Die Vergessenen – Warum Adolphe Yvon wieder in unser Gedächtnis zurückkehren muss

Daniel Thalheim

In der Kunstgeschichte ist das 19. Jahrhundert geprägt von Individualismus und der Entwicklung neuer Ausdrucksformen und Gattungen. Bis zur Französischen Revolution prägten Adel und Klerus v.a. wie Kunst auszusehen hatte und welche Botschaften in die Welt getragen werden sollen. Begeben wir uns in den Zeitgeist, so faszinieren uns eher die Außenseiter wie Caspar David Friedrich, William Turner und vielleicht Anton Romako, weil sie die Moderne vorgezeichnet und in ihrem Werk prophezeit haben. Doch hinter den einzelnen Köpfen erscheint die unsichtbare graue Masse der vielen Künstler die zeitlebens erfolgreich waren. Sie prägten die zur neuen Blüte aufbrechenden Landschaftsmalerei, die Reisedarstellungen aus den Kulturen und dem Leben ferner Länder, die Historienmalerei, Zeitgeschichte und Porträtgeschichte in vielfältiger Weise.

Wer war Adolphe Yvon noch gleich?

Der französische Geschichts- und Porträtmaler Adolphe Yvon (1817-1893) ist für seine Darstellungen aus dem Krimkrieg („Erstürmung des Malakow“, Museum Versailles) und aus dem italienischen Einheitskrieg (Schlachten von Solferino und Magenta, bde. Museum Versailles) bekannt. Er war Frankreichs führender Maler, neben Malern wie u.a. Jean Adolphe Beaucé, Jonny Audy, Louis Armand, Hippolite Beauvais, Luce Biot, Sophie Berger, Louis Berten, Eugéne Berthelon, Auguste Paul Charles Anastasi und Paul Jacques Aimé Baudry, im Zweiten Kaiserreich.

Robert Jefferson Bingham (Fotograf), Adolphe Yvon (1817-1893), Maler, vor 1870, Wien Museum Inv.-Nr. 103431/454, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/181276/)
Robert Jefferson Bingham (Fotograf), Adolphe Yvon (1817-1893), Maler, vor 1870, Wien Museum Inv.-Nr. 103431/454, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/181276/)

Woher sein Talent zur Malerei kam, ist nicht überliefert. Adolphe Yvon war Schüler von Paul Delaroche (1797-1856). 1843 unternahm der junge Yvon eine Studienreise ins zaristische Russland. Hier entstand ein Großteil seines Frühwerks, das er neben einen grafisch-illustratorischen Zyklus zu „Dante’s Inferno“ entstehen ließ. So schuf er in dieser Zeit auch Gemälde, die die napoleonischen Kriege um 1812 bis 1815 aus französischer und nationalpropagandistischer Sicht zum Thema hatten, u.a. „Marshall Neys Rückzug in Russland“, Titelbild). Zur Pariser Kunstausstellung 1850-51 wurden zwei Werke von Adolphe Yvon gezeigt, die, neben dem Frühwerk aus Zeichnungen und Gemälden von seiner Russlandsreise rezipiert wurden. In einem Bild thematisierte Yvon den 1378 in Kontikovo (Kalka) erworbenen Sieg des moskowitischen Großfürsten Dmitri Ivanowitsch Donskoi (1350-1389) über die Tartaren. Nicht ohne Grund; der Großfürst von Moskau und Wladimir errang einen Sieg über die „Goldene Horde“ in der Schlacht auf dem Schnepfenfeld. Das Bild, welches im Pariser Salon 1850/51 gezeigt wurde, ist zumindest in der deutschsprachigen Rezeptionsgeschichte als „grobschlächtig gemalt“ verrissen worden.

Vom Schlachtenmaler zum Porträtisten

Yvon verfeinerte seinen Stil und stieg in den folgenden Jahren schnell auf. Als offizieller Schlachtenmaler der französischen Regierung dokumentierte der Maler den Krimkrieg 1855/56. Hier entstand u.a. auch das Werk „Die Schlacht von Eupatoria“. Die „Erstürmung des Malakov“ wurde im Pariser Salon nach seiner Fertigstellung 1857 gezeigt. Für die bildnerische Dokumentation wurde er nach Italien berufen. Yvon hielt 1859, wie sein Kollege Jean Adolphe Beaucé (1818-1875), die Schlacht von Solferino in Öl fest, nachdem er Italien nach seinem Aufenthalt bei der Schlacht von Magenta kurz verließ, um kurz danach wieder in Mailand zurückzukehren. Die Szene von Solferino wurde 1861 im Pariser Salon gezeigt. 1863 präsentierte er die Schlacht von Magenta am selben Ort. In de folgenden Jahren war er mit der Darstellung der Ernennung Napoleons III. zum Kaiser (1865) beschäftigt. Nach dieser Zeit wendete er sich der Gattung des Porträt zu. Yvon porträtierte u.a. als erstes Napoleon III. (Walters Art Museum, Baltimore USA).

