Willi Sitte – Eine biografische und kritische Rückschau in der Moritzburg Halle

Daniel Thalheim

Er ist ein Vergessener. Zumindest für die kunsthistorische Forschung war er es lange Zeit. Wenn ein Maler stellvertretend für die Kunst in der DDR gestanden hat, ist es Willi Sitte (1921-2013). Seit Anfang Oktober zeigt die Moritzburg Halle eine große Ausstellung über den Künstler, dessen Werk faktisch fast an jeder Giebelwand irgendeines Dorfes oder an Schulen und LPGs klebte; Bäuerinnen, Bauern, Arbeiter, Karl Marx und die Apoteose des Sozialismus. Von künstlerischen Positionen innerhalb der Leipziger Schule bald schon abgelehnt, nach der Wiedervereinigung auf das historische Abstellgleis malerischer Verfehlungen gestellt, erfährt Willi Sittes Werk und Biografie in seiner einstigen Wirkungsstadt eine kritische Bestandsaufnahme.

„Das Schlimmste, was einem OEuvre geschehen kann, ist dessen Ignoriert-
werden und wissenschaftliche Quasi-Nichtexistenz“, sagt der Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle Thomas Bauer-Friedrich zur aktuellen Sonderschau. Sie ermöglicht das erste Mal seit 1986 einen umfassenden Blick auf Sittes Gesamtwerk, das von den Anfangsjahren um 1940 bis in die frühen 2000er Jahre reicht. „Ich bin überzeugt, dass es für jeden Besucher der Ausstellung Entdeckungen zu machen und Neues zu erfahren gibt, denn kaum einer hat heute noch eine Vorstellung von Sittes Welt in toto, sondern stets ist es nur ein Teil, der noch im Bewusstsein verankert ist. Die Ausstellung zeigt, dass es DEN Willi Sitte nicht gibt.“

Wer war DER Sitte?

Wer die beiden Begleitbände zur aktuellen Sitte-Schau studiert, erfährt tatsächlich viel Neues zum Vorzeige-Maler der DDR. Erstaunlich sind seine Brüche in seiner Biografie. Sitte tritt in der von Paul Kaiser (Kulturstudien Dresden) und Thomas Bauer-Friedrich (Moritzburg Halle) seit drei Jahren vorbereiteten und recherchierten kuratierten Schau „Sittes Welt“ als Anpassungskünstler hervor, der in jedem bestehenden System eine Rolle einnahm – mal freiwillig, mal unfreiwillig.
Herausragend sind die Recherchen zu Sittes Biografie. Sie legen offen, dass Sitte offenbar in seinem Lebenslauf abbog, um in der Sowjetischen Besatzungszone Fuß fassen zu können. War in der DDR bekannt, dass er in Italien als Wehrmachtssoldat den italienischen Partisanen überlief. Das war wohl nicht ganz der Fall. Er geriet in Gefangenschaft und das zu einem späteren Zeitpunkt als er angegeben hatte. Die kleine Notlüge half, dass Willi Sitte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1947 im Auftrag der SED-Landesleitung Sachsen-Anhalt nach Halle (Saale) kam. Hier begann er, sich im Umfeld der Burg Giebichenstein endgültig als Maler zu qualifizieren. Besaß er noch vorm Krieg bereits eine zeichnerische Ausbildung und eine entsprechende handwerkliche Sicherheit. In Halle (Saale) gehörte Sitte zu den Künstlern, die nach dem Ende der NSDAP-Herrschaft im bewussten Anknüpfen an die zwischen 1933 und 1945 als „entartet“ geächtete Klassische Moderne, wie bspw. Neue Sachlichkeit, Expressionismus, einen künstlerischen Neuanfang im Sinne stalinistischer Ideen und Kunstpositionen voranbrachten. Während Sitte anfangs auch in Westdeutschland Achtungserfolge feiern konnte, in der DDR bis zu seiner Emeritierung zu einer ordentlichen Professur einbrachte sowie zahlreiche führende Positionen einnahm und den Nachwuchs förderte, galt er gegen Ende der DDR schon als künstlerisch überholt. Obschon er sich während seiner Professur und künstlerischen DDR bis in die 1960er Jahre hinein immer wieder nachsagen lassen musste, eben nicht dem Formalismus des „Bitterfelder Weges“ zu entsprechen. Was auch weitestgehend unbekannt ist, sind in den beiden neuen Bänden beschriebenen Kontakte zu späteren Dissidenten wie Wolf Biermann. Während der Formalismusdebatte, die man auch in den Entstalinisierungsprogrammen in der DDR eingebettet sehen muss, unternahm Sitte 1961 zwei Selbstmordversuche. Hier ähnelt sich die biografische Fokus dem des Leipziger BAUHAUS-Künstlers Karl Hermann Trinkaus (1904-1965), der den Freitod aus politischen Gründen suchte und ihn so mit den Entstalinisierungen verknüpfte.
Sitte konnte sich anpassen, Trinkaus nicht. Schon 1964 wurde Sitte in den Zentralvorstand des Verbands bildender Künstler in der DDR (VBK) gewählt. Die öffentliche Kritik der SED an der Ausrichtung seines künstlerischen Schaffens gingen bis Ende der 1960er Jahre parallel mit öffentlichen Anerkennungen und Ehrungen seiner Person weiter. Doch Sitte ging unbeirrt seinen Weg, erhielt 1964 Kunstpreis der DDR, 1965 den Vaterländischen Verdienstorden, 1969 die Berufung zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste in der DDR. Der augenscheinliche Anpassungsprozess vollzog sich in den Siebziger Jahren weiter. 1970 wurde Vizepräsident des VBK, 1974–88 Präsident des VBK, von 1976 bis 1990 war er sogar Mitglied der Volkskammer der DDR und von 1986 bis 1990 Mitglied des Zentralkomitees der SED. Auf diese Weise entwickelte sich Sitte in der Ära Erich Honeckers bis zum Zusammenbruch der DDR 1989 zu einem der einflussreichsten Künstler und Kulturpolitiker im Staat. Nach der Wiedervereinigung stand Sitte für die Kultur in der DDR stellvertretend für das politische System und wurde dementsprechend von Kritik und Forschung auf ein Abstellgleis gestellt. Dass sowohl Ausstellung „Sittes Welt“ und die beiden Begleitbände den meisterhaft wirkenden Maler wieder zurück ans Licht der Öffentlichkeit holt ist bemerkenswert.

