Auf die Pandemie reagiert – Virtueller Rundgang in der Hamburger Kunsthalle möglich

Daniel Thalheim

Seit Februar 2020 hat das Sars-Covid-19-Virus aus der Familie der Coronaviren die Welt im Griff. Es gibt Hinweise darauf, dass es viel früher in den Umlauf kam. Gerade in Europa versteht man politisch nicht, adäquat mit der Pandemie umzugehen, während die asiatischen Länder im Krisenmanagement Erfahrungen besitzen. So lang anhaltende Schließungen von Kulturinstutitionen, wie es derzeit u.a. auch in Deutschland geschieht, sind v.a. politisch gemacht und nicht unbedingt von Vernunft geprägt. Museen, Konzert- und Theaterorte sowie Kleinbühnen haben ihrerseits die Vorschriften seit Frühjahr und im Sommer mit Konzepten unterlegt, um wieder Besucher zu- und hineinzulassen. Seit Winter 2020 liegt das kulturelle Leben weitestgehend wieder brach. Die Kunsthalle Hamburg reagierte bereits im Sommer 2020 auf die neuen Umstände. Obwohl dieses Projekt, den virtuellen Besuchern einen virtuellen Rundgang durch die Sammlungen zu bieten, sicher einen langen Planungs- und Finanzierungsvorlauf besitzt, kommt der virtueller Rundgang zur richtigen Zeit. Wo andere deutsche Museen, aus welchen Gründen auch immer, scheitern und sich nicht virtuell weiter entwickeln können, besitzt die Hamburger Kunsthalle seit Juni 2020 eine Antwort.

Was können wir beim Rundgang sehen? Als Besucher dürfen wir in die zwölf Säle des Museums eintreten und mit 360-Grad-Rundumblicken die Sammlungen und Ausstellungen fast wie in der Wirklichkeit erfahren. Es ist eine Reise durch die europäische Kunstgeschichte. Der Parcours durch acht Jahrhunderte umfasst mehr als 150 Werke von Meister Bertram über Caspar David Friedrich bis zu Sigmar Polke. 120 Klick- und Standpunkte erlauben uns inne zu halten und die Tour virtuell direkt vor einzelne Werke zu treten und diese im Detail zu betrachten. Abgerundet wird der Rundgang durch Kurztexte zu etwa 40 Arbeiten und Audiotracks.

Alexander Klar, Direktor der Hamburger Kunsthalle, meint zu dem neuen und wichtigen Projekt, dass vielen Menschen aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich war und ist, zu Besuch zu kommen. »Dies ist durch die Corona-Pandemie noch einmal klarer geworden und damit auch unser Wunsch, neue Möglichkeiten der Teilhabe zu schaffen. Deshalb sind wir sehr glücklich nun einen virtuellen Zugang zu den Räumen der Hamburger Kunsthalle bieten zu können.«

»Man kann die integrative Kraft von Bildern, von Musik, kurz: von Kultur im Allgemeinen nicht hoch genug einschätzen. Weil sie uns, egal woher wir kommen, tief im Innern berührt«, sagt Ingo Zamperoni, Schirmherr der Stiftung Kulturglück. Erdacht und finanziell ermöglicht wurde das Projekt in Kooperation mit der Stiftung Kulturglück, die bei der Entwicklung spezieller Vermittlungs- und Bildungsformate eng mit der Kunsthalle zusammenarbeitet. Die Stiftung engagiert sich besonders für Menschen mit Inklusionsproblemen. Das Rundgang-Projekt ermöglicht Menschen mit diversen Hintergründen einen leichten Zugang zu Kultur. Viele Menschen sind gesundheitlich nicht in der Lage, persönlich in die Museumsräume zu kommen. Der virtuelle Rundgang ist – unabhängig von Lock-Downs, eine neue Möglichkeit, die Kunsthalle und ihre Sammlung erleben zu können. Nicola Verstl, Vorstand Stiftung Kulturglück, konstatiert die virtuelle Lösung für einen Museumsbesuch als wichtigen Beitrag, das kulturelle Leben weiterhin erfahrbar bleiben zu lassen. »Daher freuen wir uns, dass wir als Stiftung Kulturglück jetzt diesen Schritt für unser Ziel Kunst für alle gemeinsam mit der Kunsthalle umsetzen können.«

