Neo Rauchs neue Bilderrätsel – Wie der Leipziger Maler seine künstlerische Mitte ausbalanciert

Daniel Thalheim

Wenn Neo Rauch aus dem Atelier auftaucht und sich dem Publikum stellt, kann ihm und seiner Kunst das höchste Maß an Aufmerksamkeit gewiss sein. „Handlauf“ heißt seine aktuelle Ausstellung in der Leipziger Galerie EIGEN+ART. Gewohnt verschlüsselte Symbolbilder mit Comic-Charakter und kleinen Schlenkern zur Pop Art werden der Öffentlichkeit ab dem kommenden Wochenende präsentiert. Balancierende Menschen, tanzende Kentauren, dreibeinige Frauen und grelle Kontraste aus Neofarben und rauchigen Hintergründen lassen die neuen Werke wieder wie apokalyptische Klarträume erscheinen. Am 24. September stellte er mit Ralph Keuning, dem Direktor des Museum de Fundatie in Zwolle, seine frisch gemalten Bilder der Öffentlichkeit vor. Neo Rauch liefert im nebst erschienenen Katalogband auch ältere Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren nach. 

Als der Leipziger Symbolist Anfang bis Mitte der Neunzigerjahre künstlerisch auftrat, arbeitete er mit weiten Flächen, die fast schon grafisch wirkten. Figuren nahmen nicht den Raum ein, wie die bei der LVZ-Kunstpreisausstellung gezeigten. Schon damals prognostizierten Maler- und Grafikerkollegen aus dem Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst Neo Rauchs kometenhaften Aufstieg in den Kunstolymp. Seine stets immer fahl wirkende Neonfarbigkeit in seinen Gemälden rückt ihn in die Nähe der Pop Art. Sein verschwenderisch eingesetzter Realismus wirkt so aus der Wirklichkeit entrückt und stellt sein Werk in die Nähe der Surrealisten. Seine Erzählstoffe sind verschlüsselt, die in seinen Bildern agierenden Menschen scheinen nicht wirklich zu wissen was sie tun. Doch uns rufen die gemalten „Comicstrips“ Bezüge, Vergleiche und Fragen zur Philosophie, Gnostik und Kunstgeschichte hervor.

Vielen Sujets wohnt etwas Geheimlehrerisches inne, wie bspw. im Bild „Entzündung“, ein Wort das Rauch treffend in seinen verschiedenen Konnotationen aufschlüsselt. Im Gemälde gießt ein Mann neben einer brennenden Laterne Benzin auf einen Laubhaufen; ein Spiel mit dem Feuer. Wenn der Künstler den Laternenträger als „Luciferus“ als Lichtbringer bezeichnet, brechen okkult-gnostische Bezüge auf, die etwas „crowleyistisches“ atmen. Luzifer als Lichtbringer ist außerdem eine extrem antikbezogene Gestalt aus der römisch-griechischen Mytholgie und dürfte sich auf den Planet Venus beziehen, der im Lateinischen als „lucifer“, im Griechischen „phosphoros“ bezeichnet wird und übersetzt als „Lichtbringer“ gleichzusetzen ist. Seine Energie ist im astrologischen Kontext im Zusammenhang mit neuen Handlungen zu sehen, dem geistigen und inneren Neuanfang. Fragt sich nur, warum der dürre Laubhaufen Gefahr laufen soll, zu verbrennen. Der Umgang mit Brennstoffen im Bild erreicht auch eine weitere Deutungsebene, weil ein Mann im Hintergrund mit einem Kanister spielt und ölige Schlieren in die Luft zeichnet, die Rauch als „Nordlichter“ bezeichnet. Greift Rauch den post-industriellen Abklang im Leipziger Westen auf als die Kanäle und die Wasserpfützen mit bunten Ölschleiern benetzt waren? Indizien, die zusammen gedacht ein großes Ganzes ergeben; der Prometheus, der den Menschen die Selbsterkenntnis brachte und somit auch Unheil stiftete. Denn sie wissen nicht was sie tun; für den ökologischen Trip in Richtung E-Mobilität und den Griff nach den Sternen opfern wir unsere Umwelt, unsere Natur und uns selbst mit unserer spirituellen Verbundenheit mit Pflanzen, Tieren und alles das was die Erde nur sein kann.

Wir leben in einem Bedrohungsszenario, das wir selbst verursacht haben aber als höhere Gewalt herbei deuten. Wir sehen die Konsequenzen nicht, die wir mit unserer Industrie, Landwirtschaft und auch Ökologie verursachen und laufen sehenden Auges in die Katastrophe. Fast schon erscheint die Welt heute so als würde ein Zauberlehrling ins Blinde hexen und so Chaos stiften. Sinnstiftend steht Lucifer auch für den Lehrer, wie er als Gestalt des Lichtbringers auf den Cover-Artworks der britischen Hardrockgruppe Led Zeppelin dargestellt wird. Ihr Gitarrist und Gründer Jimmy Page ist selbst bekennender Okkultist und ließ sich als begierigen Schüler darstellen. Ringsherum das Dunkel, das scheinbare Nichts, welches erst mit dem Öffnen des dritten Auges sichtbar, klar und hell wird. Bei Rauch sehen wir obskure Handlungen der gemalten Akteure, die nicht einmal das trockene Laub neben sich bemerken, das die ganze Welt entzünden könnte. Die Situation ist am Kippen, wird aber wiederum ausbalanciert. Doch die Bedrohung ist allgegenwärtig. So wippen in anderen Bildern Menschen auf Kreisel, tanzen auf wackeligen Brettern einen behäbigen Tanz, wankt ein Riese mit einer glitschigen Nixe durch die Dünen, bevölkern beschwänzte Chimären surreal anmutende Szenerien, spielen Männer Brummkreisel, massieren sich Echsen in die Landschaften ein. Gemälde in die der Maler seine Mitte gefunden hat und auch keinen Handlauf zur Sicherheit braucht. Das Geländer benötigt eher der Betrachter, der die symbolistischen Traumbilder zu entschlüsseln versucht.

In der Ausstellung sind insgesamt 16 Arbeiten zu sehen, die alle aus dem Jahr 2020 stammen, davon acht großformatige Gemälde. Der dazu erschienene Katalog bildet neben diesen noch weitere, vorher nicht publizierte Arbeiten ab.

Neo Rauch – Handlauf

Galerie Eigen+Art Leipzig

26. September bis 28. November 2020

Ausstellungseröffnung am 26. und 27. September

Ab 29. September kann die Ausstellung ohne Anmeldung aufgesucht werden.

Die Webpräsenz von Eigen+Art.

Causa Krause – Wenn Angst entscheidet

Daniel Thalheim

Wie kann es sein, dass ein Künstler so viel Wirbel verursacht, wie, in den letzten Wochen, Axel Krause? Als die Teilnehmerliste der Leipziger Jahresausstellung Mitte April 2019 bekannt gegeben wurde, schlugen Presseberichte auf den Kunstmaler ein, handelte der Vereinsvorstand wie ein Rudel aufgescheuchter Hühner, verstand nicht die Öffentlichkeitsarbeit zu koordinieren, verteidigte zunächst die Teilnahme Krauses, lud ihn kurzfristig aus und trat von allen Funktionen zurück, um mit denselben Personen, die Ausstellung ohne den „Troublemaker“ weiter voranzutreiben. Selbst das Kulturdezernat schaltete sich kurz ein. MdbK-Chef Alfred Weidinger wollte die politisch geführte Diskussion ins Kunstmuseum der Stadt holen. Im Auge dieses Sturms sitzt der Mann, der wichtigen Vertretern der Neuen Leipziger Schule den Weg ebnete. Er kann das Aufsehen um seine Person nicht so recht verstehen. Im Regen steht ein Vereinsvorstand, der mit all dem nicht umzugehen wusste. Eine Geschichte über Angst, Anschuldigungen, Täuschungen und Enttäuschungen. 

Gewittrige Stimmungen

Der 6. Juni beginnt mit schwül-stickiger Hitze. Man merkt, über Leipzig braut sich ein Unwetter zusammen. Axel Krauses Atelier befindet sich am nordöstlichen Zipfel des Stadtzentrums, in der Nähe der Delitzscher Straße, wo das östlich gelegene Gewerbegebiet vom gutbürgerlichen Quartier des angrenzenden Gohlis abgetrennt wird. Während der Malerkollege von u.a. Neo Rauch, Hans Aichinger und  Thomas Gatzemeier über seine politische Meinung, sein Leben, die Leidenschaft zur Malerei und über das von ihm wahrgenommene Chaos der Leipziger Jahresausstellung spricht, sausen Donner, Regen und Blitze auf die Messestadt hinab. Im Atelier war die Stimmung weniger gewittrig. Dass Axel Krause weiterhin von der 26. Leipziger Jahresausstellung „ausgeladen“ bleibt, betrachtet er als weniger schmerzhaft als es für Außenstehende den Anschein haben mag. „Ich hätte gern mit meinen Kollegen zusammen ausgestellt“, stellt er lächelnd fest. Das Bedürfnis nach Normalität war für ihn nach dem Medienwirbel um seine Person im vergangenen Jahr groß, sagt er zurückblickend. Ihn überraschte der erneute Sturm aus Presse, Funk und Fernsehen mitten in seiner Schaffensphase, als er für die Jahresausstellung zwei neue Gemälde anfertigte. Dass er auf einmal der Bösewicht sein soll, der eine Ausstellung zum erodieren brachte, will und kann der gebürtige Hallenser nicht verstehen. Seine Nicht-Teilnahme sieht der Weggefährte von Neo Rauch nicht ganz so tragisch, weil er seine Arbeiten bereits im Vorfeld zur Ausstellung im Internet bekannt gemacht hat, lächelnd und mit Bedauern anmerkt, dass dadurch seine beiden Gemälde einer größeren Öffentlichkeit zur Schau gestellt würden als die übrigen Künstler der 26. L.J.A. je erfahren könnten. In einem der Bilder steht ein „Mythenmetzger“ mit Antlitz des verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski, dessen Absicht wir nicht ganz klar erkennen; warum blickt er zum Betrachter und was hat er genau vor? Dass in dem romantisch erscheinenden Sujet im Mondschein, mit nackter Rückenansicht einer Frau, spiegelglattem See und Gebirge die Situation kurz davor ist, „gekillt“ zu werden, dürfte im Bezug auf den Wirbel um die L.J.A. fast schon ein hellseherisch auf den Betrachter wirken.

