Politische Scherenschnitte – Wie sich Ai Weiwei von Deutschland verabschiedet

Daniel Thalheim

 

Die Berliner Republik war für den chinesischen Künstler eine Zuflucht von dem autoritären Regime in China. Seine Abkehr von Deutschland ist, wie seine Abkehr von China, mit harscher Kritik verbunden. Den Menschen hierzulande fehle es an Respekt für abweichende Meinungen. Deutschlands Kultur sei nicht integrativ, sondern abgrenzend. Intoleranz durch die chinesische Regierung trieb ihn nach Berlin. Nun bewegt Ai Weiwei sich durch eine vermeintlich wahrgenommene Intoleranz aus Berlin weg. Dass Kunst politisches Statement ist, stellt auch sein neues Buch „Papercuts“ heraus.

Warum Kunst politisch ist und immer sein wird

Als Ai Weiwei 2008 das Peking Olympic Center zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entwarf, hatte der Künstler ein Vogelnest als Chinas Symbol für eine wachsende Supermacht im Sinn. Vor dem Hintergrund der staatlich und behördlich gelenkten Unterdrückungsinstrumente, den zahlreichen Verstößen der Menschenrechte und gegen das Zusammenleben in der Zivilgemeinschaft wurde Ai Weiweis Auge der Gerechtigkeit geöffnet. Gerade im Hinblick auf die Eröffnung mit seinem totalitär anzusehenden Instrumentarium wurde dem Künstler klar, dass all die Moderne in China nur instrumentalisierter Schießbudenzauber ist, Sand in die Augen der internationalen Öffentlichkeit. Ai Wei Wei sah sich plötzlich selbst für eine Politik intrumentalisiert wofür er gar nicht steht. Von ihm stammt auch die Aussage, dass Kunst immer politisch sei. Wer etwas anderes behaupte, dürfte sich generell als Unbeteiligter im gesellschaftlichen und politischen Geschehen sehen, als Außenseiter betrachtet werden und damit auch nicht diskurs-, konsens- und gesellschaftsfähig. Es mutet daher seltsam an, dass gerade im 30. Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution von 1989, die ihren Ausgangspunkt unbedingt in Leipzig hat, wo bereits auch zehn Jahre zuvor die Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ eine zentrale Bedeutung inne hatte, ein Grüpplein von Vorstandsmitgliedern des Vereins der Leipziger Jahresausstellung und ein Künstler, der auf Facebook pro AfD politisiert, ihr Schaffen und ihre Kunst als nicht politisch intendiert ansehen. Ai Weiwei würde angesichts dieser Vogelstrauß-Taktik mit dem Kopf schütteln und von „typisch deutsch“ reden. Als typisch deutsch gilt heutzutage als salonfähig, wer sich selbst als unpolitisch definiert, aber Menschen anderer Herkunft als man selbst, anderen kulturellen Hintergründen als eine schweigende Mehrheit, sie und ihre Meinungen ausgrenzt, diffamiert und zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren versucht.  Gerade das Erstarken der AfD mit seinem schwarzbraunen Außenflügel ist vor diesem Hintergrund zu betrachten. Die AfD steht für eine Abschaffung der Erbschafts- und Vermögenssteuer, Kürzung von Sozialbezügen – auch ALG II und Hartz IV genannt, Kürzungen von Renten. Zudem möchte die AfD als zutiefst elitäre Partei einen einheitlichen Einkommenssteuersatz, für Niedriglohnempfänger und für Manager. Dieser tief in der deutschen Gesellschaft eingeschriebene Habitus von Ausgrenzung und Machtgefühl äußert sich in Wutwahlen, wo sich in Opferrollen sehende Menschen ihre eigenen Täter wählen und sich so auf die Schlachtbank der Geschichte führen lassen. Die Schuld haben für sie immer die anderen – in diesem Fall die Politiker, Migranten, Hartz-IV-Empfänger. Die AfD nutzt geschickt Vorurteile, Vorbehalte, Ignoranz und Intoleranz, um mit diesen Attributen Wählerstimmen einzusacken. Man kann in dieser Gemengelage Ai Weiwei verstehen, dass er Deutschland verlassen will. Man kann ihn auch aus künstlerischer Sicht verstehen. Zurzeit hat kein deutscher Künstler eine politische Aussage in seinen Bildern und Kunstwerken, die eine Position zu den herrschenden Verhältnissen einnimmt. Warum soll sich ausgerechnet er hierzulande mit einer künstlerischen Aussage einmischen?

