Politische Scherenschnitte – Wie sich Ai Weiwei von Deutschland verabschiedet

Daniel Thalheim

 

Die Berliner Republik war für den chinesischen Künstler eine Zuflucht von dem autoritären Regime in China. Seine Abkehr von Deutschland ist, wie seine Abkehr von China, mit harscher Kritik verbunden. Den Menschen hierzulande fehle es an Respekt für abweichende Meinungen. Deutschlands Kultur sei nicht integrativ, sondern abgrenzend. Intoleranz durch die chinesische Regierung trieb ihn nach Berlin. Nun bewegt Ai Weiwei sich durch eine vermeintlich wahrgenommene Intoleranz aus Berlin weg. Dass Kunst politisches Statement ist, stellt auch sein neues Buch „Papercuts“ heraus.

Warum Kunst politisch ist und immer sein wird

Als Ai Weiwei 2008 das Peking Olympic Center zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entwarf, hatte der Künstler ein Vogelnest als Chinas Symbol für eine wachsende Supermacht im Sinn. Vor dem Hintergrund der staatlich und behördlich gelenkten Unterdrückungsinstrumente, den zahlreichen Verstößen der Menschenrechte und gegen das Zusammenleben in der Zivilgemeinschaft wurde Ai Weiweis Auge der Gerechtigkeit geöffnet. Gerade im Hinblick auf die Eröffnung mit seinem totalitär anzusehenden Instrumentarium wurde dem Künstler klar, dass all die Moderne in China nur instrumentalisierter Schießbudenzauber ist, Sand in die Augen der internationalen Öffentlichkeit. Ai Wei Wei sah sich plötzlich selbst für eine Politik intrumentalisiert wofür er gar nicht steht. Von ihm stammt auch die Aussage, dass Kunst immer politisch sei. Wer etwas anderes behaupte, dürfte sich generell als Unbeteiligter im gesellschaftlichen und politischen Geschehen sehen, als Außenseiter betrachtet werden und damit auch nicht diskurs-, konsens- und gesellschaftsfähig. Es mutet daher seltsam an, dass gerade im 30. Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution von 1989, die ihren Ausgangspunkt unbedingt in Leipzig hat, wo bereits auch zehn Jahre zuvor die Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ eine zentrale Bedeutung inne hatte, ein Grüpplein von Vorstandsmitgliedern des Vereins der Leipziger Jahresausstellung und ein Künstler, der auf Facebook pro AfD politisiert, ihr Schaffen und ihre Kunst als nicht politisch intendiert ansehen. Ai Weiwei würde angesichts dieser Vogelstrauß-Taktik mit dem Kopf schütteln und von „typisch deutsch“ reden. Als typisch deutsch gilt heutzutage als salonfähig, wer sich selbst als unpolitisch definiert, aber Menschen anderer Herkunft als man selbst, anderen kulturellen Hintergründen als eine schweigende Mehrheit, sie und ihre Meinungen ausgrenzt, diffamiert und zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren versucht.  Gerade das Erstarken der AfD mit seinem schwarzbraunen Außenflügel ist vor diesem Hintergrund zu betrachten. Die AfD steht für eine Abschaffung der Erbschafts- und Vermögenssteuer, Kürzung von Sozialbezügen – auch ALG II und Hartz IV genannt, Kürzungen von Renten. Zudem möchte die AfD als zutiefst elitäre Partei einen einheitlichen Einkommenssteuersatz, für Niedriglohnempfänger und für Manager. Dieser tief in der deutschen Gesellschaft eingeschriebene Habitus von Ausgrenzung und Machtgefühl äußert sich in Wutwahlen, wo sich in Opferrollen sehende Menschen ihre eigenen Täter wählen und sich so auf die Schlachtbank der Geschichte führen lassen. Die Schuld haben für sie immer die anderen – in diesem Fall die Politiker, Migranten, Hartz-IV-Empfänger. Die AfD nutzt geschickt Vorurteile, Vorbehalte, Ignoranz und Intoleranz, um mit diesen Attributen Wählerstimmen einzusacken. Man kann in dieser Gemengelage Ai Weiwei verstehen, dass er Deutschland verlassen will. Man kann ihn auch aus künstlerischer Sicht verstehen. Zurzeit hat kein deutscher Künstler eine politische Aussage in seinen Bildern und Kunstwerken, die eine Position zu den herrschenden Verhältnissen einnimmt. Warum soll sich ausgerechnet er hierzulande mit einer künstlerischen Aussage einmischen?