 „Menschen haben unterschiedliche Positionen“, stellt der Maler, der in den Achtziger- und Neunzigerjahren auch als Theatermaler an der Oper Leipzig tätig war, fest und unterstreicht, dass er nicht zu denen gehört, die Person vom Werk zu trennen versuchen. Dass Krause von  anderen Künstlern für seine politische Nähe zur AfD kritisiert wird, ist für ihn normal. Kritischen Gesprächen und auch gegenüber der geplanten Aktion von Künstlern während der zuerst anberaumten Eröffnung am 6. Juni zeigt sich Axel Krause offen, weil alles im Rahmen der gesellschaftlichen Regeln passiert wäre. Auch als Moritz Frei seine Arbeiten zurück  gezogen hat, erkennt Krause als legitimes Meinungsinstrument an. „Hätte auch sein können, dass er mich nicht leiden kann, ich komisch rieche…“

Was aus Sicht des Malers, der schon früh von Schule und Eltern in seinem Bestreben gefördert wurde, ist es nicht in Ordnung, dass er ausgeschlossen wird. Er betrachtet seine Wahl zur Teilnahme als vereinsdemokratisch legitim. „Das, was jetzt passiert ist, ist ein zutiefst undemokratischer Vorgang“, gibt er zu Protokoll und meint im Subtext die offizielle Ausladung seiner Person durch den Vereinsvorstand und, wohl um sich von dieser Entscheidung zu befreien, den kompletten Rücktritt des verantwortlichen Vorstands sowie die Absage der gesamten Ausstellung. Krause erzählt nicht, dass dieser Aktionismus zu einer vereinsrechtlich fragwürdigen „Unzeit“ stattfand. Er bezeichnet das Vorgehen des Vereins als unprofessionell und unredlich. Das chaotische Handeln zuletzt passt zur aufgeriebenen Kommunikation im Inneren des Vorstands und einem Teil der Kommissionsmitglieder, wo in der letzten Woche vor der Absage die Sachebene komplett verlassen wurde, auch nach Außen kommunikative Fehler unternommen wurden. Podiumsdiskussionen während der Ausstellung wurden innerhalb des Vorstands abgelehnt, bestimmte Personen im Umfeld der Kritiker als „Hetzer“ bezeichnet, journalistische Beiträge als unrichtig abgewertet. Der Vorstand hat sich zum Schluss von einer Debatte beherrschen lassen anstatt die Diskussion selbst in der Hand zu halten. Dass nahezu derselbe Vorstand der L.J.A. sich nach dem Rücktritt selbst „kommissarisch“ eingesetzte, ohne dass vereinsintern Abstimmungen eingeholt, geschweige die Neuaufstellung der Ausstellung vereinspolitisch legitimiert wurde, ist ein weiterer Bestandteil der Fehlerkette. Der Versuch, die Öffentlichkeit so von einem öffentlichen Ereignis auszuschließen dürfte ebenfalls ein falsches Signal aussenden. Normalität sieht anders aus. Man kann den Maler verstehen, wenn er von nicht-demokratischem Handeln des Vereinsvorstands spricht, das Ganze als „tragische Angelegenheit“ und „Armutszeugnis für unsere Demokratie“ beschreibt. Denn nach seinen Worten komme im Kleinen etwas zum Tragen, was auf großen Ebenen überall stattfände: unangenehme Meinungen auszugrenzen und als „falsch“ abzustempeln. Nichtsdestotrotz wünscht sich der Maler, dass Arbeiten von ihm erneut zu einer der kommenden Jahresausstellungen nominiert und ausgestellt werden.

 

Alles nur Kunst? Parteinähe und die große Weltpolitik

„Es geht (bei der Diskussion, Anm. d. Verf.) weniger um meine Person als um einen Vorgang. Wenn es den AfD-Künstler Meier gegeben hätte, dann säße hier Meier. Das hat nichts mit mir zu tun, sondern mit der Eigenschaft, dass ich eine Meinung vertrete, die weg vom Hauptstrom ist, von der Mehrheit“, sagt der Künstler, der sich künstlerisch im Symbolismus und Surrealismus zuhause fühlt. Seine in der Öffentlichkeit unternommenen Äußerungen zu den 2015 erfolgten Migrantenbewegungen nach Europa und den danach erfolgten Schlagzeilen um Integration, Kriminalität und Islam wurden von seinen schärfsten Kritikern in die Nähe der neurechten, identitären Bewegung gestellt, Krause als „Neo Nazi“ bezeichnet. 

Während Axel Krause zu seiner persönlichen Meinung zur Partei „Alternative für Deutschland“ spricht, versucht er, nicht seine ruhige und bestimmte Haltung zu verlieren. Auf tief gehende Analysen zur weltumspannenden Migrationsbewegung, ihren Ursachen und Folgen, wirkt der sonst in sich ruhende Maler nervös. Er reibt seine Finger aneinander, sein Blick sucht nach Antworten. 

Letztlich dürften seine Situationsbeschreibungen und ihre rhetorisch zugespitzten Wertungen wie „in Frankfurt fühle man sich wie im Urlaub“, bezogen auf den hohen Migrantenanteil in der dortigen Stadtbevölkerung, „ein Volk benötige seine ureigene Identität“, die von der Rockband „Rammstein“ unlängst als Teil einer selbstzerstörerischen Geschichtsbewältigung im Video „Deutschland“ als identitätslos abgelehnt und vehement als Bestandteil der eigenen Kultur verneint wurde, zum Gesamtbild Krause beitragen. Es geht auch um die Argumentationsebene, wie Probleme mit Umweltschutz, Klimawandel, Migrationsbewegungen und Integration in der BRD, nicht nur, von Axel Krause verstanden und polarisiert werden – und so zwei Parteien (Grüne und AfD) in der Bundesrepublik groß werden ließen, die sich dieser Themenlage antipodisch gegenüberstehen. Die bislang als „bürgerliche Mitte“ angesehenen „Volksparteien“ SPD und Union werden derzeit zwischen beiden Positionen offenkundig zerrieben. Man muss nicht Axel Krause heißen, um das zu erkennen und politisch für sich selbst einzuordnen. Ihn als „Neurechten“ einzustufen, von gesellschaftlichen Debatten auszuschließen, dürfte weniger einer offenen Meinungskultur zweckdienlich sein wie ihn gänzlich zu ignorieren und frei nach dem Motto „Mit Rechten redet man nicht“ sich selbst einer – mitunter von Angst bestimmten – Diskussion zu entziehen; die Angst vor dem Konflikt, die Angst vor dem Versagen, die Angst anzuecken.

Diese Diskussion, und auch wie der Vorstand der L.J.A. mit wenig Weitblick und Sachverstand mit der Angelegenheit von Anfang umging, wollte am 11. Juni der MdbK-Chef Alfred Weidinger in das Leipziger Kunstmuseum holen, um Axel Krause, dem Journalist Jens Kassner, der Galeristin Arne Linde und dem AfD-nahen Psychologen Hans-Joachim Maaz in den Räumen des Leipziger Kunstmuseums ergebnisoffen sprechen zu lassen. Die geladenen Gäste Rainer Schade, ex-Vorstand des L.J.A. und der Künstler Moritz Frei sagten entweder nicht zu, bzw. sagten ab. Zuletzt sagte auch Axel Krause seine Teilnahme an der Veranstaltung ab, wegen einer Formalie. Die Leipziger Jahresausstellung versucht hingegen, Normalität walten zu lassen. Seit dem 12. Juni wird die Ausstellung ohne Axel Krauses Bilder gezeigt. Am 28. Juni findet die Finissage nur mit geladenen Gästen statt. Zu feiern wird es nichts geben.

Fernöstliche Romantik – Young Ju Yim dringt ins Innerste vor

Von Daniel Thalheim

Wer „Cloverfield“ hört, denkt sofort an den gleichnamigen Streifen, wo Außerirdische in New York die Menschen dem Boden gleichmachen. Dabei ist ein Kleefeld doch ein Ort, wo Hummeln und Grillen sich „Guten Tag“ sagen. Für den Koreaner Young Ju Yim ist „Cloverfield“ ein Platz des inneren Rückzugs, eine Blase, wo das Ich sich ausleben und zu sich selbst finden kann. In Leipzig bestreitet der produktive Koreaner derzeit seine dritte Einzelausstellung in der Galerie Potemka.

Kulturelle Transmissionen

Es ist einer dieser Tage Anfang September, die den Herbst ankündigen. Sonnig zwar, aber nicht mehr so heiß wie in den Vormonaten. In der Aurelienstraße wird gebaut. Gasleitungen werden verlegt. Bagger und Laster rumpeln. Mitten in diesem Baulärm baut die Galeristin Lu Potemka eine Ausstellung auf, die es in sich haben könnte. An den weiß getünchten Wänden hängen Gemälde, deren Sujets förmlich zu explodieren scheinen. Ein Regen aus unreiner Farbe, scheinbar zunächst auf die Leinwand gekratzt, geklatscht, getropft oder gespritzt, aus denen Figuren entstehen, sich ganze Landschaften mit ihren räumlichen Tiefen vor unseren Augen ausbreiten. Die Gemälde werden von schwarzen Hasen, Fabelwesen und Menschen bevölkert. Aus einem Reigen von schwebenden Larven erhebt sich das auf Golgatha stehende Kreuz mit Jesus als Märtyrer für einen werdenden christlichen Glauben. Die Galeristin erklärt, womit dieses Motiv, aus Sicht des Künstlers, korreliert: die Larven streben die Perfektion an, die der aus Seoul stammende Künstler in Jesus Christus sieht. Er, als gläubiger Christ, steht aber auch mit seinem anderen Bein tief in der fernöstlichen Philosophie und in der Verarbeitung ostasiatischer Mythen, die wir bspw. u.a. aus modernen Filmen, die sich mit zum Beispiel japanischen Wassergeistern und anderen Geistererscheinungen beschäftigen, kennenlernen. Denn, was wir in den Hasen als Fruchtbarkeitssymbol sehen würden, wird im ostasiatischen Raum als Sinnbild für das Dämonische angesehen. Sein Spiel mit sich spiegelnden Oberflächen weist Parallelen zum Shintoismus auf, wobei die auf der Wasseroberfläche gespiegelte Welt die anstrebenswerte sein soll, die hiesige Welt – die Realität – so etwas wie die Hölle darstellt, weil alles nicht perfekt ist, wir hingegen die Perfektion anstreben sollten. Gleichzeitig erinnern einige von Young Ju Yims Motive stark an dem was wir von Neo Rauch kennen, obwohl der Künstler nie bei dem nachgeborenen Spätromantiker studiert hat: verdunkelte und trübe Farben, sowie rätselhafte Bildinhalte, die jedem Kunsthistoriker eine Menge an Interpretationsmöglichkeiten anbieten. 

