Leipziger Jahresausstellung – Das alljährliche Schaulaufen zur Kunst verliert Relevanz

Daniel Thalheim

Es war im Mai 1913, als die erste Internationale Baufach-Ausstellung in Leipzig auf dem heutigen Alten Messegelände seine Toren öffnete. Im Fokus standen damals die Messehallen, wie das Monument des Eisens von Bruno Taut (1880 – 1938) und Franz Hoffmann (1884 – 1951), die Hallen für Raumkunst und Baustoffe, der Hof der nachgebauten Pleißenburg, die zur selben Zeit durch den Bau des Neuen Rathauses verschwand, das Gebäude des Rumänisches Weinrestaurants, ein Musterdorf mit Schule und Kirche sowie die Betonkuppelhalle von Wilhelm Kreis (1873 – 1955). Gleichzeitig standen im selben Jahr realisierte Bauprojekte, wie die Gartenstadt Marienbrunn, das benachbarte Völkerschlachtdenkmal, die Brücke zwischen den Ausstellungshallen im Fokus der Besucher. Etwas im Abseits organisierten die bildenden Künstler zum selben Zeitpunkt die „Leipziger Jahresausstellung“. Sie bot zusammen mit einem Pavillon für die Karikaturenausstellung damals einen Überblick über das künstlerische Schaffen zeitgenössischer Künstler internationalen Ranges der letzten 30 Jahre.
1913 trat die „Leipziger Jahresausstellung“ nicht zum ersten Mal in Erscheinung. Bereits 1910 veranstaltete der Verein Bildender Künstler Leipzig im Städtischen Kaufhaus die als „Sezession“ genannte erste Jahresausstellung. Am 15. Januar 1912 gründete der Verein den „Verein Leipziger Jahresausstellung e.V.“ Max Klinger (1857 – 1920), Wilhelm Schulze-Rose (1872 – 1950) und der Bildhauer, sowie Nachlassbetreuer Max Klingers, Johannes Hartmann (1869 – 1952) hatten den Vorsitz inne. Im Städtischen Handelshof in der Grimmaischen Straße stellten im Jahr 1912 über 200 deutsche und europäische Künstler Malerei und Plastik aus. Bekannte Namen, wie Ernst Barlach, Max Beckmann, Käthe Kollwitz, Claude Monet, Max Liebermann, Henri Matisse, Max Pechstein, Pablo Picasso und Auguste Renoir nahmen mit einem oder mehreren Werken an der Schau teil. Das war eine Ausstellung internationalen Ranges. Nahezu sämtliche Künstler der Klassischen Moderne waren vertreten. 1921 kamen Namen, wie Lyonel Feininger (1871-1956) und Kurt Schwitters (1887-1948), dazu.

