Fernöstliche Romantik – Young Ju Yim dringt ins Innerste vor

Von Daniel Thalheim

Wer „Cloverfield“ hört, denkt sofort an den gleichnamigen Streifen, wo Außerirdische in New York die Menschen dem Boden gleichmachen. Dabei ist ein Kleefeld doch ein Ort, wo Hummeln und Grillen sich „Guten Tag“ sagen. Für den Koreaner Young Ju Yim ist „Cloverfield“ ein Platz des inneren Rückzugs, eine Blase, wo das Ich sich ausleben und zu sich selbst finden kann. In Leipzig bestreitet der produktive Koreaner derzeit seine dritte Einzelausstellung in der Galerie Potemka.

Kulturelle Transmissionen

Es ist einer dieser Tage Anfang September, die den Herbst ankündigen. Sonnig zwar, aber nicht mehr so heiß wie in den Vormonaten. In der Aurelienstraße wird gebaut. Gasleitungen werden verlegt. Bagger und Laster rumpeln. Mitten in diesem Baulärm baut die Galeristin Lu Potemka eine Ausstellung auf, die es in sich haben könnte. An den weiß getünchten Wänden hängen Gemälde, deren Sujets förmlich zu explodieren scheinen. Ein Regen aus unreiner Farbe, scheinbar zunächst auf die Leinwand gekratzt, geklatscht, getropft oder gespritzt, aus denen Figuren entstehen, sich ganze Landschaften mit ihren räumlichen Tiefen vor unseren Augen ausbreiten. Die Gemälde werden von schwarzen Hasen, Fabelwesen und Menschen bevölkert. Aus einem Reigen von schwebenden Larven erhebt sich das auf Golgatha stehende Kreuz mit Jesus als Märtyrer für einen werdenden christlichen Glauben. Die Galeristin erklärt, womit dieses Motiv, aus Sicht des Künstlers, korreliert: die Larven streben die Perfektion an, die der aus Seoul stammende Künstler in Jesus Christus sieht. Er, als gläubiger Christ, steht aber auch mit seinem anderen Bein tief in der fernöstlichen Philosophie und in der Verarbeitung ostasiatischer Mythen, die wir bspw. u.a. aus modernen Filmen, die sich mit zum Beispiel japanischen Wassergeistern und anderen Geistererscheinungen beschäftigen, kennenlernen. Denn, was wir in den Hasen als Fruchtbarkeitssymbol sehen würden, wird im ostasiatischen Raum als Sinnbild für das Dämonische angesehen. Sein Spiel mit sich spiegelnden Oberflächen weist Parallelen zum Shintoismus auf, wobei die auf der Wasseroberfläche gespiegelte Welt die anstrebenswerte sein soll, die hiesige Welt – die Realität – so etwas wie die Hölle darstellt, weil alles nicht perfekt ist, wir hingegen die Perfektion anstreben sollten. Gleichzeitig erinnern einige von Young Ju Yims Motive stark an dem was wir von Neo Rauch kennen, obwohl der Künstler nie bei dem nachgeborenen Spätromantiker studiert hat: verdunkelte und trübe Farben, sowie rätselhafte Bildinhalte, die jedem Kunsthistoriker eine Menge an Interpretationsmöglichkeiten anbieten. 

Was hat das aber alles auf sich?

Wenn der Schüler von Sighard Gille und Annette Schröter von seiner neuen Bilderreihe, die von September bis Oktober in der Galerie Potemka in der Leipziger Aurelienstraße gezeigt wird, von der Verdeutlichung eines Ist-Zustandes und seiner gleichzeitiger Verirrung spricht, dann nähert sich der inzwischen in Leipzig lebende Künstler der Romantik. Seine Gemälde drücken das aus, was er – verkürzt – mit dem Wort „Delirium“ beschreibt und sich auf diffuse Erinnerungen bezieht, Vorstellungswelten, die wir haben könnten und auch Wünsche. Diese uns als irrational angesehenen Vorstellungen als Teil unserer Existenz zu sehen und anzuerkennen, will er mit seinen aktuellen Arbeiten herausschälen. Das schafft er erneut mit träumerisch schwelgenden Sujets, wo irrlichternde Farbpunkte das Dunkel durchbrechen, Oberflächen aufgeblättert werden, uns rätseln lassen, was wo sich spiegelt und reflektiert. „Unser Leben in “Cloverfield” ist nicht so rational, wie wir es uns vormachen; es ist chaotisch, unordentlich, die Beziehungen zu Anderen sind zerstört und die Selbstentfremdung und der Überfluss des Egos liegen obenauf“, sagt der Künstler zu seinen neuesten Werken.