Was hat das aber alles auf sich?

Wenn der Schüler von Sighard Gille und Annette Schröter von seiner neuen Bilderreihe, die von September bis Oktober in der Galerie Potemka in der Leipziger Aurelienstraße gezeigt wird, von der Verdeutlichung eines Ist-Zustandes und seiner gleichzeitiger Verirrung spricht, dann nähert sich der inzwischen in Leipzig lebende Künstler der Romantik. Seine Gemälde drücken das aus, was er – verkürzt – mit dem Wort „Delirium“ beschreibt und sich auf diffuse Erinnerungen bezieht, Vorstellungswelten, die wir haben könnten und auch Wünsche. Diese uns als irrational angesehenen Vorstellungen als Teil unserer Existenz zu sehen und anzuerkennen, will er mit seinen aktuellen Arbeiten herausschälen. Das schafft er erneut mit träumerisch schwelgenden Sujets, wo irrlichternde Farbpunkte das Dunkel durchbrechen, Oberflächen aufgeblättert werden, uns rätseln lassen, was wo sich spiegelt und reflektiert. „Unser Leben in “Cloverfield” ist nicht so rational, wie wir es uns vormachen; es ist chaotisch, unordentlich, die Beziehungen zu Anderen sind zerstört und die Selbstentfremdung und der Überfluss des Egos liegen obenauf“, sagt der Künstler zu seinen neuesten Werken.

Er sieht die Welt als Verzerrung ihrer selbst, weil alles das was für uns zählt, „Image“ und „Oberfläche“ ist. Mit dieser Auslegung seiner neuen künstlerischen Reflexion über unsere Gesellschafts- und Kultursysteme nähert er sich einer Kritik an ihnen, weil Young Ju Yim hinter der Jagd nach dem „Schönen“ und „Materiellen“ eine liegende Unreife und das ungepflegte Innere, das nach Außen tritt, sieht und die als Gegeben hingenommen werden. Der Mensch lebe ihm zufolge nicht mehr in der Realität, sondern in einer allgemeinen Struktur, in der er sich mehr oder weniger gut eingeordnet hat. Man muss ergänzen, dass diese Strukturen sich inzwischen aufzulösen scheinen, immer haltloser werden, wo in ihnen eine unkontrollierte Gier „regiert“, die uns allen das Leben schwer macht. Zu erkennen, was richtig und falsch ist, was uns antreibt und festigt, was dagegen uns geboten wird und als „System“ vorgegaukelt wird und wir zu leben müssen, weil sonst es uns allen schlecht gehen würde, dürfte die Frage nach einem neuen Gesellschaftsentwurf sein, der die seit langem uns vorgesetzte Antwort der materielle Befriedigung als Ende von finanzieller Not und Armut, die nur durch „Arbeit“ und „Konsum“ zu lösen sei, ein Ende setzen könnte. Somit sind Young Ju Yims Gemälde auch als Fragen zu verstehen, wo der Betrachter beim Anschauen auch in sich selbst nach dem schöpferischen Ich suchen kann und sich von der Hülle der systematisierten Persönlichkeit befreit, die innerlich ausgehöhlt erscheint – ob aus Angst oder Zwang. Er selbst sagt: „Mein malerischer Ort ist ein persönlicher Ist-Zustand, der sich richtig anfühlt (…), ich lasse nichts aus, weder das Chaos, noch die Ordnung und hoffe, meine Bilder vermögen es zu berühren und zu zeigen, wo wir stehen und wo wir stehen könnten.“

 

Young Ju Yim, Gedächtnislücke, Öl auf Leinwand (Foto/Bild courtesy by Y.J. Yim & Galerie Potemka Presse 2018).

Zwischen Zweifel und Distanz – Warum die Farbigkeit in Arno Rinks Gemälden eine große Rolle spielt

Von Daniel Thalheim

Aktuell ist in Leipzig eine große Retrospektive zum Leipziger Künstler Arno Rink zu sehen. Der ehemalige Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst vertrat eine streitbare Position innerhalb des Leipziger Kunstkörpers. Er sagte von seiner Kunst, dass sie Ausdruck seiner inneren Zerrissenheit und Zweifel sei. Neben dem Unfertigen, neben der Andeutung, ist es vor allem die Farbigkeit seiner Gemälde, die große Schatten wirft. Wer genauer auf die Farbpalette schaut, stellt die Parallelen zu seinem Schüler Neo Rauch, und zu KünstlerInnen wie Kathrin Heichel und Titus Schade aber auch Querverbindungen zum deutschen Biedermeier und des Manierismus fest.

Auf der Suche nach der Farbigkeit im Werk von Arno Rink

Das erste, an das ich mich erinnern kann und mit der Malerei in der DDR in Verbindung tritt, war ein Besuch im Georgi Dimitroff Museum irgendwann Anfang der Achtzigerjahre. Damals war das Museum der Bildenden Künste fest im Griff des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates. Wir waren Schüler der Polytechnischen Oberschule Taras Schewtschenko und wurden in einen kleinen Saal geführt. Er wurde, so wurde uns gesagt, vorrangig für Vorlesungen für die Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst sowie dem Institut für Kunstgeschichte genutzt. Uns kam er wie ein Kinosaal vor. Die plüschigen Sessel, der Vorhang und die gedämpfte Stimmung des Raums hinterließen in mir den Eindruck, dass Kunst etwas Erhabenes sein musste. Bislang kannte ich nur die manieristischen und barocken Arbeiten von Raffael, Leonardo, Vermeer, Rubens und Rembrandt aus dem Kunstbuchbestand meiner Eltern und meiner Großmutter. Der Vorhang wurde aufgezogen. Wir blickten auf eine gemalte Tristesse in verblichenem Gelb, abgeschwächtem und schmutzigem Grün und Abstufungen von Ocker und Braun. Diese Farben waren uns wohlvertraut. Wir blickten tagtäglich auf die Resultate des abgewrackten Industriezeitalters. Leipzig selbst war ein Wrack, war in Grau, Braun, gelb- und Ockertönen getaucht – so erschien es mir an den schlimmsten Regentagen. Nahe dem Friedenspark und dem Hospitaltor lebend, bemerkte ich natürlich auch die Farbtupfer der inzwischen abgerissenen Kleingartenanlage mit seinen roten Kirschen, die über die sonnenbefleckten Zäune in den schmalen Weg hinter den Mietskasernen an der Leninstraße hingen, dem satten Grün des „Friedensparkes“ im Frühjahr und im Sommer, an die hellblaue Joppe, die ich als Kind trug und meinen Malkasten, dessen Töpfe nur reine Farben besaß. Das uns im Dimitroff-Museum gezeigte Bild, das mehrere – wahrscheinlich durch gemalten Sonnenlicht – angestrahlte Giebelfronten zeigte, Schornsteine und eine Wolkenmasse, die wie ein abziehendes Gewitter aussah, bedrückte mich. 

Der Lichtblick, der nach dem Unwetter in Öl getaucht wurde, verschwamm in meinem Gehirn zu einer öligen Pfütze, die es in Leipzig zuhauf gab. An dem Anblick war nichts erhabenes. Uns wurden verblichen gelbliche Bilder von Ulrich Hachulla und Sighard Gille gezeigt. Für mich war lange nicht erklärbar, warum die Farbakkorde so abgeschwächt waren. Hatte es mit dem generellen Mangel an Farbigkeit in der DDR zu tun, wo Gelb und Braun mit Akzenten von Grün zum Alltag gehörten und selbst das so grellbunte Kinderspielzeug grau erschien? Oder konnten sich die Künstler keine anderen Farben leisten als Gelb und Braun? 

Dabei ist das Bild „Beatabend“ von Hachulla ein körperliches Manifest aus reger und fein akzentuierter Farbigkeit und Abstraktion, wenn auch dieses Bild eine Gruppen junger Menschen zeigt, die einer Band zuhören und sich vor der Bühne gemütlich machen. Oder die „Demonstrationen“ von Volker Stelzmann: Wimmelbilder von Menschen in farbigen Grau-Gelb-Abstufungen mit zarten Farbpunkten. Lag die feine Akzentuierung von Mischfarben aber wirklich an der Beschäftigung mit der Farbenlehre, oder war die zurückhaltende Farbigkeit nur ein Ergebnis der Baryt-Anreicherung in den industriell hergestellten Farben, die es in der DDR zu kaufen gab?

Arno Rinks Bilder heben sich in ihrer Farbwahl von den Werken seiner Zeitgenossen ab. Sein Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten, wenigen Signalfarben und die Zuwendung zum Blau des Romantikers, machen die Abwendung von sozialistisch-gesellschaftlichen Sujets deutlich. Er selbst steht größtenteils im Mittelpunkt seines Schaffens. Ihm ging es in seinen Bildern um die Form, und das, was im Zusammenspiel mit der Farbigkeit zum Ausdruck gemacht werden kann. Beispiele für seinen Ansatz gibt es viele. Ein Blick auf sein Frühwerk könnte seine Einflüsse offenlegen. Seine Ölskizze „Die Puppe“ erinnert an einen modernen Hieronymus Bosch, der nach seinem spannenden Hauptwerk Pilze gekaut, viele Blake-, und Dali-Werke sowie Max-Ernst-Gemälde neu interpretiert  hat, sie skizzenhaft als verschattete Trips auf Kartons und Leinwände warf. 