Ab sofort im Handel - Papercuts von Ai Weiwei (Bild: TASCHEN 2019)
Ab sofort im Handel – Papercuts von Ai Weiwei (Bild: TASCHEN 2019)

Paper Cuts – ein Kunstbuch voller politischer Brisanz

Wenn auch Ai Weiwei in dem neuen limitierten Portfolio über sein bisheriges Leben und Werk durch die traditionelle chinesische Kunst des Scherenschnitts reflektiert, so sind sie voll politischer Aussagekraft. Jedes der acht großformatigen Blätter ist aus hochwertigem, rot eingefärbtem Fine-Art-Papier gefertigt. Jedes Blatt behandelt entscheidende Stationen aus Ai Weiweis Biografie. Von seiner Zeit in New York in den Achtzigerjahren über seine Auseinandersetzung mit chinesischem Kunsthandwerk in Peking in den Neunzigern bis hin zum politischen Aktivismus in den jüngsten Arbeiten – The Papercut Portfolio präsentiert Ai Weiweis ganz persönlichen Rückblick in einem außergewöhnlichen Format. Der Künstler bedient sich einer alten chinesischen Kunstform, die seit über 2000 Jahren in China praktiziert wird: der Scherenschnitt. Diese künstlerische Technik hat auch in Europa eine tiefe Verwurzelung. Dass Ai Weiwei uns diese Wurzeln vor Augen führt, sie mit politischen Aussagen füllt und uns in chinesischem Rot präsentiert, müsste unsere Augen wiederum öffnen. Vielleicht ist „Paper Cuts“ der Fußtritt, den die deutsche Kunstwelt endlich braucht, um aus dem Apero-Gedöns und Kunstmarktgeschwätz von Kapitalanlegern aufzuwachen. Denn mittlerweile legen sich Künstler, um nicht anzuecken, selbstzensorisch die rosa Brille auf, flüchten in symbolistischen Parallelwelten aus denen es schwer ist, zu entfliehen. „Papercuts“ ist auch in wirtschaftlicher Perspektive eine Aussage. Zieht den Leuten, die zu viel von allem besitzen, richtig viel aus den Taschen. 14.500 EUR kostet eines dieser Drucksammlungen. Richtig so! Weitermachen.

Anlässlich des Charlottenwalks werden am Freitag, 27. September, von 18 bis 21 Uhr im TASCHEN Store Berlin zur Ausstellungseröffnung Ai Weiwei. The Papercut Portfolio diese Scherenschnitte gezeigt.

 

Ai Weiweis Papercuts

Collector’s Edition, 250 Exemplare. Das Portfolio enthält acht jeweils von Ai Weiwei signierte Scherenschnitte mit beigelegten Erläuterungen zu den Motiven.

Ai Weiwei

Portfolio mit acht Scherenschnitten, jeweils von Ai Weiwei signiert, 60 x 60 cm, in einer Schlagkassette mit rotem Leineneinband

Walter Spies – Über einen Aussteiger, der Südostasien seinen Stempel aufdrückte

Von Daniel Thalheim

 

Der Hirmer Verlag dürfte erste Anlaufstelle für die kunstbegeisterten Buchmessebesucher in Leipzig sein. Denn in diesem Frühjahr bietet der Verlag mit Sitz in München mit einer Veröffentlichung über den deutschen Symbolisten der naiven Malerei Walter Spies (1885-1942) eine besonders interessante Biografie. Mit „Walter Spies – ein exotisches Leben“ zeichnet der Autor Michael Schindhelm das Bild von einem Künstler, der auszog, die Freiheit lieben zu lernen. Walter Spies stammte von einer in Russland ansässigen deutschen Kaufmannsfamilie ab, der nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland lebte. 1923 reiste Walter Spies nach Java, dann nach Bali. Dort reformierte er die balinesische Malerei.