Er sieht die Welt als Verzerrung ihrer selbst, weil alles das was für uns zählt, „Image“ und „Oberfläche“ ist. Mit dieser Auslegung seiner neuen künstlerischen Reflexion über unsere Gesellschafts- und Kultursysteme nähert er sich einer Kritik an ihnen, weil Young Ju Yim hinter der Jagd nach dem „Schönen“ und „Materiellen“ eine liegende Unreife und das ungepflegte Innere, das nach Außen tritt, sieht und die als Gegeben hingenommen werden. Der Mensch lebe ihm zufolge nicht mehr in der Realität, sondern in einer allgemeinen Struktur, in der er sich mehr oder weniger gut eingeordnet hat. Man muss ergänzen, dass diese Strukturen sich inzwischen aufzulösen scheinen, immer haltloser werden, wo in ihnen eine unkontrollierte Gier „regiert“, die uns allen das Leben schwer macht. Zu erkennen, was richtig und falsch ist, was uns antreibt und festigt, was dagegen uns geboten wird und als „System“ vorgegaukelt wird und wir zu leben müssen, weil sonst es uns allen schlecht gehen würde, dürfte die Frage nach einem neuen Gesellschaftsentwurf sein, der die seit langem uns vorgesetzte Antwort der materielle Befriedigung als Ende von finanzieller Not und Armut, die nur durch „Arbeit“ und „Konsum“ zu lösen sei, ein Ende setzen könnte. Somit sind Young Ju Yims Gemälde auch als Fragen zu verstehen, wo der Betrachter beim Anschauen auch in sich selbst nach dem schöpferischen Ich suchen kann und sich von der Hülle der systematisierten Persönlichkeit befreit, die innerlich ausgehöhlt erscheint – ob aus Angst oder Zwang. Er selbst sagt: „Mein malerischer Ort ist ein persönlicher Ist-Zustand, der sich richtig anfühlt (…), ich lasse nichts aus, weder das Chaos, noch die Ordnung und hoffe, meine Bilder vermögen es zu berühren und zu zeigen, wo wir stehen und wo wir stehen könnten.“

 

Young Ju Yim, Gedächtnislücke, Öl auf Leinwand (Foto/Bild courtesy by Y.J. Yim & Galerie Potemka Presse 2018).

Symbolist Thomas Geyer – Was vom Menschen übrig blieb

Der abwesende Mensch ist auch bei Thomas Geyer ein Thema. Was Künstler_Innen wie Katrin Heichel, Mirjam Völker und Markus Matthias Krüger als Vertreter_Innen eines „Neuen Symbolismus“ auf die Leinwand bringen, erweitert Thomas Geyer um die Anwesenheit von Nutz- und Kulturtieren. Der Mensch als Schöpfer tritt angesichts der Ruinenlandschaften und Nachtansichten zurück – was vom Menschen übrig blieb, sind die von ihm geschaffenen Überreste seiner Existenz. Doch es gibt mehr Anspielungen… Eine neue Ausstellung in der Galerie Potemka zeigt neue Arbeiten des ehemaligen Schülers von Sighard Gille und Anette Schröter.