Die Arbeiter auf dem Rink-Bild sind zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft, oder erscheinen wie Zwerge, die die übergroße Modepuppe anbeten, die wie ein mythisches Mischwesen aus ölgewordenem Männertraum und aus Mechanik gedrechselter Ingenieurskunst erscheint. Ob die Berliner Rockband Rammstein sich was von dieser Ikonographie etwas abgeschaut hat? Das Gemälde hinterlässt den Eindruck, trotz seiner gemalten Perfektion, bedrohlich und kalt zu sein. Die kleinen, um sie herum drapierten, Figuren wenden sich vom Betrachter ab und scheinen aus dem Bild zu verschwinden. Angedeutete, ruinöse Architektur, ein glühender Himmel verstärken den Eindruck, hier kommt ein pinkfarbener Satan aus den Fantasien der ehemaligen „FF Dabei“-Redaktion auf die Erde hernieder und lässt sich feiern. Hinzu kommt die , vom Betrachter aus gesehene, erhobene linke Hand. Die Modepuppe weist so eine Parallele mit mittelalterlichen Baphometdarstellungen auf. „Die Puppe“ ist, so gesehen, ölgewordene Apokalypse. Das Verwaschene, Verkratzte und auch Entfärbte setzte sich kontrastreich in Rinks Schaffen fort. Klare, reine Farben sucht man – bis auf wenige Ausnahmen – auch hier vergebens.

Warum die Leipziger Schule eine Fortsetzung der Romantik ist

Um zu verstehen, wie die DDR-Maler aus Leipzig tickten – denn auch Tübke, Mattheuer & Co. verstanden es, aus einer eng gefassten Palette Großes zu zaubern – muss man einen Blick auf Johann Wolfgang von Goethe und Philipp Otto Runge werfen, oder besser gesagt: ihre Farblehren. Die Steigerung aus dem Klaren ins Trübe vereint beide „Farbphilosophen“. Was in bestimmten Abschnitten zutage tritt, ist die Beschäftigung mit den sogenannten dissonanten Akkorden. Wir kennen dies aus der Musik, wenn etwas schief und „daneben“ klingt. 

In der Farblehre Runges finden wir aber einen Zwei-, Drei- bzw. Mehrklang aus abgeschwächten Farben, die als Akkorde nebeneinander gestellt, eine bestimmte Stimmung erzeugen. Die Wirkung von Farbigkeiten auf das Gemüt tritt hier auch zutage. Beinahe können wir von der abseitigen Farbenlehre von Jazz in Malerei reden. Denn was in der Musik vielleicht schmerzhaft klingen würde, könnte in der Malerei eine (Dis-)Harmoniefolge ergeben, die den Betrachter fragen lässt, womit der Künstler nicht im Einklang steht: mit sich selbst, mit seiner Umgebung, mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen? 

Was bei William Turner und Impressionisten wie Claude Monet mit ihrer Freilufttechnik als natürlich und lichtecht nachzuahmen versuchten und rein ästhetische Grundwerte besitzt, muss bei den Leipziger Malern in der DDR-Zeit und auch partiell in ihrer Nachfolge durch u.a. Neo Rauch in einem anderen Licht betrachtet werden. 

Runges Farbenkugel trägt, ausgehend von den drei Primärfarben, die reinen Farben entlang des Äquators, woraus sich in Richtung Pole die Mischfarben ergeben, bis hin zum Schwarz bzw. Weiß. Ihm ging es mit seiner Farbkugel um die Veranschaulichung von Harmonien bzw. Disharmonien, die durch die Kontrastwirkung zueinander gestellter Farben erzielt werden. Gleichzeitig wohnt – unabhängig von Runges Farbtheorie und angewandter Praxis – eine Symbolik inne. 

Frédéric Portal (1804-1876) unternahm den Versuch, die Farbsymbolik zu systematisieren. Der französische Autor stufte Farben u.a. nach Licht und Dunkelheit (Weiß und Schwarz), Liebe und Willen (Rot und Weiß), Vernunft und Intelligenz (Gelb und Blau) ein. Portal fächerte die Farbkreisspirale soweit auf, dass die philosophischen Grundprinzipien seiner Farbordnung, dass die verschiedenen Eigenschaften und Leidenschaften, die nach seinen empirischen Studien den Farben innewohnen in verschiedenen Verhältnissen abgebildet sind. 

So ähnlich sehen wir es in den Werken der „Leipziger Schule“, dessen berühmtester Vertreter nunmehr ein gewisser Neo Rauch ist, der 2018 zusammen mit Rosa Loy das Bühnenbild für das Bayreuther Bühnenwerk „Lohengrin“ des musikalischen Spätromantikers Richard Wagner gestaltete und in Interviews weitläufig von seiner Begeisterung über die Befreiungskriege erzählt, welche ikonographischen Prinzipien er in seinen Bildern anwendet und so als spätgeborener Romantiker erscheint. Seine gedimmte Farbskala ist düster. Im Zusammenspiel mit den Sujets schafft er alptraumhafte Szenen, puzzlehaft zusammengesetzt aus Versatzstücken der Geschichte, DDR-Schulbuch-Illustrationen und Erinnerungen. Er setzt sich so auch von seinem Lehrer Arno Rink ab, der weitaus klarere Kontraste in seinen Bildern schuf. Setzt man seine und Neo Rauchs Arbeiten in die Folge von Philipp Otto Runge, Caspar David Friedrich und Arnold Böcklin, jedoch durch die Linse eines Max Ernst betrachtet, erscheinen sie von der blauen Blume der Romantik geküsst worden zu sein. Ein Schlüssel zum Werk von Arno Rink scheint also auch die Farbskala zu sein. 

 

Die Ausstellung „Ich male!“ im MdbK ist noch bis zum 16. September 2018 zu sehen.

 

Begleitend zur Ausstellung erschien auch ein Katalog mit den wichtigsten Werken seines Schaffens und Texten.

Leipziger Schule – Schüler von Arno Rink und Neo Rauch stellen in Augsburg aus

Von Daniel Thalheim
image002Der Rauch ist verflogen, der Lärm abgeklungen. Was in den späten Neunzigerjahren und frühen 2000ern als Leipziger Schule im Nachzittern – nicht nur – von Arno Rink und Neo Rauch aufbrach, scheint einem sachlichen Umgang mit der Malerei und Grafik gewichen zu sein. Die Saat ist verbreitet. Die Leipziger Schule lebt weiter.
Trotzdem platzt Leipzig förmlich aus allen Nähten, wenn es um künstlerische Positionen – ob streitbar oder auch nicht – geht. Vielfalt war und ist hinter jedem Fenster spür- und sichtbar. Da steht die „Auslese“ an Künstlerinnen und Künstlern, die in Augsburg einige ihrer Werke ausstellen, fast schon stellvertretend für diese vielzitierte Vielfalt. Aber nur fast. Denn die Nachfolgerinnen und Nachfolger stehen nun mal „nur“ in einem Handlungsstrang der Leipziger Schule, die – aufgrund ihrer Meisterschülerschaft – von Arno Rink auszugehen scheint und mit Neo Rauch dessen Scharnier in die Zukunft findet. Selbst wenn man nur Arno Rink als Ausgangspunkt betrachten würde, kommt man an seinen Meistern Werner Tübke, Hans Mayer-Foreyt und Harry Blume nicht herum. Aber auch an seinen Schülern wie Michael Triegel, Tim Eitel, David Schnell und Christoph Ruckhäberle kommt man nicht vorbei. Mit Tilo Baumgärtel, Isabelle Dutoit, Claudia Rössger, Verna Landau und Miriam Vlaming stehen fünf künstlerische Positionen als direkte Rink’sche Hinweise dieses Entwicklungsstrangs in der Gruppenausstellung der Galerie Noah im Raum. Mit Katrin Heichel und Sebastian Burger sind zwei Neo-Rauch-Abkömmlinge vertreten.
 
 
Die neuen Leipziger 7
Ausgesuchte Schüler von Arno Rink und Neo Rauch
mit Malerei, Zeichnung und Druckgrafik aus den letzten Jahren
Galerie Noah im Augsburger Glaspalast
Eröffnung am 22.03.2018 um 19 Uhr mit einer Einführung von Christine Rink
Ausstellungsdauer:
23. März bis 13. Mai 2018
Teilnehmende Künstler:
Tilo Baumgärtel, Sebastian Burger, Isabelle Dutoit, Katrin Heichel, Verena Landau, Claudia Rössger, Miriam Vlaming.

Er malt noch immer – Zum Tod von Arno Rink

Ein Nachruf von Daniel Thalheim

Sein Schaffen müsste vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte in unmittelbare  Nähe von Gerhard Richter und Jörg Immendorf gestellt werden. Arno Rink war, wie andere Maler und Grafiker seiner Generation auch, ein Künstler, der wie ein Riesenplanet seinen eigenen Platz im Raum der Malerei schuf. Er gehört zu jenen Malern, die die Tradition der Malerei in ein neues Zeitalter weitertrugen und mit neuen Techniken, Sichtweisen und Inhalten füllten. Am 5. September 2017 ist der große Vertreter der Leipziger Schule und ehemalige Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst von uns gegangen.

