Leipziger Jahresausstellung – Das alljährliche Schaulaufen zur Kunst verliert Relevanz

Daniel Thalheim

Es war im Mai 1913, als die erste Internationale Baufach-Ausstellung in Leipzig auf dem heutigen Alten Messegelände seine Toren öffnete. Im Fokus standen damals die Messehallen, wie das Monument des Eisens von Bruno Taut (1880 – 1938) und Franz Hoffmann (1884 – 1951), die Hallen für Raumkunst und Baustoffe, der Hof der nachgebauten Pleißenburg, die zur selben Zeit durch den Bau des Neuen Rathauses verschwand, das Gebäude des Rumänisches Weinrestaurants, ein Musterdorf mit Schule und Kirche sowie die Betonkuppelhalle von Wilhelm Kreis (1873 – 1955). Gleichzeitig standen im selben Jahr realisierte Bauprojekte, wie die Gartenstadt Marienbrunn, das benachbarte Völkerschlachtdenkmal, die Brücke zwischen den Ausstellungshallen im Fokus der Besucher. Etwas im Abseits organisierten die bildenden Künstler zum selben Zeitpunkt die „Leipziger Jahresausstellung“. Sie bot zusammen mit einem Pavillon für die Karikaturenausstellung damals einen Überblick über das künstlerische Schaffen zeitgenössischer Künstler internationalen Ranges der letzten 30 Jahre.
1913 trat die „Leipziger Jahresausstellung“ nicht zum ersten Mal in Erscheinung. Bereits 1910 veranstaltete der Verein Bildender Künstler Leipzig im Städtischen Kaufhaus die als „Sezession“ genannte erste Jahresausstellung. Am 15. Januar 1912 gründete der Verein den „Verein Leipziger Jahresausstellung e.V.“ Max Klinger (1857 – 1920), Wilhelm Schulze-Rose (1872 – 1950) und der Bildhauer, sowie Nachlassbetreuer Max Klingers, Johannes Hartmann (1869 – 1952) hatten den Vorsitz inne. Im Städtischen Handelshof in der Grimmaischen Straße stellten im Jahr 1912 über 200 deutsche und europäische Künstler Malerei und Plastik aus. Bekannte Namen, wie Ernst Barlach, Max Beckmann, Käthe Kollwitz, Claude Monet, Max Liebermann, Henri Matisse, Max Pechstein, Pablo Picasso und Auguste Renoir nahmen mit einem oder mehreren Werken an der Schau teil. Das war eine Ausstellung internationalen Ranges. Nahezu sämtliche Künstler der Klassischen Moderne waren vertreten. 1921 kamen Namen, wie Lyonel Feininger (1871-1956) und Kurt Schwitters (1887-1948), dazu.

Die Leipziger Sezession

Das große Kunstlexikon von Peter W. Hartmann erklärt unter „Sezession“ die Wortbedeutung, welche aus dem Lateinischen entlehnt ist. „Secessio“ bedeutet nichts anderes als „Abspaltung“ und „Trennung“. Der Lexikonartikel fasst zusammen, was im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter Sezession verstanden wurde. In München, Berlin und in Wien wurden „Secessionen“ gegründet. 1910 hieß es in Leipzig: „Die Sezession hat es sich zur Aufgabe gemacht, alljährlich in Leipzig eine Jahresausstellung zu veranstalten. Durch diese Ausstellung bezweckt der Verein, für die Förderung der idealen und wirtschaftlichen Bestrebungen Leipziger Maler, Bildhauer und Grafiker einzutreten, andererseits auch für die Ausgestaltung unserer heimischen Kunst tätig zu sein und damit auch Leipzig im deutschen Kunstleben eine bedeutsame Stellung zu sichern. Die Ausstellung, die nicht nur Werke Leipziger Künstler enthält, sondern in der Künstler aller deutschen Kunststädte vertreten sind, zeigt, in welcher anerkennenswerten Weise das Unternehmen der Leipziger Sezession in der auswärtigen Künstlerschaft und nicht minder bei dem Leipziger Künstlerverein und dem Leipziger Künstlerbund Beachtung gefunden hat.“
Wenn vor einigen Jahren von einer „Leipziger Sezession“ gesprochen wurde, haben die Menschen auf den kursierenden Popanz von „Legida“ geschaut. Die Organisatoren der Vereinigung „Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes“ haben sich vom Dresdner Vorbild „Pegida“ abgesetzt. Nichts anderes passierte in der Kunstwelt um Max Klinger vor einhundert Jahren. Er setzte, zusammen mit anderen Künstlern, sich vom vorherrschenden, akademischen Kunstbild der Künstler Berlins ab. Klinger wirkte eine zeitlang in der Reichshauptstadt, wo er 1894 Nachrückemitglied der „Gruppe XI“ war, die sich gegen den einst von Gottfried Schadow gegründeten „Verein Berliner Künstler“ positionierte, der Ende des 19. Jahrhunderts auch die „Großen Berliner Kunstausstellungen“ organisierte, und 1893 in die Gründung der „Berliner Sezession“ mündete, wovon sich wiederum die „Neue Berliner Secession“ abspaltete.
Die in der „Gruppe XI“ organisierten Künstler Jacob Alberts (1860–1941), Hans Herrmann (1858–1942), Ludwig von Hofmann (1861–1945), Walter Leistikow (1865–1908), George Mosson (1851–1933), Konrad Alexander Müller-Kurzwelly (1855–1914), Hugo Schnars-Alquist (1855–1939), Friedrich Stahl (1863–1940) und Hugo Vogel (1855–1934) bemühten sich um die Teilnahme von Max Liebermann (1847–1935), Franz Skarbina (1849–1910), Max Klinger (1857–1920), Dora Hitz (1856–1924) und Martin Brandenburg (1870–1919).
1892 wurde in München die erste Sezession gegründet. Von dieser Vereinigung spalteten sich später weitere Ableger ab. 1897 wurde von Gustav Klimt (1862 – 1918), Kolo Moser (1869 – 1918) und Josef Maria Olbrich (1867 – 1908) die Wiener Sezession gegründet, die vornehmlich baugestalterische und architektonische Formensprachen zusammmenzufassen versuchte, welche wir heute als „Jugendstil“ oder „Wiener Sezessionsstil“ kennen. 1897 wurde Max Klinger Mitglied der Wiener Sezession. Im selben Jahr wurde der Künstler Professor an der Akademie der graphischen Künste in Leipzig.
Über die Leipziger Sezession ist wenig bekannt. Wir wissen, dass Max Klinger das lebende und künstlerische Zentrum in Leipzig für die Kunst war. Neben ihm waren der Grafiker Alfred Leistner (1887–1950) und der Maler Eduard Einschlag (1879 – 1945) Gründungsmitglieder der „Leipziger Jahresausstellung“. Der von den Nazis zusammen mit seiner Familie deportierte und vermutlich um 1939 im Warschauer Ghetto ermordete führende Künstler der Zwanziger und Dreißiger Jahre von Leipzig war einer der Ausstellungsleiter der „Leipziger Jahresausstellung“ vor einhundert Jahren. Der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammende Eduard Einschlag schlug einen anderen Weg ein als sein älterer Bruder Martin. Zwar besuchte Eduard Einschlag, wie Martin, die Leipziger Handelsschule und war auch in dem Unternehmen seines Vaters tätig, ging aber bald zur Leipziger Kunstakademie. Während Martin Einschlag als Rauchwarenhändler und Prokurist in dem Unternehmen von Julis Ariowitsch (1880-1969) tätig war, lernte Eduard bei Ludwig Nieper (1826–1906), der 1875 die Städtische Gewerbeschule zu Leipzig gründete, seit 1870 Lehrer an der Kunstakademie in Leipzig und von 1871 bis 1900 Direktor der Leipziger Kunstakademie – heute bekannt als Hochschule für Grafik und Buchkunst – war, das Rüstzeug für seine spätere künstlerische Laufbahn. Ein weiterer großer Einfluss Einschlags war der Berliner Radierer Karl Köpping (1848-1915). Der Leipziger Kunststudent hielt sich seit 1901 in Berlin auf. Bei der 1908 veranstalteten „Großen Berliner Kunstausstellung“ beteiligte er sich mit einem Gemälde. 1910 verschlug es Einschlag nach Paris, kurz darauf wieder nach Leipzig, wo er sich verstärkt der Malerei zuwendete und Leipziger Persönlichkeiten porträtierte.
Einschlag war nicht der einzige, in Leipzig ansässige, Künstler, der für die „Leipziger Jahresausstellung mitwirkte und sogar mit eigenen Arbeiten vertreten war. Weitere Jurymitglieder waren der Illustrator und Grafiker Louis Carl Bruno Heroux (1868-1944), der Maler und Radierer Alois Kolb (1875 – 1942), der Zeichner Karl Ferdinand Lederer-Weida (* – *), der Jugendstilkünstler und Schöpfer der beiden Figurengruppen „Mephisto und Faust“ und „Verzauberte Studenten“ am Eingang zum Auerbachs Keller in Leipzig und des fünf Meter breiten Ölgemälde „Osterspaziergang“, Mathieu Molitor (1873 – 1929) und der Illustrator und Grafiker Hugo Steiner-Prag (1880-1945).
Die Leipziger Sezession besaß ein von Buchkunst und Malerei beeinflusstes Gepräge. Man kann sagen, dass das Leipziger Beispiel das Nachbeben einer Kunstentwicklung war, worin zeitgenössische Künstler sich vom vorherrschenden Akademiestil abzusetzen versuchten, aber schon bald von den vielen Künstlergruppen von Expressionisten, Dadaisten und Surrealisten in seiner Bedeutung überschattet wurde. Dennoch reichte der Einfluss der in der „Leipziger Sezession“ organisierten Künstler weit in die Geschichte der Entwicklung der nach 1945 gegründeten Hochschule für Grafik und Buchkunst bis heute hinein, wobei Begriffe wie „Leipziger Schule“ und „Neue Leipziger Schule“ in diesen Entwicklungsstrang einzuordnen sind. Das Selbstverständnis der Leipziger Künstler der DDR und Nachwendezeit ist mit dem Nachklang der „Leipziger Sezession“ eng verbunden. Der seit rund sieben Jahren einsetzende Auflösungsprozess dieses Traditionsverständnisses ist eng mit den Rektorenwechseln nach dem Weggang von Arno Rink verknüpft. Die jetzige Hochschulführung verfolgt eine Abkehr der Leipziger Entwicklung, die mit den Gründern der Leipziger Kunstakademie im 18. Jahrhundert begann.