Erscheint im Frühjahr 2018 bei Hirmer: Genie, Legende, Geheimtipp: der Maler und Musiker Walter Spies Der letzte Zeuge des »glücklichen Tropenparadieses« Bali Das Leben des virtuosen Lebenskünstlers, vorgestellt vom erfolgreichen Autor Michael Schindhelm. (Foto: Hirmer/ Presse 2018)
Erscheint im Frühjahr 2018 bei Hirmer: Genie, Legende, Geheimtipp: der Maler und Musiker Walter Spies Der letzte Zeuge des »glücklichen Tropenparadieses« Bali Das Leben des virtuosen Lebenskünstlers, vorgestellt vom erfolgreichen Autor Michael Schindhelm. (Foto: Hirmer/ Presse 2018)

Sein Förderer war der balinesische Fürst Cocorde Gede Agung Sukawati. In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Haus von Walter Spies zu einem kulturellen Zentrum. Als Deutscher wurde er während des Zweiten Weltkriegs interniert und starb auf einer Überfahrt nach Ceylon auf einem, von einer japanischen Fliegerbombe getroffenen, Gefangenenschiff. Der Autor der wunderbar lesbaren Biografie, Michael Schindhelm, zeichnet ein vielschichtiges Charakterbild eines Freigeists und Kunstliebhabers, der in Südostasien die Freiheit genießen konnte, die er in Deutschland nicht fand. Angefangen von Walter Spies‘ wohlbehüteten Kindheit im zaristischen Russland bis zur Revolutionszeit bis zu seinem Aufenthalt in Dresden, von seiner Überfahrt bis zu den Wirren des 2. Weltkriegs und seinem viel zu frühen Tod, taucht der Leser in die lebensbejahende Welt des Künstlers ein. Dem Autor gelingt es, den Leser mit seiner literarischen Sprache und den gekonnt miteinander verflochtenen Ereignissen und Geschichten aus dem Leben von Walter Spies in den Bann zu ziehen – unterhaltsam und fesselnd.

Michael Schindhelm (*1960) ist Theaterindendant und Autor. Er verfolgt den Weg von Walter Spies nach Bali, wagt aber immer wieder kleine Rückblicke nach Deutschland, wo der Künstler in Kontakt mit den Künstlern in Dresden-Hellerau stand. Michael Schindhelm fügt auf 240 Seiten eine Biografie aus bereits erschienener Literatur, aus eigenen Recherchen, Reisen und aus Anekdoten zusammen. Sie dürfte wohl Ausgang sein für eine intensivere kunstgeschichtliche Auseinandersetzung sein. Denn in Deutschland ist der Maler wenig bekannt, dafür umso mehr im südostasiatischen Raum. Seine Bilder sind ebenso wenig in den öffentlichen Sammlungen vertreten. Er verkaufte seine Werke direkt an seine Besucher auf Bali und befinden sich auch deswegen vorrangig noch in Privatbesitz. Michael Schindhelm liest aus der Biografie am 18. März im Literaturcafé um 13.30 Uhr in der Halle 4. Im Museum der Bildenden Künste kann seine Lesung bereits am 17. März um 19 Uhr verfolgt werden.

 

Zum Ausstellerprogramm der Leipziger Buchmesse

Genie, Legende, Geheimtipp: der Maler und Musiker Walter Spies

Der letzte Zeuge des »glücklichen Tropenparadieses« BaliDas Leben des virtuosen Lebenskünstlers, vorgestellt vom erfolgreichen Autor Michael Schindhelm

19,90 € [D] | 20,50 € [A] | 25,30 SFR [CH]

Wende im Westwerk: Verschlingt Kommerz die Kunst?

Heiligenfigur von Messieurs Demotte
Heiligenfigur von Messieurs Demotte „Trisomic JC ist not a Superstar“ in einer Westpol-Ausstellung von 2016, 2016 (Foto: ARTEFAKTE 2016)

2007 entstand auf dem 16.000 m²-Gelände des ehemaligen VEB Industrieamaturenwerkes vom Leipziger Designer und Kaufmann Falk Röhner das „Westwerk“ als Kunst- und Kulturzentrum im Leipziger Westen. Nach der Zeit des Leerstands und der partiellen industriell genutzten Zwischenlösungen seit Mitte der Neunzigerjahre fanden in der „Industriekathedrale“ des sogenannten Neuen Bauens Künstler, Offspaces und Kulturveranstaltungen verschiedenster Ausrichtungen ihre Heimat.

Steht das Westwerk vor dem Aus als Kulturzentrum im Leipziger Westen?

2017 ist es nach Ansicht vieler Betroffenen mit dem Kulturaushängeschild vorbei. Das Verwittern begann nicht plötzlich, wie es mit dem einvernehmlichen Auszug des Off Space „Westpol“ den Anschein hatte. Mehreren Künstlern, die auf der oberen Ebene arbeiteten, erging es genauso. Einige Jahre zuvor verlor die „essential existence gallery“ ihr Domizil. Am 25. Januar dieses Jahres verkündete das „sublab“ sein Aus im Westwerk.

