Zwischen Tradition und Neuerung – Französische Malerei des 19. Jahrhunderts

Von Daniel Thalheim

Das Kunsthaus Zürich zeigte zum Jahreswechsel 2017/2018 eine Ausstellung, die spannungsgeladener kaum gewesen sein konnte. Zum einen wurde erstmals in der Schweiz eine reine Schau französischer Kunst veranstaltet. Zum anderen hob die Ausstellung die knisternde Aufladung hervor, die in Frankreichs Kunstszene im 19. Jahrhundert herrschte. Der Wechsel von der akademischen Empire-Malerei des Klassizismus’ hin zu den flirrenden Landschaften der Impressionisten vollzog sich in einer ähnlichen Rasanz wie die Industrialisierung in dem Jahrhundert zwischen 1800 und 1900 sich entwickelte. Was damals „ge-hypt“ wurde, scheint heute in den Hintergrund gerückt zu sein. Was damals Schmähungen ausgesetzt war, gilt heute als das Nonplusultra der Kunstgeschichte.

Urteile über das Wohl und Wehe in der Kunst

100 Gemälde zeigte das Kunsthaus Zürich von November 2018 bis Januar 2018. Die Ausstellungsorganisatoren stellten so die unterschiedlichen Positionen, die nach- und nebeneinander existierten und verdeutlichen so auch die Rolle der Pariser Kunstsalons im 19. Jahrhundert und welchen Einfluss ihre Organisatoren auf die Entwicklung der Kunst zu nehmen versuchten. 

Natürlich wird in diesem Spannungsfeld auch klar, wie sehr auch die Autorität des seit 1748 bestehenden und von den Professoren der Académie des Beaux-Arts in Paris bis 1890 veranstalteten Kunstsalons verschwand. 

Gegen-Salons wurden durchgeführt, wo die Abgelehnten und Geschassten der gesellschaftlich akzeptierten Salons ein Podium fanden, ihre Kunst auszustellen. Diese Gegenposition beschleunigte auch in anderen europäischen Ländern die Sezessionsbewegung. Gleichzeitig aber wird – auch anhand der spitzfedrigen Satiren von Honoré Daumier – deutlich, dass der offizielle Salon von selbsternannten „Kunstkennern“ betrieben wurde und vieles von ihrem persönlichen Geschmack abhing, wer „hängen durfte“ und wer nicht. 

Von diesen Urteilen hing auch das Wohl und Wehe eines Künstlers ab. Im offiziellen Salon des französischen Kunstbetriebes wurde versucht so Trends zu setzen. Viele Künstler jedoch ließen sich von diesen Tendenzen nicht beeindrucken und gingen unbeirrt ihren Weg. Die Wegbereiter der Moderne wie Géricault, Delacroix, Millet, Courbet, Manet, Sisley, Monet und Renoir bekamen nur wenig oder keine Beachtung von der offiziellen „Kunstkritik“. Heute gelten sie als Superstars der modernen Malerei, Neuerer und Avantgardisten. Vertreter des akademisch-klassizistischen Stils wie Ingres, Gérome, Bouguereau, Meissonier, Cabanel und Delaroche hingegen fristen heute ein Schattendasein in der Kunstgeschichte.