Der Bruch in der DDR

In der Deutschen Demokratischen Republik diente Kunst vorrangig als „weiches“ Propagandamittel, um den real existierenden Sozialismus den Bürgern vor Augen zu führen. Auf den DDR-Bezirkskunstausstellungen in bspw. Rostock und in Leipzig wurden die aktuellen künstlerischen Positionen vorgestellt. Nur hatten die SED-Funktionäre teilweise ihre Probleme mit der didaktischen Vermittlungsarbeit; was meinten die Künstler mit ihren Werken? Vor allem die Leipziger Künstlergilde schien mit ihren Bildaussagen sehr eigenwillig gewesen zu sein und verschlüsselten in Kenntnis von den Bildwissenschaften, Ikonographie und Ikonologie, ihre Bilder. Politisch waren sie daher mehr oder weniger schwer vermittelbar im Sinne des real existierenden Sozialismus. Auf der anderen Seite nahmen Künstlerinnen und Künstler die sozialistische Realität auch ernst und bildeten sie auch ab; Verfall, graue und schmutzige Straßen, ölige Pfützen, Industrie, Staub und Dreck. Gerade die fotografischen Arbeiten aus der Hochschule für Grafik und Buchkunst strotzen vor realen Abbildungen wie der Sozialismus sich den Menschen darbot. Organisiert wurden die Bezirkskunstausstellungen von den Kulturbüros in den Stadtverwaltungen. Doch auch eine Auswahlkommission aus Funktionären und Künstlern redete mit, wer welche künstlerische Arbeiten vorlegen durfte und wer nicht. Oftmals, so war es zumindest in Leipzig der Fall, konnten durchaus auch sozialismuskritische Arbeiten durchgewunken werden sofern die künstlerische Qualität stimmte. Anspruch und auch Wirkungskreis der heutigen Jahresausstellung ähneln den Bezirkskunstausstellungen sehr, zumal auch z.T. einige Personalien der Bezirkskunstausstellung innerhalb des heutigen Vereins das Gepräge bestimmen.

Neuanfang und Neuorientierung

Der 1992 neu gegründete, heutige, Verein der „Leipziger Jahresausstellung“ verfolgt, anders als sein 1927 aufgebene Vorgänger, keine sezessionistischen Bestrebungen. Anpassung und Festhalten am Alten trifft eher zu. Man konnte nach der deutschen Wiedervereinigung nicht mit dem Wort „Bezirkskunstausstellung“ hantieren. Da kam der Vereinsname der „Leipziger Jahresausstellung“ dem damaligen Vorstand zupass, zumal  kein rechtlicher Schutz für diesen Namen existierte. Der heutige Verein will mit seinen jährlich veranstalteten Kunstschauen einen Überblick in die zeitgenössische Kunstentwicklung innerhalb der Messestadt geben. Die Organisatoren bündeln unterschiedliche Leipziger Kunstpositionen und geben auch weniger bekannten Malern, Grafikern, Fotografen und Bildhauern die Chance, dass ihre Arbeiten einem großen Publikum nahe gebracht werden. Das heutige Bestreben der Ausstellungsmacher unterscheidet sich kaum von der ursprünglichen Vereinsidee von 1910, und schon gar nicht von 1960-1989. Lediglich die internationale und auch nationale Relevanz will dem Verein nicht so recht gelingen. Gastkünstler haben zwar Gelegenheiten, sich innerhalb der Jahresausstellung zu positionieren, sofern sie mit Leipzig Berührungspunkte in Formen von Wirkungsstätte, Wohn- oder Studienort finden. Doch durch das Fehlen internationaler Positionen hat die Jahresausstellung auch innerhalb der Leipziger Künstlerschaft ihre Relevanz verloren. Hinzu kommt, dass die Masse an in Leipzig lebenden Künstlerinnen und Künstlern oft Schwierigkeiten haben, jemals innerhalb der Jahresausstellung gezeigt zu werden. Oft wiederholen sich die künstlerischen Positionen der Leipziger Jahresausstellung. So hinterlässt der Verein den Eindruck einer in sich geschlossenen Blase. Gerade auch der Umgang des Vereins mit dem 2019 ausgeschlossenen Maler Axel Krause, weil er sich auf Facebook meinungskritisch zur Migrationspolitik der Bundesregierung äußerte und auch seine politische Heimat in der als rechtspopulistisch angesiedelten AfD sieht, demonstrierte wie sehr öffentlicher Druck und politisch geführte Diskussionen sich auf die öffentliche Wahrnehmung des Vereins auswirkten. Auch die Absage der gesamten, auch durch Fördermittel getragenen, Ausstellung gilt als Beispiel wie eine „Cancel Culture“-Debatte Einfluss auf die Vereinspolitik genommen hat.
Dass die Jahresausstellung nach dem Knall 2019 und der Covid-Pause 2020 im Jahr 2021 wieder an den Start geht, ist erfreulich. Aber angesichts einer parallel in der Halle 14 durchgeführten Großausstellung ähnlichen Formats mit jüngeren und nicht innerhalb des Vereins etablierten Künstlerinnen und Künstlern, zeigt wie bunt die Facetten in Leipzig tatsächlich sind und dass die Leipziger Jahresausstellung seit Jahren auch an Relevanz innerhalb der Leipziger Künstlerschaft verliert. Auch der für sich erhobene Qualitätsanspruch des Vereins wird so um ein weiteres relativiert. Sinn einer Leipziger Jahresausstellung würde in der Zukunft nur dann machen, wenn die Ausstellung um den Globus reist und so als touristisches Aushängeschild Leipzigs zum Tragen kommen würde.

Literaturauswahl

Bähring, Helmut; Rüddiger, Kurt (Hrsg.): Lexikon Buchstadt Leipzig – Von den Anfängen bis zum Jahr 1990. 1. Aufl. – [Taucha:] Tauchaer Verlag 2008. ISBN 978-3-89772-147-0, S. 190
Müller, Hermann Alexander: Biographisches Künstler-Lexikon. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882. S. 394
Riedel, Horst: Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, herausgegeben von PRO LEIPZIG. Leipzig 2005. ISBN 3-936508-03-8, S. 434
Museum der Bildenden Künste Leipzig: Katalog der Bildwerke, Köln 1999, passim.
Alfred E. Otto Paul: Die Kunst im Stillen. Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen, No. 01, Leipzig 2009, S. 14f, 22ff, 90ff.
Richard Braungart und Egbert Delpy: Bruno Héroux. Sein graphisches Werk bis op. 501. Bong, Berlin 1922.
Bruno Héroux und sein Werk. Sonderheft der „Schönheit“, gedruckt zum Leonidenfest 1926. In: Die Schönheit. XXII. Jg., Verlag Die Schönheit, Dresden 1926.
Richard Braungart: Bruno Héroux zum Gedächtnis. In: Exlibriskunst und Gebrauchsgraphik. Zeitschrift der Deutschen Exlibris-Gesellschaft. Frankfurt am Main 1952, S. 74f.
Axel Vater: Bruno Héroux als Exlibriskünstler. In: Deutsche Exlibris-Gesellschaft (Hrsg.): DEG-Jahrbuch 2003. Exlibriskunst und Graphik. Frankfurt am Main 2003.
Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen II. Deutscher Kunstverlag, München 1998, ISBN 3-422-03048-4

Politische Scherenschnitte – Wie sich Ai Weiwei von Deutschland verabschiedet

Daniel Thalheim

 

Die Berliner Republik war für den chinesischen Künstler eine Zuflucht von dem autoritären Regime in China. Seine Abkehr von Deutschland ist, wie seine Abkehr von China, mit harscher Kritik verbunden. Den Menschen hierzulande fehle es an Respekt für abweichende Meinungen. Deutschlands Kultur sei nicht integrativ, sondern abgrenzend. Intoleranz durch die chinesische Regierung trieb ihn nach Berlin. Nun bewegt Ai Weiwei sich durch eine vermeintlich wahrgenommene Intoleranz aus Berlin weg. Dass Kunst politisches Statement ist, stellt auch sein neues Buch „Papercuts“ heraus.

Warum Kunst politisch ist und immer sein wird

Als Ai Weiwei 2008 das Peking Olympic Center zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entwarf, hatte der Künstler ein Vogelnest als Chinas Symbol für eine wachsende Supermacht im Sinn. Vor dem Hintergrund der staatlich und behördlich gelenkten Unterdrückungsinstrumente, den zahlreichen Verstößen der Menschenrechte und gegen das Zusammenleben in der Zivilgemeinschaft wurde Ai Weiweis Auge der Gerechtigkeit geöffnet. Gerade im Hinblick auf die Eröffnung mit seinem totalitär anzusehenden Instrumentarium wurde dem Künstler klar, dass all die Moderne in China nur instrumentalisierter Schießbudenzauber ist, Sand in die Augen der internationalen Öffentlichkeit. Ai Wei Wei sah sich plötzlich selbst für eine Politik intrumentalisiert wofür er gar nicht steht. Von ihm stammt auch die Aussage, dass Kunst immer politisch sei. Wer etwas anderes behaupte, dürfte sich generell als Unbeteiligter im gesellschaftlichen und politischen Geschehen sehen, als Außenseiter betrachtet werden und damit auch nicht diskurs-, konsens- und gesellschaftsfähig. Es mutet daher seltsam an, dass gerade im 30. Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution von 1989, die ihren Ausgangspunkt unbedingt in Leipzig hat, wo bereits auch zehn Jahre zuvor die Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ eine zentrale Bedeutung inne hatte, ein Grüpplein von Vorstandsmitgliedern des Vereins der Leipziger Jahresausstellung und ein Künstler, der auf Facebook pro AfD politisiert, ihr Schaffen und ihre Kunst als nicht politisch intendiert ansehen. Ai Weiwei würde angesichts dieser Vogelstrauß-Taktik mit dem Kopf schütteln und von „typisch deutsch“ reden. Als typisch deutsch gilt heutzutage als salonfähig, wer sich selbst als unpolitisch definiert, aber Menschen anderer Herkunft als man selbst, anderen kulturellen Hintergründen als eine schweigende Mehrheit, sie und ihre Meinungen ausgrenzt, diffamiert und zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren versucht.  Gerade das Erstarken der AfD mit seinem schwarzbraunen Außenflügel ist vor diesem Hintergrund zu betrachten. Die AfD steht für eine Abschaffung der Erbschafts- und Vermögenssteuer, Kürzung von Sozialbezügen – auch ALG II und Hartz IV genannt, Kürzungen von Renten. Zudem möchte die AfD als zutiefst elitäre Partei einen einheitlichen Einkommenssteuersatz, für Niedriglohnempfänger und für Manager. Dieser tief in der deutschen Gesellschaft eingeschriebene Habitus von Ausgrenzung und Machtgefühl äußert sich in Wutwahlen, wo sich in Opferrollen sehende Menschen ihre eigenen Täter wählen und sich so auf die Schlachtbank der Geschichte führen lassen. Die Schuld haben für sie immer die anderen – in diesem Fall die Politiker, Migranten, Hartz-IV-Empfänger. Die AfD nutzt geschickt Vorurteile, Vorbehalte, Ignoranz und Intoleranz, um mit diesen Attributen Wählerstimmen einzusacken. Man kann in dieser Gemengelage Ai Weiwei verstehen, dass er Deutschland verlassen will. Man kann ihn auch aus künstlerischer Sicht verstehen. Zurzeit hat kein deutscher Künstler eine politische Aussage in seinen Bildern und Kunstwerken, die eine Position zu den herrschenden Verhältnissen einnimmt. Warum soll sich ausgerechnet er hierzulande mit einer künstlerischen Aussage einmischen?