Die Ausstellung wird im Jahr 2023 in adaptierter Fassung im Museum de Fundatie im niederländischen Zwolle zu sehen sein.

SITTES WELT – Willi Sitte: Die Retrospektive
03.10.2021 — 09.01.2022
Kuratoren
Thomas Bauer-Friedrich und Dr. Paul Kaiser, Dresden, unter Mitwirkung von Dr. Eckhart Gillen, Berlin, und Dr. Dorit Litt, Bonn.

Zur Ausstellung erschienen:

Sittes Welt – Willi Sitte: Die Retrospektive, ersch. in: Christian Philipsen (Hg:) Schriften für das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Band 23, E.A. Seemann Leipzig, 2021, 536 Seiten.

Thomas Bauer-Friedrich u. Paul Kaiser: Willi Sitte – Künstler und Funktionär, eine biografische Recherche, Dresden, Halle, Gera, 2021, 256 Seiten.

https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/museum-ausstellungen/sonderausstellungen/sittes-welt/willi-sitte/

Digitale Jahresausstellung auf der BURG – Von Möglichkeiten des Weitermachens

Daniel Thalheim

 

 

Verlagert sich der Kunstmarkt und die Kunstwelt komplett in die digitale Welt?

Die C-19-Pandemie greift weit in die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen ein. Künstler sind, wie es sich verstärkt herausstellt, die letzten Glieder einer Kette von Fördermaßnahmen. Da mag sich mancher die Frage stellen, wie viel Kunst wir heute überhaupt brauchen? Sind Ausstellungen, digital oder analog, überhaupt gesellschaftswichtig? Für Künstler und Ausstellungsorganisatoren, für Kunsthochschulen und Galeristen ist der Verlust der Öffentlichkeit ein Gräuel. Lebt Kust doch von Publikum, von reflexionen in Medien und Öffentlichkeit, vom Kauf von Kunstwerken, Austausch und Kontakt. Umso schmerzlicher war es, dass März dieses Jahres in der westlichen Hemisphäre Museen und Galerien schließen mussten. Den Künstlern fehlte es an Präsentationsmöglichkeiten, die jedoch relativ schnell improvisiert in die digitale Welt von Facebook, Twitter und Co. verlagert wurden.