Der Einflussgebende

Erst kürzlich unterhielt ich mich mit jemandem über meine Begegnung mit dem Mann mit der blauen Latzhose und dem vollen, schwarzen Bart. Als ich ihn 1995 bei einem Mappengespräch für meine Aufnahme als Student für Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig​ traf, lernte ich einen resoluten und eigenwilligen Menschen kennen, der genaue Vorstellungen davon besaß, wie ein Künstler zu sein hatte. Er lud mich damals nur aus einem Grund ein: sein damaliger Assistent Neo Rauch suchte die von mir eingereichte Mappe aus. Er fand viele Übereinstimmungen zu dem, was ihn persönlich berührt und was er vielleicht auch von SchülerInnen der Malerin Elisabeth Voigt kannte. Diesen Zusammenhang stelle ich heute her, nachdem ich die Arbeiten der Schüler und Schülerinnen von Elisabeth Voigt bei der Werkschau in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig im Frühjahr 2017 sah. Mitte der Neunzigerjahre wusste ich jedoch nicht viel über die Hochschule für Grafik und Buchkunst. Werner Tübke war mir ein Begriff, sowie Wolfgang Mattheuer. Mit ihren Arbeiten wurden wir in der DDR groß. Dieser Umstand und dass ich Neo Rauch nicht kannte, mich damals nicht auf Ausstellungen herum trieb und ansonsten wenig über Kunstgeschichte Bescheid wusste, aber immerhin mehr als die meisten in meinem Umfeld, ließ Arno Rink Fragezeichen über seinem Kopf wachsen. Erst während meines Kunstgeschichtsstudiums erarbeitete ich mir, welchen Einfluss Arno Rink auf sein Umfeld ausübte. Dass er der Malermacher war, ist schon 1995 bekannt gewesen. Michael Triegel, Neo Rauch, Christoph Ruckhäberle, Katrin Heichel und David Schnell, sowie viele andere KünstlerInnen, werden aufgrund seiner Mentorenschaft und Vaterfigur zeitlebens mit ihm in Verbindung stehen. Neo Rauch beschreibt ihn als einen hochsensiblen Maler, der sich mit all seinen Selbstzweifeln und Ängsten hinter dem Schlussfirnis seiner Bilder und im Innern seiner rituellen Zurüstungen in Sicherheit zu bringen versuchte, und der für Neo Rauch in dieser Komplexität erst jene Faszination wachzurufen vermochte, die für ihn bis heute anhalte. Neo Rauch ist es auch, der verdeutlicht, dass Malerei eine wärmende Heimstatt bezeichnet. Dies so zu empfinden und durchzuführen, sei nur für Menschen spürbar, deren Weg von Kindheit an vorbestimmt war. Das ist auch ein Satz, der mir bekannt vorkommt und den Arno Rink wohl gern gesagt hat. Entweder man ist Künstler, oder man ist es nicht! Eine Grauabstufung dazwischen gab es für ihn nicht. „Dieser Mann hat uns viel zu geben und zu sagen“, stellte Neo Rauch auch im Katalogtext zum 2015 erschienenen Ausstellungsband fest, „wer dies nicht erkennt, soll auch um uns bitte nicht viel Aufhebens machen.“

Renaissancemaler und Romantiker im Blaumann

Wie kein Maler zuvor verband er die klassische Malweise mit einer modernen Bildsprache – Arno Rink war und ist ein Renaissancemaler im Blaumann. Für mich war er ein Arbeiter im Dienst der Kunst. Diese Erkenntnis ruhte stets in ihm. Das war anlässlich seiner großen Werkschau in der Kunsthalle Rostock 2015 so, und auch in der aktuell noch stattfindenden Ausstellung mit seinem ehemaligen Assistenten Neo Rauch in Aschersleben ist dies noch der Fall. Wer auf sein Schaffen blickt sieht seine Überlassenschaft an die Nachwelt. Über zwanzig Werkstandorte verzeichnet seine betreuende Galerie Schwind, eine Menge an Einzelausstellungen und ebenso unzählige Ausstellungsbeteiligungen seit 1969. Herausragend hierbei: die großen Kunstschauen im Dresdner Albertinum 1981, im Museum der Bildenden Künste 1982 sowie 2012 in Leipzig, in der Kunsthalle Rostock 1983 und 2015. Eine zeitnahe Würdigung wird in der 2018 stattfindenden Retrospektive „Ich male!“ am Museum der Bildenden Künste gezeigt. An den Vorbereitungen der künstlerischen Rückschau auf sein Lebenswerk hat er bis kurz vor seinem Tod mitgewirkt. Seine Ehefrau Christine Rink gab an, dass er bis zu seinem Tod im Atelier arbeitete, sofern seine Kräfte es zuließen. Denn seit Jahren litt er an den Folgen eines Krebsleidens, wovon er sich nur schwer erholen konnte. Das hat womöglich auch künstlerische Bestrebungen verzögert und verlangsamt.

Der Einflussnehmende

Ich lernte Arno Rink kennen als er Prorektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst war. Zu diesem Zeitpunkt lag sein Studium nahezu dreißig Jahre zurück. An der damaligen Hochschule für Grafik und Buchkunst absolvierte er sein Grundstudium bei Werner Tübke, Harry Blume und Hans Mayer-Foreyt, wechselte 1964 in die Fachklasse von Bernhard Heisig. Zeitlebens war er der HGB verbunden. Während er freischaffend in Leipzig arbeite, kehrte er der Kunstakademie nicht den Rücken zu. Er begann Anfang der Siebzigerjahre seine Lehrtätigkeit und war bis 2005 ohne Unterbrechung Leiter der Fachklasse für Malerei und Grafik an der HGB. Diese Zeitspanne prägt viele Künstlergenerationen. Von 1987 bis 1997 war er sowohl Rektor (bis 1994) als auch Prorektor der HGB. Auch das prägt.

Auch mich prägte er. Ich lernte ihn als direkten und ehrlichen Menschen kennen, der gerade aus auf den Kopf sagte, was er dachte. Das konnte auch schmerzhaft sein. Jahre später trafen wir uns im Rahmen eines Sommerfests an der HGB wieder. Er konnte sich an unsere Begegnung erinnern und freute sich, dass ich doch der Kunst verbunden geblieben bin. Nun ist der große Meister der Leipziger Schule in Ruhe sanft entschlafen. Seine Kunst wird mit uns weiterleben, so auch er.

Arno Rink. 26. September 1940 – 5. September 2017.

Weblinks:

Arno Rinks Seite bei der Galerie Schwind

Die Künstlerseite von Arno Rink bei der Kunsthalle Sparkasse

Literatur:

Arno Rink – Malerei und Zeichnung. Mit Textbeiträgen von Ulrich Prak, Neo Rauch und Michael Triegel.

Ein neues Zugpferd für Leipzig – Wie Alfred Weidinger das MdBK neu aufstellen will

Mit dem Weggang des bisherigen Direktors des Museums der Bildenden Künste in Leipzig, wurde die Frage laut, wie das MdBK sich neu ausrichten könnte. Das Museum schien weder mit Leipzigs Künstlerszene noch mit den Institutionen und Leipziger Galerien verbandelt gewesen zu sein. Die Antwort auf diese Frage war zunächst die Wahl von Dr. Skadi Jennicke als neue Kulturdezernentin. Die zweite Antwort scheint Dr. Alfred Weidinger zu geben, der seit dem 1. August 2017 neuer Direktor des Kunstmuseums im Herzen der Messestadt ist.

Mit dem Weggang des bisherigen Direktors des Museums der Bildenden Künste in Leipzig, wurde die Frage laut, wie das MdBK sich neu ausrichten könnte. Das Museum schien weder mit Leipzigs Künstlerszene noch mit den Institutionen und Leipziger Galerien verbandelt gewesen zu sein. Die Antwort auf diese Frage war zunächst die Wahl von Dr. Skadi Jennicke als neue Kulturdezernentin. Die zweite Antwort scheint Dr. Alfred Weidinger zu geben, der seit dem 1. August 2017 neuer Direktor des Kunstmuseums im Herzen der Messestadt ist.

Von Daniel Thalheim

 

Eine Trutzburg zu öffnen und mit Leben zu bespielen

Der Sommer 2017 macht alle zu schaffen. Wenn die Sonne nicht vom Firmament „knallt“, dann kracht’s anderswo, begleitet von Wolkenbrüchen, vom Himmel. Ruhig ging es hingegen am Vormittag des 2. August 2017 im angenehm klimatisierten Beckmann-Saal des Museums der Bildenden Künste in Leipzig zu, wer den von außen eindringenden Baulärm ausblenden konnte. Vor einer Schar von Journalisten stellte der frisch ins Amt eingeführte neue Direktor des MdBK seine Pläne vor, wie das Kunstmuseum auf dem Sachsenplatz zu einer höheren Geltung internationalen Ranges erlangen könnte. Doch auch Leipzigs Kulturamtschefin Susanne Kucharski-Huniat zeigte sich interessiert, wer aus Wien frischen Wind in die hohen Hallen des Glas- und Betonkubus bringen will. Neben Alfred Weidinger saß auch Leipzigs Kulturdezernentin Skadi Jennicke. Von Neubeginn war bei ihr die Rede, aber auch von einem Sprung des Museums in die Stadt hinein, als sie die einleitenden Worte sprach. Der neue Museumsdirektor griff den Gedanken auf, um sogleich seinen Sechs-Säulen-Plan für die Neuausrichtung des MdBK vorzustellen.

Er betonte auch, dass es ihm nicht um einen Neubeginn gehe, sondern v.a. um eine auf die Leistungen seines Vorgängers aufbauende und weiterentwickelnde Feinjustierung. Die Trutzburg der Kunst sei auf dem internationalen Kunstmarkt gut aufgestellt. Aber Alfred Weidinger will ein Ausstellungsprogramm finden, das dem Haus gerecht werde. Hieße im Umkehrschluss, dass es unter seinem Vorgänger Hans-Werner Schmidt so nicht gewesen sein könnte. Dass bereits der neue Direktor das Haus organisatorisch am zweiten Tag nach seinem Amtsantritt kräftig umkrempelte, spürte man bereits. „Wir brauchen Besucher, müssen Erlöse erzielen“, unterstrich Alfred Weidinger seine Pläne. Sein Prinzip sei, dass große, international bekannte Künstler-Stars auch kleinere Ausstellungen mit weniger bekannten KünstlerInnen finanzieren könnten.

