Elend für Mittelstand – Sebastião Salgado zeigt neue Fotografien

Daniel Thalheim

Noch immer schuften Menschen unter unmenschlichen Bedingungen für den Wohlstand in Europa, Asien und auf den beiden amerikanischen Kontinenten. Das neue Gold heißt jetzt seltene Erde, für das plumpe Smartphone eines mitteleuropäischen Prolls, für die Elektroschaukel für Tesla-versessene Narren und Elektromobile im urbanen Raum für die grüne Öko-Klientel. Der Fotograf Sebastião Salgado hielt vor über dreißig Jahren das Elend in den Goldminen der Serra Pelada in Brasilien in Fotos fest, die uns aufrütteln müssten. Seine Eindrücke hat er in Fotos gegossen, die nun wieder weltweit in Ausstellungen zu sehen sind. Auf der Frankfurter Buchmesse ist der Künstler ebenfalls anwesend. Als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels signiert er am 19. Oktober „sein“ Gold.

In der angeheizten Debatte um den Klimawandel und den anhaltenden Wirtschaftswachstum, die letztlich in der Gier weniger endet, erscheinen Fotografien vom brasilianischen Fotograf Sebastião Salgado. Der diesjährige Friedensnobelpreisträger des Deutschen Buchhandels arbeitete jahrelang an dem Fotoband, um sozialkritisch auf die Nöte von Menschen hinzuweisen, und um uns aus unserer verbretterten Discounterwelt heraus zu reißen. Denn folgen wir nicht alle den Ruf des Goldes? 

„Was hat dieses leblose gelbe Metall nur an sich, dass es die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen, all ihre Habe zu verkaufen und einen ganzen Kontinent zu durchqueren, um ihr Leben, ihre Knochen und ihre Gesundheit für einen Traum aufs Spiel zu setzen?“, fragt der Fotograf angesichts der Verelendung von Menschen, nur um den Goldhunger weniger Reiche und Staaten zu befrieden. Brasilien ist neben dem afrikanischen Kontinent die Hauptquelle für den Stoff, der angeblich so selten sein soll. Die Geschichte dieses Fotobandes geht aber noch weiter zurück, als man es vermuten könnte.

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Elend für Gold: bis vor 30 Jahren schufteten Menschen für den Wohlstand der Bling-Bling-Welt der Schönen und Reichen (Foto: Sebastiao Salgado)

Die Story beginnt seitdem als die Goldmine in Brasilien geschaffen wurde. Nachdem 1979 in einem der Flüsse der Gegend Gold entdeckt wurden, weckte die Serra Pelada seit dem Fund erneut die Sehnsüchte nach dem legendären Goldland „El Dorado“. Ein Jahrzehnt lang war die Serra Pelada die weltgrößte Freiluftgoldmine, in der unter unmenschlichen Bedingungen rund 50.000 Goldgräber Erde und Erz abtrugen. Heute ist Brasiliens Goldrausch nur noch Stoff für Legenden. Sebastião Salgado hielt mit einen Fotos diesen „mythischen“ Stoff am Leben. Erst im September 1986 erhielt Salgado die Genehmigung, Serra Pelada zu besuchen. Sechs Jahre lang hatten ihm brasilianische Militärbehörden den Zugang verweigert. Nach dem Zusammenbruch des Militärregimes öffnete sich das Land der internationalen Öffentlichkeit, wandte sich auch aufarbeitend und kritisch ins Landesinnere und der eigenen Geschichte zu. Dass „Gold“ nun jetzt erscheint, ist auch ein Clou, um auf die massive Abholzung des brasilianischen Regenwaldes hinzuweisen.

Auf die Szenen, die ihn auf dieser abgelegenen Bergkuppe am Rande des Amazonas-Regenwalds erwartete, war der Fotograf nicht gefasst. Es schien als blickte er den Schlund der Hölle. Was sich vor ihm ausbreitete hätte nicht einmal der Apokalypsen-Maler Hieronymous Bosch in seinen fantastischen Gemälden zu Dantes Inferno nicht ausmalen können. 

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Serra Pelada in Brasilien 1986: Zustände wie im tiefsten Mittelalter oder einem Film über römische Sklaven (Foto: Sebastiao Salgado)

 

Vor Salgados Augen tat sich ein gewaltiges Loch auf. Aus dem 200 Meter Durchmesser großen wie tiefen Schlund krabbelten Zehntausende notdürftig bekleidete Männer wie Ameisen hinein und wieder hinaus. Eine Hälfte von ihnen schleppte bis zu 40 Kilo schwere Säcke über hölzerne Leitern nach oben, die anderen sprangen an schlammigen Böschungen hinunter in den höhlenartigen Schlund, Körper und Gesichter ockerfarben von der eisenerzhaltigen Erde, die sie ausgeschachtet hatten. 

Als Salgados Bilder beim New York Times Magazine eintrafen, geschah etwas Außergewöhnliches. In der Hochglanzwelt aus Farbfotografien crashten Salgados Fotos alles bisher dagewesene. Hatte man doch geglaubt, die Verelendung sei überwunden. Dass der Wohlstand immer noch Opfer schafft, öffnete auch den Redakteuren der Times die Augen. Es beim Anblick seiner Fotografien vollkommene Stille geherrscht haben. „In meiner ganzen Karriere bei der Times“, erinnerte sich Fotoredakteur Peter Howe, „habe ich niemals erlebt, dass Redakteure so auf eine Serie von Bildern reagierten wie auf die Aufnahmen von Serra Pelada.“ 

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Kolonialismus und Ausbeutung: Ob Salgado noch die Kobaltminen Afrikas besuchen würde? (Foto: Sebastiao Salgado)

Dass Salgados Portfolio mit einer geradezu biblischen Qualität ausgestattet ist, zeigten bereits seine Arbeiten wie „Exodus“, „Africa“, „Terra“ und „Genesis“. Die Mine in Serra Pelada ist längst geschlossen, doch das bittere Drama des vergangenen Goldrauschs springt den Betrachter aus jedem dieser Bilder immer noch an. 

Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Sebastião Salgado, wird am Samstag, 19. Oktober, von 11 bis 12 Uhr exklusiv am Stand des TASCHEN Verlags auf der Frankfurter Buchmesse (Halle 3.0, D 85) sein großes neues „Gold“ signieren.

Ausstellung: Opening of Sebastião Salgado’s exhibition GOLD 

Seit 10. Juli 2019 Sesc, São Paulo 

Ausstellung: Opening of Sebastião Salgado’s exhibition GOLD 

Seit 12. September 2019 Fotografiska, Stockholm 

Ausstellung: Opening of Sebastião Salgado’s exhibition GOLD 

Ab 10. November 2019 CEART, Fuenlabrada 

Ausstellung: Opening of Sebastião Salgado’s exhibition GOLD 

Ab 13. Februar 2020 Fotografiska, Tallinn 

Das Buch des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels können Sie im TASCHEN-Shop erwerben.

Sebastião Salgado, Lélia Wanick Salgado, Alan Riding

Hardcover, 24,8 x 33 cm, 208 Seiten

Politische Scherenschnitte – Wie sich Ai Weiwei von Deutschland verabschiedet

Daniel Thalheim

 

Die Berliner Republik war für den chinesischen Künstler eine Zuflucht von dem autoritären Regime in China. Seine Abkehr von Deutschland ist, wie seine Abkehr von China, mit harscher Kritik verbunden. Den Menschen hierzulande fehle es an Respekt für abweichende Meinungen. Deutschlands Kultur sei nicht integrativ, sondern abgrenzend. Intoleranz durch die chinesische Regierung trieb ihn nach Berlin. Nun bewegt Ai Weiwei sich durch eine vermeintlich wahrgenommene Intoleranz aus Berlin weg. Dass Kunst politisches Statement ist, stellt auch sein neues Buch „Papercuts“ heraus.