Thomas Geyer: Johnny, 120 x 130 cm, Ei-Tempera auf Leinwand, 2017 (Bild: Potemka-Presse)
Thomas Geyer: Johnny, 120 x 130 cm, Ei-Tempera auf Leinwand, 2017 (Bild: Potemka-Presse)

Der abwesende Mensch ist auch bei Thomas Geyer ein Thema. Was Künstler_Innen wie Katrin Heichel, Mirjam Völker und Markus Matthias Krüger als Vertreter_Innen eines „Neuen Symbolismus“ auf die Leinwand bringen, erweitert Thomas Geyer um die Anwesenheit von Nutz- und Kulturtieren. Der Mensch als Schöpfer tritt angesichts der Ruinenlandschaften und Nachtansichten zurück – was vom Menschen übrig blieb, sind die von ihm geschaffenen Überreste seiner Existenz. Doch es gibt mehr Anspielungen… Eine neue Ausstellung in der Galerie Potemka zeigt neue Arbeiten des ehemaligen Schülers von Sighard Gille und Annette Schröter.

Ein Gastbeitrag von Lu Potemka

Tiere, in unserem mitteleuropäischen Kulturraum angesiedelt, sind die Protagonisten der Bilder von Thomas Geyer. Er zeigt sie weder im urbanen Raum, noch als domestizierte Haustiere, sondern inszeniert sie als geheimnisvolle Wesen in ihrer natürlichen Umgebung. Ist das als eine Liebeserklärung an das rurale Leben verstehen? Thomas Geyer negiert seine Liebe zur Natur keineswegs, sondern äußert sich zur Ausstellung und ihrem Thema „Alba“ wie folgt: „Der frühe Morgen ist die Zeit der Tiere. Die Natur ist am lebendigsten, wenn der Mensch gerade noch schläft. Kurz darauf zieht sich die Natur wieder in sich selbst zurück und verweigert sich unserer Wahrnehmung. Ein knappes Zeitfenster schließt sich und der Mensch dominiert erneut das Geschehen.“

Beim näheren Hinsehen fällt auf, dass seine Tierarten Fuchs, Vogel, Hahn, Katze… gänzlich in der Fabelwelt auftauchen und seit einer Ewigkeit als Identifikationsfiguren für den Menschen fungieren. Der Mensch nimmt gerne jedwedes Gefäß, zum Spiegel der Selbstreflexion. Doch sieht der Maler in der Tierwelt den Reiz, dass sie für uns Menschen eben doch nicht nicht in gleicher Weise durchschaubar sind, wie es unsre eigene Spezies ist und dadurch weniger individualistisch wirken. Ist der Mensch Protagonist, birgt jede Uhr, jedes Kleid, jede Frisur bereits die Gefahr der Assoziation und der Geschichte in sich.

Tiere dienen, so Thomas Geyer, viel mehr der puren Anschauung, auch wenn in den Bildern subtile Andeutungen auf den Kulturraum existieren, oder zuweilen eine Gefahrensituation auftaucht, die die augenscheinliche Harmonie zerstört, wie bspw. ein Greifvogel, der ein Häschen jagt. Ihm geht es dabei jedoch nicht um das Thema Gewalt, sonder um „the fact of living“; um den Fakt, dass das Töten der Tiere untereinander, das stete Lauern des Todes in der Natur, zu ihrem Leben dazugehört, Der Künstler sagt dazu: „…das Töten hat nicht dieselbe Dramatik, wie für uns Menschen. Der moralische Aspekt spielt keine Rolle, es geht um die Arterhaltung.“ Sicher keimt in der Kunst des Malers auch eine Verbindung zur Romantik auf, doch gerade in unserer Zeit, wird die intakte Natur mehr und mehr zum kostbaren Gut und Thomas Geyer zeigt die Zuneigung ihr gegenüber nicht nur auf der Leinwand, sondern lebt sie auch in Form von Achtsamkeit: angefangen von Bio-Eiern als Malmittel, bis hin zum eigenen Bio-Weinberg, den er betreibt, setzt er auf Jute anstatt Plastik.