Ersetzen können digital organisierte Ausstellungen den haptischen Kunsteindruck nicht. Um sich vor einem unbekannten Virus zu schützen, seine Verbreitung einzudämmen,sind die digitalen Möglichkeiten ein Segen, eine Chance sogar. Für Veranstaltungen in der freien Kunstszene wären digitale Offerten künftig eine Möglichkeit, über die lokal gesteckten Grenzen schnell in die internationalen Weiten des World Wide Web aufzuschließen und an Bekanntheit zu gewinnen. Zwar sind im Internet die räumlichen Distanzen sehr weit gesteckt, aber man gelangt schnell und direkt sowie relativ distanzlos in Ausstellungen in New York, London und Paris; auch in Halle.

 

Semesterabschluss mit digitaler Präsentation

Traditionell endet an der Burg Giebichenstein das Studienjahr mit einer Jahresausstellung. Wenn sonst an einem Wochenende Mitte Juli, die Tore geöffnet sind, wird die Ausstellung aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt stattfinden. Die Werkschau der Mode fällt ebenso aus. Die Präsentation der Semesterabschlussarbeiten findet auf der Homepage der Kunsthochschule statt. Denn aufgrund der aktuellen Sicherheitsbestimmungen kann die Jahresausstellung nicht wie gewohnt als öffentliche Veranstaltung gezeigt werden, teilt die Kunsthochschule auf der Burg Giebichenstein mit. Jahresausstellung Online, heißt das Motto in diesem Jahr.

Ein Novum ist auch, dass das vergangene Semester vorwiegend auf digitaler Ebene durchgeführt wurde. Die während der Pandemiekrise entstandenen Arbeiten und Projekte werden ab dem 17. Juli bis Ende September 2020 auf der Website www.burg-halle.de/jahresausstellung vorgestellt. Einblicke in die vielfältigen Schaffensprozesse unter den derzeitigen besonderen Bedingungen werden auf der Plattform möglich. Darüber hinaus laden über den Sommer verteilt vor Ort einzelne Projekte, Ausstellungen und Interventionen im Stadtraum Halles ein, über die die Seite ebenso informiert.

 

Close to the bone. Diplome der Kunst 2020

Vom 18. Juli bis 2. August will die Ausstellung „Close to the bone. Diplome der Kunst“ Besucher nach Halle/Saale locken. „Wenn Kunst es schafft, unsere innere Welt in Bewegung zu versetzen, dann vielleicht, weil sie eine Erinnerung oder ein Erlebnis in uns wach ruft“, heißt es aus der BURG. „Diese persönliche Verbindung kann zu einem direkten Draht zu einem Kunstwerk werden – im Englischen könnte diese unmittelbare Beziehung als „close to the bone“ beschrieben werden. So wird das Credo für die diesjährige Diplomausstellung zu einem Bild, das sich vielschichtig lesen und übertragen lässt: sowohl auf das breite Spektrum an eigenständigen künstlerischen Positionen und Aussagen als auch auf unsere möglichen Lesarten als Betrachterinnen und Betrachter.“

24 Abschlussarbeiten von Künstlerinnen und Künstlern des Fachbereichs Kunst der BURG werden in der Burg Galerie im Volkspark, der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt und im Literaturhaus Halle jeweils an den Wochenenden bei freiem Eintritt zu sehen sein. Im Rahmen der Ausstellung wird auch der mit 2.500 Euro dotierte Kunstpreis der Stiftung der Saalesparkasse vergeben. Die herausragenden Arbeiten werden durch eine Fachjury am Freitag, 17. Juli 2020, ausgezeichnet.

 

Beitragsbild: Impression zur Jahresausstellung 2019, Foto: Jana Luck

 

Jahresausstellung 2020
Digitale Plattform www.burg-halle.de/jahresausstellung: 17. Juli bis 30. September 2020

Ausstellungsdauer Close to the bone. Diplome der Kunst: 18. Juli bis 2. August

Öffnungszeiten Close to the bone. Diplome der Kunst: 18. und 19. Juli: 10 bis 18 Uhr
24.–26. Juli sowie 31. Juli–2. August: 14 bis 19 Uhr
Ausstellungsorte Close to the bone. Diplome der Kunst: Burg Galerie im Volkspark, Schleifweg 8a; Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt, Neuwerk 11; Literaturhaus Halle, Bernburger Straße 8
Eintritt: Der Eintritt ist kostenfrei. Eine Anmeldung vorab ist nicht notwendig. Das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung ist für die Gäste jedoch verpflichtend.
Förderer: Die Jahresausstellung wird gefördert durch die Saalesparkasse Halle. Close to the bone. Diplome der Kunst wird unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen von „Burg gestaltet!“ unter dem Förderkennzeichen 01PL17066.
Weitere Informationen zur Diplomausstellung: www.burg-halle.de/diplomausstellung

Für die Region – Wie der Kunstverein “Talstrasse“ e.V. sich engagiert

„Mit ein paar Enthusiasten fing alles an“, beschreibt Matthias Rataiczyk bei einem Kaffee im Innenhof des Kunstmuseums Moritzburg die Anfänge des Hallenser Kunstvereins “Talstrasse“ e.V. vor über 25 Jahren. In der eigenen Kunsthalle umreißt er bei einem Rundgang durch die Räume die Vereinsziele. Er öffnet den Blick auf eine spannende Verknüpfung der Region um Halle(Saale) mit der internationalen Kunst der klassischen Moderne.