 

Die Vorhaben des neuen Direktors

„Wir müssen auf die Leipziger zugehen“, betonte Alfred Weidinger. Der österreichische Kunsthistoriker, der ein Experte zu den Künstlern Gustav Klimt und Oskar Kokoschka ist, will v.a. junge Kunst ihren Raum geben. Dass in Leipzig nahezu hinter jedem Fenster ein Künstler versteckt sei, zeichne Leipzig aus, zitierte er einen Beitrag aus der Neuen Züricher Zeitung. Deshalb möchte der ehemalige Vizedirektor und Prokurist des Wiener Belvederes junge Positionen unterstützen. Konkret sehen seine Pläne so aus, dass er sechs Säulen aufstellen will, um das MdBK zu pushen. Die erste Säule soll im Tiefgeschoss durch die Dauerausstellung zur Malerei der Leipziger Schulen von 1945 bis 2000 entstehen. Im Eingangsbereich des Souterrains wird der Besucher von Informationen zum Wirken und zu den Spezifika der Leipziger Künstler zwischen 1945 bis heute informiert. In zwei Galerieabschnitten werden die Dauerausstellungen zur Leipziger und Neuen Leipziger Schule bespielt. Das dürfte bedeuten, dass die wichtigsten Werke von Werner Tübke über Arno Rink bis David Schnell aus den Magazinen geholt werden. Eine umfassende Retrospektive zum Schaffen von Arno Rink stellt Alfred Weidinger auch in Aussicht. Der dritte Galerieraum im Souterrain soll von jungen, zeitgenössischen Leipziger Positionen bespielt werden. Frauenquote bei 50 % und U-30, wie Weidinger umriss. „Wir brauchen eine intensive Auseinandersetzung mit der Leipziger Kunst“, führte er mit Blick auf die heterogene Zusammensetzung und Varianten der sogenannten Leipziger Schulen aus, die die Wahrnehmung auf die Kunst in der DDR nachhaltig prägten und auch international Standards setzte und heute noch setzt. Vor allem die neue Malerei in Leipzig ist durchzogen von einer symbolistischen Kraft, wie sie sie zuletzt in den Siebziger- und Achtzigerjahren inne hatte. Künstler wie Markus Matthias Krüger, Thomas Geyer, Heiko Mattausch, Katrin Heichel, Mirjam Völker und Lee Böhm dürfen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Und: „Es wird immer wieder was Neues zu sehen sein!“

Mit Blick auf das Gebäudevolumen komme eine ganze andere Perspektive – die zweite Säule – ins Spiel. Alfred Weidinger stellte dar, dass der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei und der argentinische Installationskünstler Tomás Saraceno bereits Interesse bekundeten, das Haus zu bespielen, ebenso die John-Lennon-Witwe Yoko Ono. Künstler sehen die 16 m hohen Räume eher als Herausforderung, denn ein so riesiges Gebäude mit so wenig Ausstellungsfläche an den Wänden fordere das Arbeiten in den Raum heraus.

Der Geschichtsbezug wurde von ihm als dritte Säule bei der Pressekonferenz vorgestellt. Weidinger will den Leipziger Symbolisten und Secessionisten Max Klinger heraus aus dem Lokalkolorit holen und hinein in die internationale Kunstgeschichte stellen. Er sei zwar ein furchtbarer Maler gewesen, sagte Weidinger schmunzelnd, aber sein Verdienst läge im Erschaffen eines Gesamtkunstkunstwerks und sein einflussgebender Habitus auf die Wiener Kunstszene um 1900 – allen voran Gustav Klimt. Klinger müsse daher ein besonderer Raum zugesprochen werden, der ihn und sein Werk im Kontext des 19. Jahrhunderts voranstelle. Dazu müsste aber auch seine Beschäftigung mit der Antike in Bezug auf seine mehrfarbigen Skulpturen im Mittelpunkt stehen wie auch die Verquickung seines Werks mit den damals zeitgenössischen philosophischen Denkern und sein Verhältnis zu den Frauen. Die Dauerausstellungen werden auch einer Prüfung unterzogen und sollen mit Rotationen von Kunstwerken immer wieder interessant für die Besucher gestaltet werden. Es sollen kleine Sonderausstellungen entstehen, die aus den Dauerausstellungen entstünden – immer im Kontext der wissenschaftlichen Bearbeitung und Beleuchtung. Weidinger will so das Interesse wecken, und so auch mehr Besucherzahlen generieren.

Alfred Weidinger möchte als weitere Säule auch den Strang Leipzig-Frauenbewegung-Kunst aufgreifen und thematisieren. Daher auch die avisierte Frauenquote bei den zeitgenössischen Arbeiten aus Leipzig, und als erste Vorschau die kommende Yoko-Ono-Ausstellung 2018, wo frühe Arbeiten von ihr gezeigt werden sollen. Das Museum der Bildenden Künste soll nach seinen Plänen für internationale Positionen zugeschnitten werden, aber anders als noch bei Schmidt, ohne wuchtige Gesamt- und monumentale Sonderschauen sondern mit dem zeigen von wissenschaftlichen Juwelen. Wenn auch eine Caravaggio-Ausstellung unter seiner Ägide nicht zustande kommen würde, dann nur, weil dies schlecht finanzierbar sei. Dann schon eher ein Bearbeiten des Themas Fotografie, welches in seiner Bedeutung in Leipzig bislang zu kurz geraten sei. „Es wird einen Fokus darauf geben, da setzen wir uns drauf.“

 

Zugpferd und Impulsgeber Museum der Bildenden Künste

Wer bei der Pressekonferenz genau hingehört hat, musste feststellen, dass der neue Museumsdirektor sich nicht als Verwalter sieht sondern als Impulsgeber für die Kunstszene der gesamten Stadt. Er will sich stärker mit der Künstlerszene Leipzigs vernetzen, aber auch mit wichtigen Institutionen wie dem Institut für Kunstgeschichte, mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst, den Spinnerei-Galerien. Er möchte auch den Magazinbestand des Museums inventarisieren und eine Museumsdatenbank aufbauen. Im Zeitalter der Digitalisierung gehen inzwischen viele Museen diesen Weg, um auf ihrer Internetpräsenz die Sammlungen adäquat zu präsentieren, auch mit virtuell gefilmten Museumsrundgängen. Projekte, die unter Hans-Werner Schmidt nicht angefasst wurden.

„Wir werden Kunst von Leipziger Künstlerinnen und Künstlern definitiv kaufen“, sprach Alfred Weidinger ein weiteres Vorhaben, neben dem Willen auch Vorlässe und Schenkungen zu übernehmen, an. Doch Sammlungslücken auszufüllen, wird es in seiner Amtszeit nicht geben. Ihm gehe es vorrangig um Leipzig und die Leipziger. „Ich hätte mich nicht beworben, wenn die Stadt mich nicht interessiert hätte, das Haus und die Kunst. Diese Stadt ist offen für alle. Deswegen bin ich hierher gezogen.“

Malerfürst wider Willen: Ein Doku-Streifen beleuchtet Neo Rauchs künstlerisches Wirken

Neo Rauch vor einem seiner Gemälde (Bildrechte: DOK Leipzig 2016/Nicola Graef)
Neo Rauch vor einem seiner Gemälde (Bildrechte: DOK Leipzig 2016/Nicola Graef)

Von Daniel Thalheim

„Das ist Slapstick“, meint der grauhaarige Mann im von Farbflecken beklecksten Arbeitsanzug, nachdem er mühevoll eine übergroße Leinwand ins Atelier schob, trug, keuchend und unter einem Fluch auf den Podest hob und auf das riesige Malgestell an der Wand hievte. Früher, noch vor zwei Jahren, so sagt der Mann mit dem graumelierten Haar, hätte er mit Leichtigkeit zwei Kavenzmänner dieser Art auf einmal ins Atelier getragen. „Kein Assistent weit und breit. Ich mache irgendwas falsch“, konstatiert er schulterzuckend und etwas ratlos. Man könnte meinen, er würde bei dieser ersten Filmeinstellung innerlich schmunzeln. Doch er steckt seine Hände in die Hosentaschen und hält fest: „Ich mache mich hier zum Ei.“ Er seufzt und geht seiner Arbeit nach. Der Künstler, der hier etwas resignierend durchs Bild gelaufen ist, heißt Neo Rauch.

Der 1960 in Leipzig geborene Künstler gilt als einer der führenden Kunstköpfe der Nachwende-BRD. Neben ihm stehen nur noch Markus Lüpertz, Gerhard Richter und A.R. Penck. Hinter ihm sind es noch viel mehr. Neo Rauch gehört einer Künstlergeneration an, die in der DDR aufwuchs und sozialisiert wurde, aber die Freiheit und die Vorteile des geeinten Deutschlands nutzen und auskosten kann. Mitte der Neunzigerjahre begann Neo Rauchs unaufhaltsamer Aufstieg. Wer an Leipzig und Kunst denkt, verknüpft den Gedanken sofort mit ihm. Wer sich näher mit ihm beschäftigt, stößt unweigerlich auf seine Lehrergeneration: Arno Rink, Sighard Gille, Bernhard Heisig. Doch nach Neo kommt auch viel Neues. Sein Impuls reicht weit über seine Schüler hinaus. Sammler sammeln seine Werke, zahlen hohe Summen für seine Bilder. Ausstellungen von ihm sind immer gut besucht. Fast, so scheint es, schwöbe Neo Rauch als imaginärer Geist über Leipzigs Kunstwelt, ein Fürst will er nicht sein.

Neo Rauch in seinem Atelier in Leipzig (Bildrechte: Alexander-Rott)
Neo Rauch in seinem Atelier in Leipzig (Bildrechte: Alexander-Rott)

Der Maler ist längst ein Gratwanderer zwischen Popkultur und malerischer Tradition geworden. Seine symbolistisch verschlüsselten Werke atmen sowohl den Geist von Max Klinger (1857 – 1920) und Arnold Böcklin (1827 – 1901), verneigen sich vor einem Philipp Otto Runge (1777 – 1810) ebenso wie vor der Comic-Kultur des 20. Jahrhunderts. Dass er dissonante Farbakkorde, u.a. die von Philipp Otto Runge, in Beziehung zu seinem Schriftwechsel mit Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), aufgreift, ist kein Geheimnis. Allein aus der Ableitung der Farbwahl zu den Inhalten seiner Bilder ließe sich vieles zu einem abendfüllenden Doku-Streifen ableiten. Wie viele Künstlerinnen und Künstler der elegante Mann beeinflusste, können nur Insider in Erfahrung bringen – ein grober Blick auf die Meisterschüler_Innen reicht schon, sich einen Überblick zu verschaffen. Doch darum geht es in „Gefährten und Begleiter“ nicht. Keiner seiner Einflussgeber und -nehmer_Innen kommt zu Wort. Der von Nicola Graef gedrehte Streifen beschäftigt sich biografisch mit dem Mann, der so unnahbar erscheint und so zurück gezogen mit seiner Frau Rosa Loy vor den südlich gelegenen Toren Leipzigs lebt, sowie im künstlerischen Herz der Messestadt, auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei, arbeitet. Rosa Loy, selbst Künstlerin, ist seine engste Vertraute und Gefährtin. Sie kommt zu Wort wie sein langjähriger Freund Galerist Judy Lybke – auch ein Trabant des Rauch’schen Universums. Ganz auf Neo Rauch fokussiert, verlässt der Film kaum das Innenleben des Meisters. Seine kommerzielle Strahlkraft kommt lediglich in den Interviews mit Sammlern zum tragen. Seine künstlerische Ausstrahlung kommt kaum zur Sprache, weil eben Lehrer und Lernende nicht zu Wort kommen.

