zu Recht umwoben von den Besuchern und mittendrin ein zufriedener Galerist Torsten Reiter.
Akos Birkas zeigte im „Schatten des Anderen“ in kalten, disharmonischen Akkorden scheinbar romantische und innige Beziehungen, umflochten von geometrischen Figuren, wie aus der Hand eines Piet Mondrian gemalt.
„Der 1941 in Budapest geborene Maler spielt gern mit Motiven aus der Kunstgeschichte“, informierte eine Galeriemitarbeiterin einen Gast. Dann war noch das Selbstporträt. Ganz wichtig fürs Werkverständnis von Birkas, denn seit den Siebziger Jahren kehrte er immer wieder zu sich selbst zurück. Er steht mit dieser Werkslinie auf einer Ebene mit Künstlern wie Salvador Dali und Rembrandt van Rjins, die zeitlebens immer wieder Abbildungen von sich in ihr Werk einflochten oder als eigenes Genre auslebten. „Birkas“, so die Mitarbeiterin weiter, „beschäftigt sich mit seinem neuen Werksabschnitt mit menschlichen Ängsten wie Homophobie und Xenophobie.“ Ganz aktuell also, denn die Xenophobie ist als Fremdenfeindlichkeit bekannt und erreicht wegen der aktuellen islamistischen Terrorakte in Nigeria, in Syrien und Irak, aber auch in Frankreich und Deutschland wieder beängstigende Spitzen. Ungarn selbst war in den vergangenen Jahren auch nicht als Hort der Demokratie und Freiheit bekannt geworden, hatte die dort regierende Regierung aus Rechtspopulisten mit fremdenfeindlichen Übergriffen von sich Reden gemacht. Eine Gefahr, die, auch angesichts rechtspopulistischer Demonstrationen, sich in Deutschland schleichend um sich greifen könnte und längst aus der so genannten bürgerlichen Mitte unserer Gesellschaft heraus, seine knorrige Hand, mit dem Stallgeruch der Nazis samt Schlagwörten wie „Ordnung“ und „Sicherheit“ ideologisch verbrämt, ausstreckt.

Theodora Kokhodze, Gemälde (Bild: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)
Theodora Kokhodze, Gemälde (Bild: Artefakte / Leipziger Kulturgeschichten)

Mitten in der Pilotenküche

Der Ghettoblaster näherte sich wieder. Bald darauf stolperten die zwei knapp gekleideten Herren in die Pilotenküche in der ersten Etage des Westflügels der Halle 14. „Flyer“, rief der eine, „wir brauchen Flyer!“ Er schnappte sich ein Papier, das vor einer jungen Frau lag. Sie riss das Blatt wieder an sich. „Das gehört mir!“ Der junge Mann war zunächst verblüfft, rief aber weiter nach Flyern, tanzte mit dem anderen durch die Ausstellungsräume der Pilotenküche, wo die Künstlerin Theodora Kokhodze einigen Gästen ihre Arbeiten vorstellte. Ihre Seelenlandschaften schienen in einem Akt aus Spontanität und Zerstörung entstanden zu sein, gegenübergestellt von diversen räumlichen Objekten anderer Ausstellungsteilnehmer. Zu ihrer Arbeit sagte die Gewinnerin der „Bienal Internacional de Arte Infantil y Juvenil. 2001“: „Ich kann immer noch fühlen als wäre ich ein Kind, voll von Energy und Passion. Meine Gemälde sind für mich wie eine innere Flucht. Jedes Bild, jede Farbe, jedes Gefühl ist ein Ausdruck für für die Reise meiner Seele. Ich beende meine Arbeit nie, ich glaube, der Betrachter sollte sie auf seine eigene Weise erfahren und für sich zu Ende denken.“
Die Pilotenküche demonstrierte mit dem Mix aus verschiedenen Werken diverser Künstler und Künstlerinnen wohl die erfrischenste Schau der jungen Wilden in Leipzig an dem vergangenem Kunstwochenende, neben dem „Laden für Nichts“. Wer die erste Etage betrat, musste durch ein papiernes Tor schreiten und an einem halbnacktem Desperado aus Pappe vorbei, einem der beiden halbnackten Ulknudeln mit dem Ghettoblaster nicht ganz unähnlich, wurde von dem Schlachtross Napoleons und einem Biedermeierstuhl eingeladen und befand sich im schummerigen Licht der Pilotenküchenbar wieder, wo das Kleingeld für ein paar Bier und Schnäpse auf den hölzernen Tresen klimperte. Hinter dem Eingangsbereich erstreckte sich in den Küchenräumen des einstigen Fabrikgebäudes der Ausstellungsbereich. Die Gäste waren zahlreich. Der Mix aus Street Art und Objektkunst könnte fast als Pendant zu der Arbeit im „Laden für Nichts“ gelten, wesentlich düsterer komponiert.
Als wenig später die beiden Disco-Nudeln zusammen mit Kokhodze auf dem Kopfsteinpflaster tanzten, trugen sie das Schild mit der Aufschrift „Pilotenküche“ mit sich und machten so Werbung für die erste Preisverleihung inklusive Aftershow in derselbigen. Ganz klar wurden von den beiden Herren die Bratwurst, die in rauen Mengen konsumiert wurde, angeprangert und als Dreingabe für den Hinterkopf die leutselige Art des Kunstevents, dass die Gäste dann doch nicht komplett in die Kunstwelt einzutauchen versuchten, das Ausstellungswochenende als Rummel verstanden, um, abgefüllt mit Bier und Fleisch, wieder von dannen zu ziehen, bespickt von ein paar bunten Eindrücken, die in ein paar Tagen ohnehin wieder verblassen dürften. Mitnahmeeffekte gab es wohl nur für die echten Sammler, die gezielt in den Ateliers und in der Gruppenausstellung “Lost & Stay – a room that…“ nach Objekten ihrer Leidenschaft suchten. Aber so lustig und erfrischend „Disco“ die Darstellung der beiden Herren war, dahinter steckte die Arbeit zweier Performance-Künstler. Kenneth Stitt und Martin Holz tanzten übers Kopfsteinpflaster. Holz ist der Koordinator der „Pilotenküche“. Der gebürtige Sachse studierte zunächst Germanistik und Philosophie, danach Kunstpädagogik in Leipzig, malt, schreibt und verschreibt sich der Kunst. Stitt performte bereits im vergangenen Herbst in der „Pilotenküche“. Zumindest er ist in Leipzig kein Unbekannter auf dem Performance-Parkett. Wird er im Januar nochmals in einer eigenen Performance für das „Theatre Impermanent“ in der Leipziger Demmeringstraße zu sehen sein.

Kenneth Stitt aka Rudolph Byson Gaa live at the Voodoo Night at Pilotenkueche, November 28th 2014

Kenneth Stitt mit seinen Performances in Lindenau 2015