Neue Prüderie? – Warum Nacktheit keine Zumutung in der Kunst ist

Daniel Thalheim

2018 wurde der Ruf nach Verhülltheit in den Museen wieder laut. In Bildern dargestellte Frauen wären zu nackt. Die ausgestellten Sujets seien entweder sexistisch oder nur pure Pornografie, wird als Meinung kund getan. 2020 sorgte das Enthüllen des Makart-Historiengemälde in der Hamburger Kunstsammlung nicht für die Aufregung, wie 2018 die „#MeToo“-Debatte um historische Malerei. Hans Makart (1840-1884) war ein österreichischer Maler und Dekorationskünstler, der von Kaiser Franz Joseph I. nach Wien berufen wurde. Makart war in seiner kurzen Lebensspanne so eine Art Superstar der repräsentativen Malerei im Österreich des 19. Jahrhundert. Seine Bilder orientierten sich an den Sujets und Malweisen von Malern wie Tizian und Rubens. Üppiges Pathos also, das höfisch protegiert wurde. Er vertrat eine von Farben berauschte Malerei zwischen Plüsch, Pomp und Wucht.

Makarts Ölschinken aus dem Jahr 1878 mit einer Gesamtfläche einer kleinen Zweiraumwohnung zeigt den Triumphzug von Kaiser Karl V. Das Bild stellt den Einzug des Kaisers in Antwerpen dar. Der Kaiser hat im Geleit fünf junge und nackte Damen. Ihnen stellte der Maler verschiedene Attribute, Schwert, Amphore, Blumen, bei. Es scheint, der Maler gesellte dem jungen Kaiser Karl V. weich gezeichnete Nymphen hinzu. Allesamt sind u.a. die aus der griechischen Mythologie stammenden Najaden und Napaien allegorische Figuren, die seit der Renaissance den Kunsthistorikern und anderen Bildlesern immer als junge und nackte Damen vorgesetzt werden, wie u.a. in einem Gemälde von Bartolomeo Veneto (um 1480 – 1530), v.a. auch von John William Waterhouse (1849-1917), Gustave Doré (1832-1883), Anselm Feuerbach (1829-1880), William Adolphe Bouguereau (1825-1905) und Arnold Böcklin (1827-1901). Sie stellten Nymphen stets als nackte Frauen dar.

Auf seiner Homepage diskutiert die Hamburger Museumsleitung in gefilmten Interviews die unterschiedlichen Standpunkte; der Direktor in seiner Rolle als väterlicher Kunstwissenschaftler und ein Kurator, die die Kontroverse mit Geschichtsverständnis abzumildern versuchen auf der einen Seite, auf der anderen Seite zwei junge Damen, die ein Gemälde, wie das Makart‘sche, Kindern und Jugendlichen vermitteln müssen ohne dass die Opferrolle der nackt dargestellten – fiktionalen – Personen in ein sexistisches Licht gerät. 

Natürlich ist es Sexismus.

Von durchsichtigen Schleiern verhüllte Begehrlichkeiten weiblicher Natur aus der notgeil schäumenden Fantasiewelt von Männern waren schon seit dem 18. und frühen 19. Jahrhundert v.a. in Frankreich Anreger für fantasievolle Kopfkinofilme gewesen. Wer denkt nicht an Eugene Delacroix (1798-1863), an Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867) und ihre schwülstigen Haremsfantasien?

Im Pandemiejahr ging dieser kleine „Skandal“ um den Makart in Hamburg nahezu unter. Zu präsent waren die Diskussionen über Lock Downs, Donald Trump und Maßnahmen-Gegner als dass ein öliges Fantasieprodukt für Aufregung sorgen könnte. 

