Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Wer oder was ist Pornosophie? Ist es Sophie, die gern Pornostreifen schaut? Oder setzt sich das Wort aus den Teilen Porno und Philosophie zusammen. Weil Dr. Konstanze Caysa Philosophin ist, kann erstere Schlussfolgerung bedenkenlos als Quatsch beiseite gewischt werden. Konstanze Caysa verfasste eigens zur im Juni 2017 stattfindenen Ausstellung „Pornosophie“ ein Manifest, welches die Gruppenausstellung, die in diesem Zusammenhang nahezu unverschämt nach Gruppensex klingt, umklammert. 

Grit Hachmeister:
Grit Hachmeister: „Sweeter than anything“ 6-teilige Serie, Schwarzweißfotografien im Passepartout, gerahmt Liedtext von Pj Harvey je 24 x 30 cm

Wer oder was ist Pornosophie? Ist es Sophie, die gern Pornostreifen schaut? Oder setzt sich das Wort aus den Teilen Porno und Philosophie zusammen. Weil Dr. Konstanze Caysa Philosophin ist, kann erstere Schlussfolgerung bedenkenlos als Quatsch beiseite gewischt werden. Konstanze Caysa verfasste eigens zur im Juni 2017 stattfindenen Ausstellung „Pornosophie“ ein Manifest, welches die Gruppenausstellung, die in diesem Zusammenhang nahezu unverschämt nach Gruppensex klingt, umklammert.

Die Galerie Potemka meint: „Dr. Konstanze Caysa – Initiatoren dieser Ausstellung erhält in der österreichischen Kunstzeitschrift Millionart derzeit eine Reihe von vier Ausgaben, in denen das Werk der Künstlerphilosophin vorgestellt wird. Sie ist Nietzsche-Spezialistin und ein wiederkehrender Gedanke in ihrem Denken, ist der der Leiblichkeit, die sie, anders als die reine Körperlichkeit, an die Seele gekoppelt ist. Dies stellt für sie – gerne auch in Verbindung mit dem Verstand – eine höhere Intelligenz dar, als der abgespaltene Verstand, der frei von Intuition agiert. Pornosophie ist nicht als Pornografie zu verstehen, sondern die ausgestellten Werke stehen im Sinne des Leiblichkeits-Gedanken für die Verbindung von Körper, Geist und Seele.“

Stephanie Dost: Aus der Serie Nice Guys - Leopard und Tiger, 23,5 x 23,5cm, 2016, Buntstift auf Papier
Stephanie Dost: Aus der Serie Nice Guys – Leopard und Tiger, 23,5 x 23,5cm, 2016, Buntstift auf Papier

Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Von Konstanze Caysa

Expraktik ist Askese bis zum Exzess, zum Exerzitium erotischer Ekstase.

Erotische Ekstase steht gegen sexzentrische  und theozentrische Ekstase, sie bewegt sich im Spannungsfeld der Erotik  des Geschlechts  und  Erotik des Gehirns, von Geschlechtserotik und Gehirnerotik.

Der sexzentrische  Ekstatiker ist  Phallogozentrist und Vulvafetischist. Im Phallus und in der Vulva findet er das All- und Ureine. Die Vereinigung mit dem Göttlichen ist für ihn die geschlechtliche Vereinigung. Je mehr er von den Abstraktionen des Denkens entfernt ist, je näher glaubt er sich dem Göttlichen, dem Phallus, der Vulva.

Der theozentrische Ekstatiker glaubt, je mehr er dem sexuell Sinnlichen entfremdet ist, je näher ist er dem göttlichen Denken, dem reinen Hirn.

Für den Einen ist die mystische Vereinigung mit dem Absoluten ein Geschlechtsphänomen; für den Anderen ein Gehirnphänomen.

Der sexzentrische Ekstatiker glaubt, je weiter man die Kellertreppe zum Sexuellen hinabsteigt, je näher komme man dem Absoluten.

Der theozentrische Ekstatiker glaubt, je weiter man sich der Sphäre des Sexuellen entfernt, je näher kommt man Gott.

Beide streben eine Katharsis an: der Eine eine Katharsis durch das Gehirn, der Andere eine Katharsis durch den Sex.