Anders als in seinen Schlachtengemälde entwickelte Yvon in seinen Porträts einen feinen und realistischen Stil, v.a. eine Nähe zu den von ihm dargestellten Personen. Bereits in seinen Anfängen verfolgte er das Porträtzeichnen als Studie, die er recht früh auch zu erstklassigen Gemälden vervollkommnete. Darunter auch die sehr persönlichen Porträts seiner Ehefrau (1851) und seines Sohnes Roland-Maurice (um 1857). Mit Hingabe wuchs Yvon auch in die eigentlich für die Renaissance und den Barock typischen mythologischen Themen hinein („Leda und der Schwan“ u. „Leda und der Hirsch“, bde. um 1875), näherte sich auch fremden kulturellen Kontexten wie das bewusst exotisch erscheinende Bild „Eine Rifai Sufy Zeremonie“ (um 1879).

Aufgrund seiner Anstellung durch die Regierung Frankreichs unter Napoleon III. avancierte Yvon als beliebter Auftragnehmer für Porträtgemälde. Von 1863 bis 1883 war er der führende Zeichenlehrer an der École des Beaux-Arts in Paris. Bereits 1880 wurde Yvon als Nachfolger des Klassizisten und Historienmalers Léon Cogniet (1794-1880) als ordentlicher Professor an die École polytechnique berufen.
Das Werk von Yvon ist vor dem Hintergrund seiner künstlerischen Entwicklung. Während in seinem Frühwerk bis ca. um 1850 noch die künstlerische Reife fehlte, entwickelte er in den Folgejahren einen ausgearbeiteten naturalistischen Stil, der besonders in den Porträts den Klassizismus des Empire-Zeitalters die Ehre erweist. Als Porträtist hielt der Maler die High Society von Paris des Zweiten Kaiserreichs Napoleon III. fest. In seinen Schlachtengemälden waren Frankreich bzw. die Siege der beiden französischen Kaiser Napoleon I. und III. zentrale Themen. Heute gelten Maler und Illustratoren wie er, Edouard Detaille, Francois-Joseph Heim, Henri-Emmanuel-Felix Philippoteaux, Anton Romako, Carl Blass, Carl Rahl und Leopold Kupelwieser als vergessen.

Dieser Beitrag ist ein Auftakt einer Serie, die nur sporadisch und auszugshaft auf Artefakte veröffentlicht wird.

Zwischen Tradition und Neuerung – Französische Malerei des 19. Jahrhunderts

Von Daniel Thalheim

Das Kunsthaus Zürich zeigte zum Jahreswechsel 2017/2018 eine Ausstellung, die spannungsgeladener kaum gewesen sein konnte. Zum einen wurde erstmals in der Schweiz eine reine Schau französischer Kunst veranstaltet. Zum anderen hob die Ausstellung die knisternde Aufladung hervor, die in Frankreichs Kunstszene im 19. Jahrhundert herrschte. Der Wechsel von der akademischen Empire-Malerei des Klassizismus’ hin zu den flirrenden Landschaften der Impressionisten vollzog sich in einer ähnlichen Rasanz wie die Industrialisierung in dem Jahrhundert zwischen 1800 und 1900 sich entwickelte. Was damals „ge-hypt“ wurde, scheint heute in den Hintergrund gerückt zu sein. Was damals Schmähungen ausgesetzt war, gilt heute als das Nonplusultra der Kunstgeschichte.

Urteile über das Wohl und Wehe in der Kunst

100 Gemälde zeigte das Kunsthaus Zürich von November 2018 bis Januar 2018. Die Ausstellungsorganisatoren stellten so die unterschiedlichen Positionen, die nach- und nebeneinander existierten und verdeutlichen so auch die Rolle der Pariser Kunstsalons im 19. Jahrhundert und welchen Einfluss ihre Organisatoren auf die Entwicklung der Kunst zu nehmen versuchten. 

Natürlich wird in diesem Spannungsfeld auch klar, wie sehr auch die Autorität des seit 1748 bestehenden und von den Professoren der Académie des Beaux-Arts in Paris bis 1890 veranstalteten Kunstsalons verschwand. 