Konflikte und Korrosionen

Als Delacroix 1822 sein Debüt am Salon in Paris gab, fiel seine Malerei komplett aus dem Rahmen, bzw. aus dem, was das Publikum als Kunst ansah. Damals war die Malerei von Ingres, Delaroche und David beherrschend. Die großen malerischen Gesten, die Delacroix vollführte, spaltete das Publikum. Zu drastisch, zu gewagt, zu neu waren seine skizzenhaften Gemälde, wo der Künstler mit seinem Gestus in Erscheinung trat und nicht mit dem Anspruch, gemäß eines griechisch-antiken Ideals,  möglichst plastisch und realitätsnah den Körper und den Raum nachzubilden. Delacroix’ 1822 im „Salon de Paris“ ausgestelltes Bild „Die Barke des Dante“ driftet bereits vom Klassizismus weg, verweist aber auch auf Delacroix direktes Vorbild Gericault. Er schuf 1819 mit dem „Floß der Medusa“ ein einflussreiches Werk für den jungen Delacroix. Es war ähnlich skandalös wie später auch Delacroix’ Werke. Die Kritik „feierte“ Delacroix als „gedämpften Rubens“, aber auch als ausgezeichneten Koloristen. Dennoch: Delacroix bediente sich, wie die Klassizisten, aus historischen und mythologischen Stoffen. Doch die Gattung der Historienmalerei rückte in Frankreich mit Voranschreiten des 19. Jahrhunderts immer mehr in den Hintergrund. An ihre Stelle rückten aus der Realität gegriffene Sujets, Landschaften, Interieurs und Abbilder des gesellschaftlichen Lebens. Die Übergänge erfolgten – mit einigen innovativen Schüben – langsam. Und immer erfolgten Skandälchen und Korrosionen. So auch als Eduard Manet 1874 sein Werk „Maskenball in der Oper“ einreichte und so in seiner Farbigkeit, der Malweise und Anordnung der abgebildeten Menschen so ziemlich mit allem brach, was damals noch in den Akademien gelehrt wurde. Das Werk wurde von der Jury abgelehnt. Ähnlich verfährt heutzutage auch die Leipziger Jahresausstellung als regional eingeschränkter Salon, wo Künstler ohne akademischen Hintergrund und „ohne Profession“ grundsätzlich abgelehnt werden. Wenngleich der Begriff „Akademismus“ ziemlich wenig von dem erahnen lässt, was noch vor 30 Jahren in der DDR handwerklich gelehrt wurde und von einem „modernistischen“ Ansatz der Kunstfreiheit geprägt ist, egal wie begabt oder auch nicht begabt ein Künstler ist. So ein Leipziger Kunstsalon gebärdet sich gegen den Pariser Kunstsalon in seinen Spitzenzeiten als eine „kleine Nummer“. Wenn bei der Leipziger Jahresausstellung vielleicht höchstens einhundert Einreichungen pro Jahr besitzt und davon höchstens 30 bis 40 ausgestellte Positionen zeigt, so steht dagegen der Pariser Kunstsalon im Jahr 1880 mit 5184 Kunstschaffenden mit insgesamt 7289 Arbeiten. Selbst wer Ausstellungsmessen wie die documenta in Kassel und die Biennalen in Venedig als Vergleichsgrößen heranzieht, wird die geringe Bedeutung von Kunst in der heutigen Öffentlichkeit gewahr. Das Interesse verlagert sich in viele Kleinausstellungen im Galeriebetrieb und dem Fokus auf den eigenen Marktwert, wenn Künstler ihr eigenes Marketing kontrollieren, Ausstellungen und Ehrungen sammeln wie Trophäen, um so auf ihre Relevanz aufmerksam zu machen. Auch dieser Zustand hat einen erodierenden Korrosionseffekt, der sich auf die Lebensumstände der Künstler niederschlägt – ähnlich wie vor 100 Jahren.

„Gefeiert und verspottet“ – Das Buch zur Ausstellung

Gefeiert und verspottet - Französische Malerei 1820-1880, das Buch erschien 2018 im Hirmer Verlag (Foto: Hirmer Verlag / Presse 2018)
Gefeiert und verspottet – Französische Malerei 1820-1880, das Buch erschien 2018 im Hirmer Verlag (Foto: Hirmer Verlag / Presse 2018)

Katalogwerke sind immer als Begleiter von Ausstellungen zu sehen. Sie haben sich vom ursprünglichen dokumentarischen Charakter entfernt, wo Werke lediglich abgebildet und beschrieben, bzw. in ihrem Wert beziffert wurden. Heute sind Kunstkataloge wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Essays im vorliegenden Ausstellungsband stellen unterschiedliche Kontexte her in denen die französische Malerei des 19. Jahrhundert steht. So beschreiben die Kunsthistoriker Matthias Krüger, Oskar Bätschmann, James H. Rubin, Sandra Gianfreda und Marianne Koos die unterschiedlichen Aspekte der Salonkunst und ihrer Gegenspieler. Vom Ende der Historienmalerei als Kunstgattung wird geschrieben, aber auch die Rolle von Eduard Manet in der Rezeption von Chardin in der französischen Malerei, den aufkommenden Orientalismus, die Rollen des Salons, des Publikums und der Künstler im Kunstbetrieb, sowie die Entwicklung der Landschaftsmalerei zwischen Ideal und Wirklichkeit. „Gefeiert und verspottet“ vertieft – anders als Überblickswerke zum Impressionismus – die Entwicklungen und Tendenzen in der Kunst und im Kunstbetrieb des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Für uns als Leser schärft der Band auch den Blick, uns mit den Wesenszügen einzelner Künstler näher zu beschäftigen, warum sie malten wie sie malten. Für Laien und Experten liefert der Band einen Einblick wie vielfältig die Malerei des 19. Jahrhunderts war – aber auch nur das. gleichartige Veröffentlichungen über die Grafik, die Fotografie, das Design, das Kunsthandwerk und die Bildhauerei dürften den Fokus um ein Vielfaches erweitern. 