In den Jahren zuvor waren die Debatten um Nacktheit in der Kunst durchaus in der Öffentlichkeit wahrnehmbar. Mit der zugespitzten Frage „Im Museum hängen überall nackte Frauen – und das soll kein Sexismus sein?“ diskutiert ein Artikel vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit Rückkoppelung des „Lifestyle“-Online-Portals „Bento“ am 18. Februar 2018, dass v.a. Frauen in der Kunst als nackte Objekte von männlichen, vielleicht auch weiblichen, Begierden dargestellt werden. In den Museen sehen wir sie ja; als mystische Gestalten, laszive Göttinnen, grimmige Mörderinnen mit Sex-Appeal, als Beute und Opfer oder anatomisches Wunder. Aufhänger damals war die „#MeToo“-Debatte aus den USA, wo US-amerikanische Prominente weiblichen Geschlechts auf ihre körperlichen Ausnutzungen durch Film- und Branchenmogule, wie dem inzwischen inhaftierten Harvey Weinstein, aufmerksam machten, offen diskutierten und Namen nannten. Aus Angst lukrative Jobs zu verlieren oder erst gar nicht zu erhalten, schwiegen die meisten Frauen jahrelang, zeigten die Vorgänge innerhalb der Film- und Modelindustrie nicht strafrechtlich an.

Sex gegen Job. Sexuelle und seelische Abhängigkeiten werden auch aus Institutionen wie Kunsthochschulen und Universitäten laut.

Übergriffige Verhaltensweisen von Männern auf Frauen sind überall bekannt; sowohl am Arbeitsplatz als auch im Freundeskreis, in der Nachbarschaft und Zuhause. Insofern ist die Frage in Bezug auf die Kunstgeschichte und der wissenschaftliche und öffentliche Umgang mit der weiblichen und männlichen Sexualität von „Spiegel Online“ aus dem Jahr 2018 durchaus berechtigt: und das soll kein Sexismus sein?

In der Malerei existiert Sexismus. Auf einer viel banaleren Art als der Sexismus durch kostenfreie Pornoportale und lukrative Steuereinnahmen aufgrund von SexarbeiterInnen heute?

Ein Bild wegen seiner Nacktheit abzuhängen, wie es 2018 Sonia Boyce in einer Kunstaktion unternahm und auf die sexuelle Degradierung der Frau als Lustgespielin aufmerksam machte, ist das eine. Das mit ihrer Kunstaktion verbundene Abhängen des J.W. Waterhouse-Gemäldes „Hylas und die Nymphen“ in der Manchester Art Gallery gehört in diese Kategorie, wobei der schwülstig geschriebene Erklärtext dem Bild eine Angriffsfläche bot: „Diese Galerie präsentiert den weiblichen Körper als entweder ‚passiv-dekorativ‘ oder als ‚femme fatale‘. Lasst uns diese viktorianische Fantasie herausfordern!“ 

Dabei ist nicht das Bild das eigentliche Problem, wobei auch hier wieder Abstufungen in der Gesamtbewertung vorzunehmen sind, sondern der Text an sich. Es wird vermittelt, dass die als prüde bezeichnete viktorianische Epoche eigentlich nicht prüde war und junge Männer mit minderjährigen Mädchen Sex haben dürften und der antik-mystische Kontext nur bloße Nebensache ist. In diesem Gemälde öffnet sich der Blick, wie es tatsächlich hinter der prüden Fassade Mitte des 19. Jahrhunderts zuging. 

Doch diese Kontexte wurden nicht hinreichend untersucht. In den weltlichen Bildwelten von Rubens & Co. ging es schon heiß zur Sache. Auch in den – religiösen – Renaissance- und Barockgemälden, wo die Darstellung nackter Frauen weitestgehend nicht erlaubt war, aber von nackten Männern, männlichen Kleinkindern und Babys (sogen. Putti), kann man mit Hintergedanken erröten. Die Antike wurde neu entdeckt, ein neues Menschenbild ebenso, FKK auf dem Forum Romanum war in Marmor gemeißelt. Sind Arbeiten wie die von Michelangelo vorgenommene Ausmalung der Sixtinischen Kapelle nichts weiter als schwule Aufgeilpornos für den hohen Klerus gewesen? Oder steckt hinter der aufgeknöpften Fassade aus bloßer Haut und Fleisch nicht nur seiner Arbeiten sogar eine Kritik an Machteinfluss und Manipulation der damaligen Kirche?