Warum Kunst politisch ist und immer sein wird

Als Ai Weiwei 2008 das Peking Olympic Center zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entwarf, hatte der Künstler ein Vogelnest als Chinas Symbol für eine wachsende Supermacht im Sinn. Vor dem Hintergrund der staatlich und behördlich gelenkten Unterdrückungsinstrumente, den zahlreichen Verstößen der Menschenrechte und gegen das Zusammenleben in der Zivilgemeinschaft wurde Ai Weiweis Auge der Gerechtigkeit geöffnet. Gerade im Hinblick auf die Eröffnung mit seinem totalitär anzusehenden Instrumentarium wurde dem Künstler klar, dass all die Moderne in China nur instrumentalisierter Schießbudenzauber ist, Sand in die Augen der internationalen Öffentlichkeit. Ai Wei Wei sah sich plötzlich selbst für eine Politik intrumentalisiert wofür er gar nicht steht. Von ihm stammt auch die Aussage, dass Kunst immer politisch sei. Wer etwas anderes behaupte, dürfte sich generell als Unbeteiligter im gesellschaftlichen und politischen Geschehen sehen, als Außenseiter betrachtet werden und damit auch nicht diskurs-, konsens- und gesellschaftsfähig. Es mutet daher seltsam an, dass gerade im 30. Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution von 1989, die ihren Ausgangspunkt unbedingt in Leipzig hat, wo bereits auch zehn Jahre zuvor die Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ eine zentrale Bedeutung inne hatte, ein Grüpplein von Vorstandsmitgliedern des Vereins der Leipziger Jahresausstellung und ein Künstler, der auf Facebook pro AfD politisiert, ihr Schaffen und ihre Kunst als nicht politisch intendiert ansehen. Ai Weiwei würde angesichts dieser Vogelstrauß-Taktik mit dem Kopf schütteln und von „typisch deutsch“ reden. Als typisch deutsch gilt heutzutage als salonfähig, wer sich selbst als unpolitisch definiert, aber Menschen anderer Herkunft als man selbst, anderen kulturellen Hintergründen als eine schweigende Mehrheit, sie und ihre Meinungen ausgrenzt, diffamiert und zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren versucht.  Gerade das Erstarken der AfD mit seinem schwarzbraunen Außenflügel ist vor diesem Hintergrund zu betrachten. Die AfD steht für eine Abschaffung der Erbschafts- und Vermögenssteuer, Kürzung von Sozialbezügen – auch ALG II und Hartz IV genannt, Kürzungen von Renten. Zudem möchte die AfD als zutiefst elitäre Partei einen einheitlichen Einkommenssteuersatz, für Niedriglohnempfänger und für Manager. Dieser tief in der deutschen Gesellschaft eingeschriebene Habitus von Ausgrenzung und Machtgefühl äußert sich in Wutwahlen, wo sich in Opferrollen sehende Menschen ihre eigenen Täter wählen und sich so auf die Schlachtbank der Geschichte führen lassen. Die Schuld haben für sie immer die anderen – in diesem Fall die Politiker, Migranten, Hartz-IV-Empfänger. Die AfD nutzt geschickt Vorurteile, Vorbehalte, Ignoranz und Intoleranz, um mit diesen Attributen Wählerstimmen einzusacken. Man kann in dieser Gemengelage Ai Weiwei verstehen, dass er Deutschland verlassen will. Man kann ihn auch aus künstlerischer Sicht verstehen. Zurzeit hat kein deutscher Künstler eine politische Aussage in seinen Bildern und Kunstwerken, die eine Position zu den herrschenden Verhältnissen einnimmt. Warum soll sich ausgerechnet er hierzulande mit einer künstlerischen Aussage einmischen?

Ab sofort im Handel - Papercuts von Ai Weiwei (Bild: TASCHEN 2019)
Ab sofort im Handel – Papercuts von Ai Weiwei (Bild: TASCHEN 2019)

Paper Cuts – ein Kunstbuch voller politischer Brisanz

Wenn auch Ai Weiwei in dem neuen limitierten Portfolio über sein bisheriges Leben und Werk durch die traditionelle chinesische Kunst des Scherenschnitts reflektiert, so sind sie voll politischer Aussagekraft. Jedes der acht großformatigen Blätter ist aus hochwertigem, rot eingefärbtem Fine-Art-Papier gefertigt. Jedes Blatt behandelt entscheidende Stationen aus Ai Weiweis Biografie. Von seiner Zeit in New York in den Achtzigerjahren über seine Auseinandersetzung mit chinesischem Kunsthandwerk in Peking in den Neunzigern bis hin zum politischen Aktivismus in den jüngsten Arbeiten – The Papercut Portfolio präsentiert Ai Weiweis ganz persönlichen Rückblick in einem außergewöhnlichen Format. Der Künstler bedient sich einer alten chinesischen Kunstform, die seit über 2000 Jahren in China praktiziert wird: der Scherenschnitt. Diese künstlerische Technik hat auch in Europa eine tiefe Verwurzelung. Dass Ai Weiwei uns diese Wurzeln vor Augen führt, sie mit politischen Aussagen füllt und uns in chinesischem Rot präsentiert, müsste unsere Augen wiederum öffnen. Vielleicht ist „Paper Cuts“ der Fußtritt, den die deutsche Kunstwelt endlich braucht, um aus dem Apero-Gedöns und Kunstmarktgeschwätz von Kapitalanlegern aufzuwachen. Denn mittlerweile legen sich Künstler, um nicht anzuecken, selbstzensorisch die rosa Brille auf, flüchten in symbolistischen Parallelwelten aus denen es schwer ist, zu entfliehen. „Papercuts“ ist auch in wirtschaftlicher Perspektive eine Aussage. Zieht den Leuten, die zu viel von allem besitzen, richtig viel aus den Taschen. 14.500 EUR kostet eines dieser Drucksammlungen. Richtig so! Weitermachen.

Anlässlich des Charlottenwalks werden am Freitag, 27. September, von 18 bis 21 Uhr im TASCHEN Store Berlin zur Ausstellungseröffnung Ai Weiwei. The Papercut Portfolio diese Scherenschnitte gezeigt.

 

Ai Weiweis Papercuts

Collector’s Edition, 250 Exemplare. Das Portfolio enthält acht jeweils von Ai Weiwei signierte Scherenschnitte mit beigelegten Erläuterungen zu den Motiven.

Ai Weiwei

Portfolio mit acht Scherenschnitten, jeweils von Ai Weiwei signiert, 60 x 60 cm, in einer Schlagkassette mit rotem Leineneinband

Flügellahmes Genie – Warum Leonardo seine Gemälde nicht vollendet haben will

Von Daniel Thalheim

Anfang Mai 2019 wurde ein Artikel im „Journal of the Royal Society Of Medicine“ veröffentlicht, der die Fachwelt erstaunen lassen könnte. Mit dem Beitrag gelingt es Medizinern, einen Einblick in die letzte Schaffensperiode des Renaissance-Allrounders zu schaffen. Das Genie war in seinen letzten Lebensjahren „flügellahm“. 

Über Gerüchte und Mutmaßungen zu Leonardos Krankheit

Davide Lazzeri ist Arzt für plastische und ästhetische Chirurgie in der Villa Salaria Klink in Rom. Carlo Rossi ist Neurologe im Hospital von Pontedera. Beide Fachleute veröffentlichten Anfang Mai einen Beitrag, dass offenbar Leonardo da Vincis rechter Arm gelähmt gewesen sein muss. Ist diese Lähmung ein Grund dafür, dass der Universalkünstler Linkshänder war? Und wie kommen beide Experten darauf, dass Leonardo ein Handicap hatte?