GEFEIERT UND VERSPOTTET

Französische Malerei 1820-1880

Geschichte als Sensation – Meisterwerke der französischen Romantik im MdBK

Von Daniel Thalheim

Eugène Delacroix und Hippolyte Delaroche gelten als Historienmaler. Beide Maler sind gewissermaßen die Ikonen der Malerei der Französischen Revolution und seinen Nachbeben. Dass sie mehr als nur Dokumentare ihrer Zeit waren, sondern auch Romantiker, fragt die kommende Ausstellung über zwei großen Franzosen der Proto-Moderne im Museum der Bildenden Künste in Leipzig nach.

Der unromantischste Romantiker

Eugène Delacroix (1798 – 1863) und Hippolyte Delaroche (1797 – 1856) könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Delacroix wegen seiner freizügigen Maltechnik als Vorreiter des Französischen Impressionismus und somit der Moderne gilt, steckt Delaroche wegen seiner akademischen Disziplin noch tief im Klassizismus fest. Beide Künstler gelten bei Kunsthistorikern als Vertreter der Französischen Romantik. Das sagt auch das Museum der Bildenden Künste in Leipzig, das ab Oktober beide Maler in einer Ausstellung gegenüberstellt. „Unter dem Einfluss der romantischen Strömung in der Literatur und der sich konstituierenden Geschichtswissenschaft stellten beide Maler die emotionale Wirkung von Geschichte in den Mittelpunkt“, heißt es in der jüngsten Mitteilung des Bildermuseums zur kommenden Bilderschau. Dabei lehnte Delacroix zeitlebens ab, zur romantischen Strömung zugeordnet zu werden, obschon seine Zeitgenossen sein Schaffen in denselben Topf warfen, wo sich bereits einige deutsche und britische Vertreter des kulturgeschichtlichen Epochenabschnitts, der sich aus dem lateinischen „lingua romana“ speist, sich aus dem französischen Usus ins Deutsche als „romanhaft“ herrüberrettete und durch den deutschen Dichter, Philologen und Philosophen Karl Wilhelm Friedrich Schlegel (1772-1829) im Literaturbegriff „romantisch“, und somit auch in der Malerei als solche, niederschlug, befinden. Aber romantisch waren Delacroix’ Werke nie, zumindest nach deutschem Verständnis mit Blick auf deutsche Maler wie Carl Gustav Carus (1789-1869), Caspar David Friedrich (1774-1848) und Philipp Otto Runge (1777-1810) mit ihren entrückten Darstellungen.

Eugéne Delacroix, Junge Frau von einem Tiger attackiert, Öl auf Leinwand, 1856, Staatsgalerie Stuttgart
Eugéne Delacroix, Junge Frau von einem Tiger attackiert, Öl auf Leinwand, 1856, Staatsgalerie Stuttgart Presse (2015 ff.)