Der polnisch-französische Maler Balthus (1908-2001) trieb es auf die Spitze. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass seine Nacktdarstellungen von jungen Mädchen in aufreizenden Posen eine Aufforderung bzw. Hommage an sexuellen Missbrauch von Minderjährigen ist, wie u.a. seine Darstellungen in seinen Bildern „In The Head“, „Mädchen mit Katze“ und „Therese“ suggerieren. Die NZZ titelte sogar, dass Balthus‘ Gemälde eine Bedrohung seien.

 Die Badische Zeitung schreibt über eine Pädophilen-Debatte im Zuge einer abgesagten Balthus-Ausstellung. Ein minderjähriges Modell wird in aufreizenden Posen gezeigt. Die Darstellung über Balthus Werk erinnert frappierend an Debatten über Kinderpornodarstellungen, die auf Handys und Rechnern von Prominenten und Politikern gefunden werden. Auch hier: zu Recht wird der Umgang mit Kinderpornos strafrechtlich verfolgt. Warum nicht auch in der Kunstszene? Ein hoch betagter Balthus nutzte Polaroids von minderjährigen Mädchen für seine Malerei. Natürlich sind Darstellungen wie diese inzwischen keine Freifahrtscheine für das eigens verstandene und angedichtete Genie von Künstlern. Würde heute ein Künstler so arbeiten wie Waterhouse und Balthus zu ihren Zeiten, er würde eingebuchtet. Natürlich ist das seelische und körperliche Ausbeutung, Kinder in aufreizenden Posen sowie nackt zu malen und öffentlich zur Schau zu stellen.

Menschen für das öffentliche Begaffen von sexuellen Akten gegen Geld auszubeuten, ist das andere. Gemälde, wie z.B. aus der viktorianischen Epoche, sind in einer prüden Gesellschaft hervorgegangen. Nacktheit wurde nur Männern gezeigt. Frauen wären nach damaligen Vorstellungen und Gesetzen zu kindisch und zu ungebildet und dürften nur in Begleitung eines Vormunds Kunst und Theater anschauen. Noch vor 120 Jahren galten weibliche Künstler als verdächtig verrückt zu sein. Durften sie das? Besaßen sie eine Erlaubnis? Wurden ihre Bilder in der Öffentlichkeit gezeigt? Nein. Frauen galten bis ins 20. Jahrhundert hinein entweder als Eigentum oder als Mündel ihrer männlichen Vormünder: Vater und Ehemann.

Nicht ganz. Künstlerinnen wie Artemisia Gentileschi verbanden mitunter ihrerseits Sex mit Lust und Mord. Von der italienischen Barockmalerin kennen wir nicht nur reihenweise geköpfte Männer. Vorzugsweise haben von ihr dargestellte Frauen wie Gottesanbeterinnen nach dem Sex ihre Liebhaber bzw. Peiniger und Opfer enthauptet – in Bezug auf historische Legenden, Mythen und Bibelgeschichten. Auch sie malte den weiblichen Körper als fleischliches Objekt der Begierde wie im 1633-35 entstandenen Gemälde „Cleopatra“, „Venus und Cupido“ von 1625-30 und „Bathseba“ von 1645-50. Ihre Gemälde mit fantasievollen Darstellungen von „Luctretia (Borgia)“ und „Maria Magdalena“ (bde. um 1620) verhehlen nicht einen lüsternen Blick auf den weiblichen Körper durch tief geweitete Dekolletés und entblößten Schultern und Schenkeln. Sie und wenige andere Künstlerinnen galten als Ausnahmen in einer von Männern dominierten Welt aus sexueller und psychischer Ausnutzung und Manipulation. 

Um 1900 besuchten Frauen private Malanstalten, sogenannte Damenmalschulen. Doch auch die wurden von Männern betrieben. Kunst in männlicher Diktion den Frauen beigebracht. 

Was passiert heute?