Dieser Ferndiagnose geht eine lange Diskussion in der Fachwelt voraus; war Leonardo ein Linkshänder oder nicht? Analysen ergeben, dass er Linkshänder gewesen sein muss. Seine künstlerischen Techniken, die Ausführungen seiner Pinselstriche, lassen den Schluss zu. So wurde es zumindest  in einem 2004 erschienenen Buch über die Händigkeit von Leonardo da Vinci formuliert. Es gibt aber auch Hinweise, dass das hochbegabte Multitalent Zeichnungen und Gemälde mit Rechts ausgeführt hat. So untersuchte es zumindest Kenneth Clark an den Zeichnungen Leonardos, die im Besitz des englischen Königshaus sind. Auch Alessandro Vezzosi ist der Meinung, dass Leonardo die meisten seiner Arbeiten mit Rechts ausgeführt hat, seine Spiegelschrift jedoch mit Links. Es wird spekuliert, Leonardo habe in seinen letzten Lebensjahren unter Morbus Dupuytren gelitten. Einer Krankheit, die schleichend über mehrere Jahre erfolgt und zu Einschränkungen der Finger- und Fingermittelgelenke aufgrund von Verhärtungen in den Muskelsträngen führt. Auslöser können Leberschädigungen durch Alkoholmissbrauch und Diabetes sein. Doch der Maestro lebte streng asketisch. Dass Leonardos Vegetarismus Auslöser für eine „Flügellähmung“ sein könnte, gilt als unbewiesen und wenig glaubhaft.

Was Augenzeugen und Bildmaterial über Leonardos Gesundheitszustand sagen

Während eines 1517 erfolgten Besuchs in da Vincis Zuhause des persönlichen Assistenten des Kardinals Luigi d’Aragona, Antonio de Beatis, verfasste dieser einen detaillierten Bericht in seinem Tagebuch. Nachdem Leonardo den Besuchern drei seiner Meisterwerke, zeigte, notierte Beatis, dass er von Leonardo keine gute Arbeit mehr erwarten würde. Denn der Maestro habe eine verkrüppelte Hand. Gezeigt wurden ein Gemälde von einer Florentiner Dame im Auftrag des Magnifico Giuliano de`Medici, den vollendeten Johannes der Täufer und eines von Mutter Gottes und Sohn, die beide auf dem Schoß der heiligen Anna sitzen. Beatis schätzte ein, dass Leonardo nicht mehr in der Süßheit Gemälde schaffen könnte, wie man es von ihm der Vergangenheit gewohnt war. Aber er könne immerhin seine Schüler instruieren, wie seine Vorstellung von einem Gemälde umgesetzt werden könne. Diese Information und zwei Zeichnungen könnten die Forschungen zu Leonardos Werkstattbetrieb in seinen Ursachen und Wirkungen neu anschieben, wenn auch vieles von Leonardos gebrechen bereits bekannt ist. Dazu gehört auch der Besuch von Antonio de Beatis 1517 und seinen Notizen. Doch die zeichnerischen Beweise auf Leonardos Handicap scheinen etwas weit hergeholt. 

Als Beweis soll ein stilisiertes Porträt Leonardos von einem dem in Mailand lebenden lombardischen Künstler Giovan Ambrogio Figino (1548-1608) dienen, das weit nach Leonardos Tod geschaffen wurde und dessen zeichnerische Vorlage wahrscheinlich noch unbekannt ist. Es zeigt einen Leonardo wie wir ihn von der 1510-1515 mutmaßlich entstandenen Rötelzeichnung Kopf eines bärtigen Mannes (sog. Selbstbildnis) kennen. Aus seinem Gewand ragt die rechte Hand hervor, die, und deren Finger, steif erscheint. Die Fachleute Lazzeri und Rossi meinen, diese Lähmung käme nicht von einem gemeinhin angenommenen Schlaganfall, sondern eine sogenannte Ulinarislähmung. Diese auch als „Radfahrerlähmung“ bekannte Krallenhand führt auf eine Beschädigung des Ellenbogens zurück, kann aber auch auf eine Nervenwurzelschädigung der achten Halsnervenwurzel zurückzuführen sein.

In einer Inschrift auf der Rückseite der Zeichnung ist von einer Marmorbüste die Rede, die von Leonardo existiert haben soll. Aber bislang lässt sich diese Angabe nicht nachweisen. Eine Büste ist bisher völlig unbekannt und nicht verifizierbar, von wem sie stammt. Aber auf der Rückseite des Papiers steht der Hinweis, dass die Zeichnung nach einem Abbild Leonardos geschaffen wurde. Im Raum steht, wie und wann Leonardo konkret mit der rechten oder mit der linken Hand seine Arbeiten ausführte. De Beatis ging davon aus, Leonardo würde seine Tätigkeit mit der rechten Hand ausführen. Aufgrund von Untersuchungen seiner Zeichnungen und Handschriften gehen viele Fachleute von einer Linkshändigkeit des Künstlers aus. Das erklärt allerdings nicht die angeblich unvollendeten Gemälde. Hätte Leonardo seine Arbeiten mit der linken Hand ausgeführt, hätte er sich die Zureichung von Farben aus der Malerpalette assistieren lassen können oder hätte diese Zureichung links liegend vor sich selbst getätigt. Unberücksichtigt ist aber auch der Umstand, dass Leonardo nicht mehr freihändig seine Arbeiten ausführte, sondern einen Malerstab zu Hilfe nahm, die zwischen Achselhöhle und Körper eingeklemmt bedenkenlos über die rechte Hand hätte geführt werden können. Fakt ist aber, dass seine Produktivität mit zunehmendem Alter nachließ, aber durchaus mit Hilfe seiner Assistenten durchaus in der Lage war, Werke zu vollenden. Warum hätte er 1517 einem Assistenten eines Kardinals sonst gezeigt? Sicher nicht um zu prahlen, sondern um neue Aufträge für sich und seine Werkstatt zu erhalten. Sicher auch um vorzuführen, dass er trotz seiner bekannten Behinderung und dem Reden darüber in der Lage war, Gemälde von Brillanz und Vollkommenheit zu schaffen.

Leonardo – Das Buch zum Genie

In den vergangenen Jahren stand Leonardo Da Vinci hoch im Kurs der Kunsthistoriker. Neben den Monografien von Frank Zöllner haben Leonardo-Liebhaber auch die Biografien von Martin Kemp und Georg Nicholl auf dem Plan. Doch um Vollständigkeit, Recherche- und Quellensicherheit schlägt niemand Frank Zöllner.

Die Coverabbildung der Leonardo-Jubiläumsausgabe (Foto: TASCHEN 2019)
Die Coverabbildung der Leonardo-Jubiläumsausgabe (Foto: TASCHEN 2019)

Der Kunsthistoriker, der an der Universität Leipzig Seminare und Vorlesungen zum Jahrtausendgenie abhält und wie kein anderer mit Geist und Humor die Studierenden in die Welt der Renaissance einführt, hat im TASCHEN Verlag seit über 20 Jahren Schriften über Leonardo publiziert. Angefangen in der Kleinen Taschenbuchreihe hin zu den dicken Sonderausgaben bis zur Jubiläumsausgabe 2019. Was die diesjährige Publikation so einzigartig macht ist das Vorwort. Anders als in den vorangehenden Büchern beschäftigt sich Zöllner mit der Herkunft, der Restaurierung und Verbleib des nunmehr wieder vermissten „Salvator Mundi“. 

Es ist jenes Bild, das wie der Künstler selbst, ein Mysterium erscheint. Zöllner umreißt mit seiner lebendigen Erzählsprache den Entstehungszeitrahmen des „Salvators“ und das persönliche Umfeld des Meisters aus Florenz. Es gibt unterschiedliche Fassungen des Motivs, worauf Christus als Erlöser mit dem Segensgestus abgebildet ist, ikonographisch eng mit der Entstehung der Renaissance verbunden. Der Kunsthistoriker verweist auf eine Entstehungsgeschichte des „Salvators“, ausgehend von ersten Skizzen, bis hin zu Abwandlungen des Christusporträts. Zöllner zweifelt nicht an, dass der Entwurf des 2017 in London an einen saudisch-arabischen Kronprinzen auf Skizzen Leonardos zurückgehen. Problematisch sieht er die Auslegung, das 2017 versteigerte Gemälde sei vollständig aus Leonardos Hand entstanden. Kritisch steht er der lückenhaften Provenienz gegenüber, aber auch gegenüber mehreren Restaurierungsversuchen, die das ursprüngliche Gemälde nahezu vollständig überformt hatten.Frank Zöllner belegt seine Thesen mit einer Fülle an Bildmaterial und -vergleichen, Ableitungen aus dem religiösen Gebrauch dieses Motivs in der religiösen Buchmalerei. Schon wegen des Vorwortes allein, ist der neue Band anschaffenswert. Auch diejenigen Leonardo-Jünger unter den Kunstbegeisterten, die bereits alle Publikationen von Frank Zöllner besitzen, sollten bei dieser Ausgabe zugreifen. 