Die Leipziger Sezession

Das große Kunstlexikon von Peter W. Hartmann erklärt unter „Sezession“ die Wortbedeutung, welche aus dem Lateinischen entlehnt ist. „Secessio“ bedeutet nichts anderes als „Abspaltung“ und „Trennung“. Der Lexikonartikel fasst zusammen, was im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter Sezession verstanden wurde. In München, Berlin und in Wien wurden „Secessionen“ gegründet. 1910 hieß es in Leipzig: „Die Sezession hat es sich zur Aufgabe gemacht, alljährlich in Leipzig eine Jahresausstellung zu veranstalten. Durch diese Ausstellung bezweckt der Verein, für die Förderung der idealen und wirtschaftlichen Bestrebungen Leipziger Maler, Bildhauer und Grafiker einzutreten, andererseits auch für die Ausgestaltung unserer heimischen Kunst tätig zu sein und damit auch Leipzig im deutschen Kunstleben eine bedeutsame Stellung zu sichern. Die Ausstellung, die nicht nur Werke Leipziger Künstler enthält, sondern in der Künstler aller deutschen Kunststädte vertreten sind, zeigt, in welcher anerkennenswerten Weise das Unternehmen der Leipziger Sezession in der auswärtigen Künstlerschaft und nicht minder bei dem Leipziger Künstlerverein und dem Leipziger Künstlerbund Beachtung gefunden hat.“
Wenn vor einigen Jahren von einer „Leipziger Sezession“ gesprochen wurde, haben die Menschen auf den kursierenden Popanz von „Legida“ geschaut. Die Organisatoren der Vereinigung „Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes“ haben sich vom Dresdner Vorbild „Pegida“ abgesetzt. Nichts anderes passierte in der Kunstwelt um Max Klinger vor einhundert Jahren. Er setzte, zusammen mit anderen Künstlern, sich vom vorherrschenden, akademischen Kunstbild der Künstler Berlins ab. Klinger wirkte eine zeitlang in der Reichshauptstadt, wo er 1894 Nachrückemitglied der „Gruppe XI“ war, die sich gegen den einst von Gottfried Schadow gegründeten „Verein Berliner Künstler“ positionierte, der Ende des 19. Jahrhunderts auch die „Großen Berliner Kunstausstellungen“ organisierte, und 1893 in die Gründung der „Berliner Sezession“ mündete, wovon sich wiederum die „Neue Berliner Secession“ abspaltete.
Die in der „Gruppe XI“ organisierten Künstler Jacob Alberts (1860–1941), Hans Herrmann (1858–1942), Ludwig von Hofmann (1861–1945), Walter Leistikow (1865–1908), George Mosson (1851–1933), Konrad Alexander Müller-Kurzwelly (1855–1914), Hugo Schnars-Alquist (1855–1939), Friedrich Stahl (1863–1940) und Hugo Vogel (1855–1934) bemühten sich um die Teilnahme von Max Liebermann (1847–1935), Franz Skarbina (1849–1910), Max Klinger (1857–1920), Dora Hitz (1856–1924) und Martin Brandenburg (1870–1919).
1892 wurde in München die erste Sezession gegründet. Von dieser Vereinigung spalteten sich später weitere Ableger ab. 1897 wurde von Gustav Klimt (1862 – 1918), Kolo Moser (1869 – 1918) und Josef Maria Olbrich (1867 – 1908) die Wiener Sezession gegründet, die vornehmlich baugestalterische und architektonische Formensprachen zusammmenzufassen versuchte, welche wir heute als „Jugendstil“ oder „Wiener Sezessionsstil“ kennen. 1897 wurde Max Klinger Mitglied der Wiener Sezession. Im selben Jahr wurde der Künstler Professor an der Akademie der graphischen Künste in Leipzig.