Romantische Realität

Romanhaft werden die Werke von Delacroix und Delaroche insofern bezeichnet, weil beide Themen aus Literatur, Religion und Geschichte verarbeiteten. Aber Zunftgenossen, die einhundert oder dreihundert früher als die beiden Franzosen wirkten, hatten denselben Anspruch für sich erhoben, mit Akribie Stoffe aus der Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verschmelzen, erfanden Blumenbilder, ließen Faunen und Feen über Wiesen streifen und malten Landschaften. Die Romantiker schafften es, die Natur und den Mensch auf besondere Art zu erhöhen und so ureigene Stimmungen zu erzeugen. Delacroix aber verarbeitete zudem zeitgenössischen Stoff in seinen Bildern. Auch das unternahm er mit der Glorie des Pathos, des Heroenhaften. Seine Revolutionsikone „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830 ist so in den Gewehrsalven der Revolution im selben Jahr entstanden und auch als Kommentar zu den blutigen Revolutionstagen zu verstehen. Delacroix’ Gemälde ist sein politisches Statement für die Französische Republik und gegen das, nach der endgültigen Verbannung Napoleons, wieder etablierte System des Königsgeschlechts der Bourbonen. Trikolore und Jakobinermütze stehen für die Revolution 1789.
41 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille sorgten diese Symbole erneut für den Sturz der Bourbonen. Doch nur halb. Der eingesetzte Bürgerkönig Louis-Philippe – ebenfalls ein Bourbone – galt zwar als revolutionstreu, sein Vater stimmte für die Hinrichtung Ludwigs XVI., aber mit seiner Ernennung zum Bürgerkönig 1830 schwanden die hehren Ziele bis Louis-Philippe während der Februarrevolution 1848 ebenso gestürzt, ins Exil geschickt und die Zweite Republik errichtet wurde. Delacroix’ Revolutionsgemälde wurde seit seiner ersten Ausstellung nur selten gezeigt. Erst seit 1863 wird es dauerhaft ausgestellt. Die Juli-Revolution von 1830 blieb so auch im Bildgedächtnis der Kunstgeschichte erhalten. Sensationsheischend war der Künstler trotz seiner Gewaltdarstellungen, „Der Tod des Sardanapal“ und „Inderin, von einem Tiger zerfleischt“ sicherlich nicht – nur geschichts-, realitäts- und literaturtreu. Delacroix‘ Skizzenbücher, die während seiner reise durch die Maghreb entstanden, stehen im Licht des Realismus und des erlebten Historismus, wie 2018 eine Dokumentation über den französischen Maler erzählt. Delacroix begab sich mit seinen Reisen auf die Suche nach der Schönheit der römischen Antike, die ihm zufolge noch in den orientalischen Ländern zu finden sei. Seine Skizzenbücher, seine Ölskizzen gleichen dem, was andere Künstler vor ihm auch unternahmen, um Eindrücke in großartige Bilder zu bannen und die späteren Impressionisten zur hohen Kunst erhoben.
Delaroche gehörte er einer Schule an, die den Erzählstoff – so drastisch und dramatisch er auch inszeniert wurde – verhaltener darstellten. Anders als Delacroix, und sein britischer Zeitgenosse William Turner (1775-1851), die mit dem Hervorheben der Farbtonwerte einen Fingerzeig in Richtung Zukunft der Malerei schufen, gilt Delaroche als Klassizist. Ihn als Romantiker zu bezeichnen, wäre zuweit ausgeholt. Weniger romantisch ist hierbei die Tatsache, dass der französische Chemiker Michel-Eugéne Chevreul (1786-1889) ab 1828 als Farbtheoretiker in Erscheinung trat und mit seinen Schriften vor allem die Neo-Klassizisten um Horace Vernet und Hippolyte Delaroche beeinflusste. Delacroix interessierte sich erst ab 1850 für Chevreuls Theorien. Tatsächlich änderte sich die Malerei des als Vorreiter des Impressionismus bezeichneten Künstlers seitdem. Ihm ging es um das Malen mit unmodulierten Farbtönen, wie man es aus dem Kunsthandwerk kennt. Zuvor war Malerei von Hell-Dunkel-Kontrasten geprägt, eben wie sie Ingres und Delaroche umsetzten. Kurz gesagt, bei Delacroix geht um die Reinheit der Farbigkeit und dem Material der Farbe überhaupt. Das ist auch der entscheidende Punkt, warum später die Impressionisten so malten wie sie malten: die Farb- und Tonwerte verhalten sich absolut gleichrangig zueinander, weswegen die Lichtwerte auch so echt und flimmernd wirken. Mit Romantik hat das Malen mit reinen Farben demzufolge nichts zu tun.

Franzosen in Klein-Paris

Leipzigs Kunstmuseum stellt mit seiner kommenden Ausstellung erstmals das Werk von Hippolyte Delaroche in Deutschland vor. Die Gegenüberstellung mit seinem Zeitgenossen Eugène Delacroix ermögliche laut dem MdBK einen außergewöhnlichen Einblick in die als romantisch bezeichnete Malerei aus Frankreich. Es ist nicht ganz richtig, wie das MdBK ankündigt, dass Delaroche heute nahezu in Vergessenheit geraten ist aber sein Werk von den Zeitgenossen für seinen erstaunlichen Realismus in der Wiedergabe historischer Ereignisse weitaus mehr gefeiert wurde. Delacroix bekam viele Ehrungen, galt aber auch als zurückgezogen. Delacroix war es auch, der nahezu mit staatlichen Aufträgen überhäuft wurde. Seine Gemälde wurden aber wegen ihrer Dramatik heftiger diskutiert. Delaroches Arbeiten wurde hingegen bestaunt.
Mit über 35 Gemälden, 50 Zeichnungen sowie 50 Grafiken von zahlreichen Museen in Frankreich, Deutschland, Holland, England und Dänemark will „Eugène Delacroix und Paul Delaroche – Geschichte als Sensation“ eine neuartige Perspektive auf die französische Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bieten. Leihgeber und Kooperationspartner sind u.a. das Musée du Louvre in Paris, das Musée des beaux Artes des Nantes und die Kunsthalle Bremen. Was aber neuartig – außer dem Präsentieren Delaroches Arbeiten und seiner Gegenüberstellung mit Delacroix – sein soll, verbirgt die Ausstellungsbeschreibung jedoch. Aber es könnte sein, dass den Klein-Parisern gezeigt werden soll, dass die europäische Romantik ein heterogeneres Bild abgibt als man es aus deutscher Perspektive wahrhaben will.