Im Zusammenhang der nun erfolgten Kündigungswelle erschien eine Initiative auf dem Plan, die gegen die Umwandlung Kritik übt. Das Weblog „Der Westen wehrt sich“ startet einen Aufruf, sich gegen das Vorhaben den Privateigentümers des Westwerks zu wehren, aus dem Kunst- und Kulturort ein Einkaufszentrum mit Parkhaus zu schaffen.

Was im vergangenen Jahr begann, geht nun in eine weitere Runde. „Auch alle anderen NutzerInnen wurden mit drastischen Kostenerhöhungen konfrontiert“, heißt es auf der Aufruf-Seite. „Der Hackerspace SubLab und andere Mietparteien fühlen sich um ihre Räumlichkeiten bedroht.“
Außerdem soll der Einzug der Leipziger Einkaufsmarktkette „Konsum“ im Gespräch sein. Der Parkplatz hinter dem A-Eingang soll ein Parkhaus werden. Das Vorhaben wäre aus Sicht der Westwerk-Intiativgruppe das Standort-Aus für den dort ansässigen Spätverkauf. „Die Umnutzung des Westwerks von einem einzigartigen Kulturraum zu einem schnöden Kommerzzentrum, ist Teil der besorgniserregenden Entwicklung in Plagwitz & Lindenau: Die Wohnungspreise explodieren und diejenigen die einst den Mythos Hypezig erschaffen haben, können sich nun die Wohn- und Arbeitsräume nicht mehr leisten“, kritisiert die bunt gemischte Gruppe von Menschen, die sich gegen diese Entwicklung wehren will.

Mit dieser Entwicklung verlöre das Westwerk seinen Ruf als Kunst- und Kulturzentrum, könnte man mutmaßen. Anstatt im Laufe der vergangenen zehn Jahre gemeinsam mit Galeristen und Kunstschaffenden den Standort weiter zu entwickeln, würde mit den Kündigungen ein unangenehm empfundener Schnitt unternommen.

Peter Sterzing, Verwalter des Westwerks, sieht die Lage nicht so drastisch, wie sie von den Gekündigten und den Initiatoren „Der Westen wehrt sich“ geschildert wird. In einem am 24. Januar in der Online-Version der Leipziger Volkszeitung erschienenen Interview, bekräftigt der Westwerk-Verwalter, dass nur zehn von einhundert Mietern gekündigt wurde. Die Umstrukturierung sei auch notwendig, um die frei werdenden Flächen sanieren zu können. Denn, so müsse man auch wissen, viele der Mieter, brauchten in der Vergangenheit keine Miete zu zahlen. Eine so große Halle, wie der Westpol sie genutzt hatte, brauche auch langfristig einen Mieter, der sie bezahlen könne, so Sterzing weiter im LVZ-Interview. Er verneint den Einzug einer Billardhalle und konkrete Pläne mit der Leipziger Einkaufsmarktkette „Konsum“ sowie die Errichtung eines Parkhauses. Lediglich eine weitere Parkebene sei als Idee formuliert worden. Auch stünden die Ohren seitens des Verwalters für Vorschläge von Künstlern und Kulturschaffenden offen, um, wie er immer wieder bekräftigt, die Vielfalt und Durchmischung des Kunstzentrums zu erhalten. Die Spinnerei besäße ein Callcenter und mehrere kommerziell arbeitende Galerien als Basisfinanzierer, die Betreiber des Felsenkellers holen einen Supermarkt ins Boot, um weiterhin Kulturveranstaltungen leisten zu können, führt Sterzing im LVZ-Interview als Beispiele, wie ein Kulturzentrum weiter geführt kann, ohne komplett einzugehen, an. Dies bekräftigte er im Oktober 2016 auch gegenüber Artefakte im Zusammenhang mit dem Westpol-Auszug.

„Konsum“ kommt – nur wann ist noch ein vages Ziel

Peter Sterzing sagt auch im LVZ-Interview, dass noch keine konkreten Verträge und Absprachen mit künftigen Neumietern existieren. Dass tatsächlich Gespräche, zumindest mit dem „Konsum“-Vorstand, im Gange sind, bestätigt Abteilungsleiter der Marketingkommunikation Konsum Leipzig, Matthias Benz, auf schriftliche Anfrage von Artefakte. „Ja, es laufen Gespräche zur Errichtung einer Konsum Leipzig Filiale im Westwerk Komplex“, heißt es von ihm am 26. Januar. Seit einem Jahr finden die Gespräche darüber statt, dass die Leipziger Einkaufskette in das Westwerk einziehen kann. Die Idee, so Benz, wurde und wird gemeinsam mit den Westwerk-Betreibern entwickelt.