ALBA
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Thomas Geyer

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Vernissage: Do. 27.07.2017, 19 Uhr

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Exhibition: 28.07.-26.08.2017

Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Wer oder was ist Pornosophie? Ist es Sophie, die gern Pornostreifen schaut? Oder setzt sich das Wort aus den Teilen Porno und Philosophie zusammen. Weil Dr. Konstanze Caysa Philosophin ist, kann erstere Schlussfolgerung bedenkenlos als Quatsch beiseite gewischt werden. Konstanze Caysa verfasste eigens zur im Juni 2017 stattfindenen Ausstellung „Pornosophie“ ein Manifest, welches die Gruppenausstellung, die in diesem Zusammenhang nahezu unverschämt nach Gruppensex klingt, umklammert. 

Grit Hachmeister:
Grit Hachmeister: „Sweeter than anything“ 6-teilige Serie, Schwarzweißfotografien im Passepartout, gerahmt Liedtext von Pj Harvey je 24 x 30 cm

Wer oder was ist Pornosophie? Ist es Sophie, die gern Pornostreifen schaut? Oder setzt sich das Wort aus den Teilen Porno und Philosophie zusammen. Weil Dr. Konstanze Caysa Philosophin ist, kann erstere Schlussfolgerung bedenkenlos als Quatsch beiseite gewischt werden. Konstanze Caysa verfasste eigens zur im Juni 2017 stattfindenen Ausstellung „Pornosophie“ ein Manifest, welches die Gruppenausstellung, die in diesem Zusammenhang nahezu unverschämt nach Gruppensex klingt, umklammert.

Die Galerie Potemka meint: „Dr. Konstanze Caysa – Initiatoren dieser Ausstellung erhält in der österreichischen Kunstzeitschrift Millionart derzeit eine Reihe von vier Ausgaben, in denen das Werk der Künstlerphilosophin vorgestellt wird. Sie ist Nietzsche-Spezialistin und ein wiederkehrender Gedanke in ihrem Denken, ist der der Leiblichkeit, die sie, anders als die reine Körperlichkeit, an die Seele gekoppelt ist. Dies stellt für sie – gerne auch in Verbindung mit dem Verstand – eine höhere Intelligenz dar, als der abgespaltene Verstand, der frei von Intuition agiert. Pornosophie ist nicht als Pornografie zu verstehen, sondern die ausgestellten Werke stehen im Sinne des Leiblichkeits-Gedanken für die Verbindung von Körper, Geist und Seele.“

Stephanie Dost: Aus der Serie Nice Guys - Leopard und Tiger, 23,5 x 23,5cm, 2016, Buntstift auf Papier
Stephanie Dost: Aus der Serie Nice Guys – Leopard und Tiger, 23,5 x 23,5cm, 2016, Buntstift auf Papier

Der Künstlerphilosoph als pornosophischer Exzentriker

Von Konstanze Caysa

Expraktik ist Askese bis zum Exzess, zum Exerzitium erotischer Ekstase.

Erotische Ekstase steht gegen sexzentrische  und theozentrische Ekstase, sie bewegt sich im Spannungsfeld der Erotik  des Geschlechts  und  Erotik des Gehirns, von Geschlechtserotik und Gehirnerotik.

Der sexzentrische  Ekstatiker ist  Phallogozentrist und Vulvafetischist. Im Phallus und in der Vulva findet er das All- und Ureine. Die Vereinigung mit dem Göttlichen ist für ihn die geschlechtliche Vereinigung. Je mehr er von den Abstraktionen des Denkens entfernt ist, je näher glaubt er sich dem Göttlichen, dem Phallus, der Vulva.

Der theozentrische Ekstatiker glaubt, je mehr er dem sexuell Sinnlichen entfremdet ist, je näher ist er dem göttlichen Denken, dem reinen Hirn.

Für den Einen ist die mystische Vereinigung mit dem Absoluten ein Geschlechtsphänomen; für den Anderen ein Gehirnphänomen.

Der sexzentrische Ekstatiker glaubt, je weiter man die Kellertreppe zum Sexuellen hinabsteigt, je näher komme man dem Absoluten.