Warum „Gefährten und Begleiter“ den Finger nicht auf den Puls seiner ehemalige Lern- und Lehrstätte, die Hochschule für Grafik und Buchkunst legt, stellt sich als Frage. Oder warum seine Schüler, egal ob Meister oder nicht geworden, nicht zu Wort kommen, steht als Fragezeichen ebenso im Raum. Wie ordnen Kunsthistoriker sein Werk ein? Hier schließt sich die Tür.

„Gefährten und Begleiter“ bezieht sich auf einen – sehr – engen Kreis von Menschen. Alle anderen erscheinen wie Trabanten um den Mal-Monolithen, der farbbekleckst im Atelier steht und Musik-CDs wechselt. Neo Rauch der Fels, der Berg, der Romantiker. Unweigerlich wird die Geschichte seiner früh verstorbenen Eltern erzählt, sein Leben in der ostdeutschen Kleinstadt Aschersleben bei den Großeltern und sein Ringen mit dem verlorenen Erbe seines Vaters Hanno Rauch, das bis Ende April noch in Aschersleben in der dortigen Grafikstiftung gezeigt wird. Diese Zäsur, der Unfalltod beider Eltern, begleitet Neo Rauchs Leben bis heute und scheint noch immer großen Einfluss auf sein Werk auszuüben.

„Gefährten und Begleiter“ ist ein Bio-Pic geworden, der Neo Rauch unprätentiös begleitet, ihn als Mensch und als Maler streift und auch zu klären versucht, wie seine Kunst zu verstehen ist. Der Film zeigt wie ein Mensch seine Passion mit jeder Faser lebt und atmet, gerade dadurch auch eine Kraft besitzt, die Neo Rauch vielleicht selbst nicht bewusst ist, wenn er, wie in der Anfangssequenz, mit einer übergroßen Leinwand kämpft, oder auf die Frage, warum Sammler mitunter eine Million Dollar für ein Bild bieten, nur antworten kann, dass selbst dieser Preis zu wenig sei für ein Stück seines Lebens. Somit sind seine Werke ebenfalls als enge Begleiter zu sehen, von denen sich aber der Künstler immerfort trennt. Er, der gottgleiche Schöpfer von Charakteren, der doch verschmitzt ein wenig das Klischee des Künstlers vor den Augen des Betrachters spiegelt.

Ein Film vom Weltkino Filmverleih. Dazu erschien bereits ein Trailer:

Gefährten und Begleiter

Deutschland 2016, 101 min

Genre: Dokumentarfilm

Regie: Nicola Graef

Drehbuch: Nicola Graef

Kamera: Felix Greif, Alexander Rott

Schnitt: Kai Minierski

Musik: George Kochbeck

Darsteller: Neo Rauch, Rosa Loy, Judy Lybke, David Zwirner, Mera und John Rubell, Kim Chang-il

FSK: 0

VÖ-Termin Blu-ray, DVD & digital: 8. September 2017

Die Mythenmaler – Wie Stefan Guggisberg und Sebastian Burger Materie und Mensch ergründen

Wer in den letzten Septembertagen die klimatisierte g2 Kunsthalle am Dittrichring in Leipzig betrat, war wegen der Kühle dankbar. Über Wochen wurde nicht nur die Messestadt von einer Hitze geplagt, die Meteorologen als ungewöhnlich für September bezeichnen. Ebenso ungewöhnlich sind auch die neuesten Arbeiten zweier Künstler, die seitdem mit ihrer Gemeinschaftsausstellung den Betrachter zum Grübeln, und auch Licht in die inzwischen angebrochene Dunkelheit des nasskalten Novembers bringen.

 

Von Daniel Thalheim

Maler erschaffen Mythen

„Künstler erschaffen keine Dinge, Künstler erschaffen Mythen“, meinte schon Anish Kapoor. Mit diesem Satz sagte der Bildhauer etwas fundamental wichtiges über die Arbeit von Malern, Grafikern und Bildhauern. Sie würden sich der Natur annähern, sagt Ausstellungskuratorin Anka Ziefer über das Streben von Künstlern nach Vollkommenheit. Natürlich erreichen sie dies nie, was ihnen auch bewusst ist.

Dennoch gilt die Beschäftigung des Malers mit der Materie als alchimistischer, fast schon religiös anmutender Prozess. Wer über die verwendeten Pigmente, Mineralien und Stoffe Kenntnis erlangt, die in Bildern ihre Verwendung finden, der muss eine wissenschaftlichen Duktus vermuten. Zumindest stünden Künstler den Forschern nahe, so die Ausstellungsleiterin weiter im Gespräch während des Rundgangs durch die Räume der g2 Kunsthalle anlässlich der Ausstellung „Through a Glass, Clearly“.

Dort stellen Sammlungsschwerpunkt, Interieur und Sonderausstellung ineinander verschränkt den Künstler als Suchenden, Forschenden und Archivierenden vor. Die neuen Arbeiten von Stefan Guggisberg und Sebastian Burger beschreibt die Kuratorin als Resultate von künstlerischen Forschungen, die Strukturen und Wirkungen von Stoffen zu ergründen versuchen: Stein, Stahl, Luft, Wasser, Organisches.

Dieses künstlerische Annähern nach der Textur von Stoffen umfasst das alchimistische Prinzip, das bereits im antiken Ägypten als heiliger Akt des Erschaffens galt. Sebastian Burger setzt sich mit der physischen Abwesenheit des Menschen und mit den Überresten der Popkultur auseinander. Seine Werke könnten als soziologische und anthropologische Studien gelten. Sebastian Burger friert mit seinen Arbeiten Momente ein, defragmentiert sie fast.

Stefan Guggisberg bildet in Arbeiten wie „Kollision“ geologische Prozesse ab, wo inmitten von „frottagierten“ Gesteinsmassen Edelsteine zum Vorschein kommen. Es sind Momentaufnahmen, die sich nur mit Begriffen wie Zeit und Raum erklären lassen können, worin physische Vorgänge – sei es natürlichen oder anthropologischen Ursprungs – eingebettet erscheinen. „Man kann die v.a. die Bilder von Stefan Guggisberg als kosmologische Tiefenräume sehen, oder als Versinnbildlichung des Entstehung von Materie und des Lebens“, interpretiert Anka Ziefer. Alles ist miteinander verwoben: Material, Technik, Thema. So erscheint Malerei wieder als ein Werkstattgeheimnis, das mythenumrankt den Betrachter beeindrucken kann. Die Künstler wagen sich so auf ein neues Terrain vor. Malerei ist bei „Through a Glass, Clearly“ kein Auftragen von Industriefarben auf vorgefertigten Bildträgern, auch kein schieres Abbilden von Begebenheiten, sondern eine Auseinandersetzung des Künstlers mit Stoffen und Licht.

Die Kosmologie des Materials

Beide Künstler, Stefan Guggisberg und Sebastian Burger, definieren ihre Positionen über eine sehr aufwendige Arbeitsweise. Sebastian Burger ist ein Künstler, der mit seiner Malweise sich mit einer nahezu wissenschaftlichen Akribie der Oberflächentextur von Kreidewandtafeln und der Oberflächenoptik von Kacheln und Fliesen annähert. Die Flächen versieht der Künstler mit Graffiti. Anders als der US-amerikanische Maler Robert Rauschenberg geht es Sebastian Burger mit seinen aktuellen Arbeiten nicht darum, Originalmaterial in die Bildobjekte zu integrieren, sondern mit einer Trompe-l’œil-Technik verblüffend echt nachzubilden.

 

Ausstellungsleiterin Anka Ziefer betont zu den Arbeiten von Stefan Guggisberg ihre Eigenständigkeit. Sie beschreibt anhand seiner bislang großflächigsten Arbeit „Nabel“ – einem riesigen zweiteiligen, an ein Diptychon erinnerndes, Gemälde in Blau ihn als einen jungen Künstler, der seine Arbeit sehr ernst nimmt und mit einer erstaunlichen innerlichen Reife an seine Arbeiten heran geht. „Nabel“ sei die größte künstlerische und technische Herausforderung für ihn gewesen. Allein das Papier besäße eine hohe Spannung wegen der großen Fläche – auch deswegen sei eine Zweiteilung notwendig.

Auch weil Arbeiten in dieser Größe – „Nabel“ misst 300 x 370 m – nicht mehr mit Rahmen versehen werden können. Der mehrfache Kunstpreisträger konzipierte zusammen mit einem Rahmenbauer eine neue Alternative. Die aus zwei Teilen bestehende Zeichnung wurde auf Alu-Dibond kaschiert und anschließend mit einem Metallrahmengerüst verstärkt. Die aufwändige und spezifisch für diese Arbeit entwickelte Konstruktion erforderte einige Aufbauzeit. Neben dem Konstruktionsaufwand ist das Bild selbst gleichzeitig auch ein Verwirrspiel aus optischer Wirkung und tatsächlich verwendetem Material.

Stefan Guggisberg und Sebastian Burger eint die Technik, mit Ölfarbe auf Papier zu malen. Trotz ihrer unterschiedlichen regionalen Herkunft – Guggisberg stammt aus der Schweiz, Burger aus Magdeburg – haben sie schon zu Studienzeiten und als Meisterschüler von Neo Rauch unabhängig voneinander diese Technik intensiv angewendet. Großflächig wird Farbe aufgetragen und danach wieder radiert. Die Formen bei entstünden nicht durch malerische Prozesse, sondern sind bildnerische Vorgänge, so Anka Ziefer weiter zu Guggisberg’ Arbeiten. Er spachtelt Schicht um Schicht Farbe auf, überstreicht diese und trägt sie in Teilen wieder ab.