Seit die Emanzipierung der Frau sich katalysatorisch nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte, setzt in den letzten zwanzig Jahren vermehrt ein Umkehreffekt ein. Zwar haben wir Frauen in Vorständen, Politik, Wirtschaft und Kultur ganz vorn. Doch die Mehrheit von ihnen wird ausgebeutet. Die gesamte Menschheit steckt in einer gesteuerten und manipulierten Welt aus Konsum, Verschuldung und Arbeitszwang. Dazu gehört auch der Verkauf des eigenen Körpers. Wer will das ändern? 

Die geschichts- und kunstrevisionistische Debatte in der Folge der wichtigen und richtigen „#MeToo“-Bewegung verbrämt aber eins; dass die Brille der politischen Korrektheit die Diskussion um die sexuelle Ausbeutung der Frau – und nennen wir die Dinge beim Namen: auch Kindern und Jugendlichen – in hilfloses Lavieren verdreht. Weil es so schwer ist, die verkrusteten Ansichten aufzubrechen, wie Frauen in unseren Gesellschaften behandelt werden, ergeht man sich im Abhängen von Bildern, als wäre dies alles nicht geschehen. Das ist genauso gefährlich wie das Leugnen der Shoa. Der Missbrauch ist aber passiert, er ist tief in unserer Gesellschaft manifestiert. Mit dem Abhängen und Verhüllen von Bildern, dem Umstürzen von Skulpturen irgendwelcher Sklavenhändler und das Umbenennen von Straßennamen patriotischer Dichter aus dem 19. Jahrhundert verändert man die Vergangenheit nicht, schafft sie auch nicht aus der Welt und auch nicht die Zukunft wird so nachhaltig gestaltet. Solche Aktionen sind hilflos und offenbaren die Ohnmacht der Menschen, die sich in der Zange der Zwangsökonomisierung aller Lebensbereiche wiederfinden, sich nicht dagegen wehren können. 

Doch wie will man Darstellungen von nackten Männer-, Frauen- und Kinderkörpern in der Kunst einem Kind erklären, wenn der Kontext seiner Entstehung so ein schreckliches Bild der Manipulation und des Machtmissbrauchs uns Erwachsenen so offensichtlich ist, Kindern vielleicht nicht? 

Prüderie braucht es nicht, sondern Aufklärung.

Benötigen Kunstausstellungen nun, wie für Musik seit 30 Jahren auch schon gehandhabt, eine Altersbeschränkung und einen „Explizit“-Anstecker?

Vielleicht. So eine Abgrenzung würde Kunstwerke nicht reihenweise in die Giftschränke wandern lassen. Nur der Zutritt von Kindern und Jugendlichen zu expliziten Bildern im öffentlichen Raum, Galerien und Museen, dürfte nur in Begleitung von Erwachsenen erfolgen bzw. nicht statthaft sein. Dann müssten wir uns auch lasziven, pornösen und expliziten Selbstdarstellungen von Pop-Stars im Internet zuwenden, die auch Kindern frei zugänglich sind wenn sie ohne Aufsicht im Internet surfen. Altersschranke im Internet? Wer will das alles kontrollieren?

Wir sind alle unfrei. Wir sind alle manipuliert. Wir werden alle in unseren Möglichkeiten beschränkt. Wir brauchen nicht den Rückbau von Sozial- und Gesundheitssystemen. Wir brauchen auch keine Kampagne, die mit dem Finger auf wehrlose Bilder zeigt. Wir brauchen mehr Bildung, mehr Teilhabe und Inklusion in allen Bereichen. Um an dieser Stelle den Philosoph Noam Chomsky zu zitieren; die Grundrechte von Frauen haben sich v.a. in den kapitalistisch geführten Ländern erst seit 40 bis 50 Jahren grundlegend geändert. Das mag Chomsky als Fortschritt sehen. Im Sozialismus setzte die Emanzipation früher ein. Hier wurde die Debatte um die Nacktheit von Mädchen und Frauen bereits im frühen 20. Jahrhundert auf den Punkt gebracht: die sexistische Darstellungen von menschlichen Körpern sind Ausdruck dekadenten Denkens von Adel, Klerus und Bürgertum. Heute ist es nicht anders. Nur dass alle Gesellschaftsgruppen betroffen sind.