Gegen-Salons wurden durchgeführt, wo die Abgelehnten und Geschassten der gesellschaftlich akzeptierten Salons ein Podium fanden, ihre Kunst auszustellen. Diese Gegenposition beschleunigte auch in anderen europäischen Ländern die Sezessionsbewegung. Gleichzeitig aber wird – auch anhand der spitzfedrigen Satiren von Honoré Daumier – deutlich, dass der offizielle Salon von selbsternannten „Kunstkennern“ betrieben wurde und vieles von ihrem persönlichen Geschmack abhing, wer „hängen durfte“ und wer nicht. 

Von diesen Urteilen hing auch das Wohl und Wehe eines Künstlers ab. Im offiziellen Salon des französischen Kunstbetriebes wurde versucht so Trends zu setzen. Viele Künstler jedoch ließen sich von diesen Tendenzen nicht beeindrucken und gingen unbeirrt ihren Weg. Die Wegbereiter der Moderne wie Géricault, Delacroix, Millet, Courbet, Manet, Sisley, Monet und Renoir bekamen nur wenig oder keine Beachtung von der offiziellen „Kunstkritik“. Heute gelten sie als Superstars der modernen Malerei, Neuerer und Avantgardisten. Vertreter des akademisch-klassizistischen Stils wie Ingres, Gérome, Bouguereau, Meissonier, Cabanel und Delaroche hingegen fristen heute ein Schattendasein in der Kunstgeschichte.

Konflikte und Korrosionen

Als Delacroix 1822 sein Debüt am Salon in Paris gab, fiel seine Malerei komplett aus dem Rahmen, bzw. aus dem, was das Publikum als Kunst ansah. Damals war die Malerei von Ingres, Delaroche und David beherrschend. Die großen malerischen Gesten, die Delacroix vollführte, spaltete das Publikum. Zu drastisch, zu gewagt, zu neu waren seine skizzenhaften Gemälde, wo der Künstler mit seinem Gestus in Erscheinung trat und nicht mit dem Anspruch, gemäß eines griechisch-antiken Ideals,  möglichst plastisch und realitätsnah den Körper und den Raum nachzubilden. Delacroix’ 1822 im „Salon de Paris“ ausgestelltes Bild „Die Barke des Dante“ driftet bereits vom Klassizismus weg, verweist aber auch auf Delacroix direktes Vorbild Gericault. Er schuf 1819 mit dem „Floß der Medusa“ ein einflussreiches Werk für den jungen Delacroix. Es war ähnlich skandalös wie später auch Delacroix’ Werke. Die Kritik „feierte“ Delacroix als „gedämpften Rubens“, aber auch als ausgezeichneten Koloristen. Dennoch: Delacroix bediente sich, wie die Klassizisten, aus historischen und mythologischen Stoffen. Doch die Gattung der Historienmalerei rückte in Frankreich mit Voranschreiten des 19. Jahrhunderts immer mehr in den Hintergrund. An ihre Stelle rückten aus der Realität gegriffene Sujets, Landschaften, Interieurs und Abbilder des gesellschaftlichen Lebens. Die Übergänge erfolgten – mit einigen innovativen Schüben – langsam. Und immer erfolgten Skandälchen und Korrosionen. So auch als Eduard Manet 1874 sein Werk „Maskenball in der Oper“ einreichte und so in seiner Farbigkeit, der Malweise und Anordnung der abgebildeten Menschen so ziemlich mit allem brach, was damals noch in den Akademien gelehrt wurde. Das Werk wurde von der Jury abgelehnt. Ähnlich verfährt heutzutage auch die Leipziger Jahresausstellung als regional eingeschränkter Salon, wo Künstler ohne akademischen Hintergrund und „ohne Profession“ grundsätzlich abgelehnt werden. Wenngleich der Begriff „Akademismus“ ziemlich wenig von dem erahnen lässt, was noch vor 30 Jahren in der DDR handwerklich gelehrt wurde und von einem „modernistischen“ Ansatz der Kunstfreiheit geprägt ist, egal wie begabt oder auch nicht begabt ein Künstler ist. So ein Leipziger Kunstsalon gebärdet sich gegen den Pariser Kunstsalon in seinen Spitzenzeiten als eine „kleine Nummer“. Wenn bei der Leipziger Jahresausstellung vielleicht höchstens einhundert Einreichungen pro Jahr besitzt und davon höchstens 30 bis 40 ausgestellte Positionen zeigt, so steht dagegen der Pariser Kunstsalon im Jahr 1880 mit 5184 Kunstschaffenden mit insgesamt 7289 Arbeiten. Selbst wer Ausstellungsmessen wie die documenta in Kassel und die Biennalen in Venedig als Vergleichsgrößen heranzieht, wird die geringe Bedeutung von Kunst in der heutigen Öffentlichkeit gewahr. Das Interesse verlagert sich in viele Kleinausstellungen im Galeriebetrieb und dem Fokus auf den eigenen Marktwert, wenn Künstler ihr eigenes Marketing kontrollieren, Ausstellungen und Ehrungen sammeln wie Trophäen, um so auf ihre Relevanz aufmerksam zu machen. Auch dieser Zustand hat einen erodierenden Korrosionseffekt, der sich auf die Lebensumstände der Künstler niederschlägt – ähnlich wie vor 100 Jahren.