Der theozentrische Ekstatiker glaubt, je weiter man sich der Sphäre des Sexuellen entfernt, je näher kommt man Gott.

Beide streben eine Katharsis an: der Eine eine Katharsis durch das Gehirn, der Andere eine Katharsis durch den Sex.

Carina Linge: Peitho, 2011, C-Print auf Dibond, 60 x 45 cm, Edition 3 + 2 AP
Carina Linge: Peitho, 2011, C-Print auf Dibond, 60 x 45 cm, Edition 3 + 2 AP

Der Eine will sich vom Sexuellen ablösen und der Andere vom Gehirn, um sich mit Gott, dem Ur-Alleinen,  zu vereinen.

Der sexzentrische Ekstatiker strebt die Loslösung des Sexes vom Gehirn an.

Der theozentrische Ekstatiker strebt die Loslösung des Gehirns vom Sex an.

Der Eine will Sex ohne Hirn; der Andere Hirn ohne Sex.

Beide Denken nicht.

Beide  sind Mystiker: Mystiker des Sexes einerseits, Mystiker des Gehirns andererseits.

Der Sexmystiker steht gegen den Gehirnmystiker und vice versa.

Beide sind tolle Menschen, ihnen ist ein obsessiv-manischer Zug eigen, sie sind maßlos, bedenkenlos, gewissenlos, auf je verschiedene Art und Weise jenseits von Gut und Böse. Sie sind methodische Amoralisten mit je umgekehrten Vorzeichen.

Beide sind Dionysiker: Der Eine ist Sexdionysiker, der Andere ist Hirndionysiker.

Gegen die Vereinseitigungen von sexzentrischer und hirnzentrischer Ekastase steht die erotische Ekstase, die beide aufhebt.

Die erotische Ekstatik ist eine göttliche, heilige Erotik, die die Erotik des Sexes und die Erotik des Gehirns, die die “Erotik der Körper” und die “Erotik der Herzen” aufhebt.

Erotik ist nicht etwas Menschlich-Allzumenschliches, sondern eine Seinserfahrung. Durch sie begegnet mir in meinem Dasein das kosmische Sein, meine sinnliche Endlichkeit begegnet mir  im Medium der Erotik der Unendlichkeit – in  Augenblicken der Ekstase.

Shaima Sobhy: Covered Woman, 2017, 107 x150 cm, Acryl auf Leinwand
Shaima Sobhy: Covered Woman, 2017, 107 x150 cm, Acryl auf Leinwand

Der erotische Ekstatiker ist ein Mystiker ohne Gott – denn Gott ist die Liebe und Geschlechtsverkehr ist ihm Liebesverkehr zwischen Sex und Hirn, Sinnlichkeit und Denken, Leidenschaft und Vernunft, Leben und Tod.

Die bedingungslose Hingabe in der heiligen Ekstase ist nicht unkontrolliert, sie ist geordnet, um  Bedingungslosigkeit bis hin zur Bindungslosigkeit zu ermöglichen; Ekstase ist geformte Überschreitung, damit der Rausch gelingt. Der Ekstatiker ist ein Formulierer – ein Formgeber.

Der Künstlerphilosoph ist erotischer Heiliger. Sein Exerzitium ist der heilige Eros, er ist ein heiliger Asketiker.

Der Künstlerphilosoph ist der Asket, der die Askese zum Exerzitium macht; er betreibt die Askese als Exerzitien.

Kunst ist ihm Kult: Kult der Schönheit.

Schönheit umgibt nicht einfach die Macht – sie verspricht Macht.

Schönheit ist nicht leistend, sondern versprechend – das ist ihre Leistung.

Das Schöne wird nicht nur im Schönen gezeugt, sondern auch im Medium des Hässlichen.

Nicht nur die Schönheit ist faszinierend, sondern auch das Hässliche.

Das Hässliche ist in seiner Repulsion Attraktion. Attraktion verspricht immer Macht, egal ob schön oder hässlich, allzu oft ist die Hässlichkeit in ihrer Macht schön – weil auch das Hässliche fasziniert.