Wo der „Konsum“ einziehen wird, stehe bereits fest. „Sollte es zu einer Filiale kommen, so wird sich diese im Erdgeschoss befinden.“ Doch weder zu einem Zeitfenster, wann der Einzug soweit ist, noch zu den Kosten lässt sich gegenwärtig etwas sagen, teilt der Abteilungsleiter der Konsum-Marketingkommunikation weiterhin mit. Auch Pläne und Bauanträge lägen noch nicht vor.

Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Konsumgenossenschaft Leipzig eG im Jahr 1884 als „Consum-Verein zu Plagwitz und Umgebend“ in unmittelbarer Nähe zum heutigen Westwerk gegründet wurde und eine tiefe Historie dort und in Plagwitz im Allgemeinen besitzt. „So stand es für uns nie zur Diskussion, die Gebäude der Konsumzentrale zu verlassen, obwohl der Konsum Leipzig heute nur noch einen kleinen Teil des Komplexes besetzt. Weiterhin haben wir uns von der Festwiese als Austragungsort unseres Sommerfestes verabschiedet und besinnen uns auch hier auf unsere Herkunft, indem das Fest nun auf dem Innenhof der Konsumzentrale veranstaltet wird. Darüber hinaus pflegen wir u.a. eine enge Kooperation mit dem Verein Wasser-Stadt-Leipzig e.V., welcher am Karl-Heine-Kanal in Plagwitz verortet ist.“

Der neu hinzukommende Standort im Westwerk würde demzufolge auch den Teil der kulturellen und wirtschaftlichen Geschichte, die der „Konsum“ seit 133 Jahren v.a. auch im Leipziger Westen mitträgt und gestaltet, weiterschreiben. „Dass wir bei den Gesprächen zur weiteren Nutzung berücksichtigt werden, freut uns sehr und bestätigt uns in unserer Verbundenheit zu diesem traditionsreichen Stadtteil.“

Zusammenfassung: Zehn von einhundert Mietern wurden die Mietverträge im Westwerk gekündigt. Vornehmlich betrifft die Kündigungswelle die Mieter der obersten Etage, wozu u.a. das Westpol und das sublab-Space gehörten. Die Westwerk-Betreiber wollen das Gebäude Stück für Stück sanieren, wozu aus ihrer Sicht die Kündigungen unumgänglich seien. Man kann zunächst nur darüber spekulieren, dass später auch anderen Mietern gekündigt wird. Doch möchten die Betreiber Kunst- und Kulturschaffende im Westwerk halten. Doch sie müssten, wenn sie dies nicht ohnehin schon machen, Miete zahlen, oder sich zumindest Mieterhöhungen leisten können. Dass ein riesiger Komplex wie das Westwerk auch dauerhaft finanziert werden muss, fordert auch Verständnis für die Situation der Westwerk-Betreiber ab und den Schritt, den sie soeben unternehmen. Denn wäre dies nicht der Fall, stünde der Gesamtkomplex als Kunst- und Kulturzentrum sicherlich vor dem Aus. Das will sicherlich keiner. 

 


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„Ich versuche, nicht mit dem Spielen aufzuhören“ – Die Malerin Theodora Kokhodze

Theodora Kokhodze ist kein Name, den man mit der Leipziger Kunstszene assoziiert. Dennoch war die Georgierin 2014 in Leipzig, und sie weilt erneut hier. Grund für ihren ersten Aufenthalt war das Residenzenprogramm der „Pilotenkueche“ auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei. Die Geschichte von Theodora Kokhodze ist auch die Geschichte einer jungen Frau, die sich künstlerisch noch finden möchte und 2015 wieder in der Messestadt zu Gast war.