„Gefeiert und verspottet“ – Das Buch zur Ausstellung

Gefeiert und verspottet - Französische Malerei 1820-1880, das Buch erschien 2018 im Hirmer Verlag (Foto: Hirmer Verlag / Presse 2018)
Gefeiert und verspottet – Französische Malerei 1820-1880, das Buch erschien 2018 im Hirmer Verlag (Foto: Hirmer Verlag / Presse 2018)

Katalogwerke sind immer als Begleiter von Ausstellungen zu sehen. Sie haben sich vom ursprünglichen dokumentarischen Charakter entfernt, wo Werke lediglich abgebildet und beschrieben, bzw. in ihrem Wert beziffert wurden. Heute sind Kunstkataloge wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Essays im vorliegenden Ausstellungsband stellen unterschiedliche Kontexte her in denen die französische Malerei des 19. Jahrhundert steht. So beschreiben die Kunsthistoriker Matthias Krüger, Oskar Bätschmann, James H. Rubin, Sandra Gianfreda und Marianne Koos die unterschiedlichen Aspekte der Salonkunst und ihrer Gegenspieler. Vom Ende der Historienmalerei als Kunstgattung wird geschrieben, aber auch die Rolle von Eduard Manet in der Rezeption von Chardin in der französischen Malerei, den aufkommenden Orientalismus, die Rollen des Salons, des Publikums und der Künstler im Kunstbetrieb, sowie die Entwicklung der Landschaftsmalerei zwischen Ideal und Wirklichkeit. „Gefeiert und verspottet“ vertieft – anders als Überblickswerke zum Impressionismus – die Entwicklungen und Tendenzen in der Kunst und im Kunstbetrieb des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Für uns als Leser schärft der Band auch den Blick, uns mit den Wesenszügen einzelner Künstler näher zu beschäftigen, warum sie malten wie sie malten. Für Laien und Experten liefert der Band einen Einblick wie vielfältig die Malerei des 19. Jahrhunderts war – aber auch nur das. gleichartige Veröffentlichungen über die Grafik, die Fotografie, das Design, das Kunsthandwerk und die Bildhauerei dürften den Fokus um ein Vielfaches erweitern. 

GEFEIERT UND VERSPOTTET

Französische Malerei 1820-1880

Karl Blechen – Leben und Werk

Artefakte - Malerei, Architektur und Wissen

Bau der Teufelsbrücke (München, Neue Pinakothek, Inv. Nr. L 1039), um 1830-32, Öl auf Leinwand, 77,8 x 104,5 cm Bau der Teufelsbrücke (München, Neue Pinakothek, Inv. Nr. L 1039), um 1830-32, Öl auf Leinwand, 77,8 x 104,5 cm

Die Seminararbeit wurde im August 2002 im Fach „Deutsche Malerei der Romantik“ an der Universität Leipzig/Institut für Kunstgeschichte bei Dr. H. Lüddemann vorgelegt. Sie umfasst die Kapitel „Europa zwischen Revolution und Restaurationszeitalter“, „Karl Blechen, eine Biografie“ samt „Jugend und Frühwerk“, „Italienreise“ und „Spätwerk“.

Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Biografie und das Werk von Karl Blechen (1798 – 1840). Da Karl Blechen eindeutig unter dem Einfluß seiner geistigen Mentoren, wie Caspar David Friedrich, Christian Claussen Dahl und Friedrich Schinkel stand, wird an dieser Stelle auch der Zusammenhang von Blechens Oeuvre und jener Menschen und Künstler anhand einiger Bildbeispiele erörtert. In seinem Leben stechen offensichtlich die Italienreise und mit ihr die Skizzenbücher und Ölskizzen heraus, denn hier gelang es Blechen einen Meisterschritt zu vollziehen, die romantische Landschaftsmalerei in den deutschen Landen zur Moderne zu führen und…

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