Doch wer weiß, vielleicht wird bald noch eine aktualisierte Ausgabe seines zeichnerischen Werkes erscheinen. Denn in London ist Anfang Mai 2019 eine Skizze aufgetaucht, die künftig im Buckingham-Palast ausgestellt werden soll. Angeblich sei die Zeichnung mit dem Antlitz eines älteren bärtigen Mannes aus der Hand eines unbekannten Schülers Leonardos stammen, der Porträtierte soll Leonardo selbst darstellen.

Leonardo – Sämtliche Gemälde und Zeichnungen / Da Vinci im Detail – Jubiläumsausgabe zum 500. Todestag

703 Seiten

40 EUR

Beitragsbild oben: Litt Leonardo am „Radfahrerarm“? – Neue Forschungen werfen ein neues Licht auf Leonardos Gesundheit (Foto: TASCHEN 2019/Presse)

Weiteres zum Nachlesen Online:

The right hand palsy of Leonardo da Vinci (1452–1519): new insights on the occasion of the 500th anniversary of his death

Das Rätsel um Leonardo da Vincis rechte Hand

Ein echter Neuanfang – Wie Bauhaus unser Leben veränderte

Von Daniel Thalheim

 

2019 ist Bauhaus-Jahr. Über die Kunstgewerbeschule, die sich in Dessau, Weimar und zuletzt in Berlin befand wird in diesem Jah viel geschrieben und veröffentlicht. Eines der krönenden Abschlüsse wird die am Museum der bildenden Künste stattfindende Ausstellung über den verschollen geglaubten Nachlass des Leipziger Bauhaus-Künstlers Karl Hermann Trinkaus sein. Er ist längst nicht der einzige und letzte verloren geglaubte Abkömmling der Schule, die heute als stilbildend für die Moderne des 20. Jahrhunderts begriffen wird.

 

Ans Licht geholt – Der wiederentdeckte Bauhaus-Künstler Karl Hermann Trinkaus

Es gibt Menschen, deren Geschichten erst Jahre nach ihrem Ableben an die Öffentlichkeit gelangen. Plötzlich wird einem bewusst, wie wichtig, wie stark oder auch wie schwach sie gewesen sind und wie sie das gesellschaftliche Leben Leipzig einst prägten. So eine Biografie kam von dem Leipziger Bauhaus-Künstler Karl Hermann Trinkaus ans Licht. Die Umstände seiner Wiederentdeckung erzählen wiederum von anderen Schicksalen. Das Museum der bildenden Künste nimmt sich dem 1965 verstorbenen Grafiker an und will im November 2019 eine Ausstellung über ihn veranstalten udn einen Ausstellungskatalog dazu veröffentlichen.

Karl Hermann Trinkaus (*18.04.1904 Leipzig, † 25.12.1965) gehört nicht unbedingt zu den Bauhaus-Künstlern, die man in einem Atemzug mit Laszlo Moholy-Nagy, Paul Klee, Josef Albers und Wassily Kandinsky nennt. Der Leipziger Grafiker und Collagist führte zeitlebens eher ein unauffälliges Leben, wenn er auch – mit Unterbrechungen – stets künstlerisch tätig war. Zu seinen Lebzeiten blieben Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen aus – und damit auch die nötige Anerkennung für seine Kunst. Zeitgenössische Schriften und Artikel über sein Werk schlugen sich während seines Schaffens nicht nieder. Karl Hermann Trinkaus war bis zur Bauhaus-Ausstellung 2009 im New Yorker Museum Of Modern Art, wo eine seiner Arbeiten zusammen mit anderen Arbeiten weiterer Bauhauskünstler gezeigt wurde, unsichtbar. In Leipzig-Dölitz schlummerte über 50 Jahre lang unterdessen sein Nachlass, zumindest das was davon übrig blieb, einen Dornröschenschlaf. Über 200 seiner Arbeiten wurden 2017 von der Erbgemeinschaft in einen Werkkatalog zusammen gefasst. Zuvor wogte ein Hin und Her über die Echtheit des künstlerischen Nachlasses durch den Online-Blätterwald und Rechtsanwaltstuben. Eine lückenlose Provenienz entkräftet jedoch die in den Raum gestellte Behauptung einer Berliner Kunsthistorikerin, dass einige an internationalen Kunstauktionshäuser angebotenen Collagen Fälschungen seien. Fast schon wie die unbestrittene Provenienz der Werke zu untermauern wird – anlässlich auch des Bauhaus-Jubiläums 2019 zu Trinkaus’ Nachlass im Museum der bildenden Künste in Leipzig eine Ausstellung vorbereitet, wobei auch die ausgestellten Arbeiten auf ihre Materialechtheit überprüft werden. Die Erben des Trinkaus-Nachlasses können aufatmen. Denn einen Teil des Nachlasses wollen sie Auktionshäusern anbieten, verkaufen können sie aber nichts. Es gibt keine Angebote dafür. Der Grund: zwei Beiträge zweier großer Nachrichtenportale verbreiten seit 2013 und 2015 die Information, dass Trinkaus-Collagen laut Einschätzung einer Berliner Kunsthistorikerin womöglich Fälschungen sein könnten. Angeblich sei der Bauhaus-Stempel, den Trinkaus als Schüler am Bauhaus Dessau zwischen 1927 und 1928 nutzte, nicht fälschungssicher. Außerdem hätte sich seine Signatur über die Jahre geändert. Ihr Urteil stützt sich lediglich auf das Sichten von Online-Bildern, heißt es hingegen von den Erben. Sie habe nie die Originalcollagen und -zeichnungen in ihren Händen gehalten. Die Erben wollen mit dem Verkauf einiger Arbeiten aus dem Nachlass die Anwalts- und Verfahrenskosten ausgleichen, die während des jahrelangen Streits mit der Berliner Kunsthistorikerin entstanden sind. Hinzu kommen gesundheitliche Probleme. Vom Ärger mit den daraus folgenden Untersuchungen des Berliner Landeskriminalamts ganz zu schweigen, heißt es von den Erben weiter, die nicht öffentlich genannt werden wollen. Erst mit der Ausstellung im MdBK würde, so hoffen die Erben, die Reputation des Trinkaus-Nachlasses wieder hergestellt. 2017 wurden 35 künstlerische Arbeiten aus dem Nachlass durch die Erben der Bauhaus-Stiftung in Dessau übergeben. 

 

Von Missverständnissen und historischen Einordnungen

Heute wird viel geschrieben, wenn es um moderne Architektur geht. Besonders diffus wird es dann, wenn moderne Architektur wie sie in der White City in Tel Aviv in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts verwirklicht wurde, als „Bauhaus“ bezeichnet wird, wie derzeit wieder bei der Wiederveröffentlichung des Ausstellungskatalogs über den deutsch-jüdischen Architekt Wilhelm Haller. Wenngleich er nie am Bauhaus Student war und sich eher ablehnend der rigoros umgesetzten Architektur äußerte. Er und andere Architekten, die in Tel Aviv unter der Planung vom ex-Bauhäusler Arieh Sharon, Wohnhäuser errichteten, galten als Vertreter ihrer eigenen Theorie. Anfang der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts galt die individuelle Architektursprache eines Architekten mehr als seinen Ausdruck einer Schule zu verpflichten. Im Fall von Wilhelm Haller gestaltet sich die Einordnung wesentlich einfacher, ihn unter der großen Strömung der deutschen Reformarchitektur einzuordnen. Innerhalb dieser Strömung tauchten unterschiedliche Positionen auf, die mal mehr mal weniger „international“ auftraten, modische Trends aufgriffen, oder auch verneinten. Tendenzen, das Bauen zu „mechanisieren“ und „entindividualisieren“ gab es aber auch schon damals. Doch es ist grundsätzlich falsch, damalige und heutige moderne Architektur des 21. Jahrhunderts als „Bauhaus“ zu bezeichnen, auch wenn sie anscheinend so aussieht. Denn die Lehrer am Bauhaus verstanden ihre Schule nicht als stilbildend für eine Bewegung. Deswegen eignet sich Bauhaus nicht als Stilbegriff des 20. Jahrhunderts, steht aber als großer Einfluss unter vielen Pate für das, was wir im Design und in der Architektur nach dem 2. Weltkrieg weltweit beobachten können und sich wie ein roter Faden ins Hier und Jetzt zieht.