Über die Leipziger Sezession ist wenig bekannt. Wir wissen, dass Max Klinger das lebende und künstlerische Zentrum in Leipzig für die Kunst war. Neben ihm waren der Grafiker Alfred Leistner (1887–1950) und der Maler Eduard Einschlag (1879 – 1945) Gründungsmitglieder der „Leipziger Jahresausstellung“. Der von den Nazis zusammen mit seiner Familie deportierte und vermutlich um 1939 im Warschauer Ghetto ermordete führende Künstler der Zwanziger und Dreißiger Jahre von Leipzig war einer der Ausstellungsleiter der „Leipziger Jahresausstellung“ vor einhundert Jahren. Der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammende Eduard Einschlag schlug einen anderen Weg ein als sein älterer Bruder Martin. Zwar besuchte Eduard Einschlag, wie Martin, die Leipziger Handelsschule und war auch in dem Unternehmen seines Vaters tätig, ging aber bald zur Leipziger Kunstakademie. Während Martin Einschlag als Rauchwarenhändler und Prokurist in dem Unternehmen von Julis Ariowitsch (1880-1969) tätig war, lernte Eduard bei Ludwig Nieper (1826–1906), der 1875 die Städtische Gewerbeschule zu Leipzig gründete, seit 1870 Lehrer an der Kunstakademie in Leipzig und von 1871 bis 1900 Direktor der Leipziger Kunstakademie – heute bekannt als Hochschule für Grafik und Buchkunst – war, das Rüstzeug für seine spätere künstlerische Laufbahn. Ein weiterer großer Einfluss Einschlags war der Berliner Radierer Karl Köpping (1848-1915). Der Leipziger Kunststudent hielt sich seit 1901 in Berlin auf. Bei der 1908 veranstalteten „Großen Berliner Kunstausstellung“ beteiligte er sich mit einem Gemälde. 1910 verschlug es Einschlag nach Paris, kurz darauf wieder nach Leipzig, wo er sich verstärkt der Malerei zuwendete und Leipziger Persönlichkeiten porträtierte.
Einschlag war nicht der einzige, in Leipzig ansässige, Künstler, der für die „Leipziger Jahresausstellung mitwirkte und sogar mit eigenen Arbeiten vertreten war. Weitere Jurymitglieder waren der Illustrator und Grafiker Louis Carl Bruno Heroux (1868-1944), der Maler und Radierer Alois Kolb (1875 – 1942), der Zeichner Karl Ferdinand Lederer-Weida (* – *), der Jugendstilkünstler und Schöpfer der beiden Figurengruppen „Mephisto und Faust“ und „Verzauberte Studenten“ am Eingang zum Auerbachs Keller in Leipzig und des fünf Meter breiten Ölgemälde „Osterspaziergang“, Mathieu Molitor (1873 – 1929) und der Illustrator und Grafiker Hugo Steiner-Prag (1880-1945).
Die Leipziger Sezession besaß ein von Buchkunst und Malerei beeinflusstes Gepräge. Man kann sagen, dass das Leipziger Beispiel das Nachbeben einer Kunstentwicklung war, worin zeitgenössische Künstler sich vom vorherrschenden Akademiestil abzusetzen versuchten, aber schon bald von den vielen Künstlergruppen von Expressionisten, Dadaisten und Surrealisten in seiner Bedeutung überschattet wurde. Dennoch reichte der Einfluss der in der „Leipziger Sezession“ organisierten Künstler weit in die Geschichte der Entwicklung der nach 1945 gegründeten Hochschule für Grafik und Buchkunst bis heute hinein, wobei Begriffe wie „Leipziger Schule“ und „Neue Leipziger Schule“ in diesen Entwicklungsstrang einzuordnen sind. Das Selbstverständnis der Leipziger Künstler der DDR und Nachwendezeit ist mit dem Nachklang der „Leipziger Sezession“ eng verbunden. Der seit rund sieben Jahren einsetzende Auflösungsprozess dieses Traditionsverständnisses ist eng mit den Rektorenwechseln nach dem Weggang von Arno Rink verknüpft. Die jetzige Hochschulführung verfolgt eine Abkehr der Leipziger Entwicklung, die mit den Gründern der Leipziger Kunstakademie im 18. Jahrhundert begann.