Wenn wir über den Eingangsbereich ins Museum eintreten und durch die Gänge und Treppenhäuser wandeln, dann gehört uns das Museum ganz allein. Keine weiteren Besucher stören unsere Betrachtungen. Zwar können wir nicht eingehender aus der Nähe einzelene Werke studieren. Doch wer bekommt auch schon in der Realität das Angebot, den Wandelaltar in der Galerie Alte Meister aufgeklappt zu bekommen. Wir können an einzelne Bilder herantreten und zuhören, was über sie gesagt wird. Zwar reicht die dargestellte Größe nicht aus, um im Detail, unabhängig der Fachliteratur, Studien zu den einzelnen Figuren und zum Farbauftrag sowie Rahmung zu unternehmen, doch der virtuelle Eindruck überwiegt, weil er versucht, uns Kunst lesbar zu vermitteln. Die einzelnen Räume wurden von ihrer jeweiligen Mitte aus gefilmt bzw. fotografiert, können so nicht annähernd einen echten Besuch ersetzen. Auch hier wird es nur um den ersten Eindruck gehen. Denn die Pandemie wird nicht ewig dauern, bzw. der Lock-Down-Zauber unserer Regierungen.

Der 360°-Rundgang ist aus Sicht der Museumsleitung ein Baustein im digitalen Angebot der Hamburger Kunsthalle. Dieser Baustein könnte, nicht nur im Lock Down, für andere Museen Schule machen. Die Technik, mit der die hochauflösenden Aufnahmen erstellt worden, ermöglicht uns Besuchern, wie beim mittelalterlichen Wandelaltar, einzigartige Blicke und Einblicke. Die Kuppel beispielsweise ist „analog“ so nicht erfahrbar. Auch wenn es anfangs nicht so aussieht; die virtuelle Tour präsentiert die Hamburger Kunsthalle sich virtuell nicht nur als Ersatz für den Besuch vor Ort, sondern bietet ein neues, eigenes Format für die eigene persönliche Entdeckungsreise. Leider wird uns der Zugang zu aktuellen Ausstellungen virtuell erschwert. Wer sich bspw. als weit anreisender Kunstinteressierter einen Eindruck über die aktuell laufende Ausstellung „Hans Makart und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts“ verschaffen will, muss sich tatsächlich auf der Webseite informieren und den Videobeitrag anschauen und auch den Textbeitrag lesen. Der Kauf des zugehörigen Katalogs lohnt sich.

Man kann darauf vertrauen, dass der 360°-Rundgang für größere Bildschirme optimiert ist. In Vorbereitung ist auch eine Version für die  Hamburger Kunsthallen-App, die informative Audiotouren durch die Sammlung der Kunsthalle bietet und kostenlos in den App-Stores herunterzuladen ist. Marco Vedana zeigt sich für die hervorragende technische Realisierung verantwortlich.

Link zum 360°-Rundgang der Hamburger Kunsthalle:

https://www.hamburger-kunsthalle.de/360-deg-rundgang

Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Wer oder was ist Pornosophie? Ist es Sophie, die gern Pornostreifen schaut? Oder setzt sich das Wort aus den Teilen Porno und Philosophie zusammen. Weil Dr. Konstanze Caysa Philosophin ist, kann erstere Schlussfolgerung bedenkenlos als Quatsch beiseite gewischt werden. Konstanze Caysa verfasste eigens zur im Juni 2017 stattfindenen Ausstellung „Pornosophie“ ein Manifest, welches die Gruppenausstellung, die in diesem Zusammenhang nahezu unverschämt nach Gruppensex klingt, umklammert. 

Grit Hachmeister:
Grit Hachmeister: „Sweeter than anything“ 6-teilige Serie, Schwarzweißfotografien im Passepartout, gerahmt Liedtext von Pj Harvey je 24 x 30 cm

Wer oder was ist Pornosophie? Ist es Sophie, die gern Pornostreifen schaut? Oder setzt sich das Wort aus den Teilen Porno und Philosophie zusammen. Weil Dr. Konstanze Caysa Philosophin ist, kann erstere Schlussfolgerung bedenkenlos als Quatsch beiseite gewischt werden. Konstanze Caysa verfasste eigens zur im Juni 2017 stattfindenen Ausstellung „Pornosophie“ ein Manifest, welches die Gruppenausstellung, die in diesem Zusammenhang nahezu unverschämt nach Gruppensex klingt, umklammert.