Ein anderes Missverständnis ist, dass alle Abkömmlinge des Bauhaus als Künstler und Kunsthandwerker arbeiteten und ausstellten. Im Fall des Leipziger Bauhaus-Künstlers Karl Hermann Trinkaus zeigt sich, dass er nach seinem Studium in Dessau Flugzeugkonstrukteur in den Junckers-Werken wurde. Trinkaus war technischer Zeichner. Durch seinen handwerklichen Hintergrund – Trinkaus übte vor seinem Eintritt ins Bauhaus den Beruf des Elektrikers aus – lag ihm das technische Zeichnen nahe. Künstlerisch war er weiterhin tätig und schuf in verschiedenen Perioden immer wieder Reihen von Collagen und Aquarellen, sogar ein Möbelstück ist von ihm aus seiner Hand bekannt. Ausgestellt wurden sie zeitlebens nie.

 

Der ultimative Schmöker zum Jubiläum: Bauhaus 1919 – 1933 – Bauhausarchiv Berlin von Magdalena Droste

 

Bauhaus 1919 - 1933 von Magdalena Droste ist als vollständig überarbeitete Fassung bei TASCHEN neu erschienen.
Bauhaus 1919 – 1933 von Magdalena Droste ist als vollständig überarbeitete Fassung bei TASCHEN neu erschienen.

Immer noch aktuell und informativ ist die Wiederveröffentlichung des mittlerweile zum Standwerk zum „Bauhaus“ avancierte Buch „Bauhaus 1919 – 1933“ von Magdalena Droste. Die inzwischen emeritierte Professorin des Cottbuser Lehrstuhls für Kunstgeschichte hat sich zeitlebens mit dem Bauhaus beschäftigt. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse sind in dem wunderbaren Band eingeflossen und zusammengefasst. Von den aufregenden Anfängen in Dessau, den Konflikten in der Professorenschaft, die Politisierung am Bauhaus und dem langsamen Sterben erzählt dieses Werk in einer spannenden Abfolge der Ereignisse. Tiefe Einschnitte unternimmt sie, wenn es um die einzelnen Fachklassen geht und wie stark diese Einflüsse aus den Klassenzimmern in die Welt getragen wurde. Sie geht auf das Wirken der großen Schaffenden wie Itten, Moholy-Nagy, Gropius, Kandinsky und Klee ein, wirft auch Einblicke in die Textilwerkstatt, pickt Konflikte heraus, wie auch am Bauhaus Politik gemacht wurde und wie es um das Bauhaus in Weimar politisch bestellt war. „Bauhaus 1919 – 1933“ ist mehr als nur eine Skizze, es ist und bleibt das Standardwerk, wer sich über die Kunst und die Kunstschaffenden dieser aufregenden Periode einen Überblick verschaffen will. Dass in den folgenden Jahren immer mehr Details ans Licht kommen, nun langsam die Schülerinnen und Schüler der Bauhaus-Gründer in den Fokus rücken, steht auf einem anderen Blatt. Interessant ist Drostes Beobachtung, dass – anders die Entwicklung im Reformdesign und in der Reformarchitektur – Bauhaus mit Traditionen bricht, bzw. folkloristische Traditionen internationaler Art aufnimmt und zu ganz neuen individuellen Kanons weiterführt und unter die Menschen trägt. Auch wenn es manchmal so scheint, dass ein schwedisches Möbelhaus eine Fortsetzung des Bauhauses mit anderen Mitteln sei, aber bei näherer Betrachtung es doch nicht ist.

 

Bauhaus 1919 – 1933 von Magdalena Droste im Onlineshop von TASCHEN

 

Der neue Mensch – K.H. Trinkaus‘ Leipziger Nachlass im Fokus

Im November, pünktlich zur Werkschau des Bauhaus-Künstlers im Museum der bildenden Künste Leipzig, erschien unter Mitbeteiligung des Artefakte-Gründers, Historikers und Kunsthistorikers Daniel Thalheim, ein Werkkatalog mit der penibel recherchierten Biografie des Künstlers. Daniel Thalheim stellt Trinkaus‘ Konflikt mit den Beschlüssen des XX. Parteitags der KPdSU sowie mit seinem damaligen Arbeitgeber, dem Dimitroff-Museum, heraus, wo Stalin als Person und Kult verdammt und auf dem Müllhaufen der Geschichte landete.

Der neue Mensch, Trinkaus in kritischem Licht (Copyright: VfmK 2019)
Der neue Mensch, Trinkaus in kritischem Licht (Copyright: VfmK 2019)

Trinkaus, selbst sich als Stalinist und beinharter Kommunist darstellend, aber als Mitarbeiter der Dessauer Junckerswerke wohl – in Querrecherche zu Familiengeschichte des Verfassers – der NSDAP angehörig und ahnenpasspflichtig, hinterließ mit seinem Freitod einen künstlerischen Nachlass, der erst in den letzten zehn Jahren durch das unermüdliche Treiben der Erben langsam ans Licht geholt wurde und mit Hilfe der Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig zwischen Mitte November 2019 und Mitte Februar 2020 Eingang in die kunstwissenschaftliche Beschäftigung fand. Thalheim zeichnet anhand von Quellen und aktueller Literaturlage nach, welche Brüche Trinkaus in seinem Leben erfuhr. Daran anknüpfend zeichnen die Mitautoren Fabian Müller und Andrew Hurttig sein künstlerisches Werk nach, analysieren profund seine herausragende Arbeiten im Querschnitt von Bauhaus und Dada, vermögen das Gesamtwerk des Leipzigers in die Klassische Moderne einzuordnen. Durch das Buch erfahren wir im Subtext v.a., dass Parteizugehörigkeiten in vom frühen bis Mitte des 20. Jahrhunderts eher (über-) lebensnotwendig waren bzw. nicht den Mittäter- und Mitläufergedanken in sich tragen müssen. Zu verzwickt sind die Lebenswege, zu wenig bedeutend die Einlassungen, die Trinkaus politisch auf sich genommen hatte, sei es in der KPD, während 1933-45 und noch später in der SED. Als politischer Agitator hat er sich zuletzt beruflich verstanden. Betrachtet man sein Alterswerk, wird klar, dass er sich in die innere Emigration zurückzog.

Karl Hermann Trinkaus – Der neue Mensch ist seit November 2019 im Handel. Das Buch können Sie direkt im Onlineshop des Verlags für moderne Kunst erwerben.

Beitragsbild: Walter Gropius: Bauhaus building in Dessau, 1925/26. View of the Bauhaus building from the southwest, workshop wing. (Copyright: Bauhaus-Archiv, Berlin ((inv. 5993/3); photo: Atlantis-Foto)

Der Kaleidoskopmaler – Wie Pieter Bruegel d.Ä. die Zeit einfror

Von Daniel Thalheim

2019 jährt sich der Todestag von Pieter Bruegel d.Ä. zum 450. Mal. Das Kunsthistorische Museum in Wien widmet diesem Meister der nordalpinen Frühmoderne derzeit eine große monografische Ausstellung, die so umfangreich wie nie zuvor das Werk einem großen Publikum vorstellt. Unabhängig zu dieser Ausstellung erschien 2017 auch eine gewaltige Werkmonografie aus dem Haus TASCHEN.