Carina Linge: Peitho, 2011, C-Print auf Dibond, 60 x 45 cm, Edition 3 + 2 AP
Carina Linge: Peitho, 2011, C-Print auf Dibond, 60 x 45 cm, Edition 3 + 2 AP

Der Eine will sich vom Sexuellen ablösen und der Andere vom Gehirn, um sich mit Gott, dem Ur-Alleinen,  zu vereinen.

Der sexzentrische Ekstatiker strebt die Loslösung des Sexes vom Gehirn an.

Der theozentrische Ekstatiker strebt die Loslösung des Gehirns vom Sex an.

Der Eine will Sex ohne Hirn; der Andere Hirn ohne Sex.

Beide Denken nicht.

Beide  sind Mystiker: Mystiker des Sexes einerseits, Mystiker des Gehirns andererseits.

Der Sexmystiker steht gegen den Gehirnmystiker und vice versa.

Beide sind tolle Menschen, ihnen ist ein obsessiv-manischer Zug eigen, sie sind maßlos, bedenkenlos, gewissenlos, auf je verschiedene Art und Weise jenseits von Gut und Böse. Sie sind methodische Amoralisten mit je umgekehrten Vorzeichen.

Beide sind Dionysiker: Der Eine ist Sexdionysiker, der Andere ist Hirndionysiker.

Gegen die Vereinseitigungen von sexzentrischer und hirnzentrischer Ekastase steht die erotische Ekstase, die beide aufhebt.

Die erotische Ekstatik ist eine göttliche, heilige Erotik, die die Erotik des Sexes und die Erotik des Gehirns, die die “Erotik der Körper” und die “Erotik der Herzen” aufhebt.

Erotik ist nicht etwas Menschlich-Allzumenschliches, sondern eine Seinserfahrung. Durch sie begegnet mir in meinem Dasein das kosmische Sein, meine sinnliche Endlichkeit begegnet mir  im Medium der Erotik der Unendlichkeit – in  Augenblicken der Ekstase.

Shaima Sobhy: Covered Woman, 2017, 107 x150 cm, Acryl auf Leinwand
Shaima Sobhy: Covered Woman, 2017, 107 x150 cm, Acryl auf Leinwand

Der erotische Ekstatiker ist ein Mystiker ohne Gott – denn Gott ist die Liebe und Geschlechtsverkehr ist ihm Liebesverkehr zwischen Sex und Hirn, Sinnlichkeit und Denken, Leidenschaft und Vernunft, Leben und Tod.

Die bedingungslose Hingabe in der heiligen Ekstase ist nicht unkontrolliert, sie ist geordnet, um  Bedingungslosigkeit bis hin zur Bindungslosigkeit zu ermöglichen; Ekstase ist geformte Überschreitung, damit der Rausch gelingt. Der Ekstatiker ist ein Formulierer – ein Formgeber.

Der Künstlerphilosoph ist erotischer Heiliger. Sein Exerzitium ist der heilige Eros, er ist ein heiliger Asketiker.

Der Künstlerphilosoph ist der Asket, der die Askese zum Exerzitium macht; er betreibt die Askese als Exerzitien.

Kunst ist ihm Kult: Kult der Schönheit.

Schönheit umgibt nicht einfach die Macht – sie verspricht Macht.

Schönheit ist nicht leistend, sondern versprechend – das ist ihre Leistung.

Das Schöne wird nicht nur im Schönen gezeugt, sondern auch im Medium des Hässlichen.

Nicht nur die Schönheit ist faszinierend, sondern auch das Hässliche.

Das Hässliche ist in seiner Repulsion Attraktion. Attraktion verspricht immer Macht, egal ob schön oder hässlich, allzu oft ist die Hässlichkeit in ihrer Macht schön – weil auch das Hässliche fasziniert.

Der Dämon Eros ist schön und hässlich, arm und reich, kynisch und zynisch.

Nicht nur das Schöne ist Objekt der Kunst, sondern auch das Abstoßende, Ekelhafte, die Abjekte.