Die Galerie Potemka meint: „Dr. Konstanze Caysa – Initiatoren dieser Ausstellung erhält in der österreichischen Kunstzeitschrift Millionart derzeit eine Reihe von vier Ausgaben, in denen das Werk der Künstlerphilosophin vorgestellt wird. Sie ist Nietzsche-Spezialistin und ein wiederkehrender Gedanke in ihrem Denken, ist der der Leiblichkeit, die sie, anders als die reine Körperlichkeit, an die Seele gekoppelt ist. Dies stellt für sie – gerne auch in Verbindung mit dem Verstand – eine höhere Intelligenz dar, als der abgespaltene Verstand, der frei von Intuition agiert. Pornosophie ist nicht als Pornografie zu verstehen, sondern die ausgestellten Werke stehen im Sinne des Leiblichkeits-Gedanken für die Verbindung von Körper, Geist und Seele.“

Stephanie Dost: Aus der Serie Nice Guys - Leopard und Tiger, 23,5 x 23,5cm, 2016, Buntstift auf Papier
Stephanie Dost: Aus der Serie Nice Guys – Leopard und Tiger, 23,5 x 23,5cm, 2016, Buntstift auf Papier

Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Von Konstanze Caysa

Expraktik ist Askese bis zum Exzess, zum Exerzitium erotischer Ekstase.

Erotische Ekstase steht gegen sexzentrische  und theozentrische Ekstase, sie bewegt sich im Spannungsfeld der Erotik  des Geschlechts  und  Erotik des Gehirns, von Geschlechtserotik und Gehirnerotik.

Der sexzentrische  Ekstatiker ist  Phallogozentrist und Vulvafetischist. Im Phallus und in der Vulva findet er das All- und Ureine. Die Vereinigung mit dem Göttlichen ist für ihn die geschlechtliche Vereinigung. Je mehr er von den Abstraktionen des Denkens entfernt ist, je näher glaubt er sich dem Göttlichen, dem Phallus, der Vulva.

Der theozentrische Ekstatiker glaubt, je mehr er dem sexuell Sinnlichen entfremdet ist, je näher ist er dem göttlichen Denken, dem reinen Hirn.

Für den Einen ist die mystische Vereinigung mit dem Absoluten ein Geschlechtsphänomen; für den Anderen ein Gehirnphänomen.

Der sexzentrische Ekstatiker glaubt, je weiter man die Kellertreppe zum Sexuellen hinabsteigt, je näher komme man dem Absoluten.

Der theozentrische Ekstatiker glaubt, je weiter man sich der Sphäre des Sexuellen entfernt, je näher kommt man Gott.

Beide streben eine Katharsis an: der Eine eine Katharsis durch das Gehirn, der Andere eine Katharsis durch den Sex.

Carina Linge: Peitho, 2011, C-Print auf Dibond, 60 x 45 cm, Edition 3 + 2 AP
Carina Linge: Peitho, 2011, C-Print auf Dibond, 60 x 45 cm, Edition 3 + 2 AP

Der Eine will sich vom Sexuellen ablösen und der Andere vom Gehirn, um sich mit Gott, dem Ur-Alleinen,  zu vereinen.

Der sexzentrische Ekstatiker strebt die Loslösung des Sexes vom Gehirn an.

Der theozentrische Ekstatiker strebt die Loslösung des Gehirns vom Sex an.

Der Eine will Sex ohne Hirn; der Andere Hirn ohne Sex.

Beide Denken nicht.

Beide  sind Mystiker: Mystiker des Sexes einerseits, Mystiker des Gehirns andererseits.

Der Sexmystiker steht gegen den Gehirnmystiker und vice versa.

Beide sind tolle Menschen, ihnen ist ein obsessiv-manischer Zug eigen, sie sind maßlos, bedenkenlos, gewissenlos, auf je verschiedene Art und Weise jenseits von Gut und Böse. Sie sind methodische Amoralisten mit je umgekehrten Vorzeichen.

Beide sind Dionysiker: Der Eine ist Sexdionysiker, der Andere ist Hirndionysiker.

Gegen die Vereinseitigungen von sexzentrischer und hirnzentrischer Ekastase steht die erotische Ekstase, die beide aufhebt.

Die erotische Ekstatik ist eine göttliche, heilige Erotik, die die Erotik des Sexes und die Erotik des Gehirns, die die “Erotik der Körper” und die “Erotik der Herzen” aufhebt.