Der Bruch in der DDR

In der Deutschen Demokratischen Republik diente Kunst vorrangig als „weiches“ Propagandamittel, um den real existierenden Sozialismus den Bürgern vor Augen zu führen. Auf den DDR-Bezirkskunstausstellungen in bspw. Rostock und in Leipzig wurden die aktuellen künstlerischen Positionen vorgestellt. Nur hatten die SED-Funktionäre teilweise ihre Probleme mit der didaktischen Vermittlungsarbeit; was meinten die Künstler mit ihren Werken? Vor allem die Leipziger Künstlergilde schien mit ihren Bildaussagen sehr eigenwillig gewesen zu sein und verschlüsselten in Kenntnis von den Bildwissenschaften, Ikonographie und Ikonologie, ihre Bilder. Politisch waren sie daher mehr oder weniger schwer vermittelbar im Sinne des real existierenden Sozialismus. Auf der anderen Seite nahmen Künstlerinnen und Künstler die sozialistische Realität auch ernst und bildeten sie auch ab; Verfall, graue und schmutzige Straßen, ölige Pfützen, Industrie, Staub und Dreck. Gerade die fotografischen Arbeiten aus der Hochschule für Grafik und Buchkunst strotzen vor realen Abbildungen wie der Sozialismus sich den Menschen darbot. Organisiert wurden die Bezirkskunstausstellungen von den Kulturbüros in den Stadtverwaltungen. Doch auch eine Auswahlkommission aus Funktionären und Künstlern redete mit, wer welche künstlerische Arbeiten vorlegen durfte und wer nicht. Oftmals, so war es zumindest in Leipzig der Fall, konnten durchaus auch sozialismuskritische Arbeiten durchgewunken werden sofern die künstlerische Qualität stimmte. Anspruch und auch Wirkungskreis der heutigen Jahresausstellung ähneln den Bezirkskunstausstellungen sehr, zumal auch z.T. einige Personalien der Bezirkskunstausstellung innerhalb des heutigen Vereins das Gepräge bestimmen.

Neuanfang und Neuorientierung

Der 1992 neu gegründete, heutige, Verein der „Leipziger Jahresausstellung“ verfolgt, anders als sein 1927 aufgebene Vorgänger, keine sezessionistischen Bestrebungen. Anpassung und Festhalten am Alten trifft eher zu. Man konnte nach der deutschen Wiedervereinigung nicht mit dem Wort „Bezirkskunstausstellung“ hantieren. Da kam der Vereinsname der „Leipziger Jahresausstellung“ dem damaligen Vorstand zupass, zumal  kein rechtlicher Schutz für diesen Namen existierte. Der heutige Verein will mit seinen jährlich veranstalteten Kunstschauen einen Überblick in die zeitgenössische Kunstentwicklung innerhalb der Messestadt geben. Die Organisatoren bündeln unterschiedliche Leipziger Kunstpositionen und geben auch weniger bekannten Malern, Grafikern, Fotografen und Bildhauern die Chance, dass ihre Arbeiten einem großen Publikum nahe gebracht werden. Das heutige Bestreben der Ausstellungsmacher unterscheidet sich kaum von der ursprünglichen Vereinsidee von 1910, und schon gar nicht von 1960-1989. Lediglich die internationale und auch nationale Relevanz will dem Verein nicht so recht gelingen. Gastkünstler haben zwar Gelegenheiten, sich innerhalb der Jahresausstellung zu positionieren, sofern sie mit Leipzig Berührungspunkte in Formen von Wirkungsstätte, Wohn- oder Studienort finden. Doch durch das Fehlen internationaler Positionen hat die Jahresausstellung auch innerhalb der Leipziger Künstlerschaft ihre Relevanz verloren. Hinzu kommt, dass die Masse an in Leipzig lebenden Künstlerinnen und Künstlern oft Schwierigkeiten haben, jemals innerhalb der Jahresausstellung gezeigt zu werden. Oft wiederholen sich die künstlerischen Positionen der Leipziger Jahresausstellung. So hinterlässt der Verein den Eindruck einer in sich geschlossenen Blase. Gerade auch der Umgang des Vereins mit dem 2019 ausgeschlossenen Maler Axel Krause, weil er sich auf Facebook meinungskritisch zur Migrationspolitik der Bundesregierung äußerte und auch seine politische Heimat in der als rechtspopulistisch angesiedelten AfD sieht, demonstrierte wie sehr öffentlicher Druck und politisch geführte Diskussionen sich auf die öffentliche Wahrnehmung des Vereins auswirkten. Auch die Absage der gesamten, auch durch Fördermittel getragenen, Ausstellung gilt als Beispiel wie eine „Cancel Culture“-Debatte Einfluss auf die Vereinspolitik genommen hat.
Dass die Jahresausstellung nach dem Knall 2019 und der Covid-Pause 2020 im Jahr 2021 wieder an den Start geht, ist erfreulich. Aber angesichts einer parallel in der Halle 14 durchgeführten Großausstellung ähnlichen Formats mit jüngeren und nicht innerhalb des Vereins etablierten Künstlerinnen und Künstlern, zeigt wie bunt die Facetten in Leipzig tatsächlich sind und dass die Leipziger Jahresausstellung seit Jahren auch an Relevanz innerhalb der Leipziger Künstlerschaft verliert. Auch der für sich erhobene Qualitätsanspruch des Vereins wird so um ein weiteres relativiert. Sinn einer Leipziger Jahresausstellung würde in der Zukunft nur dann machen, wenn die Ausstellung um den Globus reist und so als touristisches Aushängeschild Leipzigs zum Tragen kommen würde.