Mehr Informationen rund um die Ausstellung „Making History“ in der Hamburger Kunsthalle:

https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/making-history

Flügellahmes Genie – Warum Leonardo seine Gemälde nicht vollendet haben will

Von Daniel Thalheim

Anfang Mai 2019 wurde ein Artikel im „Journal of the Royal Society Of Medicine“ veröffentlicht, der die Fachwelt erstaunen lassen könnte. Mit dem Beitrag gelingt es Medizinern, einen Einblick in die letzte Schaffensperiode des Renaissance-Allrounders zu schaffen. Das Genie war in seinen letzten Lebensjahren „flügellahm“. 

Über Gerüchte und Mutmaßungen zu Leonardos Krankheit

Davide Lazzeri ist Arzt für plastische und ästhetische Chirurgie in der Villa Salaria Klink in Rom. Carlo Rossi ist Neurologe im Hospital von Pontedera. Beide Fachleute veröffentlichten Anfang Mai einen Beitrag, dass offenbar Leonardo da Vincis rechter Arm gelähmt gewesen sein muss. Ist diese Lähmung ein Grund dafür, dass der Universalkünstler Linkshänder war? Und wie kommen beide Experten darauf, dass Leonardo ein Handicap hatte?

Dieser Ferndiagnose geht eine lange Diskussion in der Fachwelt voraus; war Leonardo ein Linkshänder oder nicht? Analysen ergeben, dass er Linkshänder gewesen sein muss. Seine künstlerischen Techniken, die Ausführungen seiner Pinselstriche, lassen den Schluss zu. So wurde es zumindest  in einem 2004 erschienenen Buch über die Händigkeit von Leonardo da Vinci formuliert. Es gibt aber auch Hinweise, dass das hochbegabte Multitalent Zeichnungen und Gemälde mit Rechts ausgeführt hat. So untersuchte es zumindest Kenneth Clark an den Zeichnungen Leonardos, die im Besitz des englischen Königshaus sind. Auch Alessandro Vezzosi ist der Meinung, dass Leonardo die meisten seiner Arbeiten mit Rechts ausgeführt hat, seine Spiegelschrift jedoch mit Links. Es wird spekuliert, Leonardo habe in seinen letzten Lebensjahren unter Morbus Dupuytren gelitten. Einer Krankheit, die schleichend über mehrere Jahre erfolgt und zu Einschränkungen der Finger- und Fingermittelgelenke aufgrund von Verhärtungen in den Muskelsträngen führt. Auslöser können Leberschädigungen durch Alkoholmissbrauch und Diabetes sein. Doch der Maestro lebte streng asketisch. Dass Leonardos Vegetarismus Auslöser für eine „Flügellähmung“ sein könnte, gilt als unbewiesen und wenig glaubhaft.

Was Augenzeugen und Bildmaterial über Leonardos Gesundheitszustand sagen

Während eines 1517 erfolgten Besuchs in da Vincis Zuhause des persönlichen Assistenten des Kardinals Luigi d’Aragona, Antonio de Beatis, verfasste dieser einen detaillierten Bericht in seinem Tagebuch. Nachdem Leonardo den Besuchern drei seiner Meisterwerke, zeigte, notierte Beatis, dass er von Leonardo keine gute Arbeit mehr erwarten würde. Denn der Maestro habe eine verkrüppelte Hand. Gezeigt wurden ein Gemälde von einer Florentiner Dame im Auftrag des Magnifico Giuliano de`Medici, den vollendeten Johannes der Täufer und eines von Mutter Gottes und Sohn, die beide auf dem Schoß der heiligen Anna sitzen. Beatis schätzte ein, dass Leonardo nicht mehr in der Süßheit Gemälde schaffen könnte, wie man es von ihm der Vergangenheit gewohnt war. Aber er könne immerhin seine Schüler instruieren, wie seine Vorstellung von einem Gemälde umgesetzt werden könne. Diese Information und zwei Zeichnungen könnten die Forschungen zu Leonardos Werkstattbetrieb in seinen Ursachen und Wirkungen neu anschieben, wenn auch vieles von Leonardos gebrechen bereits bekannt ist. Dazu gehört auch der Besuch von Antonio de Beatis 1517 und seinen Notizen. Doch die zeichnerischen Beweise auf Leonardos Handicap scheinen etwas weit hergeholt. 