„Leipzig ist nicht mein Geburtsort, nicht meine Heimatstadt, aber das befremdlichste war, das ich während meiner zeit hier nie als Fremde gefühlt habe“, sagt die 1991 in Tiflis geborene Künstlerin. Aktuell wohnt die Gewinnerin der „Bienal Internacional de Arte Infantil y Juvenil. 2001“ nach ihrem Aufenthalt in Tiflis wieder in Leipzig. Was sie am meisten an Leipzig erstaunt, ist die Schnelligkeit der Stadt. Sie sagt, dass man den Rhythmus und Puls förmlich spüren kann. Auf die Malerin wirkt Leipzig etwas „paradox“, weil die Pleißemetropole ihrer Meinung nach gleichzeitig groß wie auch klein wirkt. „Die Stadt ist kein neues Berlin“, stellt sie fest, „Leipzig ist was ganz anderes, eher ein großer privater Ort.“

Die Messestadt hinterlässt für sie noch andere Eindrücke, wie die Ruhe, die Leipzig auf sie ausstrahlt. „Egal wie erschöpft man am Abend ist, hier gibt es immer etwas, das einen spüren und lebendig fühlen lässt.“

Die „Spinnerei“ nimmt Theodora Kokhodze als riesige Plattform für Künstler wahr. Das Gelände selbst hinterlässt einen großen Eindruck auf die. „Zuerst war ich ein wenig erschrocken über die Ausmaße der Architektur, aber gleichzeitig war ich ziemlich stimuliert. Bald aber fühlte ich, dass dies der richtige Ort für mich ist – ein industrieller Raum mit Stahlträgern und all den Emotionen, die in diesen Gebäuden innewohnen, …“

Die Teilnahme am Residenzenprogramm der PilotenKueche stellt für die junge Malerin eine große Chance dar. Sie sagt: „Für mich ist es wichtig, andere Künstler kennenzulernen, vor allem aber auch, mich anderen Menschen künstlerisch mitzuteilen.“ Das geschah ihr zufolge auch zwangsläufig, weil sich die Residenzenkünstler einen Atelierraum teilen und so eine Begegnung unvermeidlich ist.

Im WERK 2 - Theodora Kokhodze gehört mit ihrem international ausgerichteten Stil zur jungen Malergeneration Georgiens (Foto: ARTEFAKTE 2015)
Im WERK 2 – Theodora Kokhodze gehört mit ihrem international ausgerichteten Stil zur jungen Malergeneration Georgiens (Foto: ARTEFAKTE 2015)

Kunst war schon immer ein Bestandteil ihres Lebens. Kokohodze bekam im zarten Alter von elf Jahren den begehrten  internationalen Kunstpreis für Kinder und Jugendliche in Argentinien, dem „Bienal Internacional de Arte Infantil y Juvenil. 2001“. Sie begann die Umgebung zu malen, in der sie aufwuchs und lebte. 2009 nahm sie ihr Studium an der Tbilisi State Academy of Arts, Faculty of Fine Arts auf, wo sie vier Jahre verbrachte.

Die Geschichte von Theodora Kokhodze ist auch eine Geschichte des Findens. Das kann sie in Georgien nicht. Das Goethe-Institut beschreibt zwar eine in Tiflis brummende Kunstszene, aber Georgiens Kunst gilt laut einer Reportage von „Deutschlandradio Kultur“ im restlichen Europa als „exotisch“. Anders als in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, war Georgiens Kunst nicht vom Sozialistischen Realismus der Kommunistischen Herrschaft, viel eher von der Entdeckung der eigenen Traditionen, geprägt.

Kokhodze möchte daraus ausbrechen und ihre eigene, persönliche Revolution starten. Die kann sie derzeit nur in Leipzig machen. Sie sagt: „Ich habe das Gefühl, dass mein Heimatland kulturell paralysiert ist. Ich musste es verlassen, um neu stimuliert zu werden. Seitdem partizipiere ich von vielen Ausstellungen.“

Sie fügt hinzu: „Die innere Revolution war Teil meiner Diplomarbeit. Ich malte ein Triptychon über sexuelle Konflikte auf drei riesigen Leinwänden.“ Dann zitiert sie den Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw (1856-1950) mit den Worten: „We don’t stop playing because we grow old. We grow old because we stop playing“, und ergänzt, bezogen auf ihre Kunst: „Ich versuche, nicht mit dem Spielen aufzuhören.“

Zurück in Leipzig sagt sie, dass sie noch immer auf einer Entdeckungsreise ist, meint auch: „Meine Gemälde sind nur Eindrücke meiner inneren Flucht. Jedes Bild, jede Farbe, jedes Gefühl ist ein Ausdruck meiner Seelenreise. Ich kenne die Farbigkeit von Flüstern, eines Gesprächs, eines Schreies. Das ist es, warum ich Kunst so liebe.“