Literaturauswahl

Bähring, Helmut; Rüddiger, Kurt (Hrsg.): Lexikon Buchstadt Leipzig – Von den Anfängen bis zum Jahr 1990. 1. Aufl. – [Taucha:] Tauchaer Verlag 2008. ISBN 978-3-89772-147-0, S. 190
Müller, Hermann Alexander: Biographisches Künstler-Lexikon. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882. S. 394
Riedel, Horst: Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, herausgegeben von PRO LEIPZIG. Leipzig 2005. ISBN 3-936508-03-8, S. 434
Museum der Bildenden Künste Leipzig: Katalog der Bildwerke, Köln 1999, passim.
Alfred E. Otto Paul: Die Kunst im Stillen. Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen, No. 01, Leipzig 2009, S. 14f, 22ff, 90ff.
Richard Braungart und Egbert Delpy: Bruno Héroux. Sein graphisches Werk bis op. 501. Bong, Berlin 1922.
Bruno Héroux und sein Werk. Sonderheft der „Schönheit“, gedruckt zum Leonidenfest 1926. In: Die Schönheit. XXII. Jg., Verlag Die Schönheit, Dresden 1926.
Richard Braungart: Bruno Héroux zum Gedächtnis. In: Exlibriskunst und Gebrauchsgraphik. Zeitschrift der Deutschen Exlibris-Gesellschaft. Frankfurt am Main 1952, S. 74f.
Axel Vater: Bruno Héroux als Exlibriskünstler. In: Deutsche Exlibris-Gesellschaft (Hrsg.): DEG-Jahrbuch 2003. Exlibriskunst und Graphik. Frankfurt am Main 2003.
Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen II. Deutscher Kunstverlag, München 1998, ISBN 3-422-03048-4

Der Malerei verpflichtet – Christian Bussenius blickte ins Elsterland

Christian Bussenius gehört zu den Malern der neuen Leipziger Generation nach Arno Rink, Hans Aichinger und Neo Rauch. (Foto: Artefakte)
Christian Bussenius gehört zu den Malern der neuen Leipziger Generation nach Arno Rink, Hans Aichinger und Neo Rauch. (Foto: Artefakte)

Wer sind die Menschen, die hier leben? Was machen sie und wie verhalten sie sich. In der aktuellen Ausstellung in der Leipziger Galerie Potemka öffnet der Maler Christian Bussenius dem Besucher seinen Blick auf die Menschen in der Pleißemetropole. „Elsterland“ hieß die Versammlung von neuesten Gemälden, die bis zum 15. Mai gezeigt wurde.

Im Elsterland

Es war der Abend der Ausstellungseröffnung der Leipziger Jahresausstellung. 2. Juni – Sommersonne, Hitze. Die Kühle der verregneten Tage wich fast schon in Zeitraffer einem Vorgeschmack des Hochsommers, der eine Woche lang anhalten sollte – bevor nun dann die Schafskälte für Abkühlung sorgen sollte. An diesem frühen Abend galt das Ausstellungsschild einer polnischen Künstlerin. Vor wenigen Tagen noch kündigten an dieser Stelle eine andere Schau an. Der Künstler, der mit der Soloshow beglückt wurde, lädt nun seine letzten Gemälde in seinen großen Kombi aus den frühen Nullerjahren. Das ganz große Gemälde zurrt er mit Gaffa auf dem Dach fest. Christian Bussenius heißt der Mann mit dem jungenhaften und in sich gekehrten Wesen.