Das Leipziger Bildermuseum am Augustusplatz (Foto: frei)
Das Leipziger Bildermuseum am Augustusplatz (Foto: frei)

Französische Kunst – gesammelt von einem Leipziger

Seine Faszination für französische Malerei muss aus der Zeit der Befreiungskriege gekommen sein. Als Angehöriger der sächsischen Freiwilligenarmee kämpfte Adolf Heinrich Schletter (1798 – 1853) 1813 zwar gegen napoleonische Truppen, aber der Leipziger entwickelte nicht nur als Seidenhändler ein Faible für Frankreich. Zwischen 1839 und 1853 trug er neben einer bedeutenden Samlung altdeutscher Meister auch Werke französischer Maler zusammen. 1845 erwarb er direkt von Hippolyte Delaroche dessen Bild von Napoleon Bonaparte zu Fontainebleau am 31. März 1814 nach Empfang der Nachricht vom Einzug der Verbündeten, das noch heute im Besitz des Museums der Bildenden Künste Leipzig ist. „Die infolge vieler geschäftlicher Reisen erlangte Kenntniß der französischen Verhältnisse und eine stark ausgeprägte Hinneigung zu dem zeitgenössischen französischen Kunstleben brachten es mit sich, daß er für seine Gallerie mit besonderer Vorliebe Gemälde französischer Meister erwarb“, schreibt die Allgemeine Deutsche Biographie bereits 1890 über den Sammler. Sein Verdienst war es auch, dass Leipzig sein erstes Kunstmuseum bekam. „Laut letztwilligen Vermächtnisses vermachte er seine ganze reichhaltige Sammlung von Oelgemälden älterer und neuerer Meister, von Sculpturen u. s. w. der Stadt Leipzig, zugleich mit einem auf 40—50 000 Thaler Reinwerth veranschlagten Hausgrundstücke, und zwar unter der Bedingung, daß längstens binnen fünf Jahren, von seinem Tode an gerechnet, ein geeignetes Local für das mit seiner Sammlung vereinigte städtische Museum beschafft und eingerichtet werde, widrigenfalls seine Kunstschätze der königlichen Gemäldegallerie in Dresden, das Grundstück aber seinen Erben zufallen solle.“
1854 wurde der Bau ausgeschrieben, das Geld vom Stadtrat bereitgestellt und der Münchner Architekt Ludwig Lange (1808-1868) mit dem Entwurf und dem Bau des Kunstmuseums beauftragt. 1858 wurde das Gebäude am heutigen Standort des Gewandhauses am Augustusplatz eingeweiht. Schletters Sammlung mit 89 Gemälden und acht Skulpturen bildete den Grundstock der Sammlung des Leipziger Museums.

Fußnoten

Der in Kooperation mit dem Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Leipzig entstandene Katalog enthält Beiträge von Sébastien Allard, Stephen Bann, Kristin Bartels, Thierry Laugée, France Nerlich, Jan Nicolaisen und Martin Schieder sowie ein Gesamtverzeichnis der Schletter-Sammlung. Der Band mit 384 Seiten und zahlreichen Farbbildungen erscheint im Michael Imhof Verlag und ist im Museumsshop sowie im Buchhandel [€ 49,95] erhältlich.
Ausstellung, Katalog sowie die wissenschaftliche und konservatorische Aufarbeitung der Schletter-Sammlung werden von der Kulturstiftung der Länder, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Sparkasse Leipzig, der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Hermann Reemtsma-Stiftung unterstützt.
Ausstellungsdauer: 11. Oktober 2015 bis 17. Januar 2016