Der Dämon Eros ist schön und hässlich, arm und reich, kynisch und zynisch.

Nicht nur das Schöne ist Objekt der Kunst, sondern auch das Abstoßende, Ekelhafte, die Abjekte.

Die Kunst, die sich den Abjekten zuwendet, ist Pornosophie, sie stellt die Wahrheit der Abjekte, der “Huren” dar.

Dr. Konstanze Caysa: Parrhesiast, 2017, 42 x 19,5 cm, Mixed Media
Dr. Konstanze Caysa: Parrhesiast, 2017, 42 x 19,5 cm, Mixed Media

Dieser ästhetische Extremismus ist eine skandalisierende Lebensform, die dem “Skandal” (genannt Leben) auf den Grund geht. Die barbarische Wahrheit des Lebens kommt ans Licht.

Dieser Skandalismus stellt sich gegen die political correctness der Massendemokratie, gegen die Hässlichkeit ihres grunzenden, schmatzenden, saufenden Hedonismus mit elitärem Hedonismus: kynischer Aristokratismus = Pornosophie.

Die gelingende Skandalisierung ist aber nicht grenzenlose Enttabuisierung. Ist Skandalisierung entgrenzte Enttabuisierung, dann ist sie unerotisch und pornographisch. Der Skandal, der ein Wahr-Sagen ist, braucht Tabus, um die Erotik zu ermöglichen.

Die Garantie der Tabus als Bedingung der Möglichkeit von Erotik ist die Form, der Stil.

Pornosophie ist stilisierte Erotik, kein Sex, sie ist ästhetisierte Religion, Erotik als Religion.

Was griechisch phallos heißt ist lateinisch fascinus.

Das Bündel, das Beil, als Symbol der Strafgewalt, fasziniert, verzaubert, verführt, bannt uns.

Insofern stand der Phallus immer für Souveränität und im Anschluss daran das gebündelte Feuer: die Fackel. Der Pornosoph, insofern er den Phallus heiligt, ist also der Fackelträger der Kunst: der Künstlerphilosoph.

Pornosophie (Group Show)

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Dr. Konstanze Caysa

Stephanie Dost

Grit Hachmeister

Corinne von Lebusa

Carina Linge

Shaima Sobhy 

Sophie von Stillfried

Robin Zöffzig

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Vernissage: 24.06.2017, 19 Uhr

Dr. Konstanze Caysa liest ihr pornosophisches Manifest
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Ausstellungsdauer: 25.06.-22.07.2017

High Noon in der Spinnerei – Um was es Johannes Tiepelmann mit seiner Malerei geht

Johannes Tiepelmann: Gebrüder Grimm, 2006/2007, Öl auf Leinwand, 387 x 265 cm (courtesy Galerie FLOX 2016)
Johannes Tiepelmann: Gebrüder Grimm, 2006/2007, Öl auf Leinwand, 387 x 265 cm (courtesy Galerie FLOX 2016)

Fünf Jahre ist es schon her. Wer damals nach guten Malern stöberte, der stieß noch 2011 auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei oder im Tapetenwerk auf einen talentierten jungen Mann. Sein Ausstellungsrefugium befand sich damals mitten im Herzen von Lindenau. Die kleine Galerie befindet sich heute noch in der Aurelienstraße. „Potemka“ heißt sie, nach ihrer Galeristin benannt. 2011 hingen hier Arbeiten von Johannes Tiepelmann. Seit 2013 betreut die Galerie FLOX die Vermarktung seiner Werke. Eine Erinnerung.