Die Kunst, die sich den Abjekten zuwendet, ist Pornosophie, sie stellt die Wahrheit der Abjekte, der “Huren” dar.

Dr. Konstanze Caysa: Parrhesiast, 2017, 42 x 19,5 cm, Mixed Media
Dr. Konstanze Caysa: Parrhesiast, 2017, 42 x 19,5 cm, Mixed Media

Dieser ästhetische Extremismus ist eine skandalisierende Lebensform, die dem “Skandal” (genannt Leben) auf den Grund geht. Die barbarische Wahrheit des Lebens kommt ans Licht.

Dieser Skandalismus stellt sich gegen die political correctness der Massendemokratie, gegen die Hässlichkeit ihres grunzenden, schmatzenden, saufenden Hedonismus mit elitärem Hedonismus: kynischer Aristokratismus = Pornosophie.

Die gelingende Skandalisierung ist aber nicht grenzenlose Enttabuisierung. Ist Skandalisierung entgrenzte Enttabuisierung, dann ist sie unerotisch und pornographisch. Der Skandal, der ein Wahr-Sagen ist, braucht Tabus, um die Erotik zu ermöglichen.

Die Garantie der Tabus als Bedingung der Möglichkeit von Erotik ist die Form, der Stil.

Pornosophie ist stilisierte Erotik, kein Sex, sie ist ästhetisierte Religion, Erotik als Religion.

Was griechisch phallos heißt ist lateinisch fascinus.

Das Bündel, das Beil, als Symbol der Strafgewalt, fasziniert, verzaubert, verführt, bannt uns.

Insofern stand der Phallus immer für Souveränität und im Anschluss daran das gebündelte Feuer: die Fackel. Der Pornosoph, insofern er den Phallus heiligt, ist also der Fackelträger der Kunst: der Künstlerphilosoph.

Pornosophie (Group Show)

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Dr. Konstanze Caysa

Stephanie Dost

Grit Hachmeister

Corinne von Lebusa

Carina Linge

Shaima Sobhy 

Sophie von Stillfried

Robin Zöffzig

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Vernissage: 24.06.2017, 19 Uhr

Dr. Konstanze Caysa liest ihr pornosophisches Manifest
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Ausstellungsdauer: 25.06.-22.07.2017

Bilderreigen in der Aurelienstraße – Maler Robin Zöffzig klopft am Tor des Hades

Die Story kannten schon die alten Griechen. Persephone wird von Hades entführt, dann verführt und von ihr gezähmt. Die Geschichte einer Frau, die selbstbewusst ihren Mann steht und sich nicht unterdrücken lässt, hat auch einen Maler ergriffen. Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Potemka beweist, dass Robin Zöffzig zu einem großen Erzähler geworden ist.

„Enter Hades“ heißt die Bilderschau, die noch bis zum 15. Januar in der Galerie in der Leipziger Aurelienstraße gezeigt wird. Ihr Protagonist heißt Robin Zöffzig. Der aus Magdeburg stammende Maler studierte Künstler hat in Halle/Saale u.a. bei dem Leipziger Grafiker und Zeichner Rainer Schade studiert, lebt und arbeitet in Leipzig.

„Wir kennen uns seit drei Jahren“, sagt die Galeristin Lu Potemka, die während der Öffnungszeiten ihrer Galerie die Gäste durch die Ausstellung führt. Zöffzig präsentiert mit „Enter Hades“ die dritte Solo-Show in dem kleinen Eckladen in der Nähe der Karl-Heine-Straße. Sie weiß, dass der Maler sehr produktiv ist und innerhalb weniger Monate immer wieder eine Ausstellung auf die Beine stellen kann.