Ab sofort im Handel - Papercuts von Ai Weiwei (Bild: TASCHEN 2019)
Ab sofort im Handel – Papercuts von Ai Weiwei (Bild: TASCHEN 2019)

Paper Cuts – ein Kunstbuch voller politischer Brisanz

Wenn auch Ai Weiwei in dem neuen limitierten Portfolio über sein bisheriges Leben und Werk durch die traditionelle chinesische Kunst des Scherenschnitts reflektiert, so sind sie voll politischer Aussagekraft. Jedes der acht großformatigen Blätter ist aus hochwertigem, rot eingefärbtem Fine-Art-Papier gefertigt. Jedes Blatt behandelt entscheidende Stationen aus Ai Weiweis Biografie. Von seiner Zeit in New York in den Achtzigerjahren über seine Auseinandersetzung mit chinesischem Kunsthandwerk in Peking in den Neunzigern bis hin zum politischen Aktivismus in den jüngsten Arbeiten – The Papercut Portfolio präsentiert Ai Weiweis ganz persönlichen Rückblick in einem außergewöhnlichen Format. Der Künstler bedient sich einer alten chinesischen Kunstform, die seit über 2000 Jahren in China praktiziert wird: der Scherenschnitt. Diese künstlerische Technik hat auch in Europa eine tiefe Verwurzelung. Dass Ai Weiwei uns diese Wurzeln vor Augen führt, sie mit politischen Aussagen füllt und uns in chinesischem Rot präsentiert, müsste unsere Augen wiederum öffnen. Vielleicht ist „Paper Cuts“ der Fußtritt, den die deutsche Kunstwelt endlich braucht, um aus dem Apero-Gedöns und Kunstmarktgeschwätz von Kapitalanlegern aufzuwachen. Denn mittlerweile legen sich Künstler, um nicht anzuecken, selbstzensorisch die rosa Brille auf, flüchten in symbolistischen Parallelwelten aus denen es schwer ist, zu entfliehen. „Papercuts“ ist auch in wirtschaftlicher Perspektive eine Aussage. Zieht den Leuten, die zu viel von allem besitzen, richtig viel aus den Taschen. 14.500 EUR kostet eines dieser Drucksammlungen. Richtig so! Weitermachen.

Anlässlich des Charlottenwalks werden am Freitag, 27. September, von 18 bis 21 Uhr im TASCHEN Store Berlin zur Ausstellungseröffnung Ai Weiwei. The Papercut Portfolio diese Scherenschnitte gezeigt.

 

Ai Weiweis Papercuts

Collector’s Edition, 250 Exemplare. Das Portfolio enthält acht jeweils von Ai Weiwei signierte Scherenschnitte mit beigelegten Erläuterungen zu den Motiven.

Ai Weiwei

Portfolio mit acht Scherenschnitten, jeweils von Ai Weiwei signiert, 60 x 60 cm, in einer Schlagkassette mit rotem Leineneinband

Infografik als Kunst – Wie Weltereignisse und Kartographie in bunte Formen gepresst werden

Daniel Thalheim

Wie veranschaulicht man komplexe Systeme und Zusammenhänge? Systematische Zeichnungen, Karten und Karikaturen bringen uns seit dem Mittelalter näher, was wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch in unserer Welt passiert. Mit den regionalen Charakteristika eines Landes fängt es an, mit den schematischen Plänen des ÖPNV hört es auf.