Ab sofort im Handel - Papercuts von Ai Weiwei (Bild: TASCHEN 2019)
Ab sofort im Handel – Papercuts von Ai Weiwei (Bild: TASCHEN 2019)

Paper Cuts – ein Kunstbuch voller politischer Brisanz

Wenn auch Ai Weiwei in dem neuen limitierten Portfolio über sein bisheriges Leben und Werk durch die traditionelle chinesische Kunst des Scherenschnitts reflektiert, so sind sie voll politischer Aussagekraft. Jedes der acht großformatigen Blätter ist aus hochwertigem, rot eingefärbtem Fine-Art-Papier gefertigt. Jedes Blatt behandelt entscheidende Stationen aus Ai Weiweis Biografie. Von seiner Zeit in New York in den Achtzigerjahren über seine Auseinandersetzung mit chinesischem Kunsthandwerk in Peking in den Neunzigern bis hin zum politischen Aktivismus in den jüngsten Arbeiten – The Papercut Portfolio präsentiert Ai Weiweis ganz persönlichen Rückblick in einem außergewöhnlichen Format. Der Künstler bedient sich einer alten chinesischen Kunstform, die seit über 2000 Jahren in China praktiziert wird: der Scherenschnitt. Diese künstlerische Technik hat auch in Europa eine tiefe Verwurzelung. Dass Ai Weiwei uns diese Wurzeln vor Augen führt, sie mit politischen Aussagen füllt und uns in chinesischem Rot präsentiert, müsste unsere Augen wiederum öffnen. Vielleicht ist „Paper Cuts“ der Fußtritt, den die deutsche Kunstwelt endlich braucht, um aus dem Apero-Gedöns und Kunstmarktgeschwätz von Kapitalanlegern aufzuwachen. Denn mittlerweile legen sich Künstler, um nicht anzuecken, selbstzensorisch die rosa Brille auf, flüchten in symbolistischen Parallelwelten aus denen es schwer ist, zu entfliehen. „Papercuts“ ist auch in wirtschaftlicher Perspektive eine Aussage. Zieht den Leuten, die zu viel von allem besitzen, richtig viel aus den Taschen. 14.500 EUR kostet eines dieser Drucksammlungen. Richtig so! Weitermachen.

Anlässlich des Charlottenwalks werden am Freitag, 27. September, von 18 bis 21 Uhr im TASCHEN Store Berlin zur Ausstellungseröffnung Ai Weiwei. The Papercut Portfolio diese Scherenschnitte gezeigt.

 

Ai Weiweis Papercuts

Collector’s Edition, 250 Exemplare. Das Portfolio enthält acht jeweils von Ai Weiwei signierte Scherenschnitte mit beigelegten Erläuterungen zu den Motiven.

Ai Weiwei

Portfolio mit acht Scherenschnitten, jeweils von Ai Weiwei signiert, 60 x 60 cm, in einer Schlagkassette mit rotem Leineneinband

Causa Krause – Wenn Angst entscheidet

Daniel Thalheim

Wie kann es sein, dass ein Künstler so viel Wirbel verursacht, wie, in den letzten Wochen, Axel Krause? Als die Teilnehmerliste der Leipziger Jahresausstellung Mitte April 2019 bekannt gegeben wurde, schlugen Presseberichte auf den Kunstmaler ein, handelte der Vereinsvorstand wie ein Rudel aufgescheuchter Hühner, verstand nicht die Öffentlichkeitsarbeit zu koordinieren, verteidigte zunächst die Teilnahme Krauses, lud ihn kurzfristig aus und trat von allen Funktionen zurück, um mit denselben Personen, die Ausstellung ohne den „Troublemaker“ weiter voranzutreiben. Selbst das Kulturdezernat schaltete sich kurz ein. MdbK-Chef Alfred Weidinger wollte die politisch geführte Diskussion ins Kunstmuseum der Stadt holen. Im Auge dieses Sturms sitzt der Mann, der wichtigen Vertretern der Neuen Leipziger Schule den Weg ebnete. Er kann das Aufsehen um seine Person nicht so recht verstehen. Im Regen steht ein Vereinsvorstand, der mit all dem nicht umzugehen wusste. Eine Geschichte über Angst, Anschuldigungen, Täuschungen und Enttäuschungen. 

Gewittrige Stimmungen

Der 6. Juni beginnt mit schwül-stickiger Hitze. Man merkt, über Leipzig braut sich ein Unwetter zusammen. Axel Krauses Atelier befindet sich am nordöstlichen Zipfel des Stadtzentrums, in der Nähe der Delitzscher Straße, wo das östlich gelegene Gewerbegebiet vom gutbürgerlichen Quartier des angrenzenden Gohlis abgetrennt wird. Während der Malerkollege von u.a. Neo Rauch, Hans Aichinger und  Thomas Gatzemeier über seine politische Meinung, sein Leben, die Leidenschaft zur Malerei und über das von ihm wahrgenommene Chaos der Leipziger Jahresausstellung spricht, sausen Donner, Regen und Blitze auf die Messestadt hinab. Im Atelier war die Stimmung weniger gewittrig. Dass Axel Krause weiterhin von der 26. Leipziger Jahresausstellung „ausgeladen“ bleibt, betrachtet er als weniger schmerzhaft als es für Außenstehende den Anschein haben mag. „Ich hätte gern mit meinen Kollegen zusammen ausgestellt“, stellt er lächelnd fest. Das Bedürfnis nach Normalität war für ihn nach dem Medienwirbel um seine Person im vergangenen Jahr groß, sagt er zurückblickend. Ihn überraschte der erneute Sturm aus Presse, Funk und Fernsehen mitten in seiner Schaffensphase, als er für die Jahresausstellung zwei neue Gemälde anfertigte. Dass er auf einmal der Bösewicht sein soll, der eine Ausstellung zum erodieren brachte, will und kann der gebürtige Hallenser nicht verstehen. Seine Nicht-Teilnahme sieht der Weggefährte von Neo Rauch nicht ganz so tragisch, weil er seine Arbeiten bereits im Vorfeld zur Ausstellung im Internet bekannt gemacht hat, lächelnd und mit Bedauern anmerkt, dass dadurch seine beiden Gemälde einer größeren Öffentlichkeit zur Schau gestellt würden als die übrigen Künstler der 26. L.J.A. je erfahren könnten. In einem der Bilder steht ein „Mythenmetzger“ mit Antlitz des verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski, dessen Absicht wir nicht ganz klar erkennen; warum blickt er zum Betrachter und was hat er genau vor? Dass in dem romantisch erscheinenden Sujet im Mondschein, mit nackter Rückenansicht einer Frau, spiegelglattem See und Gebirge die Situation kurz davor ist, „gekillt“ zu werden, dürfte im Bezug auf den Wirbel um die L.J.A. fast schon ein hellseherisch auf den Betrachter wirken.

 „Menschen haben unterschiedliche Positionen“, stellt der Maler, der in den Achtziger- und Neunzigerjahren auch als Theatermaler an der Oper Leipzig tätig war, fest und unterstreicht, dass er nicht zu denen gehört, die Person vom Werk zu trennen versuchen. Dass Krause von  anderen Künstlern für seine politische Nähe zur AfD kritisiert wird, ist für ihn normal. Kritischen Gesprächen und auch gegenüber der geplanten Aktion von Künstlern während der zuerst anberaumten Eröffnung am 6. Juni zeigt sich Axel Krause offen, weil alles im Rahmen der gesellschaftlichen Regeln passiert wäre. Auch als Moritz Frei seine Arbeiten zurück  gezogen hat, erkennt Krause als legitimes Meinungsinstrument an. „Hätte auch sein können, dass er mich nicht leiden kann, ich komisch rieche…“

Was aus Sicht des Malers, der schon früh von Schule und Eltern in seinem Bestreben gefördert wurde, ist es nicht in Ordnung, dass er ausgeschlossen wird. Er betrachtet seine Wahl zur Teilnahme als vereinsdemokratisch legitim. „Das, was jetzt passiert ist, ist ein zutiefst undemokratischer Vorgang“, gibt er zu Protokoll und meint im Subtext die offizielle Ausladung seiner Person durch den Vereinsvorstand und, wohl um sich von dieser Entscheidung zu befreien, den kompletten Rücktritt des verantwortlichen Vorstands sowie die Absage der gesamten Ausstellung. Krause erzählt nicht, dass dieser Aktionismus zu einer vereinsrechtlich fragwürdigen „Unzeit“ stattfand. Er bezeichnet das Vorgehen des Vereins als unprofessionell und unredlich. Das chaotische Handeln zuletzt passt zur aufgeriebenen Kommunikation im Inneren des Vorstands und einem Teil der Kommissionsmitglieder, wo in der letzten Woche vor der Absage die Sachebene komplett verlassen wurde, auch nach Außen kommunikative Fehler unternommen wurden. Podiumsdiskussionen während der Ausstellung wurden innerhalb des Vorstands abgelehnt, bestimmte Personen im Umfeld der Kritiker als „Hetzer“ bezeichnet, journalistische Beiträge als unrichtig abgewertet. Der Vorstand hat sich zum Schluss von einer Debatte beherrschen lassen anstatt die Diskussion selbst in der Hand zu halten. Dass nahezu derselbe Vorstand der L.J.A. sich nach dem Rücktritt selbst „kommissarisch“ eingesetzte, ohne dass vereinsintern Abstimmungen eingeholt, geschweige die Neuaufstellung der Ausstellung vereinspolitisch legitimiert wurde, ist ein weiterer Bestandteil der Fehlerkette. Der Versuch, die Öffentlichkeit so von einem öffentlichen Ereignis auszuschließen dürfte ebenfalls ein falsches Signal aussenden. Normalität sieht anders aus. Man kann den Maler verstehen, wenn er von nicht-demokratischem Handeln des Vereinsvorstands spricht, das Ganze als „tragische Angelegenheit“ und „Armutszeugnis für unsere Demokratie“ beschreibt. Denn nach seinen Worten komme im Kleinen etwas zum Tragen, was auf großen Ebenen überall stattfände: unangenehme Meinungen auszugrenzen und als „falsch“ abzustempeln. Nichtsdestotrotz wünscht sich der Maler, dass Arbeiten von ihm erneut zu einer der kommenden Jahresausstellungen nominiert und ausgestellt werden.

 

Alles nur Kunst? Parteinähe und die große Weltpolitik

„Es geht (bei der Diskussion, Anm. d. Verf.) weniger um meine Person als um einen Vorgang. Wenn es den AfD-Künstler Meier gegeben hätte, dann säße hier Meier. Das hat nichts mit mir zu tun, sondern mit der Eigenschaft, dass ich eine Meinung vertrete, die weg vom Hauptstrom ist, von der Mehrheit“, sagt der Künstler, der sich künstlerisch im Symbolismus und Surrealismus zuhause fühlt. Seine in der Öffentlichkeit unternommenen Äußerungen zu den 2015 erfolgten Migrantenbewegungen nach Europa und den danach erfolgten Schlagzeilen um Integration, Kriminalität und Islam wurden von seinen schärfsten Kritikern in die Nähe der neurechten, identitären Bewegung gestellt, Krause als „Neo Nazi“ bezeichnet. 

Während Axel Krause zu seiner persönlichen Meinung zur Partei „Alternative für Deutschland“ spricht, versucht er, nicht seine ruhige und bestimmte Haltung zu verlieren. Auf tief gehende Analysen zur weltumspannenden Migrationsbewegung, ihren Ursachen und Folgen, wirkt der sonst in sich ruhende Maler nervös. Er reibt seine Finger aneinander, sein Blick sucht nach Antworten. 