Der Mann als Trophäe - Robin Zöffzig spielt mit Witz & Antike in seinem Bilderzyklus "Enter Hades" (Foto: Galerie Potemka)
Der Mann als Trophäe – Robin Zöffzig spielt mit Witz & Antike in seinem Bilderzyklus „Enter Hades“ (Foto: Galerie Potemka)

Sie gibt Auskunft, dass der Künstler ein Faible für Frauendarstellungen hat. Das hänge von seinen jeweiligen Partnerinnen ab. „Sie sind gleichzeitig seine Musen“, sagt Potemka schmunzelnd. Bei der aktuellen Schau zeige Zöffzig seine Sicht der Dinge zur alten griechischen Mythologie um Persephone und Hades. Der Unterweltgott raubt die Schöne und entführt sie in seine Welt. „Die Geschichte wird von Robin illustriert und ausgedeutet. Er lädt sie mit zeitgenössischen Eindrücken auf – Emanzipation mit eingerechnet“, gibt sie über die Intention des Malers Auskunft. Die Frau stehe demnach nicht als Objekt der Begierde im Mittelpunkt des Schaffens des gebürtigen Magdeburgers, sondern als Mensch, der sich selbstbewusst zeige und durchaus ihre Interessen vertreten kann. In Zöffzigs Zyklus zeigt sich diese Sicht darin, dass Persephone von Hades entführt, vergewaltigt, abhängig gemacht und gedemütigt wird – sie aber den Spieß umdreht und ihrerseits ihren Peiniger in seine Schranken weist. Für Zöffzig ein Paradebeispiel für die Emanzipation der Frau. Sein Zyklus entspreche demnach auch dem Bild, das von der westeuropäischen Frau gezeigt wird. Am Anfang des Zyklusses sei sie das Opfer, später würde der Mann durch sie domestiziert, so die Galeristin weiter. Anfangs sitzt sie auf dessen Schoß, am Schluss der Bilderreihe hat der Maler sie vor dem Schoß des Mannes platziert, sie schaut direkt zum Bildbetrachter. Diese Pose sei zudem ein kunstgeschichtlicher Wink zu Eduard Manets Bild „Frühstück im Park“.

Man müsse sich nur fragen, ob Zöffzigs vor Erotik brennenden Zyklus überhaupt noch einem aktuellen Frauenbild entspreche und ob nicht schon in früheren Zeiten immer wieder Emanzipationswellen in Europa gab. Darin erinnert Zöffzigs bislang gemaltes Werk an dem, was vor über einhundert Jahren in der Belle Epoque und Art Noveau an selbstbewussten Damen auf Leinwänden gebannt wurde, oder wie Expressionisten Frauen sahen. Immer wieder waren es die starken Frauen, die Maler fasziniert haben. Robin Zöffzig kann man in dieser Folge nicht ausnehmen. Seine Darstellungsweise der Frau habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt, so Potemka weiter. Weichere Formen wichen kantigeren und realeren Konturen. Außerdem sei es bezeichnend, dass der Maler Frauen nie in obszönen und sexistischen Zusammenhängen abbilde. Sie finde laut der Galeristin in Zöffzigs Werk zu sich und ihrer eigenen Sexualität. „Ich glaube, das ist der Zugang zu seinem Werk. Die Männer werden als die Opfer ihrer Triebe gezeigt, nicht die Frauen.“

Insofern ähnelt Zöffzigs Werk inhaltlich auch den Arbeiten eines anderen Großen der erotischen Malerei – dem in Karlsruhe lebenden Künstler Thomas Gatzemeier. „Robin lässt sich viel von den Alten Meistern inspirieren und sampelt sie teilweise auch“, gibt die Galeristin an. Sie sieht sein Werk im Zusammenhang einer erotischen Ironie, die augenzwinkernd mit der Kunstgeschichte und alten Geschichten, Mythen und Sagen spielt.

Dass Robin Zöffzig in dem Zyklus von „Enter Hades“ wegen der porträthaften Züge als der Unterweltgott selbst auftaucht, weiß Lu Potemka als Blinzeln auf Zöffzigs eigene Position um Umgang mit Frauen und seiner Entwicklung vom „Bad Boy“ zum „Sweetheart“ zu verstehen. Wer sich dahingehend wirklich emanzipiert würde als Frage beim Betrachten von seinen Arbeiten ebenfalls aufgeworfen. Zwar kämpfe Persephone sich im Bilderreigen in der Aurelienstraße zu ihrer eigenen Rolle durch, aber am Ende stehe die alte biblische Frage um Schuld und Sühne im Raum, die schon in der Geschichte von Adam, Lilith und Eva beschrieben wird.