Stefan Guggisberg und Sebastian Burger haben auch lange mit Papier als Bildträger experimentiert und so auch die für sich jeweils optimale Lösung gefunden. Um zu erkennen dass für diese Technik säurehaltiges Papier problematisch ist, bedarf es grundlegende chemische Kenntnisse. Nach dem Farbauftrag zersetzt sich das Papier in kürzester Zeit. So bleibt die Technik, mit Ölfarbe auf Papier zu arbeiten, auch eine Frage nach der Kosmologie des Materials und bleibt (vorerst) ein Geheimnis der Künstler.

Am 17. November findet um 18.30 Uhr in den Räumen der g-2-Kunsthalle ein Künstlergespräch mit den beiden Künstlern statt.

G2 #5

T H R O U G H   A   G L A S S ,   C L E A R L Y

Sebastian Burger / Stefan Guggisberg

9. September 2016 – 15. Januar 2017

Die Kunsthalle g2 im Internet

Stefan Guggisberg Online

Sebastian Burger Online

High Noon in der Spinnerei – Um was es Johannes Tiepelmann mit seiner Malerei geht

Johannes Tiepelmann: Gebrüder Grimm, 2006/2007, Öl auf Leinwand, 387 x 265 cm (courtesy Galerie FLOX 2016)
Johannes Tiepelmann: Gebrüder Grimm, 2006/2007, Öl auf Leinwand, 387 x 265 cm (courtesy Galerie FLOX 2016)

Fünf Jahre ist es schon her. Wer damals nach guten Malern stöberte, der stieß noch 2011 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei oder im Tapetenwerk auf einen talentierten jungen Mann. Sein Ausstellungsrefugium befand sich damals mitten im Herzen von Lindenau. Die kleine Galerie befindet sich heute noch in der Aurelienstraße. „Potemka“ heißt sie, nach ihrer Galeristin benannt. 2011 hingen hier Arbeiten von Johannes Tiepelmann. Seit 2013 betreut die Galerie FLOX die Vermarktung seiner Werke. Eine Erinnerung.

24 Stunden vor der Vernissage am 16. September 2011 holperten Fahrräder über das buckelige Kopfsteinpflaster der Alten Baumwollspinnerei. Auf einem saß der Künstler, der an dem alten Industrieort, wo 1946 die Sowjetische Militäradministration Kriegsverbrecherprozesse durchführte, sein Atelier hatte und vom Drahtesel abstieg. Aus seiner Tasche zog er ein Paket. Bald darauf hielt er in der einen Hand ein eingewickeltes Gemüse-Wrap, in der anderen Hand einen Kaffee in einem Pappbecher. An seiner Schulter baumelte die Umhängetasche. Zum alljährlichen Großereignis Herbstrundgang der Spinnereigalerien mag er hier nicht sein, bekundete er beim Gehen. Dieser Trouble sei nicht sein Ding, meinte er während er die Tür zu seinem Atelier aufschloss.

Der Raum verschluckte wegen seiner Größe seine Besucher. Man fühlte sich klein. Dennoch war es gemütlich hier. In diesem Refugium lagen ausgedrückte Farbtuben, Pinsel steckten in Gläsern, Riesige Leinwände lehnten auf den Kopf gestellt an den Wänden. Davor mehrere kleine Arbeiten – farbenfroh, narrativ. Dazwischen eine Couch, ein Tisch, ein Sessel.

Johannes Tiepelmann: Raum, 2010, 287 x 287 cm, Öl/Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)
Johannes Tiepelmann: Raum, 2010, 287 x 287 cm, Öl/Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)

„Wie soll ich das erklären?“, sagte Johannes Tiepelmann zu seinem vorzeitigen Abgang von der HGB als er auf dem Sofa saß und eine Zigarette rauchte. Der damals 31-jährige Absolvent der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und Hochschule für Grafik und Buchkunst zögerte und führte aus, dass für ihn Kunst mit Schule nichts zu tun habe. „Es ist die Theorie, Scheine machen … und so weiter. Meinen ersten Schein habe ich gemacht, danach war ich fix und fertig. Ich möchte all diese Dinge, die man eingepaukt bekommt, selbst für mich entdecken. Ich habe tagein tagaus im Atelier gesessen und gemalt.“ Zur Spinnerei-Gemeinschaft fühlte er sich er auch nicht dazugehörig, auch wenn er seit über zehn Jahren sein Atelier hier hatte. „Mir fehlt natürlich etwas durch das nicht vorhandene Diplom. Stipendien kann ich nicht wahrnehmen. Die Antragsnehmer wollen Zeugnisse sehen.“ Doch auch die brauche er nicht, beteuerte der Maler damals, lieber verkaufe er die Gemälde. Neun Werke reihten sich im Atelier aneinander. Sie gingen in die Galerie Potemka. „Sie werden noch gerahmt und bekommen eine Membran“, sagte er und ließ seinen Blick schweifen. „Ich bin selbst gespannt wie es wirkt,“, fügte er fast schon still gesprochen hinzu. „Durch dieses Pergamentpapier wird die Farbigkeit entkräftet. Das ist so Absicht, weil es Bilder sind, die schon längst existieren – sie sind alle 1 : 1, bloß viereinhalb mal kleiner als die Originale.“ Die meisten Papierarbeiten sind 70 mal 100 Zentimeter groß. Man konnte sich vorstellen, wie groß das vierfache davon ist.

„Die Originale sind alle in Acryl gemalt worden, die hier alle in Öl. Eine völlig andere Herangehensweise, Öl ist viel zäher. Viele Details habe ich einfach weggelassen. Miniaturmalerei ist einfach nicht mein Ding. Die Farbigkeit habe ich im Gegensatz zu den größeren Originalen verändert. Es ist fast so als würde man die Augen zusammenkneifen und vorm Original stehen und dadurch viele Details wegschwimmen“, erklärte er. Doch wie der Mensch so ist, Details nähme er auch im echten Leben nicht oder nur verhuscht war. „Ich bin künstlerisch auch an einen Punkt gelangt, dass wenn ich jetzt was malen würde, komplett anders aussehen würde. Die Bilder wären auch nicht mehr so narrativ und mit Eindrücken voll gepackt. Obwohl ich extrem viele Sachen weg gelassen habe, sind die aktuellen Arbeiten noch ziemlich dicht erzählt.“

Regiearbeit wäre der große Traum von Johannes Tiepelmann gewesen. Er sagte, dass er in seinen Gemälden szenisch denke und mit ihnen Geschichten erzähle.

Johannes Tiepelmann: Allerseelen, 2010, 195 x 145 cm, Öl auf Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)
Johannes Tiepelmann: Allerseelen, 2010, 195 x 145 cm, Öl auf Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)

Hingen die neuen Werke thematisch zusammen und warum sind sie entstanden? „Ohne den Termin bei der Galerie Potemka wäre diese Serie gar nicht zustande gekommen“, stellte er fest und fügte hinzu, dass er seine Bilder wie abstrakte und ungegenständliche Stories aufbaue. Mit dem Ausstellungstitel “Klausur“ meine er die Zurückgezogenheit des Künstlers in seinem Atelier, nicht das Sammeln von Scheinen und die strebsame Betriebsamkeit im Wettbewerb unter Schülern und Studenten. Johannes Tiepelmanns Akte auf Papier erschienen so als aus Erinnerungen geschälte Reproduktionen von bereits geschaffenen Bildern. Ein Grund für die neuen kleinformatigen Werke war der, dass die Originale durch Verkäufe überall hin verstreut wurden. Sie entstanden, wie es der Maler ausdrückte, mit dem Blick eines Riesen auf seine Kinder.

Ein wenig entstand der Eindruck, als sei David Lynch auf den Pinsel gekommen. „Einzelne Bilder würde ich gerne mal verfilmen. Die meisten würden wahrscheinlich high-noon-typisch daher kommen. Da kann schon mal wie in dem da drüben auch ein Mikro auftauchen, weil ich das einmal in einem Film gesehen hatte, weil die dort schlecht geschnitten hatten und das komplette Kamerateam im Spiegelglas eines Wolkenkratzers zu sehen gewesen war.“ Auch wenn so der Film entlarvt wurde, fand der Maler diesen Fehler richtig sexy und sagte: „Zu fragen was hinter dem Kameraauge ist!“ – Im Grunde gab es zwei Gemälde, die er parallel gemalt hat. Auf dem einen ein Clown mit Mikrofon, auf dem anderen ein Mensch, der sich auf Planken krümmt. Im Grunde schaut der Clown auf ein Geschehen vor ihm. Sogar die Beleuchtung auf beiden Bildern ist aufeinander abgestimmt.

„Die Originale sind in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, die hier in wenigen Wochen und Monaten“, sagte der Maler und schaute auf ein Bild, welches eine Auseinandersetzung mit zwei Windhunden bezeugt. „Ich sehe in den Reproduktionen eher Brüderschaften untereinander, die, als ich die Originale gemalt hatte, nicht absehbar waren. ich habe mir die Bilder der letzten zehn Jahre herausgesucht, die eine gewisse Geltung für mich haben.“ Das Medium Malerei an sich wollte er mit „Klausur“ in Frage stellen.

Johannes Tiepelmann lehnte sich zurück, drehte sich eine Zigarette. „Ich bin gespannt wie sie aussehen, wenn die psychedelische Farbigkeit durch die Membran zurück genommen wird.“

Wer die Originale kannte, stellte rasch fest, dass die „Klausur“-Arbeiten komplett anders aussahen und durch die Membranhaut einen trüben Blick in die Erinnerung schweifen ließen. „Sie sind etwas aufgeräumter“, meinte er zum Schluss.

Ein Gast sagte während der Ausstellung, die am 16. September 2011 eröffnet wurde, man hätte Lust, die Originalfarbigkeit zu entdecken, müsse seine ganze Vorstellungskraft aufwenden, um diese im Kopf entstehen zu lassen.“ Für den Kunstschaffenden, dessen Vater auch an der HGB studiert hat, erschienen die Arbeiten als ein Wendepunkt, ein Abschluss und ein Anfang. Man darf weiterhin gespannt sein, was als nächstes von diesem spannenden Künstler aus Leipzig kommt.