Letztlich dürften seine Situationsbeschreibungen und ihre rhetorisch zugespitzten Wertungen wie „in Frankfurt fühle man sich wie im Urlaub“, bezogen auf den hohen Migrantenanteil in der dortigen Stadtbevölkerung, „ein Volk benötige seine ureigene Identität“, die von der Rockband „Rammstein“ unlängst als Teil einer selbstzerstörerischen Geschichtsbewältigung im Video „Deutschland“ als identitätslos abgelehnt und vehement als Bestandteil der eigenen Kultur verneint wurde, zum Gesamtbild Krause beitragen. Es geht auch um die Argumentationsebene, wie Probleme mit Umweltschutz, Klimawandel, Migrationsbewegungen und Integration in der BRD, nicht nur, von Axel Krause verstanden und polarisiert werden – und so zwei Parteien (Grüne und AfD) in der Bundesrepublik groß werden ließen, die sich dieser Themenlage antipodisch gegenüberstehen. Die bislang als „bürgerliche Mitte“ angesehenen „Volksparteien“ SPD und Union werden derzeit zwischen beiden Positionen offenkundig zerrieben. Man muss nicht Axel Krause heißen, um das zu erkennen und politisch für sich selbst einzuordnen. Ihn als „Neurechten“ einzustufen, von gesellschaftlichen Debatten auszuschließen, dürfte weniger einer offenen Meinungskultur zweckdienlich sein wie ihn gänzlich zu ignorieren und frei nach dem Motto „Mit Rechten redet man nicht“ sich selbst einer – mitunter von Angst bestimmten – Diskussion zu entziehen; die Angst vor dem Konflikt, die Angst vor dem Versagen, die Angst anzuecken.

Diese Diskussion, und auch wie der Vorstand der L.J.A. mit wenig Weitblick und Sachverstand mit der Angelegenheit von Anfang umging, wollte am 11. Juni der MdbK-Chef Alfred Weidinger in das Leipziger Kunstmuseum holen, um Axel Krause, dem Journalist Jens Kassner, der Galeristin Arne Linde und dem AfD-nahen Psychologen Hans-Joachim Maaz in den Räumen des Leipziger Kunstmuseums ergebnisoffen sprechen zu lassen. Die geladenen Gäste Rainer Schade, ex-Vorstand des L.J.A. und der Künstler Moritz Frei sagten entweder nicht zu, bzw. sagten ab. Zuletzt sagte auch Axel Krause seine Teilnahme an der Veranstaltung ab, wegen einer Formalie. Die Leipziger Jahresausstellung versucht hingegen, Normalität walten zu lassen. Seit dem 12. Juni wird die Ausstellung ohne Axel Krauses Bilder gezeigt. Am 28. Juni findet die Finissage nur mit geladenen Gästen statt. Zu feiern wird es nichts geben.

Zwischen Tradition und Neuerung – Französische Malerei des 19. Jahrhunderts

Von Daniel Thalheim

Das Kunsthaus Zürich zeigte zum Jahreswechsel 2017/2018 eine Ausstellung, die spannungsgeladener kaum gewesen sein konnte. Zum einen wurde erstmals in der Schweiz eine reine Schau französischer Kunst veranstaltet. Zum anderen hob die Ausstellung die knisternde Aufladung hervor, die in Frankreichs Kunstszene im 19. Jahrhundert herrschte. Der Wechsel von der akademischen Empire-Malerei des Klassizismus’ hin zu den flirrenden Landschaften der Impressionisten vollzog sich in einer ähnlichen Rasanz wie die Industrialisierung in dem Jahrhundert zwischen 1800 und 1900 sich entwickelte. Was damals „ge-hypt“ wurde, scheint heute in den Hintergrund gerückt zu sein. Was damals Schmähungen ausgesetzt war, gilt heute als das Nonplusultra der Kunstgeschichte.

Urteile über das Wohl und Wehe in der Kunst

100 Gemälde zeigte das Kunsthaus Zürich von November 2018 bis Januar 2018. Die Ausstellungsorganisatoren stellten so die unterschiedlichen Positionen, die nach- und nebeneinander existierten und verdeutlichen so auch die Rolle der Pariser Kunstsalons im 19. Jahrhundert und welchen Einfluss ihre Organisatoren auf die Entwicklung der Kunst zu nehmen versuchten. 

Natürlich wird in diesem Spannungsfeld auch klar, wie sehr auch die Autorität des seit 1748 bestehenden und von den Professoren der Académie des Beaux-Arts in Paris bis 1890 veranstalteten Kunstsalons verschwand. 

Gegen-Salons wurden durchgeführt, wo die Abgelehnten und Geschassten der gesellschaftlich akzeptierten Salons ein Podium fanden, ihre Kunst auszustellen. Diese Gegenposition beschleunigte auch in anderen europäischen Ländern die Sezessionsbewegung. Gleichzeitig aber wird – auch anhand der spitzfedrigen Satiren von Honoré Daumier – deutlich, dass der offizielle Salon von selbsternannten „Kunstkennern“ betrieben wurde und vieles von ihrem persönlichen Geschmack abhing, wer „hängen durfte“ und wer nicht. 

Von diesen Urteilen hing auch das Wohl und Wehe eines Künstlers ab. Im offiziellen Salon des französischen Kunstbetriebes wurde versucht so Trends zu setzen. Viele Künstler jedoch ließen sich von diesen Tendenzen nicht beeindrucken und gingen unbeirrt ihren Weg. Die Wegbereiter der Moderne wie Géricault, Delacroix, Millet, Courbet, Manet, Sisley, Monet und Renoir bekamen nur wenig oder keine Beachtung von der offiziellen „Kunstkritik“. Heute gelten sie als Superstars der modernen Malerei, Neuerer und Avantgardisten. Vertreter des akademisch-klassizistischen Stils wie Ingres, Gérome, Bouguereau, Meissonier, Cabanel und Delaroche hingegen fristen heute ein Schattendasein in der Kunstgeschichte.

Konflikte und Korrosionen

Als Delacroix 1822 sein Debüt am Salon in Paris gab, fiel seine Malerei komplett aus dem Rahmen, bzw. aus dem, was das Publikum als Kunst ansah. Damals war die Malerei von Ingres, Delaroche und David beherrschend. Die großen malerischen Gesten, die Delacroix vollführte, spaltete das Publikum. Zu drastisch, zu gewagt, zu neu waren seine skizzenhaften Gemälde, wo der Künstler mit seinem Gestus in Erscheinung trat und nicht mit dem Anspruch, gemäß eines griechisch-antiken Ideals,  möglichst plastisch und realitätsnah den Körper und den Raum nachzubilden. Delacroix’ 1822 im „Salon de Paris“ ausgestelltes Bild „Die Barke des Dante“ driftet bereits vom Klassizismus weg, verweist aber auch auf Delacroix direktes Vorbild Gericault. Er schuf 1819 mit dem „Floß der Medusa“ ein einflussreiches Werk für den jungen Delacroix. Es war ähnlich skandalös wie später auch Delacroix’ Werke. Die Kritik „feierte“ Delacroix als „gedämpften Rubens“, aber auch als ausgezeichneten Koloristen. Dennoch: Delacroix bediente sich, wie die Klassizisten, aus historischen und mythologischen Stoffen. Doch die Gattung der Historienmalerei rückte in Frankreich mit Voranschreiten des 19. Jahrhunderts immer mehr in den Hintergrund. An ihre Stelle rückten aus der Realität gegriffene Sujets, Landschaften, Interieurs und Abbilder des gesellschaftlichen Lebens. Die Übergänge erfolgten – mit einigen innovativen Schüben – langsam. Und immer erfolgten Skandälchen und Korrosionen. So auch als Eduard Manet 1874 sein Werk „Maskenball in der Oper“ einreichte und so in seiner Farbigkeit, der Malweise und Anordnung der abgebildeten Menschen so ziemlich mit allem brach, was damals noch in den Akademien gelehrt wurde. Das Werk wurde von der Jury abgelehnt. Ähnlich verfährt heutzutage auch die Leipziger Jahresausstellung als regional eingeschränkter Salon, wo Künstler ohne akademischen Hintergrund und „ohne Profession“ grundsätzlich abgelehnt werden. Wenngleich der Begriff „Akademismus“ ziemlich wenig von dem erahnen lässt, was noch vor 30 Jahren in der DDR handwerklich gelehrt wurde und von einem „modernistischen“ Ansatz der Kunstfreiheit geprägt ist, egal wie begabt oder auch nicht begabt ein Künstler ist. So ein Leipziger Kunstsalon gebärdet sich gegen den Pariser Kunstsalon in seinen Spitzenzeiten als eine „kleine Nummer“. Wenn bei der Leipziger Jahresausstellung vielleicht höchstens einhundert Einreichungen pro Jahr besitzt und davon höchstens 30 bis 40 ausgestellte Positionen zeigt, so steht dagegen der Pariser Kunstsalon im Jahr 1880 mit 5184 Kunstschaffenden mit insgesamt 7289 Arbeiten. Selbst wer Ausstellungsmessen wie die documenta in Kassel und die Biennalen in Venedig als Vergleichsgrößen heranzieht, wird die geringe Bedeutung von Kunst in der heutigen Öffentlichkeit gewahr. Das Interesse verlagert sich in viele Kleinausstellungen im Galeriebetrieb und dem Fokus auf den eigenen Marktwert, wenn Künstler ihr eigenes Marketing kontrollieren, Ausstellungen und Ehrungen sammeln wie Trophäen, um so auf ihre Relevanz aufmerksam zu machen. Auch dieser Zustand hat einen erodierenden Korrosionseffekt, der sich auf die Lebensumstände der Künstler niederschlägt – ähnlich wie vor 100 Jahren.

„Gefeiert und verspottet“ – Das Buch zur Ausstellung

Gefeiert und verspottet - Französische Malerei 1820-1880, das Buch erschien 2018 im Hirmer Verlag (Foto: Hirmer Verlag / Presse 2018)
Gefeiert und verspottet – Französische Malerei 1820-1880, das Buch erschien 2018 im Hirmer Verlag (Foto: Hirmer Verlag / Presse 2018)

Katalogwerke sind immer als Begleiter von Ausstellungen zu sehen. Sie haben sich vom ursprünglichen dokumentarischen Charakter entfernt, wo Werke lediglich abgebildet und beschrieben, bzw. in ihrem Wert beziffert wurden. Heute sind Kunstkataloge wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Essays im vorliegenden Ausstellungsband stellen unterschiedliche Kontexte her in denen die französische Malerei des 19. Jahrhundert steht. So beschreiben die Kunsthistoriker Matthias Krüger, Oskar Bätschmann, James H. Rubin, Sandra Gianfreda und Marianne Koos die unterschiedlichen Aspekte der Salonkunst und ihrer Gegenspieler. Vom Ende der Historienmalerei als Kunstgattung wird geschrieben, aber auch die Rolle von Eduard Manet in der Rezeption von Chardin in der französischen Malerei, den aufkommenden Orientalismus, die Rollen des Salons, des Publikums und der Künstler im Kunstbetrieb, sowie die Entwicklung der Landschaftsmalerei zwischen Ideal und Wirklichkeit. „Gefeiert und verspottet“ vertieft – anders als Überblickswerke zum Impressionismus – die Entwicklungen und Tendenzen in der Kunst und im Kunstbetrieb des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Für uns als Leser schärft der Band auch den Blick, uns mit den Wesenszügen einzelner Künstler näher zu beschäftigen, warum sie malten wie sie malten. Für Laien und Experten liefert der Band einen Einblick wie vielfältig die Malerei des 19. Jahrhunderts war – aber auch nur das. gleichartige Veröffentlichungen über die Grafik, die Fotografie, das Design, das Kunsthandwerk und die Bildhauerei dürften den Fokus um ein Vielfaches erweitern. 