24 Stunden vor der Vernissage am 16. September 2011 holperten Fahrräder über das buckelige Kopfsteinpflaster der Alten Baumwollspinnerei. Auf einem saß der Künstler, der an dem alten Industrieort, wo 1946 die Sowjetische Militäradministration Kriegsverbrecherprozesse durchführte, sein Atelier hatte und vom Drahtesel abstieg. Aus seiner Tasche zog er ein Paket. Bald darauf hielt er in der einen Hand ein eingewickeltes Gemüse-Wrap, in der anderen Hand einen Kaffee in einem Pappbecher. An seiner Schulter baumelte die Umhängetasche. Zum alljährlichen Großereignis Herbstrundgang der Spinnereigalerien mag er hier nicht sein, bekundete er beim Gehen. Dieser Trouble sei nicht sein Ding, meinte er während er die Tür zu seinem Atelier aufschloss.

Der Raum verschluckte wegen seiner Größe seine Besucher. Man fühlte sich klein. Dennoch war es gemütlich hier. In diesem Refugium lagen ausgedrückte Farbtuben, Pinsel steckten in Gläsern, Riesige Leinwände lehnten auf den Kopf gestellt an den Wänden. Davor mehrere kleine Arbeiten – farbenfroh, narrativ. Dazwischen eine Couch, ein Tisch, ein Sessel.

Johannes Tiepelmann: Raum, 2010, 287 x 287 cm, Öl/Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)
Johannes Tiepelmann: Raum, 2010, 287 x 287 cm, Öl/Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)

„Wie soll ich das erklären?“, sagte Johannes Tiepelmann zu seinem vorzeitigen Abgang von der HGB als er auf dem Sofa saß und eine Zigarette rauchte. Der damals 31-jährige Absolvent der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und Hochschule für Grafik und Buchkunst zögerte und führte aus, dass für ihn Kunst mit Schule nichts zu tun habe. „Es ist die Theorie, Scheine machen … und so weiter. Meinen ersten Schein habe ich gemacht, danach war ich fix und fertig. Ich möchte all diese Dinge, die man eingepaukt bekommt, selbst für mich entdecken. Ich habe tagein tagaus im Atelier gesessen und gemalt.“ Zur Spinnerei-Gemeinschaft fühlte er sich er auch nicht dazugehörig, auch wenn er seit über zehn Jahren sein Atelier hier hatte. „Mir fehlt natürlich etwas durch das nicht vorhandene Diplom. Stipendien kann ich nicht wahrnehmen. Die Antragsnehmer wollen Zeugnisse sehen.“ Doch auch die brauche er nicht, beteuerte der Maler damals, lieber verkaufe er die Gemälde. Neun Werke reihten sich im Atelier aneinander. Sie gingen in die Galerie Potemka. „Sie werden noch gerahmt und bekommen eine Membran“, sagte er und ließ seinen Blick schweifen. „Ich bin selbst gespannt wie es wirkt,“, fügte er fast schon still gesprochen hinzu. „Durch dieses Pergamentpapier wird die Farbigkeit entkräftet. Das ist so Absicht, weil es Bilder sind, die schon längst existieren – sie sind alle 1 : 1, bloß viereinhalb mal kleiner als die Originale.“ Die meisten Papierarbeiten sind 70 mal 100 Zentimeter groß. Man konnte sich vorstellen, wie groß das vierfache davon ist.

„Die Originale sind alle in Acryl gemalt worden, die hier alle in Öl. Eine völlig andere Herangehensweise, Öl ist viel zäher. Viele Details habe ich einfach weggelassen. Miniaturmalerei ist einfach nicht mein Ding. Die Farbigkeit habe ich im Gegensatz zu den größeren Originalen verändert. Es ist fast so als würde man die Augen zusammenkneifen und vorm Original stehen und dadurch viele Details wegschwimmen“, erklärte er. Doch wie der Mensch so ist, Details nähme er auch im echten Leben nicht oder nur verhuscht war. „Ich bin künstlerisch auch an einen Punkt gelangt, dass wenn ich jetzt was malen würde, komplett anders aussehen würde. Die Bilder wären auch nicht mehr so narrativ und mit Eindrücken voll gepackt. Obwohl ich extrem viele Sachen weg gelassen habe, sind die aktuellen Arbeiten noch ziemlich dicht erzählt.“

Regiearbeit wäre der große Traum von Johannes Tiepelmann gewesen. Er sagte, dass er in seinen Gemälden szenisch denke und mit ihnen Geschichten erzähle.