Als Beweis soll ein stilisiertes Porträt Leonardos von einem dem in Mailand lebenden lombardischen Künstler Giovan Ambrogio Figino (1548-1608) dienen, das weit nach Leonardos Tod geschaffen wurde und dessen zeichnerische Vorlage wahrscheinlich noch unbekannt ist. Es zeigt einen Leonardo wie wir ihn von der 1510-1515 mutmaßlich entstandenen Rötelzeichnung Kopf eines bärtigen Mannes (sog. Selbstbildnis) kennen. Aus seinem Gewand ragt die rechte Hand hervor, die, und deren Finger, steif erscheint. Die Fachleute Lazzeri und Rossi meinen, diese Lähmung käme nicht von einem gemeinhin angenommenen Schlaganfall, sondern eine sogenannte Ulinarislähmung. Diese auch als „Radfahrerlähmung“ bekannte Krallenhand führt auf eine Beschädigung des Ellenbogens zurück, kann aber auch auf eine Nervenwurzelschädigung der achten Halsnervenwurzel zurückzuführen sein.

In einer Inschrift auf der Rückseite der Zeichnung ist von einer Marmorbüste die Rede, die von Leonardo existiert haben soll. Aber bislang lässt sich diese Angabe nicht nachweisen. Eine Büste ist bisher völlig unbekannt und nicht verifizierbar, von wem sie stammt. Aber auf der Rückseite des Papiers steht der Hinweis, dass die Zeichnung nach einem Abbild Leonardos geschaffen wurde. Im Raum steht, wie und wann Leonardo konkret mit der rechten oder mit der linken Hand seine Arbeiten ausführte. De Beatis ging davon aus, Leonardo würde seine Tätigkeit mit der rechten Hand ausführen. Aufgrund von Untersuchungen seiner Zeichnungen und Handschriften gehen viele Fachleute von einer Linkshändigkeit des Künstlers aus. Das erklärt allerdings nicht die angeblich unvollendeten Gemälde. Hätte Leonardo seine Arbeiten mit der linken Hand ausgeführt, hätte er sich die Zureichung von Farben aus der Malerpalette assistieren lassen können oder hätte diese Zureichung links liegend vor sich selbst getätigt. Unberücksichtigt ist aber auch der Umstand, dass Leonardo nicht mehr freihändig seine Arbeiten ausführte, sondern einen Malerstab zu Hilfe nahm, die zwischen Achselhöhle und Körper eingeklemmt bedenkenlos über die rechte Hand hätte geführt werden können. Fakt ist aber, dass seine Produktivität mit zunehmendem Alter nachließ, aber durchaus mit Hilfe seiner Assistenten durchaus in der Lage war, Werke zu vollenden. Warum hätte er 1517 einem Assistenten eines Kardinals sonst gezeigt? Sicher nicht um zu prahlen, sondern um neue Aufträge für sich und seine Werkstatt zu erhalten. Sicher auch um vorzuführen, dass er trotz seiner bekannten Behinderung und dem Reden darüber in der Lage war, Gemälde von Brillanz und Vollkommenheit zu schaffen.

Leonardo – Das Buch zum Genie

In den vergangenen Jahren stand Leonardo Da Vinci hoch im Kurs der Kunsthistoriker. Neben den Monografien von Frank Zöllner haben Leonardo-Liebhaber auch die Biografien von Martin Kemp und Georg Nicholl auf dem Plan. Doch um Vollständigkeit, Recherche- und Quellensicherheit schlägt niemand Frank Zöllner.