GEFEIERT UND VERSPOTTET

Französische Malerei 1820-1880

High Noon in der Spinnerei – Um was es Johannes Tiepelmann mit seiner Malerei geht

Johannes Tiepelmann: Gebrüder Grimm, 2006/2007, Öl auf Leinwand, 387 x 265 cm (courtesy Galerie FLOX 2016)
Johannes Tiepelmann: Gebrüder Grimm, 2006/2007, Öl auf Leinwand, 387 x 265 cm (courtesy Galerie FLOX 2016)

Fünf Jahre ist es schon her. Wer damals nach guten Malern stöberte, der stieß noch 2011 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei oder im Tapetenwerk auf einen talentierten jungen Mann. Sein Ausstellungsrefugium befand sich damals mitten im Herzen von Lindenau. Die kleine Galerie befindet sich heute noch in der Aurelienstraße. „Potemka“ heißt sie, nach ihrer Galeristin benannt. 2011 hingen hier Arbeiten von Johannes Tiepelmann. Seit 2013 betreut die Galerie FLOX die Vermarktung seiner Werke. Eine Erinnerung.

24 Stunden vor der Vernissage am 16. September 2011 holperten Fahrräder über das buckelige Kopfsteinpflaster der Alten Baumwollspinnerei. Auf einem saß der Künstler, der an dem alten Industrieort, wo 1946 die Sowjetische Militäradministration Kriegsverbrecherprozesse durchführte, sein Atelier hatte und vom Drahtesel abstieg. Aus seiner Tasche zog er ein Paket. Bald darauf hielt er in der einen Hand ein eingewickeltes Gemüse-Wrap, in der anderen Hand einen Kaffee in einem Pappbecher. An seiner Schulter baumelte die Umhängetasche. Zum alljährlichen Großereignis Herbstrundgang der Spinnereigalerien mag er hier nicht sein, bekundete er beim Gehen. Dieser Trouble sei nicht sein Ding, meinte er während er die Tür zu seinem Atelier aufschloss.

Der Raum verschluckte wegen seiner Größe seine Besucher. Man fühlte sich klein. Dennoch war es gemütlich hier. In diesem Refugium lagen ausgedrückte Farbtuben, Pinsel steckten in Gläsern, Riesige Leinwände lehnten auf den Kopf gestellt an den Wänden. Davor mehrere kleine Arbeiten – farbenfroh, narrativ. Dazwischen eine Couch, ein Tisch, ein Sessel.

Johannes Tiepelmann: Raum, 2010, 287 x 287 cm, Öl/Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)
Johannes Tiepelmann: Raum, 2010, 287 x 287 cm, Öl/Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)

„Wie soll ich das erklären?“, sagte Johannes Tiepelmann zu seinem vorzeitigen Abgang von der HGB als er auf dem Sofa saß und eine Zigarette rauchte. Der damals 31-jährige Absolvent der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und Hochschule für Grafik und Buchkunst zögerte und führte aus, dass für ihn Kunst mit Schule nichts zu tun habe. „Es ist die Theorie, Scheine machen … und so weiter. Meinen ersten Schein habe ich gemacht, danach war ich fix und fertig. Ich möchte all diese Dinge, die man eingepaukt bekommt, selbst für mich entdecken. Ich habe tagein tagaus im Atelier gesessen und gemalt.“ Zur Spinnerei-Gemeinschaft fühlte er sich er auch nicht dazugehörig, auch wenn er seit über zehn Jahren sein Atelier hier hatte. „Mir fehlt natürlich etwas durch das nicht vorhandene Diplom. Stipendien kann ich nicht wahrnehmen. Die Antragsnehmer wollen Zeugnisse sehen.“ Doch auch die brauche er nicht, beteuerte der Maler damals, lieber verkaufe er die Gemälde. Neun Werke reihten sich im Atelier aneinander. Sie gingen in die Galerie Potemka. „Sie werden noch gerahmt und bekommen eine Membran“, sagte er und ließ seinen Blick schweifen. „Ich bin selbst gespannt wie es wirkt,“, fügte er fast schon still gesprochen hinzu. „Durch dieses Pergamentpapier wird die Farbigkeit entkräftet. Das ist so Absicht, weil es Bilder sind, die schon längst existieren – sie sind alle 1 : 1, bloß viereinhalb mal kleiner als die Originale.“ Die meisten Papierarbeiten sind 70 mal 100 Zentimeter groß. Man konnte sich vorstellen, wie groß das vierfache davon ist.

„Die Originale sind alle in Acryl gemalt worden, die hier alle in Öl. Eine völlig andere Herangehensweise, Öl ist viel zäher. Viele Details habe ich einfach weggelassen. Miniaturmalerei ist einfach nicht mein Ding. Die Farbigkeit habe ich im Gegensatz zu den größeren Originalen verändert. Es ist fast so als würde man die Augen zusammenkneifen und vorm Original stehen und dadurch viele Details wegschwimmen“, erklärte er. Doch wie der Mensch so ist, Details nähme er auch im echten Leben nicht oder nur verhuscht war. „Ich bin künstlerisch auch an einen Punkt gelangt, dass wenn ich jetzt was malen würde, komplett anders aussehen würde. Die Bilder wären auch nicht mehr so narrativ und mit Eindrücken voll gepackt. Obwohl ich extrem viele Sachen weg gelassen habe, sind die aktuellen Arbeiten noch ziemlich dicht erzählt.“

Regiearbeit wäre der große Traum von Johannes Tiepelmann gewesen. Er sagte, dass er in seinen Gemälden szenisch denke und mit ihnen Geschichten erzähle.

Johannes Tiepelmann: Allerseelen, 2010, 195 x 145 cm, Öl auf Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)
Johannes Tiepelmann: Allerseelen, 2010, 195 x 145 cm, Öl auf Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)

Hingen die neuen Werke thematisch zusammen und warum sind sie entstanden? „Ohne den Termin bei der Galerie Potemka wäre diese Serie gar nicht zustande gekommen“, stellte er fest und fügte hinzu, dass er seine Bilder wie abstrakte und ungegenständliche Stories aufbaue. Mit dem Ausstellungstitel “Klausur“ meine er die Zurückgezogenheit des Künstlers in seinem Atelier, nicht das Sammeln von Scheinen und die strebsame Betriebsamkeit im Wettbewerb unter Schülern und Studenten. Johannes Tiepelmanns Akte auf Papier erschienen so als aus Erinnerungen geschälte Reproduktionen von bereits geschaffenen Bildern. Ein Grund für die neuen kleinformatigen Werke war der, dass die Originale durch Verkäufe überall hin verstreut wurden. Sie entstanden, wie es der Maler ausdrückte, mit dem Blick eines Riesen auf seine Kinder.

Ein wenig entstand der Eindruck, als sei David Lynch auf den Pinsel gekommen. „Einzelne Bilder würde ich gerne mal verfilmen. Die meisten würden wahrscheinlich high-noon-typisch daher kommen. Da kann schon mal wie in dem da drüben auch ein Mikro auftauchen, weil ich das einmal in einem Film gesehen hatte, weil die dort schlecht geschnitten hatten und das komplette Kamerateam im Spiegelglas eines Wolkenkratzers zu sehen gewesen war.“ Auch wenn so der Film entlarvt wurde, fand der Maler diesen Fehler richtig sexy und sagte: „Zu fragen was hinter dem Kameraauge ist!“ – Im Grunde gab es zwei Gemälde, die er parallel gemalt hat. Auf dem einen ein Clown mit Mikrofon, auf dem anderen ein Mensch, der sich auf Planken krümmt. Im Grunde schaut der Clown auf ein Geschehen vor ihm. Sogar die Beleuchtung auf beiden Bildern ist aufeinander abgestimmt.

„Die Originale sind in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, die hier in wenigen Wochen und Monaten“, sagte der Maler und schaute auf ein Bild, welches eine Auseinandersetzung mit zwei Windhunden bezeugt. „Ich sehe in den Reproduktionen eher Brüderschaften untereinander, die, als ich die Originale gemalt hatte, nicht absehbar waren. ich habe mir die Bilder der letzten zehn Jahre herausgesucht, die eine gewisse Geltung für mich haben.“ Das Medium Malerei an sich wollte er mit „Klausur“ in Frage stellen.

Johannes Tiepelmann lehnte sich zurück, drehte sich eine Zigarette. „Ich bin gespannt wie sie aussehen, wenn die psychedelische Farbigkeit durch die Membran zurück genommen wird.“

Wer die Originale kannte, stellte rasch fest, dass die „Klausur“-Arbeiten komplett anders aussahen und durch die Membranhaut einen trüben Blick in die Erinnerung schweifen ließen. „Sie sind etwas aufgeräumter“, meinte er zum Schluss.

Ein Gast sagte während der Ausstellung, die am 16. September 2011 eröffnet wurde, man hätte Lust, die Originalfarbigkeit zu entdecken, müsse seine ganze Vorstellungskraft aufwenden, um diese im Kopf entstehen zu lassen.“ Für den Kunstschaffenden, dessen Vater auch an der HGB studiert hat, erschienen die Arbeiten als ein Wendepunkt, ein Abschluss und ein Anfang. Man darf weiterhin gespannt sein, was als nächstes von diesem spannenden Künstler aus Leipzig kommt.

Glück der Neuorientierung – Hans Aichinger über Zweifel und Brüche im Leben

Hans Aichinger »untitled« oil on canvas 90 x 130 cm, 2014 (courtesy own by malerzgalerie Leipzig 2016)
Hans Aichinger »untitled« oil on canvas 90 x 130 cm, 2014 (courtesy by maerzgalerie Leipzig 2016)

Hans Aichinger gehört neben Neo Rauch zu den wenigen Leipziger Künstlern der Wendegeneration, die heute von ihrer Kunst leben können. In seinem großen und abgedunkelten Atelier saß im Herbst 2009 der Künstler und steckte sich eine blaue Gauloise an. „Künstlerzigarette“, sagte der ergraute Aichinger mit rauer Stimme.

„Von Kunst zu leben, davon habe ich schon immer geträumt“, blickte der 1959 in Leipzig geborene Maler auf seine Anfangstage zurück. Von 1982 bis 1986 studierte er bei Bernhard Heisig Malerei an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Sein Atelier war zum Zeitpunkt des Interviews im Jahr 2009 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei untergebracht. An den Wänden waren seine Gemälde angelehnt, auf dem Tisch lagen große und dicke Kunstbände von italienischen Malern wie Caravaggio & Co. Hans Aichinger bewunderte gerade die Hell-Dunkel-Malerei des Italieners und seiner Anhänger, die von Kunsthistorikern als Caravaggionisten bezeichnet werden. Doch Hans Aichinger brauchte nicht so tief in die Historie der Kunst abtauchen, um seine Beweggründe, Kunst zu machen, zu beschreiben. Wenngleich seine Malerei sich stark an der von Caravaggio orientiert, so lädt er seine Sujets mit gegenwartsbezogenen Kontexten auf, die auf dem ersten Blick nicht unbedingt etwas mit der Suche nach und Erkenntnis von Gott zu tun haben können. „Eigentlich ging mein Traum in Erfüllung, als ich von der HGB aufgenommen wurde. 1987 machte ich mein Diplom und hatte das Glück, auch gleich danach als Künstler von meinen Arbeiten leben zu können. Damals war der Einstieg einfacher, weil man Aufträge bekam. Es gab sozusagen eine Garantie zum Geld verdienen mit der Kunst. Das ist heute nicht mehr der Fall.“

Hans Aichinger beschrieb den Zustand, in dem sich viele Vertreter seiner Zunft in der damaligen DDR wiederfanden. Auch sein Malerkollege Thomas Gatzemeier lebte von Auftragsarbeiten. Doch 1986 verließ er das Land, das einen Kritiker wie ihn nicht vertragen wollte. Hans Aichinger blieb.