„Elsterland“ hieß die jüngste Galerieschau des Hauskünstlers der Potemka-Galerie. Dieser Titel leite sich vom Umstand ab, dass durch Leipzig die Elster fließe, gibt die Galerievertretung Alma Beck zum Ausstellungsnamen Auskunft. Sie ist an diesem sommerlichen Abend ebenfalls anwesend. Leipzig sei nach der Definition des ausstellenden Künstlers eben das Elsterland. Kein Fluß präge demnach die Messestadt so sehr wie die Weiße Elster. Sein Lauf durch den Leipziger Auwald, dann seine Kanalwerdung am Tor zum Clara-Zetkin-Park, wo viele Leipziger an den Ufern flanieren, oder eben „Summer In The City“ auf der Sachsenbrücke zelebrieren, welche den Kanal wie viele andere Brücken überspannt. Vorbei an Stadion, Kleingartenanlagen, Landschaftsschutzgebieten und dem Auensee zieht der Strom unaufhörlich durch Leipzig. In seinem Einzugsgebiet geschehen tagtäglich tausende Geschichten. „Elsterland“ zeige einige von ihnen. Aufgemalt vom Artist himself. Ein Stück weit erzählen die neuen Arbeiten des 1978 in Magdeburg geborenen Malers auch seine eigene Geschichte.

Unscheinbar ist der Meister in der Tradition, die gern mit dem Label „Neue Leipziger Schule“ gebrandmarkt wird, als er in den Galerieräumen steht. Der ehemalige Schüler von Malerstar Neo Rauch ist zurückhaltend, höflich und freundlich. Kein wildes Partytier. Familienmensch sei er inzwischen geworden, sagt er, und wolle ganz in seiner Familie aufgehen und seine Rolle als Maler ausfüllen. Nur das. Warum er dennoch Schlaglichter auf junge Menschen auf einem Moped, an eine Fensterwand lehnend oder auf eine Bank wartend malt, erkläre sich mit dem Abschluss dieses Lebensabschnitts, den er auch er durchschritt – die Pubertät und Post-Adoleszenz. Seine Arbeiten sind Rückblicke auf ein gelebtes Leben und natürlich wie sehr auch Menschen im Leben einem Wandel unterworfen sind – Momentaufnahmen des Seins. Geschichten, die in Leipzig geschahen, die der Künstler erlebte und abbildete. Wie die drei Jungs auf der Bank sitzend. Der Künstler beschreibt die Bildsituation wie sie sich zugetragen haben soll. Drei junge Männer warten mit ihren Bewerbermappen auf die Aufforderung zum Bewerbungsgespräch. Daraus ergab sich die Situation wie die drei sich gegenseitig abtasteten, bevor einer von ihnen dann zum Gespräch aufgefordert wurde und ging. Eigentlich wolle keiner von ihnen den täglichen Kampf um das wirtschaftliche Durchkommen bestreiten, sagt er, dennoch schätzten sich alle drei gegenseitig ab, um im Bewerberwettstreit besser als der andere dastehen zu können. „Im Erblicken und Erfahren der Situationen und Dinge um mich herum erkenne ich die Wahrheiten, nicht im Lesen von Büchern. Nur in Bildern kann ich das erzählen wofür andere Worte gebrauchen.“

Tradition trifft auf Klassische Moderne mit Themen aus der Gegenwarts- und Popkultur - Christian Bussenius (Foto: Artefakte)
Tradition trifft auf Klassische Moderne mit Themen aus der Gegenwarts- und Popkultur – Christian Bussenius (Foto: Artefakte)

Können wir tatsächlich?