Matthias Rataiczyk, Vorsitzender des Kunstvereins “Talstrasse“ e.V.
Matthias Rataiczyk, Vorsitzender des Kunstvereins “Talstrasse“ e.V.

Matthias Rataiczyk ist Vorsitzender des Kunstvereins “Talstrasse“ e.V. dessen Domizil sich in der Nähe der Burg Giebichenstein (heute Kunsthochschule) an einer Seitenstraße mit Blick über das Saaletal schmiegt. Seit der Gründung Anfang der Neunzigerjahre ist der Verein von einer Künstlerinitiative zu einem der größten Kunstvereine Mitteldeutschlands gewachsen. „Mit stetigen Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst, aber durchaus auch Klassischen Moderne haben wir uns in der Region etabliert“, schält er die Entwicklung von einem spontan agierenden Verein der frühen Neunzigerjahre zu einer Kunstinstitution mit überregionaler Strahlkraft heraus. Zur Arbeit gehören die Spurensuche ebenso wie die Einblicke in das künstlerische Schaffen vieler in der Saaleregion ansässiger Künstler, aber auch Kooperationen mit anderen Institutionen, so dem Kunstmuseum Moritzburg. Dort findet seit dem 9. Oktober 2016 bis zum 29. Januar 2017 die vom Kunstverein “Talstrasse“ organisierte Ausstellung „Gewebte Träume – Der Bildteppich in Mitteldeutschland. Reflexionen auf Jean Lurçat“ statt.

„Bei unserem Wirken geht es uns durchaus immer wieder auch um die großen künstlerischen Einflüsse und Innovationen“, erklärt Matthias Rataiczyk. Den Spuren nachzugehen, den die Avantgarden der Klassischen Moderne auch im regionalen künstlerischen Schaffen hinterlassen haben, zu schauen wo Verästelungen ineinandergreifen, interessiert die Macher. Diese Verzahnungen mit der Internationalen Moderne zu zeigen diese publizistisch mit Fachleuten und Partnern aufzuarbeiten, stehe im größten Interesse des Vereins und dient dem selbst auferlegten Bildungsauftrag, sagt er und fasst das Vereinsansinnen im Hinblick auf die Schau „Gewebte Träume“ mit einer Frage zusammen: „Wie übten international renommierte Künstler Einfluss auf die in Mitteldeutschland tätigen Kollegen aus und wie wurde dieser Einfluss von ihnen weiter entwickelt?

Bilderreigen in der Aurelienstraße – Maler Robin Zöffzig klopft am Tor des Hades

Die Story kannten schon die alten Griechen. Persephone wird von Hades entführt, dann verführt und von ihr gezähmt. Die Geschichte einer Frau, die selbstbewusst ihren Mann steht und sich nicht unterdrücken lässt, hat auch einen Maler ergriffen. Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Potemka beweist, dass Robin Zöffzig zu einem großen Erzähler geworden ist.

„Enter Hades“ heißt die Bilderschau, die noch bis zum 15. Januar in der Galerie in der Leipziger Aurelienstraße gezeigt wird. Ihr Protagonist heißt Robin Zöffzig. Der aus Magdeburg stammende Maler studierte Künstler hat in Halle/Saale u.a. bei dem Leipziger Grafiker und Zeichner Rainer Schade studiert, lebt und arbeitet in Leipzig.

„Wir kennen uns seit drei Jahren“, sagt die Galeristin Lu Potemka, die während der Öffnungszeiten ihrer Galerie die Gäste durch die Ausstellung führt. Zöffzig präsentiert mit „Enter Hades“ die dritte Solo-Show in dem kleinen Eckladen in der Nähe der Karl-Heine-Straße. Sie weiß, dass der Maler sehr produktiv ist und innerhalb weniger Monate immer wieder eine Ausstellung auf die Beine stellen kann.