Pieter Bruegel d.Ä. – Touristischer Magnet und Faszinosum für Künstler

2003/04 in Wien. Ich verbrachte während meines Studiums der Kunstgeschichte in Leipzig ein Semester in dieser Stadt. Doch anstatt die Vorlesungen und Seminare zu besuchen, wanderte ich durch die Stadt. Neben dem Belvedere, Schloss Schönbrunn und den zahlreichen Kirchen war auch das Kunsthistorische Museum mein Hauptziel, v.a. in den Wintermonaten. Mich faszinierten die Arbeiten von Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d.Ä., die Hofkunst der Habsburger, die Werke von Albrecht Dürer und den Cranachs in dieser Zeit ganz besonders. Damals verband ich mein Studium der Kunstgeschichte, und insbesondere die Rudolfinische Periode in Prag, mit den Fragen rund um das Haus Habsburg im 16. und 17. Jahrhundert am Historischen Seminar in Leipzig. Dieses interdisziplinäre Denken fand v.a. an den Kunsthistorischen Instituten in Leipzig und Wien wenig Widerhall, währenddessen Historiker meinem Ansatz mehr Begeisterung entgegenbrachten. Oft, wenn ich im KHM zu Besuch war, sah ich Künstler mit ihren Staffeleien hinter den Absperrbändern vor den Bruegel-Werken stehen und beobachtete wie sie diese Werke in kleinere Formate übertrugen – und als ich mich erkundigte, in Öl auf Leinwand zum Verkauf an Touristen. Pieter Bruegels Popularität ist weiterhin ungebrochen. Wenn auch nur knapp über 40 Gemälde sowie einige Grafiken und Zeichnungen des Alten Meisters erhalten blieben, wovon ein Großteil ohnehin der Sammlung des KHM gehört. Was ihn immer noch so populär macht, sind seine gewagten, figurenreichen und vielschichtigen Kompositionen, die feine Maltechnik, die Kleines uns ganz groß erscheinen lassen würden. Nähmen wir bspw. eine Lupe und würden seine Gemälde untersuchen, so stellten wir fest, wie detailreich der Meister sogar im Kleinsten arbeitete. Diese Präzision ist bis heute unerreicht. So öffnen seine Bilder ein Kaleidoskop an Themen und geben auch einen Blick auf die Persönlickeit des Künstlers frei.

Was Ausstellung und die Werkmonografie zeigen

Viele seiner Holztafeln wurden selten bis nie der Öffentlichkeit gezeigt. Wir kennen sie höchstens aus der Fachliteratur und älteren Fotoaufnahmen. Wir können nun – sowohl in der bis Januar 2019 dauernden Ausstellung als auch in der riesigen Werkmonografie – auf kurzem Weg Vergleiche in seinem Werk anstellen, und u.a. das vor Originalen. Bruegels „Turmbau zu Babel“ in seiner „Wiener“ und „Rotterdamer“ Fassung zum Beispiel. Das KHM will die künstlerischen Techniken des niederländischen Meisters auch Laien begreifbar machen und zoomt, wie die Werkmonografie der beiden Kunstwissenschaftler Jürgen Müller und Thomas Schauerte,  so in zahlreiche pittoreske Details seiner Werke, zeigt so in welcher Art und Weise verschiedene Geschichten in Bruegels Bildern verquickt sind. Bemerkenswert sind seine Sujets aus dem bäuerlichen Leben in jener Zeit. Fast erscheinen uns Bilder wie die „Bauernhochzeit“, „Flusslandschaft mir einem Sämann“, seine Wimmel- und Jahreszeitenbilder wie eingefrorene Zustände, als hätte Bruegel einen besonders scharfen Zoom auf die Lebenswirklichkeiten seiner Mitmenschen gerichtet.

Bruegel - Das vollständige Werk (Umschlagsabbildung der englischen Edition, Foto: TASCHEN 2018/Presse)
Bruegel – Das vollständige Werk (Umschlagsabbildung der englischen Edition, Foto: TASCHEN 2018/Presse)

Dass er vor Fantasiereichtum strotzte zeigen auch seine Werke rund um alt- und neutestamentarische Szenen aus der Bibel. Auch sonst schien, wie aus der neuen Monografie hervorgeht, Bruegel ein echter Hans Dampf gewesen zu sein, der durch derbe Späße auffiel. In einer bereits 1604 erschienenen Biografie über den Meister beschrieb der Autor Karel van Manders (1548-1606), dass Bruegel seinem Kollegen Hans Vredeman de Vries (1527-1609) zotige Szenen in einem seiner Bilder hinein malte. Dass seine Bauernbilder so lebensecht wirken, hat die Nachwelt der Neugierde des Malers zu verdanken. So besuchte er als Bauer verkleidet Kirmesfeste und Bauernhochzeiten auf und unterzog sie proto-soziologischen Studien, die in seine augenzwinkernden Bilder mündeten. In gewisser Weise machte sich Bruegel über seine Zeitgenossen lustig.
Doch auch in der Landschaftsmalerei setzte Bruegel Maßstäbe. Seine Beobachtungsgabe ließ ihn realistisch getreu nach der Natur erscheinende Bilder produzieren; ein Anspruch, den bereits auch Meister der südalpinen Renaissance besaßen. Die Autoren des Monografiebatzens über Bruegel, Jürgen Müller und Thomas Schauerte, öffnen unseren Blick auf die neuste Forschungsliteratur, gehen quellenkritisch alten Werkaufzeichnungen nach und weiten unseren Horizont auf Bruegels humanistisch und künstlerisches Umfeld aus. Beide Autoren gehen Bruegels Biografie Stück um Stück nach, beleuchten seine Einflüsse, seine Auftraggeber und seine Nachfolger. Der Dürer-Spezialist Thomas Schauerte und der Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller gehen akribisch Bruegels Sinnhaftigkeiten in dessen Wimmelbildern nach und schälen u.a. den damals schwärenden Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten heraus, aber auch die verschiedenen Aspekte des Volkstümlichen. Neben den kunstwissenschaftlichen Betrachtungen erhält der Leser einen umfassenden und analytischen Bildteil sowie vollständige Kataloge seiner Gemälde und Zeichnungen. In Gänze und im Detail ist die Werkmonografie über Pieter Bruegel d.Ä. ein sehr lesenswertes Buch, das noch in 20 Jahren seine Gültigkeit besitzt.

 

Abbildung oben: Pieter Bruegel d.Ä., Bauerntanz (auch: Kirchweih), um 1568 Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie – Copyright: © Kunsthistorisches Museum, Vienna, (Photo: Luciano Romano)

Der Weg zur Werkmonografie von Jürgen Müller und Thomas Schauerte

Bezaubernde Exotik – Wie der dänische Künstler Kay Nielsen 1001 Nacht illustrierte

Von Daniel Thalheim

Er gehörte zu den Pionieren der Druckgrafik der Jahrhundertwende um 1900. Kay Nielsen schuf gemeinsam mit anderen Künstlern eine Technologie, wie Grafiken und Gemälde x-beliebig vervielfältigt werden konnten. Außerdem arbeitete er mit dem US-amerikanischen Disney-Konzern zusammen. Aber sein schönstes Werk ist wahrscheinlich sein illustriertes „1001 Nacht“.