Hans Aichinger »The hole« oil on canvas 100 x 80 cm, 2014 (courtesy maerzgalerie 2016)
Hans Aichinger »The hole« oil on canvas 100 x 80 cm, 2014 (courtesy maerzgalerie 2016)

Der inzwischen ü-fünfzigjährige Künstler zündete sich eine neue Zigarette an. Diese Sorte rauchte er schon, seitdem er in den Achtzigerjahren mit Künstlerkollegen aus der Bonner Republik in Kontakt stand. Noch lange vor dem Boom hat er sein Atelier 1997 auf dem Spinnereigelände eingerichtet. Eigentlich sollte das jetzige Atelier ein Wohnatelier werden, sinniert er, aber dann lernte er seine Frau kennen, hat nun Kinder. In so einer Umgebung mag niemand Kinder aufwachsen sehen. So nimmt Hans Aichinger zwanzig Fahrtminuten mit dem Auto in Kauf, samt Stullen und eine Thermoskanne voller Kaffee. Wenn dieser mal nicht reiche, dann holt er sich welchen aus dem benachbarten Café Mule. „Malerei und Privates sollte man schon voneinander trennen, wenn man professionell arbeiten möchte. Man hat sonst immer alles vor Augen, die Couch, TV oder Küche. Entweder ist man nur am Malen und kann nicht abschalten, oder man ist blockiert und schafft gar nichts.“

Nach der Wende und in der Zeit der Wiedervereinigung orientierte auch Hans Aichinger, wie viele seiner Malerkollegen neu. Vom Realismus wurde in der Bundesrepublik nicht viel gehalten. Es galten entweder die großen Fotorealisten aus den USA bzw. der nach Los Angeles ausgewanderte Künstler … Helnwein, Post-Expressionisten wie Jörg Immendorf, die DDR-Exilanten und das Umfeld der Düsseldorfer Kunsthochschule, die Maler der Wiener Wiener Schule und die Vertreter der Informel Art, bei denen Emil Schumacher als einer der letzten Protagonisten galt. Zwischen Kitsch und Ramsch der Kaufhaus-Kunst, der bundesrepublikanischen Avantgarde wurde die Malerei der DDR schnell auf die Arbeiten eines Willi Sitte eingedickt, gleichgemacht und verdammt, vergessend darüber, dass Maler wie Arno Rink, Bernhard Heisig und Werner Tübke auch in der BRD einen guten Bekanntheitsgrad besaßen. Nach 1989 wurde v.a. in Deutschland-Ost vieles von dem Kulturgut verbannt und vergessen, was später als sogenannte Nostalgie-Welle über die gesamte BRD schwappte. Es war nicht alles so schlecht, was in der DDR, zumindest kulturell, stattfand. Auch hier darf das weinende Auge nicht vergessen werden. Im Arbeiter- und Bauernstaat wurden ebenfalls Künstler ausgegrenzt, diffamiert und von inoffiziellen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit regelrecht fertig gemacht – als bestes Beispiel sei der Dresdner Mail-Art-Künstler Jürgen Gottschalk genannt, oder eben auch Thomas Gatzemeier und Gerhard Richter.

Bei Hans Aichinger gab es während der Nachwendezeit auch Zweifel. Doch nicht nur damals war dies der Fall. „Dass man zweifelt, gehört dazu“, gab er 2009 zu Protokoll. Er erklärte auch warum. „Zweifeln liegt in der Natur des Künstlers. Ich zweifele oftmals von Bild zu Bild, hatte größere Krisen – unabhängig von den äußeren Umständen. Dann fragt man sich schon, ‚Ist meine Kunst überhaupt sinnvoll?‘. Erfolg und Anerkennung sind wichtig. Geld als verknappte Sprache dieser beiden Aspekte äußert das. Sie kann Sympathie aber auch Misserfolg ausdrücken. Handwerklich sollte es bei keinem Künstler Zweifel geben, aber inhaltlich sollte man schon lesen können, was ein Künstler fühlt. Dann kommt es darauf an, wie viel man zulässt. Ich kann das mit gegenständlicher Malerei besser ausdrücken als mit ungegenständlicher Malerei.“

Hans Aichinger »Truth« oil on canvas 110 x 110 cm, 2013 (courtesy maerzgalerie 2016)
Hans Aichinger »Truth« oil on canvas 110 x 110 cm, 2013 (courtesy maerzgalerie 2016)

Der bärtige Mann nahm den dampfenden Milchkaffee vom Tisch, legte das bunt eingebundene Caravaggio-Heft auf den selben und trank einen Schluck. Durch die hohen Fenster konnte man die graue Wolkendecke beim Vorbeiziehen beobachten. Der Wind hatte schon längst die letzten Blätter von den Bäumen gefegt, Nebel schlug sich feucht auf das Kopfsteinpflaster. In der ehemaligen Stuckateur-Werkstatt war es auch nicht viel wärmer. Die Heizung funktioniere nicht so richtig, wies Hans Aichinger auf die Kühle im Atelier hin Er schaute dabei auf seine Gemälde.

Für Aichinger ist die gegenständliche Sprache für viele leichter lesbar, weil er mit Zeichen arbeitet, die jeder kennt. „Abstrakte Gehversuche habe ich auch einmal versucht“, blickte er noch einmal in die Zeit nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zurück. „Doch dem fühlte ich mich nicht gewachsen, weil ich selbst nicht beurteilen konnte, wann ich mit einem Gemälde fertig bin oder nicht.“

Es müsse weiter gehen, hielt er noch fest, als müsse er sich selbst motivieren. Zum Glück habe ich einen Galeristen, der sich um alle formalen Dinge kümmert. So werde ich im kommenden Frühjahr wieder eine eigene Personalausstellung haben. Es gibt auch noch andere Pläne, wie die durch Skandinavien wandernde Gruppenausstellung mit dem Thema ‚Leipziger Schule‘. Nach der Fußball-WM in Südafrika wird es in Kapstadt noch eine Ausstellung meiner Bilder geben. Ich werde zur Ausstellungseröffnung dort sein. Aber ich sehe die Sache realistisch. In Südafrika gibt es keine große Kunstszene, was mir viele immer berichten, eigentlich fast gar keine. Deswegen erhoffe ich mir davon nicht viel. Kapstadt ist eine große Stadt mit viel Geld, künstlerisch ist das aber nicht wichtig. Aber ein Abenteuer.“

Abgeschlossen hatte er zum Zeitpunkt des Gesprächs mit der Lebenszeit bis 1989 noch nicht. Ihn verbanden seine Gefühle noch mit der DDR. „Nun ja. Vor zehn Jahren war ich in Kuba“, erinnerte er sich. 1999 befand er sich wegen eines Arbeitsaufenthaltes in der Casa Alejandro de Humboldt in Havanna auf der Karibikinsel. „Dort tritt man auch auf diese wunderliche Situation: Ahnungslosigkeit trifft auf viel Hoffnung“, beschrieb er seine Eindrücke von Fidel Castros sozialistischem Eiland. „Es gibt aber auch viele interessante Menschen. Damit meine ich die künstlerischen Positionen, die sie mit den ehemaligen DDR-Künstlern und den Menschen teilen. Man schaut so als Randbeobachter auf diese Situation wie in ein Aquarium. In dieser exotischen Karibik ist eine völlig andere Kultur. Dort fand ich mich aber selbst wieder. Da gibt es staatsüberzeugte Funktionäre und Dissidenten in diesem despotischen System. Man hat so den Überblick. Und manchmal ist es nicht schlecht, sich aus den Prozessen heraus zu nehmen. Dieser randständige Beobachter war ich schon vor der Wende und habe es mir immer bewahrt.“

Aichinger sprach in diesem Zusammenhang davon, dass seine Generation die Wende bewusst miterlebte und dass dies ein Glück gewesen sei. Er „möchte die Erfahrung der Neuorientierung nicht missen“, und sah in der Wende einen „Vorteil“. Er begründete es auch mit den Worten, dass die Erfahrung, im Leben einmal gescheitert zu sein, auch ein wichtiger Erfahrungswert sein kann und eben nichts mit den heutigen glatt gebügelten Biografien zu tun habe. „Man sieht die Dinge anders, wenn man nicht nur auf der Siegerstraße ist und ständig den Fortschrittsglauben herunter predigt.“

Wider die Selfie-Kultur – Inka Perl hinterfragt das Leben zwischen zwei Aktendeckeln

 

Die Leipziger Künstlerin Inka Perl (Foto: ARTEFAKTE)
Die Leipziger Künstlerin Inka Perl (Foto: ARTEFAKTE)

Das Gefühl kennt jeder. Das Leben scheint von der Wiege bis zur Bahre von bürokratischen Regeln fremdbestimmt zu sein. Eine Leipziger Künstlerin veranschaulicht dieses Gefühl mit ihren jüngsten Arbeiten, die sie noch bis zum 1. Juli in im „Inter Disciplinary Shop“ auf dem Alten Baumwollspinnereigelände gezeigt hat. Ihr gelingt mit ihren neuen Arbeiten auch der Kniff, die grassierende Selfie-Kultur zu hinterfragen.

Der Weg zur „Inter Disciplinary Shop“-Galerie ist wegen des alten Kopfsteinpflasters auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei beschwerlich. Der Ort sprüht geradezu vor Authentizität. Der spröde Charme der Industriekultur des späten 19 und des 20. Jahrhunderts ist in den Galerie- und Atelierräumen noch spürbar. Wer würde aber angesichts der schweren Stahltüren, hohen Gussfenster, den fleckigen Decken an Internet und Selfie-Kult denken? Dass Menschen auch anders arbeiten und gestalten konnten, ist überall noch erkennbar. Diese Zeugnisse der vergangenen Industriewelt zeigen, dass dieser Platz laut, dreckig und trist war. So auch die Halle 10 gegenüber dem Komplex, wo u.a. „maerzgalerie“ und „eigen+art“ untergebracht sind. Wo es einst grau und öde war, ist es jetzt farbenfroh auf weißem Grund.

Wer den holprigen Weg in Richtung Alte Salzstraße entlang geht, entdeckt weitere Kunsträume. Neben der Galerie „The Grass Is Greener“ befindet sich ein weiterer Ort für die Kunst. Der „Inter Disciplinary Shop“ ist nicht jedem ein Begriff, obwohl es ihn schon einige Zeit gibt. Der Raum ist auch keine Galerie im eigentlichen Sinn. Viel eher sehen seine Betreiber ihren „Shop“ als Refugium für Hybridprojekte der Angewandten und Bildenden Künste. Im „Inter-Disciplinary-Shop“ können Designer, Künstler und Wissenschaftler an gemeinsamen Projekten arbeiten, die in Ausstellungen münden. Das ist bei der am 1. Juli geendeten Ausstellung „Gott spielen“ anders gewesen. Diese Kunstschau von Objekten war ein gemeinsames Anliegen des Designers Stefan Höllobler, der Medienkünstlerin Inka Perl und der Künstlerin Joanna Grzybek. Dabei spielte neben dem Thema auch der Umgang mit Stoff als netzwerkbildendes Element eine wichtige Rolle. Aus Sicht der Ausstellungsmacher war die Verknüpfung des einstigen Industriestandorts für die Gewebeproduktion mit dem heutigen feinen Geflecht aus Künstlern, Gewerbetreibenden und Galerien auch ausschlaggebend für das Spannungsfeld der Ausstellung.