Johannes Tiepelmann: Allerseelen, 2010, 195 x 145 cm, Öl auf Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)
Johannes Tiepelmann: Allerseelen, 2010, 195 x 145 cm, Öl auf Leinwand (courtesy Galerie Potemka 2016)

Hingen die neuen Werke thematisch zusammen und warum sind sie entstanden? „Ohne den Termin bei der Galerie Potemka wäre diese Serie gar nicht zustande gekommen“, stellte er fest und fügte hinzu, dass er seine Bilder wie abstrakte und ungegenständliche Stories aufbaue. Mit dem Ausstellungstitel “Klausur“ meine er die Zurückgezogenheit des Künstlers in seinem Atelier, nicht das Sammeln von Scheinen und die strebsame Betriebsamkeit im Wettbewerb unter Schülern und Studenten. Johannes Tiepelmanns Akte auf Papier erschienen so als aus Erinnerungen geschälte Reproduktionen von bereits geschaffenen Bildern. Ein Grund für die neuen kleinformatigen Werke war der, dass die Originale durch Verkäufe überall hin verstreut wurden. Sie entstanden, wie es der Maler ausdrückte, mit dem Blick eines Riesen auf seine Kinder.

Ein wenig entstand der Eindruck, als sei David Lynch auf den Pinsel gekommen. „Einzelne Bilder würde ich gerne mal verfilmen. Die meisten würden wahrscheinlich high-noon-typisch daher kommen. Da kann schon mal wie in dem da drüben auch ein Mikro auftauchen, weil ich das einmal in einem Film gesehen hatte, weil die dort schlecht geschnitten hatten und das komplette Kamerateam im Spiegelglas eines Wolkenkratzers zu sehen gewesen war.“ Auch wenn so der Film entlarvt wurde, fand der Maler diesen Fehler richtig sexy und sagte: „Zu fragen was hinter dem Kameraauge ist!“ – Im Grunde gab es zwei Gemälde, die er parallel gemalt hat. Auf dem einen ein Clown mit Mikrofon, auf dem anderen ein Mensch, der sich auf Planken krümmt. Im Grunde schaut der Clown auf ein Geschehen vor ihm. Sogar die Beleuchtung auf beiden Bildern ist aufeinander abgestimmt.

„Die Originale sind in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, die hier in wenigen Wochen und Monaten“, sagte der Maler und schaute auf ein Bild, welches eine Auseinandersetzung mit zwei Windhunden bezeugt. „Ich sehe in den Reproduktionen eher Brüderschaften untereinander, die, als ich die Originale gemalt hatte, nicht absehbar waren. ich habe mir die Bilder der letzten zehn Jahre herausgesucht, die eine gewisse Geltung für mich haben.“ Das Medium Malerei an sich wollte er mit „Klausur“ in Frage stellen.

Johannes Tiepelmann lehnte sich zurück, drehte sich eine Zigarette. „Ich bin gespannt wie sie aussehen, wenn die psychedelische Farbigkeit durch die Membran zurück genommen wird.“

Wer die Originale kannte, stellte rasch fest, dass die „Klausur“-Arbeiten komplett anders aussahen und durch die Membranhaut einen trüben Blick in die Erinnerung schweifen ließen. „Sie sind etwas aufgeräumter“, meinte er zum Schluss.

Ein Gast sagte während der Ausstellung, die am 16. September 2011 eröffnet wurde, man hätte Lust, die Originalfarbigkeit zu entdecken, müsse seine ganze Vorstellungskraft aufwenden, um diese im Kopf entstehen zu lassen.“ Für den Kunstschaffenden, dessen Vater auch an der HGB studiert hat, erschienen die Arbeiten als ein Wendepunkt, ein Abschluss und ein Anfang. Man darf weiterhin gespannt sein, was als nächstes von diesem spannenden Künstler aus Leipzig kommt.