Der Geist aus der Flasche

Als Kay Nielsen (1886-1957) starb hinterließ er einen Schatz. Der Künstler, der in Paris an der Académie Julian und an der Académie Colarossi von 1904 bis 1911 studierte, dann in England von 1911 bis 1916 lebte, besaß eine große Kiste. Sie war fest verschlossen als dürfte der Schatz nie an die Außenwelt gelangen. Vierzig Jahre lang hat Kay Nielsen diesen Schatz gehütet. Was nach seinem Tod 1958 in seinem Domizil in Los Angeles gefunden wurde, verschlug den Findern die Sprache. Bislang unveröffentlichte Illustrationen zu „1001 Nacht“ fanden sie darin. Die Blätter stammten aus Nielsens Phase zwischen 1917 und 1919. Der Fund galt als einzige vollständige Serie an Originalen aus erster Hand. Die Truhe war licht- und luftdicht verschlossen. So erhielten sich die Farben, bleichten nicht aus. Diese Illustrationen gelten für Experten als Basis für Nielsens weitere Bildsprache in der Illustrationskunst. So hat es Nielsen auch öffentlich zu Lebzeiten kommentiert. So sieht es auch die Kunsthistorikerin Cynthia Burlingham in einem Aufsatz für das aktuelle Buch, das Kay Nielsens Werk zu „1001 Nacht“ im Fokus hat. Für ein bereits schon 1919 geplantes Buch, wo die Geschichten der „1001 Nacht“ mit den wertvollen Grafiken angedruckt werden sollten, waren eine dänische, eine englische sowie eine französische Version geplant. Das Projekt fruchtete nie und versank in einen Dornröschenschlaf.
Die Blätter gelangten 1958 über eine behördliche Zwangsversteigerung von Nielsens und seiner Frau Besitz in Privathand. Der übrige Nachlass, der sich in seinem Landhaus in Dänemark befand, wurde billig verkauft, verschenkt oder einfach verbrannt. Sechzig Jahre nach dieser traurigen Episode gelangen die in Los Angeles geborgenen Blätter wieder an die Öffentlichkeit – in Form eines prachtvollen Bandes, der mit Repliken der Originalgrafiken bestückt ist. Die Geschichte von Kay Nielsen ist ein Lebenslauf eines Mannes, der zu den begabtesten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts gehörte und mit seinen eigentümlichen, düsteren und wunderschönen Arbeiten seine Spuren hinterließ.

Eine junge Frau und ihre Schatztruhen (Courtesy of the Collection of the UCLA Grunwald Center for the Graphic Arts, Hammer Museum)
Eine junge Frau und ihre Schatztruhen (Courtesy of the Collection of the UCLA Grunwald Center for the Graphic Arts, Hammer Museum)

Wer war Kay Nielsen?

Der Künstler war ein Kind einer Schauspielfamilie. Seine Mutter Oda Nielsen (1851-1936) galt zu Lebzeiten als eine gefeierte Schauspielpersönlichkeit. Nach seinem Studium in Paris und seinem Englandaufenthalt hielt Nielsen sich während der Schlussphase des Ersten Weltkriegs in Dänemark auf. Schon vor dem Weltkrieg schuf er bemerkenswerte Illustrationen von Märchengeschichten, darunter „In Powder and Crinoline, Fairy Tales Retold“ von Sir Arthur Quiller-Couch (1863-1944), Illustrationen für eine Kinderkollektion „East Of The Sun And West Of The Moon“ und Geschichten von Charles Perrault (1628-1703). Auch die Geschichte von Jeanne d’Arc (1412-1431) wurde von ihm damals illustriert. Er malte aber auch Landschaften. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich ausschließlich wieder der Illustration zu. 1924 wurden seine Bebilderungen in einer Auflage von Hans Christian Andersens (1805-1875) Märchen veröffentlicht. Er wagte sich auch an die Märchen der Gebrüder Grimm. 1939 verließ Nielsen Dänemark und wanderte nach Kalifornien aus. Dort arbeitete er bis 1941 für verschiedene Hollywood-Firmen, vorrangig für Walt Disney (1901-1966). Er wirkte an der 1940 erschienenen Produktion von „Fantasia“ mit, einer Adaption des Stoffes „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgski (1839-1881). Auch die erst 1989 umgesetzte Produktion „Arielle, die Meerjungfrau“ trägt Nielsens Handschrift. Auch diese Story ist eine Entdeckungsgeschichte. In den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts, während der Produktionszeit des Zeichentrickfilms, stieß das Produktionsteam auf die Illustrationen und die Originalstory von Kay Nielsen, die er Ende der Dreißigerjahre für Disney schuf, aber so nie verwirklicht wurden. Nach seinem USA-Aufenthalt kehrte er nach Dänemark zurück. Sein – nun vorrangig malerisches – Schaffen war auf Schulen und Kirchen beschränkt.

Beitragsbild oben: Scheherazade kniet vor dem König, Wasserfarbe auf Papier (Courtesy of the Collection of the UCLA Grunwald Center for the Graphic Arts, Hammer Museum)

Kay Nielsens Tausendundeine Nacht

Noel Daniel, Cynthia Burlingham, Margaret Sironval, Colin White

Hardcover mit 21 Kunstdrucken, 42 x 42 cm, 144 Seiten

€ 250

Salzige Liebeserklärung: Wie Sebastião Salgado sich für Mensch und Umwelt einsetzt

Kann ein Künstler heutzutage noch kritisch sein, ohne eine Multimillionen-Firma im Rücken zu haben? Sebastião Salgado ist so ein Zeitgenosse, der mit geübtem Blick das Elend der Menschen, die Verwüstung der Umwelt und die Schönheit der Natur uns vor Augen führt.

„In „Genesis“ sprach die Natur durch meine Kamera zu mir. Und ich durfte zuhören“, sagt der brasilianische Fotograf über sich selbst und seine Arbeit, die er für dieses Projekt seit 2004 durchführt und in ein Buch münden ließ, das seine Frau konzipierte. 2013 fand dazu eine Ausstellung im Natural History Museum in London statt. „Genesis“ entführt den Leser in die archaische Vulkanlandschaft der Galapagosinseln, zeigt uns die Seelöwen, Kormorane, Pinguine und Wale in der Antarktis und im Südatlantik, die Alligatoren und Jaguare des brasilianischen Urwalds und das Großwild Afrikas. Sebastião Salgados „Liebeserklärung an unseren Planeten“ wird von „Exodus“ flankiert.

fo-salgado_exodus-cover_05315Sebastião Salgados groß angelegte Bilddokumentation ist mittlerweile ein Klassiker zum Thema Migration und Vertreibung geworden. Was „Genesis“ ein groß angelegter Panoramablick auf die Schönheit der Erde ist, gerät bei „Exodus“ zu aufwühlenden Momenten, was wir Menschen aus dem Planten und uns und unseren Zeitgenossen machen: Hunger, Elend, wirtschaftliche Not, Flucht, Vertreibung, Krieg und Tod.

Für „Exodus“, einem von Salgado vielen Großprojekten, bereiste der Fotograf in den Neunzigerjahren die ganze Welt. Er lichtete Menschen ab, die durch Krieg, Völkermord, Unterdrückung, Elend und Hunger gezwungen waren, ihre Heimat aufzugeben und sich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu begeben. Zu sehen sind Flüchtende, Verzweifelte, Tote. Beschrieben wird darin das Elend der Kurden, das Exil der Palästinenser im Libanon, die Not der Afghanen, die Grenzkonflikte zwischen Mexiko und den USA, die vietnamesische Migration, die Reise von Russen nach Amerika, das Flüchtlingsdrama im ehemaligen Jugoslawien, die Not im Süd-Sudan, der Krieg in Ruanda, Konflikte in Südamerika, , das Leben in den Megastädten dieser Erde.

Im direkten Kontrast stehen vom Fotograf eingefangene Momente des Glücks, der menschlichen Wärme und Herzlichkeit.

Das Buch ist damals wie heute brisant und aktuell. Es zeigt die Opfer des globalen Wandels, der globalisierten, sprich: entfesselten, Wirtschaft und das politische Versagen. Beim Anblick der Bilder muss sich jeder fragen, ob er aufgrund seines Wahlverhaltens, seines Konsums und seines Freizeitverhaltens nicht mitschuldig am Elend anderer Menschen sein könnte, Menschen, die man nie in seinem Leben kennenlernen würde, bereiste man nicht selbst jene Länder, die Salgado aufsuchte.

Weit mehr als ein Jahrzehnt ist seit der Veröffentlichung der Erstauflage von „Exodus“ vergangen. Zu den Krisenherden der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts sind neue Konfliktherde hinzugekommen. Zu den Millionen der damals heimatlosen und unbehausten Menschen wuchs die Zahl um weitere Millionen exponentiell.