Die Leipzigerin Inka Perl beschäftigt sich seit langem mit dem Ich in der Welt. Diese Frage hat sie bereits in mehreren Ausstellungen zu beantworten versucht. Was für den einen „schillernde Denkobjekte“ sind, ist für den anderen die Beschäftigung mit dem sakralen Aspekt im profanen Kontext. Inka Perl bedient sich seit ihrem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst von der Formensprache christlich geprägter Kunst – Altäre, Ikonen, Reliquiare. Für ihre Arbeiten sammelt und setzt sie Dinge, die sie findet, zusammen und verblüfft so den Betrachter mit ihren Objektcollagen aufgrund ihrer Vielschichtigkeit und ihres augenzwinkernden Witzes.

Die Leipziger Künstlerin Inka Perl hebt u.a. das "Selfie" in das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. (Foto: ARTEFAKTE)
Die Leipziger Künstlerin Inka Perl hebt u.a. das „Selfie“ in das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. (Foto: ARTEFAKTE)

Bei der Ausstellung „Gott spielen“ setzte sie sich zusammen mit Stefan Höllobler und Joanna Grzybek mit der Frage nach Voyeurismus und Individualität in der heutigen Gesellschaft auseinander. Für Inka Perl spielt dabei das „Selfie“ eine große Rolle. Denn heutzutage wird das eigene Leben im World Wide Web ausgebreitet – und das kann mitunter ziemlich banal sein.

Mit ihrer Objektreihe „Selfies“ hinterfragte die Künstlerin dieses Entblößen des Privatlebens im öffentlichen Raum und bot dem Betrachter eine eigene Sicht an – im öffentlichen Raum. Sie lieferte in ihren „Guckkästen“ ein Kaleidoskop privater Einblicke. „In ihrer äußeren Form erinnern sie an Büroordner. In ihnen sind phantastische Räume zu sehen, durch welche ich meine Innenwelten darzustellen versuche“, erklärt sie ihre neuen Arbeiten.

Ihre „Reliquiare“ sollen demnach den Selfie-Wahn auf die Schippe nehmen. Die technologischen Möglichkeiten, hinter denen machtvolle wirtschaftliche Interessen stehen, begünstigten eine Entwicklung, die auch sie mit Sorge betrachtet. Mit der Massenveröffentlichungen von Selfies im Internet ginge auch ein Verfall des künstlerischen Wertes eines Bildes einher, meint sie. Dadurch verlöre das Werk seine Einmaligkeit. Als Gegenposition zur im Internet grassierenden Selbstentblößungskultur schwebten ihre „Selfies“ als einmalige Objekte im Raum, sozusagen „ge-uploaded“ in einer analogen „Cloud“.

Inka Perl brachte noch eine weitere Sichtweise in ihre Arbeiten mit ein. Sie blickte zu ihren Arbeiten und erzählte, dass sie das Leben eines Menschen zwischen zwei Bürokladden organisiert sieht. Bilanzen, Zahlen, Verwaltung, Formulare – für die Künstlerin nicht unbedingt das, was als Leben bezeichnen sollte. Dennoch würden sich Menschen im bürokratisch geregelten Leben gemütlich machen, und so von der Wiege bis zur Bahre im geregelten Tagesablauf der Wirtschaftswelt bis zur Abnutzung „funktionieren“. Die individuelle Freiheit bekäme so eine überschaubare Grenze gesetzt. Oder setzen die Menschen ihre Grenzen selbst und engen sie sich mitunter ein?

Bilderreigen in der Aurelienstraße – Maler Robin Zöffzig klopft am Tor des Hades

Die Story kannten schon die alten Griechen. Persephone wird von Hades entführt, dann verführt und von ihr gezähmt. Die Geschichte einer Frau, die selbstbewusst ihren Mann steht und sich nicht unterdrücken lässt, hat auch einen Maler ergriffen. Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Potemka beweist, dass Robin Zöffzig zu einem großen Erzähler geworden ist.

„Enter Hades“ heißt die Bilderschau, die noch bis zum 15. Januar in der Galerie in der Leipziger Aurelienstraße gezeigt wird. Ihr Protagonist heißt Robin Zöffzig. Der aus Magdeburg stammende Maler studierte Künstler hat in Halle/Saale u.a. bei dem Leipziger Grafiker und Zeichner Rainer Schade studiert, lebt und arbeitet in Leipzig.

„Wir kennen uns seit drei Jahren“, sagt die Galeristin Lu Potemka, die während der Öffnungszeiten ihrer Galerie die Gäste durch die Ausstellung führt. Zöffzig präsentiert mit „Enter Hades“ die dritte Solo-Show in dem kleinen Eckladen in der Nähe der Karl-Heine-Straße. Sie weiß, dass der Maler sehr produktiv ist und innerhalb weniger Monate immer wieder eine Ausstellung auf die Beine stellen kann.

Der Mann als Trophäe - Robin Zöffzig spielt mit Witz & Antike in seinem Bilderzyklus "Enter Hades" (Foto: Galerie Potemka)
Der Mann als Trophäe – Robin Zöffzig spielt mit Witz & Antike in seinem Bilderzyklus „Enter Hades“ (Foto: Galerie Potemka)

Sie gibt Auskunft, dass der Künstler ein Faible für Frauendarstellungen hat. Das hänge von seinen jeweiligen Partnerinnen ab. „Sie sind gleichzeitig seine Musen“, sagt Potemka schmunzelnd. Bei der aktuellen Schau zeige Zöffzig seine Sicht der Dinge zur alten griechischen Mythologie um Persephone und Hades. Der Unterweltgott raubt die Schöne und entführt sie in seine Welt. „Die Geschichte wird von Robin illustriert und ausgedeutet. Er lädt sie mit zeitgenössischen Eindrücken auf – Emanzipation mit eingerechnet“, gibt sie über die Intention des Malers Auskunft. Die Frau stehe demnach nicht als Objekt der Begierde im Mittelpunkt des Schaffens des gebürtigen Magdeburgers, sondern als Mensch, der sich selbstbewusst zeige und durchaus ihre Interessen vertreten kann. In Zöffzigs Zyklus zeigt sich diese Sicht darin, dass Persephone von Hades entführt, vergewaltigt, abhängig gemacht und gedemütigt wird – sie aber den Spieß umdreht und ihrerseits ihren Peiniger in seine Schranken weist. Für Zöffzig ein Paradebeispiel für die Emanzipation der Frau. Sein Zyklus entspreche demnach auch dem Bild, das von der westeuropäischen Frau gezeigt wird. Am Anfang des Zyklusses sei sie das Opfer, später würde der Mann durch sie domestiziert, so die Galeristin weiter. Anfangs sitzt sie auf dessen Schoß, am Schluss der Bilderreihe hat der Maler sie vor dem Schoß des Mannes platziert, sie schaut direkt zum Bildbetrachter. Diese Pose sei zudem ein kunstgeschichtlicher Wink zu Eduard Manets Bild „Frühstück im Park“.

Man müsse sich nur fragen, ob Zöffzigs vor Erotik brennenden Zyklus überhaupt noch einem aktuellen Frauenbild entspreche und ob nicht schon in früheren Zeiten immer wieder Emanzipationswellen in Europa gab. Darin erinnert Zöffzigs bislang gemaltes Werk an dem, was vor über einhundert Jahren in der Belle Epoque und Art Noveau an selbstbewussten Damen auf Leinwänden gebannt wurde, oder wie Expressionisten Frauen sahen. Immer wieder waren es die starken Frauen, die Maler fasziniert haben. Robin Zöffzig kann man in dieser Folge nicht ausnehmen. Seine Darstellungsweise der Frau habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt, so Potemka weiter. Weichere Formen wichen kantigeren und realeren Konturen. Außerdem sei es bezeichnend, dass der Maler Frauen nie in obszönen und sexistischen Zusammenhängen abbilde. Sie finde laut der Galeristin in Zöffzigs Werk zu sich und ihrer eigenen Sexualität. „Ich glaube, das ist der Zugang zu seinem Werk. Die Männer werden als die Opfer ihrer Triebe gezeigt, nicht die Frauen.“

Insofern ähnelt Zöffzigs Werk inhaltlich auch den Arbeiten eines anderen Großen der erotischen Malerei – dem in Karlsruhe lebenden Künstler Thomas Gatzemeier. „Robin lässt sich viel von den Alten Meistern inspirieren und sampelt sie teilweise auch“, gibt die Galeristin an. Sie sieht sein Werk im Zusammenhang einer erotischen Ironie, die augenzwinkernd mit der Kunstgeschichte und alten Geschichten, Mythen und Sagen spielt.

Dass Robin Zöffzig in dem Zyklus von „Enter Hades“ wegen der porträthaften Züge als der Unterweltgott selbst auftaucht, weiß Lu Potemka als Blinzeln auf Zöffzigs eigene Position um Umgang mit Frauen und seiner Entwicklung vom „Bad Boy“ zum „Sweetheart“ zu verstehen. Wer sich dahingehend wirklich emanzipiert würde als Frage beim Betrachten von seinen Arbeiten ebenfalls aufgeworfen. Zwar kämpfe Persephone sich im Bilderreigen in der Aurelienstraße zu ihrer eigenen Rolle durch, aber am Ende stehe die alte biblische Frage um Schuld und Sühne im Raum, die schon in der Geschichte von Adam, Lilith und Eva beschrieben wird.

Der Malerei verpflichtet – Christian Bussenius blickte ins Elsterland

Christian Bussenius gehört zu den Malern der neuen Leipziger Generation nach Arno Rink, Hans Aichinger und Neo Rauch. (Foto: Artefakte)
Christian Bussenius gehört zu den Malern der neuen Leipziger Generation nach Arno Rink, Hans Aichinger und Neo Rauch. (Foto: Artefakte)

Wer sind die Menschen, die hier leben? Was machen sie und wie verhalten sie sich. In der aktuellen Ausstellung in der Leipziger Galerie Potemka öffnet der Maler Christian Bussenius dem Besucher seinen Blick auf die Menschen in der Pleißemetropole. „Elsterland“ hieß die Versammlung von neuesten Gemälden, die bis zum 15. Mai gezeigt wurde.

Im Elsterland

Es war der Abend der Ausstellungseröffnung der Leipziger Jahresausstellung. 2. Juni – Sommersonne, Hitze. Die Kühle der verregneten Tage wich fast schon in Zeitraffer einem Vorgeschmack des Hochsommers, der eine Woche lang anhalten sollte – bevor nun dann die Schafskälte für Abkühlung sorgen sollte. An diesem frühen Abend galt das Ausstellungsschild einer polnischen Künstlerin. Vor wenigen Tagen noch kündigten an dieser Stelle eine andere Schau an. Der Künstler, der mit der Soloshow beglückt wurde, lädt nun seine letzten Gemälde in seinen großen Kombi aus den frühen Nullerjahren. Das ganz große Gemälde zurrt er mit Gaffa auf dem Dach fest. Christian Bussenius heißt der Mann mit dem jungenhaften und in sich gekehrten Wesen.