Wie Karten unsere Welt erklären können

Wenn die Infografik-Experten Sandra Rendgen, Michael Stoll und Julius Wiedemann am 20. September 2019 im TASCHEN Store Berlin erstmalig ihre „History of Information Graphics“ der Öffentlichkeit vorstellen, wird es manchem wie Schuppen vor den Augen fallen: Piktogramme begleiten die Menschheit bereits seit tausenden Jahren. Bereits die alten Höhlenmalereien in Frankreich erklären uns heute, zu welchen Zeitpunkten sich Wildtiere paarten, wann es Zeit war, sie zu jagen und wann Sonnenwenden im Jahr stattfanden. Heute erklärt man uns Verkehrssysteme, wie man sich auf Flughäfen zurecht findet, Möbel zusammen baut. Früher ging es darum, die Welt visuell zu erfassen und zuzuordnen. Welche Fauna und Flora herrschte in Südamerika zu Kolumbus’ Zeiten? Welche Völker lebten wo auf der Erde? Wo sind bestimmte Rohstoffe zu finden? Welche Anatomien besitzen Tiere? Wie vielfältig ist die Insektenwelt? Welche Formen und Früchte bilden Pflanzen aus? Welche Farben und Lichtverhältnisse stehen in Kontrast zueinander und welche nicht? Schon als Kinder lernen wir wie wir Karten zu lesen haben. Im Biologie-Unterricht lernen wir so den Aufbau einer Blüte kennen. Wir lernen anhand von Karten den strukturellen Aufbau einer Eiszeit-Moräne. Wir wissen durch Karten, wo oben und unten ist. Sie geben uns Orientierung, wo welche Kontinente angeordnet sind und geben Auskunft über die Kontinentaldrift, Wasserströme und Temperatur- und Wetterverhältnisse auf der Erde. Bevölkerungsdichte, Verkehrsdichte, Infrastruktur einer Region bzw. eines Ortes lassen sich mittels Karten und Grafiken regional und weltweit vergleichen. Selbst die regionalen Vorlieben anhand der Ernährung kann man mithilfe von Grafiken und Karten abbilden. Selbst die evolutionäre Entwicklung von Pflanzen, Tieren und Menschen lassen sich so veranschaulichen. Technik, Industrialisierung, Produktionsvorgänge – der Mensch will sich von allem ein Bild machen. Karten und Grafiken erklären uns alles.

Ein längst überfälliges Buch zur Entwicklung der Info-Grafik und Kartographie

Die Autoren Sandra Rendgen, Michael Stoll und Julius Wiedemann haben sich Mühe gegeben, wirklich ein allumfassendes Standardwerk mit ihrer Geschichte der Informationsgrafiken abzuliefern. Reich bebildert werden wir als Leser vom europäischen Mittelalter ausgehend in die Moderne geführt, ohne in einen angespannten Intellektualismus abzudriften.

History Of Information Graphics von S. Rendgen u. Julius Wiedemann, ersch. 2019.
History Of Information Graphics von S. Rendgen u. Julius Wiedemann, ersch. 2019.

Wir lernen die Lesart der Mappae Mundi, den mittelalterlichen Weltkarten, in denen Jerusalem als heiliges Zentrum im Mittelpunkt der Orientierung statt. Wir blicken auf den Aufbau eines Hochgebirges, schauen in die Innereien eines Kampfflugzeuges aus dem Zweiten Weltkrieg, erfahren Wissenswertes über die Klimaverhältnisse Nordamerikas. Uns wird erklärt wie unser Gehirn funktioniert, wie Städte strukturiert sind, werden durch Weltzeitalter geführt.

In Karten und Grafiken spiegeln sich auch Propaganda, politische Verhältnisse und der jeweilige Stand der wissenschaftlichen Forschungen wider. Auf über 200 Seiten erhalten wir so einen Überblick unserer eigenen Menschheitsgeschichte, sozusagen einen Fokus auf das Innenleben des menschlichen Mit- und Gegeneinanders. So ist „History of Information Graphics“ ein längst überfälliges und informatives Buch, das uns schnell und übersichtlich in unsere eigene Sprache einführt, die wirklich von jedem sprachübergreifend verstanden werden kann – die Sprache der Bilder und Farben. 

Buchpräsentation von „History of Information Graphics”

mit Sandra Rendgen, Michael Stoll und Julius Wiedemann

20. September 2019

18:00 Uhr – 20:00 Uhr

TASCHEN Store Berlin
Schlüterstraße 39
10629 Berlin

Das Buch kann im TASCHEN-Shop erworben werden

Sandra Rendgen, Julius Wiedemann

Hardcover mit 6 Ausklappseiten, 24,6 x 37,2 cm, 462 Seiten