Der Mann als Trophäe - Robin Zöffzig spielt mit Witz & Antike in seinem Bilderzyklus "Enter Hades" (Foto: Galerie Potemka)
Der Mann als Trophäe – Robin Zöffzig spielt mit Witz & Antike in seinem Bilderzyklus „Enter Hades“ (Foto: Galerie Potemka)

Sie gibt Auskunft, dass der Künstler ein Faible für Frauendarstellungen hat. Das hänge von seinen jeweiligen Partnerinnen ab. „Sie sind gleichzeitig seine Musen“, sagt Potemka schmunzelnd. Bei der aktuellen Schau zeige Zöffzig seine Sicht der Dinge zur alten griechischen Mythologie um Persephone und Hades. Der Unterweltgott raubt die Schöne und entführt sie in seine Welt. „Die Geschichte wird von Robin illustriert und ausgedeutet. Er lädt sie mit zeitgenössischen Eindrücken auf – Emanzipation mit eingerechnet“, gibt sie über die Intention des Malers Auskunft. Die Frau stehe demnach nicht als Objekt der Begierde im Mittelpunkt des Schaffens des gebürtigen Magdeburgers, sondern als Mensch, der sich selbstbewusst zeige und durchaus ihre Interessen vertreten kann. In Zöffzigs Zyklus zeigt sich diese Sicht darin, dass Persephone von Hades entführt, vergewaltigt, abhängig gemacht und gedemütigt wird – sie aber den Spieß umdreht und ihrerseits ihren Peiniger in seine Schranken weist. Für Zöffzig ein Paradebeispiel für die Emanzipation der Frau. Sein Zyklus entspreche demnach auch dem Bild, das von der westeuropäischen Frau gezeigt wird. Am Anfang des Zyklusses sei sie das Opfer, später würde der Mann durch sie domestiziert, so die Galeristin weiter. Anfangs sitzt sie auf dessen Schoß, am Schluss der Bilderreihe hat der Maler sie vor dem Schoß des Mannes platziert, sie schaut direkt zum Bildbetrachter. Diese Pose sei zudem ein kunstgeschichtlicher Wink zu Eduard Manets Bild „Frühstück im Park“.

Man müsse sich nur fragen, ob Zöffzigs vor Erotik brennenden Zyklus überhaupt noch einem aktuellen Frauenbild entspreche und ob nicht schon in früheren Zeiten immer wieder Emanzipationswellen in Europa gab. Darin erinnert Zöffzigs bislang gemaltes Werk an dem, was vor über einhundert Jahren in der Belle Epoque und Art Noveau an selbstbewussten Damen auf Leinwänden gebannt wurde, oder wie Expressionisten Frauen sahen. Immer wieder waren es die starken Frauen, die Maler fasziniert haben. Robin Zöffzig kann man in dieser Folge nicht ausnehmen. Seine Darstellungsweise der Frau habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt, so Potemka weiter. Weichere Formen wichen kantigeren und realeren Konturen. Außerdem sei es bezeichnend, dass der Maler Frauen nie in obszönen und sexistischen Zusammenhängen abbilde. Sie finde laut der Galeristin in Zöffzigs Werk zu sich und ihrer eigenen Sexualität. „Ich glaube, das ist der Zugang zu seinem Werk. Die Männer werden als die Opfer ihrer Triebe gezeigt, nicht die Frauen.“

Insofern ähnelt Zöffzigs Werk inhaltlich auch den Arbeiten eines anderen Großen der erotischen Malerei – dem in Karlsruhe lebenden Künstler Thomas Gatzemeier. „Robin lässt sich viel von den Alten Meistern inspirieren und sampelt sie teilweise auch“, gibt die Galeristin an. Sie sieht sein Werk im Zusammenhang einer erotischen Ironie, die augenzwinkernd mit der Kunstgeschichte und alten Geschichten, Mythen und Sagen spielt.

Dass Robin Zöffzig in dem Zyklus von „Enter Hades“ wegen der porträthaften Züge als der Unterweltgott selbst auftaucht, weiß Lu Potemka als Blinzeln auf Zöffzigs eigene Position um Umgang mit Frauen und seiner Entwicklung vom „Bad Boy“ zum „Sweetheart“ zu verstehen. Wer sich dahingehend wirklich emanzipiert würde als Frage beim Betrachten von seinen Arbeiten ebenfalls aufgeworfen. Zwar kämpfe Persephone sich im Bilderreigen in der Aurelienstraße zu ihrer eigenen Rolle durch, aber am Ende stehe die alte biblische Frage um Schuld und Sühne im Raum, die schon in der Geschichte von Adam, Lilith und Eva beschrieben wird.