„Elsterland“ hieß die jüngste Galerieschau des Hauskünstlers der Potemka-Galerie. Dieser Titel leite sich vom Umstand ab, dass durch Leipzig die Elster fließe, gibt die Galerievertretung Alma Beck zum Ausstellungsnamen Auskunft. Sie ist an diesem sommerlichen Abend ebenfalls anwesend. Leipzig sei nach der Definition des ausstellenden Künstlers eben das Elsterland. Kein Fluß präge demnach die Messestadt so sehr wie die Weiße Elster. Sein Lauf durch den Leipziger Auwald, dann seine Kanalwerdung am Tor zum Clara-Zetkin-Park, wo viele Leipziger an den Ufern flanieren, oder eben „Summer In The City“ auf der Sachsenbrücke zelebrieren, welche den Kanal wie viele andere Brücken überspannt. Vorbei an Stadion, Kleingartenanlagen, Landschaftsschutzgebieten und dem Auensee zieht der Strom unaufhörlich durch Leipzig. In seinem Einzugsgebiet geschehen tagtäglich tausende Geschichten. „Elsterland“ zeige einige von ihnen. Aufgemalt vom Artist himself. Ein Stück weit erzählen die neuen Arbeiten des 1978 in Magdeburg geborenen Malers auch seine eigene Geschichte.

Unscheinbar ist der Meister in der Tradition, die gern mit dem Label „Neue Leipziger Schule“ gebrandmarkt wird, als er in den Galerieräumen steht. Der ehemalige Schüler von Malerstar Neo Rauch ist zurückhaltend, höflich und freundlich. Kein wildes Partytier. Familienmensch sei er inzwischen geworden, sagt er, und wolle ganz in seiner Familie aufgehen und seine Rolle als Maler ausfüllen. Nur das. Warum er dennoch Schlaglichter auf junge Menschen auf einem Moped, an eine Fensterwand lehnend oder auf eine Bank wartend malt, erkläre sich mit dem Abschluss dieses Lebensabschnitts, den er auch er durchschritt – die Pubertät und Post-Adoleszenz. Seine Arbeiten sind Rückblicke auf ein gelebtes Leben und natürlich wie sehr auch Menschen im Leben einem Wandel unterworfen sind – Momentaufnahmen des Seins. Geschichten, die in Leipzig geschahen, die der Künstler erlebte und abbildete. Wie die drei Jungs auf der Bank sitzend. Der Künstler beschreibt die Bildsituation wie sie sich zugetragen haben soll. Drei junge Männer warten mit ihren Bewerbermappen auf die Aufforderung zum Bewerbungsgespräch. Daraus ergab sich die Situation wie die drei sich gegenseitig abtasteten, bevor einer von ihnen dann zum Gespräch aufgefordert wurde und ging. Eigentlich wolle keiner von ihnen den täglichen Kampf um das wirtschaftliche Durchkommen bestreiten, sagt er, dennoch schätzten sich alle drei gegenseitig ab, um im Bewerberwettstreit besser als der andere dastehen zu können. „Im Erblicken und Erfahren der Situationen und Dinge um mich herum erkenne ich die Wahrheiten, nicht im Lesen von Büchern. Nur in Bildern kann ich das erzählen wofür andere Worte gebrauchen.“

Tradition trifft auf Klassische Moderne mit Themen aus der Gegenwarts- und Popkultur - Christian Bussenius (Foto: Artefakte)
Tradition trifft auf Klassische Moderne mit Themen aus der Gegenwarts- und Popkultur – Christian Bussenius (Foto: Artefakte)

Können wir tatsächlich?

Der aus Magdeburg stammende Maler stellt schon mehrmals in der Galerie Potemka in der Lindenauer Aurelienstraße aus. Seine Stimme ist hell, leise und fast schon jungenhaft. Das Haar des 1978 geborenen Künstlers ist ergraut. Seine 2013 ausgestellten Arbeiten zeigen jugendliche Männer, die kühl und selbstbewusst in die Ferne schauen, oder im „Superman“-Kostüm den Anflug von Unsicherheit verbreiten.

„Können wir“ stand als Frage und als Aussage im Raum. Warum? Bussenius antwortet: „Der Titel ist mir wichtig, weil er sowohl Unsicherheit als auch Entschlusskraft mit einschließt.“

Zu seinen damals gezeigten Bildern sagt Galeristin Lu Potemka, dass Bussenius sich mit dem zeitgenössischen Männerbild auseinandersetzt. „Der Künstler malt Männer, die liebenswert sind, die träumen, Zigarre rauchen, … , … und ohne dass sich Abgründe auftun, scheinen sie einfach ihr Leben in ihren Möglichkeiten zu genießen.“

Bussenius ergänzt: „Inhaltlich geht es mir darum, dass heutzutage Mädchen einem klassischen Männerbild etwas entgegensetzen müssen, das es so gar nicht mehr gibt. In der Musik haben wir Beck, der „I’m a loser“ sang, … Ich frage mich: Haben Männer das Männliche verloren, oder die Männlichkeit auf eine neue Ebene getragen? Ich finde die Emanzipation der Frau hervorragend. Jetzt sind aber die Männer dran. Ich suche eigentlich die Entsprechung für mich als Typ. Deswegen sind die jungenhaften Männer die Akteure in meinen Bildern.“

Bussenius geht es mit seinen Arbeiten nicht um das Finden von Antworten. Für ihn ist der Macho, wie ihn noch Film und Fernsehen vor dreißig Jahren zeigten, tot. Selbst der Marlboro-Mann wird alt. Rambo ist es schon längst. Und „Spider-Man“ wird von einem Schauspieler verkörpert, der im „wirklichen“ Leben ein verhuschter Typ ist.

„Wo ist dieses klassische Männerbild noch?“, fragt der Künstler bevor einen letzten Zug von seiner Zigarette nimmt, um nach Hause zu Frau und Kind zurückzukehren, „Wenn es noch in einer Daimler-Chefetage sitzt, dann stirbt es innerhalb von zehn Jahren an Herzinfarkt.“

Reine Malerei!

Doch allen thematischen Ausladungen zum Trotz: im Grund gehe es Christian Bussenius ums Malen. Der Prozess, wie der Künstler Farbe auf die Leinwand auftrage sei von einem Bauchgefühl bestimmt, so der Künstler weiter. Das Thema spielt bei ihm eine untergeordnete Rolle. Von perfekt ausgearbeiteten Sujets hält er nicht viel. Man müsse nicht jeden Menschen mit der Kunst mitnehmen. Er möchte den Betrachtern aber Interpretationsspielraum lassen. Im Fall eines weiteren Bildes, wo zwei junge Typen auf einem Moped umher kurven, könnte sich der Ereignishorizont auf eine unbestimmbare Zukunft fokussieren, die den beiden Burschen noch nicht klar wurde. Auf die Frage, inwieweit er als Künstler die Realität zu einer für den Betrachter erlebbaren Fiktion filtert und Fragen offen lässt, entgegnet der Maler, dass die Beschäftigung des Betrachters mit dem Bild für ihn viel spannender sei als dass er die Antworten vorgeben will. Viel wichtiger sei für ihn der Vorgang des Malens. Darin sieht er sich verpflichtet. „Das Material birgt so viel schon in sich, dass davon allein der Malprozess schon beeinflusst wird.“ Allein dieser Schaffensprozess bereichere ihn.

Der Virtuose am Papier – Zeichenkünstler Martin Groß im Kunstraum Ortloff

Anlässlich der Eröffnung der 21. Leipziger Jahresausstellung wurde der Preis der Leipziger Jahresausstellung“ an Martin Groß verliehen. Vom 2. bis 10. Mai findet im Kunstraum Ortloff die Preisträgerausstellung statt. Am 1. Mai ist Eröffnung.

Martin Groß ist Preisträger der 21. Jahresausstellung (Foto: HGB / Presse)
Martin Groß ist Preisträger der 21. Jahresausstellung (Foto: HGB / Presse)

Anlässlich der Eröffnung der 21. Leipziger Jahresausstellung wurde der Preis der Leipziger Jahresausstellung“ an Martin Groß verliehen. Vom 2. bis 10. Mai findet im Kunstraum Ortloff die Preisträgerausstellung statt. Am 1. Mai ist Eröffnung.

Vergangenes Jahr erhielt er den auf 10.000 Euro dotierten Preis der Leipziger Jahresausstellung. Im Mai diesen Jahres erntet der in Plauen geborene Künstler weitere Früchte seines Schaffens. Vom 2. bis 10. Mai wird der Virtuose mit dem Bleistift mit einer Ausstellung bedacht, die „Transit“ heißt und am 1. Mai eröffnet wird. Zwei großformatige Graphitzeichnungen waren für den Erhalt des Preises ausschlaggebend. „Der Preis geht an Martin Groß, der virtuos mit dem Bleistift seine Ordnung schafft“, hieß es in der Begründung der Jury. Sein Spiel mit Abstraktion und Konkretem, die Gegenüberstellung von harten und weich verlaufenden Strichen und Flächen überzeugte die Jurymitglieder.

Der 1984 in Plauen geborene Martin Groß studierte von 2007 bis 2013 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Prof. Annette Schröter. Er gewann bereits mehrere Preise, darunter auch den Studienpreis des Freundeskreises der HGB. Martin Groß lebt und arbeitet in Leipzig. Aktuell führt er sein Meisterschülerstudium an der Royal Academy in London durch.

Über die Vergabe des Preises entschied eine fünfköpfige unabhängige Jury, der neben dem Preisträger des vergangenen Jahres, Bastian Muhr, die Kunsthistorikerin Dr. Doris Kölmel, der Künstler Hans Aichinger, der Redaktionsleiter Kulturmagazine im mdr Fernsehen Matthias Morgenthaler und der Präsident des Leipziger Landgerichtes Karl Schreiner angehörten. Sie wählte einen Beitrag aus der aktuellen Ausstellung aus.

 
Eröffnung: Freitag, 1.Mai 2015, 19 Uhr

Geöffnet vom 2.-10. Mai, 2015, Samstag und Sonntag 14-18 Uhr und nach Vereinbarung.
Kunstraum Ortloff, Jahnallee 73 ∙ 04177 Leipzig. www.ortloff.org

2015 stellen folgende Künstler bei der 22. Leipziger Jahresausstellung aus:

Claudia Angelmeier, Hjördis Baacke, Jiang Bian-Harbort, Mona Broschár, Christian Bussenius, Nils Franke, Michael Grzesiak, Enne Haehnle, Paule Hammer, Tobias Hild, Margret Hoppe, Mandy Kunze, Katia Liebmann, Malte Masemann, Claudia Annette Maier, Frank Ruddigkeit, Simon Rübesamen, Christian Schmit, Felix Schneeweiß, Jens Schubert, Gabriele Sperlich, Oliver Stäudlin, Priska Streit, Thomas Taube, Markus Uhr, Eva Walker, Robin Zöffzig.

Die 22. Leipziger Jahresausstellung wird von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, dem Kulturamt der Stadt Leipzig und zahlreichen Förderern unterstützt.

Wichtige Informationen zur 22. Leipziger Jahresausstellung: Ort: Westwerk, Karl-Heine-Straße 93, 04229 Leipzig.
Dauer: 
Der Eintritt ist frei.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15 bis 20 Uhr Samstags/Sonn- und Feiertags 13 bis 18 Uhr Montags geschlossen