Der aus Magdeburg stammende Maler stellt schon mehrmals in der Galerie Potemka in der Lindenauer Aurelienstraße aus. Seine Stimme ist hell, leise und fast schon jungenhaft. Das Haar des 1978 geborenen Künstlers ist ergraut. Seine 2013 ausgestellten Arbeiten zeigen jugendliche Männer, die kühl und selbstbewusst in die Ferne schauen, oder im „Superman“-Kostüm den Anflug von Unsicherheit verbreiten.

„Können wir“ stand als Frage und als Aussage im Raum. Warum? Bussenius antwortet: „Der Titel ist mir wichtig, weil er sowohl Unsicherheit als auch Entschlusskraft mit einschließt.“

Zu seinen damals gezeigten Bildern sagt Galeristin Lu Potemka, dass Bussenius sich mit dem zeitgenössischen Männerbild auseinandersetzt. „Der Künstler malt Männer, die liebenswert sind, die träumen, Zigarre rauchen, … , … und ohne dass sich Abgründe auftun, scheinen sie einfach ihr Leben in ihren Möglichkeiten zu genießen.“

Bussenius ergänzt: „Inhaltlich geht es mir darum, dass heutzutage Mädchen einem klassischen Männerbild etwas entgegensetzen müssen, das es so gar nicht mehr gibt. In der Musik haben wir Beck, der „I’m a loser“ sang, … Ich frage mich: Haben Männer das Männliche verloren, oder die Männlichkeit auf eine neue Ebene getragen? Ich finde die Emanzipation der Frau hervorragend. Jetzt sind aber die Männer dran. Ich suche eigentlich die Entsprechung für mich als Typ. Deswegen sind die jungenhaften Männer die Akteure in meinen Bildern.“

Bussenius geht es mit seinen Arbeiten nicht um das Finden von Antworten. Für ihn ist der Macho, wie ihn noch Film und Fernsehen vor dreißig Jahren zeigten, tot. Selbst der Marlboro-Mann wird alt. Rambo ist es schon längst. Und „Spider-Man“ wird von einem Schauspieler verkörpert, der im „wirklichen“ Leben ein verhuschter Typ ist.

„Wo ist dieses klassische Männerbild noch?“, fragt der Künstler bevor einen letzten Zug von seiner Zigarette nimmt, um nach Hause zu Frau und Kind zurückzukehren, „Wenn es noch in einer Daimler-Chefetage sitzt, dann stirbt es innerhalb von zehn Jahren an Herzinfarkt.“

Reine Malerei!

Doch allen thematischen Ausladungen zum Trotz: im Grund gehe es Christian Bussenius ums Malen. Der Prozess, wie der Künstler Farbe auf die Leinwand auftrage sei von einem Bauchgefühl bestimmt, so der Künstler weiter. Das Thema spielt bei ihm eine untergeordnete Rolle. Von perfekt ausgearbeiteten Sujets hält er nicht viel. Man müsse nicht jeden Menschen mit der Kunst mitnehmen. Er möchte den Betrachtern aber Interpretationsspielraum lassen. Im Fall eines weiteren Bildes, wo zwei junge Typen auf einem Moped umher kurven, könnte sich der Ereignishorizont auf eine unbestimmbare Zukunft fokussieren, die den beiden Burschen noch nicht klar wurde. Auf die Frage, inwieweit er als Künstler die Realität zu einer für den Betrachter erlebbaren Fiktion filtert und Fragen offen lässt, entgegnet der Maler, dass die Beschäftigung des Betrachters mit dem Bild für ihn viel spannender sei als dass er die Antworten vorgeben will. Viel wichtiger sei für ihn der Vorgang des Malens. Darin sieht er sich verpflichtet. „Das Material birgt so viel schon in sich, dass davon allein der Malprozess schon beeinflusst wird.“ Allein dieser Schaffensprozess bereichere ihn.