Die Coverabbildung der Leonardo-Jubiläumsausgabe (Foto: TASCHEN 2019)
Die Coverabbildung der Leonardo-Jubiläumsausgabe (Foto: TASCHEN 2019)

Der Kunsthistoriker, der an der Universität Leipzig Seminare und Vorlesungen zum Jahrtausendgenie abhält und wie kein anderer mit Geist und Humor die Studierenden in die Welt der Renaissance einführt, hat im TASCHEN Verlag seit über 20 Jahren Schriften über Leonardo publiziert. Angefangen in der Kleinen Taschenbuchreihe hin zu den dicken Sonderausgaben bis zur Jubiläumsausgabe 2019. Was die diesjährige Publikation so einzigartig macht ist das Vorwort. Anders als in den vorangehenden Büchern beschäftigt sich Zöllner mit der Herkunft, der Restaurierung und Verbleib des nunmehr wieder vermissten „Salvator Mundi“. 

Es ist jenes Bild, das wie der Künstler selbst, ein Mysterium erscheint. Zöllner umreißt mit seiner lebendigen Erzählsprache den Entstehungszeitrahmen des „Salvators“ und das persönliche Umfeld des Meisters aus Florenz. Es gibt unterschiedliche Fassungen des Motivs, worauf Christus als Erlöser mit dem Segensgestus abgebildet ist, ikonographisch eng mit der Entstehung der Renaissance verbunden. Der Kunsthistoriker verweist auf eine Entstehungsgeschichte des „Salvators“, ausgehend von ersten Skizzen, bis hin zu Abwandlungen des Christusporträts. Zöllner zweifelt nicht an, dass der Entwurf des 2017 in London an einen saudisch-arabischen Kronprinzen auf Skizzen Leonardos zurückgehen. Problematisch sieht er die Auslegung, das 2017 versteigerte Gemälde sei vollständig aus Leonardos Hand entstanden. Kritisch steht er der lückenhaften Provenienz gegenüber, aber auch gegenüber mehreren Restaurierungsversuchen, die das ursprüngliche Gemälde nahezu vollständig überformt hatten.Frank Zöllner belegt seine Thesen mit einer Fülle an Bildmaterial und -vergleichen, Ableitungen aus dem religiösen Gebrauch dieses Motivs in der religiösen Buchmalerei. Schon wegen des Vorwortes allein, ist der neue Band anschaffenswert. Auch diejenigen Leonardo-Jünger unter den Kunstbegeisterten, die bereits alle Publikationen von Frank Zöllner besitzen, sollten bei dieser Ausgabe zugreifen. 

Doch wer weiß, vielleicht wird bald noch eine aktualisierte Ausgabe seines zeichnerischen Werkes erscheinen. Denn in London ist Anfang Mai 2019 eine Skizze aufgetaucht, die künftig im Buckingham-Palast ausgestellt werden soll. Angeblich sei die Zeichnung mit dem Antlitz eines älteren bärtigen Mannes aus der Hand eines unbekannten Schülers Leonardos stammen, der Porträtierte soll Leonardo selbst darstellen.

Leonardo – Sämtliche Gemälde und Zeichnungen / Da Vinci im Detail – Jubiläumsausgabe zum 500. Todestag

703 Seiten

40 EUR

Beitragsbild oben: Litt Leonardo am „Radfahrerarm“? – Neue Forschungen werfen ein neues Licht auf Leonardos Gesundheit (Foto: TASCHEN 2019/Presse)

Weiteres zum Nachlesen Online:

The right hand palsy of Leonardo da Vinci (1452–1519): new insights on the occasion of the 500th anniversary of his death

Das Rätsel um Leonardo da Vincis rechte Hand

Flohmarktfund – Verschollen geglaubter Dürer-Stich wiederentdeckt

Die Wirren des Zweiten Weltkrieges reichen bis in die heutige Zeit hinein. Wie die Staatsgalerie Stuttgart Ende Juli 2016 mitteilte, gelangte ein als Kriegsverlust verschollen geglaubtes Werk von Albrecht Dürer wieder an seinen alten Ausstellungsort zurück. Vermutlich kam es während des Krieges in Privatbesitz und tauchte nun als Flohmarktfundstück wieder auf.