Erotik ist nicht etwas Menschlich-Allzumenschliches, sondern eine Seinserfahrung. Durch sie begegnet mir in meinem Dasein das kosmische Sein, meine sinnliche Endlichkeit begegnet mir  im Medium der Erotik der Unendlichkeit – in  Augenblicken der Ekstase.

Shaima Sobhy: Covered Woman, 2017, 107 x150 cm, Acryl auf Leinwand
Shaima Sobhy: Covered Woman, 2017, 107 x150 cm, Acryl auf Leinwand

Der erotische Ekstatiker ist ein Mystiker ohne Gott – denn Gott ist die Liebe und Geschlechtsverkehr ist ihm Liebesverkehr zwischen Sex und Hirn, Sinnlichkeit und Denken, Leidenschaft und Vernunft, Leben und Tod.

Die bedingungslose Hingabe in der heiligen Ekstase ist nicht unkontrolliert, sie ist geordnet, um  Bedingungslosigkeit bis hin zur Bindungslosigkeit zu ermöglichen; Ekstase ist geformte Überschreitung, damit der Rausch gelingt. Der Ekstatiker ist ein Formulierer – ein Formgeber.

Der Künstlerphilosoph ist erotischer Heiliger. Sein Exerzitium ist der heilige Eros, er ist ein heiliger Asketiker.

Der Künstlerphilosoph ist der Asket, der die Askese zum Exerzitium macht; er betreibt die Askese als Exerzitien.

Kunst ist ihm Kult: Kult der Schönheit.

Schönheit umgibt nicht einfach die Macht – sie verspricht Macht.

Schönheit ist nicht leistend, sondern versprechend – das ist ihre Leistung.

Das Schöne wird nicht nur im Schönen gezeugt, sondern auch im Medium des Hässlichen.

Nicht nur die Schönheit ist faszinierend, sondern auch das Hässliche.

Das Hässliche ist in seiner Repulsion Attraktion. Attraktion verspricht immer Macht, egal ob schön oder hässlich, allzu oft ist die Hässlichkeit in ihrer Macht schön – weil auch das Hässliche fasziniert.

Der Dämon Eros ist schön und hässlich, arm und reich, kynisch und zynisch.

Nicht nur das Schöne ist Objekt der Kunst, sondern auch das Abstoßende, Ekelhafte, die Abjekte.

Die Kunst, die sich den Abjekten zuwendet, ist Pornosophie, sie stellt die Wahrheit der Abjekte, der “Huren” dar.

Dr. Konstanze Caysa: Parrhesiast, 2017, 42 x 19,5 cm, Mixed Media
Dr. Konstanze Caysa: Parrhesiast, 2017, 42 x 19,5 cm, Mixed Media

Dieser ästhetische Extremismus ist eine skandalisierende Lebensform, die dem “Skandal” (genannt Leben) auf den Grund geht. Die barbarische Wahrheit des Lebens kommt ans Licht.

Dieser Skandalismus stellt sich gegen die political correctness der Massendemokratie, gegen die Hässlichkeit ihres grunzenden, schmatzenden, saufenden Hedonismus mit elitärem Hedonismus: kynischer Aristokratismus = Pornosophie.

Die gelingende Skandalisierung ist aber nicht grenzenlose Enttabuisierung. Ist Skandalisierung entgrenzte Enttabuisierung, dann ist sie unerotisch und pornographisch. Der Skandal, der ein Wahr-Sagen ist, braucht Tabus, um die Erotik zu ermöglichen.

Die Garantie der Tabus als Bedingung der Möglichkeit von Erotik ist die Form, der Stil.

Pornosophie ist stilisierte Erotik, kein Sex, sie ist ästhetisierte Religion, Erotik als Religion.

Was griechisch phallos heißt ist lateinisch fascinus.

Das Bündel, das Beil, als Symbol der Strafgewalt, fasziniert, verzaubert, verführt, bannt uns.

Insofern stand der Phallus immer für Souveränität und im Anschluss daran das gebündelte Feuer: die Fackel. Der Pornosoph, insofern er den Phallus heiligt, ist also der Fackelträger der Kunst: der Künstlerphilosoph.

Pornosophie (Group Show)

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Dr. Konstanze Caysa

Stephanie Dost

Grit Hachmeister

Corinne von Lebusa

Carina Linge

Shaima Sobhy 

Sophie von Stillfried

Robin Zöffzig

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Vernissage: 24.06.2017, 19 Uhr

Dr. Konstanze Caysa liest ihr pornosophisches Manifest
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Ausstellungsdauer: 25.06.-22.07.2017