Das Buch ist ein Balanceakt. Zwischen der Dramatik der Situation und den ästhetischen Ansprüchen an Aufbau und Komposition seiner Bilder führt der Fotograf den Betrachtern einen nicht medial konform gehenden und ungefilterten Prozess globaler Verelendung vor Augen, aus dem sich wohlstandsgenährte und -verwöhnte Europäer und Amerikaner als Akteure im globalen Zusammenspiel ökonomischer und politischer Prozesse nicht mit voyeuristischer Schaulust entziehen können. „Exodus“ ist eine bittere, wenn nicht auch sehr salzige Liebeserklärung an den Mensch, der für den Reichtum weniger alles verliert, was er hat. „Exodus“ ist aber auch gleichzeitig ein Epitaph für das Andenken jener Menschen, die in den Zeitläufen der Geschichte oftmals vergessen werden, worin nur die Herrschenden die Geschichte schreiben wollen. Insofern ist Sebastião Salgado ein Fürsprecher der Verlierer und der Opfer, aber auch gleichzeitig ein Dokumentar und Geschichtsschreiber im Sinne der Kunst. So setzt er sich für die Ungehörten und Ungesehenen ein, die nicht mehr in der Berichterstattung von Presse sowie der privaten und öffentlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten auftauchen.

 

 

Sebastião Salgado. Exodus

Hardcover mit Begleitheft, 24,8 x 33 cm, 432 Seiten

ISBN 978-3-8365-6129-7

Ausgabe: Deutsch

€ 49,99

Der intime Blick – Helmut und June Newton ganz privat

Nackedeis waren sein Metier. Der deutsch-australische Fotograf Helmut Newton war für sein Ablichten von nackten Frauen berühmt. Das ist er bis heute immer noch. Regelmäßig erscheinen neue Bildbände über sein Schaffen. „Us And Them“ heißt die jüngste Retrospektive über den Künstler. Doch es gibt einen kleinen Unterschied: das neue Buch zeigt Helmut Newton ganz privat, und mit der Australierin Alice Springs – seiner Ehepartnerin.

Schwarz-Weiß ist sein Blick. Dieser Blick altert nicht, ist zeitlos. Aber der ehemalige Fotoreporter Helmut Newton kann man beim Altern zuschauen, ebenso seiner Frau. Das sieht man in „Us And Them“, einem Bildband aus dem Haus TASCHEN. Bildbände haben etwas persönliches. Sie sind vom Wissenschaftlichen befreit, die abgebildeten Fotografien erklären sich selbst, erzählen ihre eigenen Geschichten. Es sind Fotografien, die im Berliner Helmut-Newton-Museum bereits zum Tode Helmut Newtons 2004 in der Ausstellung „Us And Them“ gezeigt und bereits in der ersten Auflage 1999 dieses Buches einem großen Publikum herangetragen wurden. Nach 17 Jahren steht die Neuauflage in den Regalen.

„Us“ – das ist der junge Helmut Newton (1920 – 2004) bei der Arbeit, der gereifte Newton lachend zwischen jungen Models, ein nackter Newton beim Duschen. Seine Gattin June Newton (*1923), besser bekannt unter ihrem, nach einer australischen Stadt benannten, Pseudonym Alice Springs, ist diejenige, welche diese intimen Momente festhielt und den Starfotografen ganz privat zeigt. „Selfies“ machte die Künstlerin – und das in Zeiten, wo die Selfie-Kultur des Digitalzeitalters noch in weiter Ferne gerückt war oder sich zumindest auf das eigene Abbild vor irgendeiner Sehenswürdigkeit beschränkte. Der Spiegel war für sie dabei das technische Hilfsmittel, welches noch immer von den unterschiedlichsten Mädchen für ihre Facebook-Profile verwendet wird. Alice Springs fotografierte aber cleverer. Selbst wenn sie mal keinen Spiegel verwendet hat, sehen ihre „Selfies“ nicht wie „Selfies“ aus. Und dann sind noch die Fotos, die Helmut Newton von Alice Springs gemacht hatte. Angefangen von einem Porträt im Jahr 1947 bis in die Neunzigerjahre hinein. Auch der Meisterfotograf hielt sich selbst fest. Das ist der erste Teil des Buches, welches sich nur am Zeigen von Fotografen beschränkt. Helmut Newton und Alice Springs als Paar, in einer von wenigen Farbfotografien aufgelockerten Homestory, die über 50 Jahre anhielt.

Die Fotografien von Helmut Newton und seiner Frau Alice Springs auch in der Neuauflage von "Us And Them" vereint. (Foto: TASCHEN/Presse 2016)
Die Fotografien von Helmut Newton und seiner Frau Alice Springs auch in der Neuauflage von „Us And Them“ vereint. (Foto: TASCHEN/Presse 2016)

„Them“ werden im zweiten Teil des Buches gezeigt. „Sie“, das sind die Modelle der beiden Fotografen. Die Werke der beiden Fotokünstler werden gegenübergestellt. Dies verdeutlicht die unterschiedliche Herangehensweise der beiden im Umgang mit den selben Modellen. Oft liegen Jahre zwischen diesen Arbeiten. Genau das öffnet neue Perspektiven auf die Geschichte der abgelichteten Menschen und natürlich auch auf die Arbeit der beiden Fotokünstler. Nach all den Jahrzehnten gelingt dies natürlich nur in einer Rückschau. Zumal Helmut Newton 2004 verstarb, seine Gattin hochbetagt nicht mehr als Fotografin tätig ist.

Der fotografische Rückblick verdeutlicht umso stärker, wie im ersten Teil des Buches, die Welt der Bohême und vielleicht auch die Zeit eines zweiten Fin de Siècle vorm Hintergrund des Kalten Krieges. Mal sieht man Karl Lagerfeld dick, liegend und vollbärtig durch Helmut Newtons Linse fotografiert, knapp zehn Jahre später im Jahr 1983 ist der Modezar bereits schlank, mit Zopf und Wasserglas von Alice Springs festgehalten worden. Oder das Model Loulou de la Falaise: ebenfalls von Helmut Newton 1975 vor einem Spiegel halbnackt abgelichtet, 1986 dann schon fast madonnengleich mit Töchterchen Anna in Paris von Alice Springs inszeniert. So geht es Seite für Seite weiter. Hier eine Fotografie von Helmut Newton, wie die von Brigitte Nielsen, dort ein Bild neueren Datums von derselben Schauspielerin einige Jahre später aufgenommen – mit Kind.

Das Konzept funktioniert auch ohne Nachwuchs. Die beiden Fotografen haben sich im selben Jahr den österreichischen Modedesigner Rudi Gernreich vorgeknöpft und völlig unterschiedlich vor die Linse drapiert. Helmut Newton ließ ihn auf eine Ledercouch platzieren, neben einem weniger zugeknöpften Model. Alice Springs zeigt ihn als „Man in Black“ in erotischer, fast weiblich wirkender, Pose an einem Tisch.

Das Interessante bei dem Werk ist aber, dass beide Fotografen trotz ihrer Ehe unabhängig voneinander eine eigene Bildsprache formulierten. Hinzu kommt der Wechsel aus persönlicher, fast schon intimer, und öffentlicher Schau. Erklärende Beiträge zu dem Buch braucht es eigentlich nicht. Wenngleich ein Zitat von Helmut Newton aus dem Jahr 1999 die Beziehung des Künstlerpaares in einer Einleitung kurz erklärt. Doch die Fotografien sprechen für sich. Dass sie – wie eingangs erwähnt – zeitlos sind, braucht keiner Worte. Alles andere hätte nur von ihnen abgelenkt. Eins muss auch angemerkt werden: auch wenn viele der Bilder als Ikonen der Gegenwartsfotografie gelten, von ihrem Anblick ist man nicht übersättigt. „Us And Them“ ist ein inniges Buch, das in keiner Kunstbuchsammlung fehlen sollte.

Helmut Newton and Alice Springs. Us and Them

Helmut Newton, June Newton

Hardcover, 23 x 27 cm, 200 Seiten

€ 39,99