Die Rückseite des Blattes von Albrecht Dürer ("Maria mit dem Kind, von einem Engel bekrönt") mit dem Stempel des Königlichen Kupferstichkabinetts Stuttgart
Die Rückseite des Blattes von Albrecht Dürer („Maria mit dem Kind, von einem Engel bekrönt“) mit dem Stempel des Königlichen Kupferstichkabinetts Stuttgart (Foto: Staatsgalerie Stuttgart / PR)

Man muss bei Gemälden und Grafiken eben auch auf die Rückseite schauen. Die Hinteransichten der Kunstwerke erzählen, anders als ihre Vorderseiten, eine ebenso aufschlussreiche Geschichte – nämlich die einer Zeitreise. Oftmals sind Stempel, Siegel, Notizen mit Anmerkungen und Zollangaben aussagekräftig über den Besitzer, der das Bild besaß und die Reisen, welches ein Kunstwerk unternahm. Kunsthistoriker, die sich ausschließlich mit dem Entdecken von diesen Geschichten beschäftigen, nennt man Provenienzforscher. Sie lesen die Rückseiten der Bilder und decken so ihre Geschichten auf. Manchmal gelingt bei den Recherchen zu diesen Storys, wo das Bild mal war und wem es gehörte, auch mal ein Glücksgriff. Ende Juli vermeldete die Stuttgarter Staatsgalerie einen Überraschungsfund. Zu dem Museum in der baden-württembergischen Landeshauptstadt kehrt ein Kupferstich von Albrecht Dürer zurück. Ein elsässischer Sammler kaufte auf einen Flohmarkt in Sarrebourg (Lothringen) das Werk „Maria, von einem Engel gekrönt“ von Albrecht Dürer (1471-1528).

Albrecht Dürer, Maria, von einem Engel gekrönt, 1520, Kupferstich, Blatt: 13,3 x 10,3 cm, Staatsgalerie Stuttgart
Albrecht Dürer, Maria, von einem Engel gekrönt, 1520, Kupferstich, Blatt: 13,3 x 10,3 cm, Staatsgalerie Stuttgart (Foto: Staatsgalerie Stuttgart / PR)

Der Finder schenkte es der Grafischen Sammlung der Staatsgalerie. Das auf das Jahr 1520 datierte Blatt wird in der Datenbank »Lost-Art« des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste ist das Werk als Kriegsverlust aufgeführt. Das Museum vermutet, dass das Bild bereits an seinem Auslagerungsort in der französischen Besatzungszone nach Kriegsende 1945 gestohlen wurde – ein Schicksal, das viele Kunstwerke aus Museums- und Privatsammlungsbeständen während der Kriegswirren miteinander teilen.
Prof. Dr. Christiane Lange ist voll des Lobes für den fachkundigen und ehrlichen Finder: „Wir sind sehr dankbar, dass das Blatt nach über 70 Jahren in die Hände eines Kunstliebhabers kam, der seinen wertvollen Fund nicht für sich behielt, sondern der Öffentlichkeit zurückgibt.“
Wie der Kurator der Graphischen Sammlung Dr. Hans-Martin Kaulbach bestätigt, „ist das Blatt in einem sehr guten Zustand, sogar das originale Passepartout der Graphischen Sammlung ist noch vorhanden“.
Der wiedergefundene Kupferstich mit der hoheitsvollen Mutter Gottes ergänzt eine Reihe von 15 Kupferstichen mit der Darstellung der Maria und dem Jesuskind von Albrecht Dürer, die er zu verschiedenen Zeiten schuf. Der Bestand an Druckgraphik von Albrecht Dürer in der Stuttgarter Graphischen Sammlung umfasst mit 250 Werken alle Schaffensphasen, Themen und Techniken des außergewöhnlichen Künstlers. Es sind von seinen frühesten Kupferstichen bis hin zu seinen bekanntesten Folgen wie die der »Apokalypse« und die drei Folgen der »Passion« Exemplare in höchster Druckqualität vorhanden.