Digital erschlossene Sammlungen – Staatsgalerie Stuttgart stöbert 500 vermisste Kunstwerke auf

Daniel Thalheim

In Zeiten, wo der Digitalisierungsschub in Deutschland noch auf sich warten lässt, Reform- und Investitionsstau Bildung, Teilhabe, Inklusion verhindern, winkt die Staatsgalerie Stuttgart mit einem Fähnchen. Knapp achtzig Jahre nachdem die baden-württembergische Kunstinstitution ihre Inventarbücher verlor, kann sie wieder eine Gesamtbestandsaufnahme vorzeigen. Das bedeutet, dass WissenschaftlerInnen schneller in den Beständen der Kunstsammlungen stöbern und Themen heben können als vorher. Denn Inventare sind Listen, was ein Haus, wie die Staatsgalerie, an Kunstschätzen birgt.

Endlich wieder mit hohem Tempo forschen

Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie, erläutert das sechs Jahre lang anhaltende Inventurprojekt: »Nach dem Verlust der Inventarbücher im Jahr 1944 wurde das Wissen um die Werke der Sammlung an die jeweils nächste Generation auf verschiedenen Wegen weitergegeben, dabei wurde oft improvisiert. Auch muss man sagen, dass die Archivierung von Sammlungen früher nicht so präzise ist, wie man es heute erwartet. Daher sind wir sehr dankbar, dass wir die Möglichkeit zu dieser großen Inventur hatten. Jetzt haben wir eine wissenschaftliche Datenbank zu unserem gesamten Bestand, die uns ganz neue Möglichkeiten zu spannenden Forschungsthemen in den kommenden Jahren bietet.«

Von Mai 2014 bis Dezember 2020 wurden in der Staatsgalerie die vorhandenen Sammlungsbestände digital erschlossen. Das bedeutet, dass ein Team mit vier Mitarbeitenden 229.989 Datensätze erhoben. Dafür mussten sie jede Grafik, jede Skizze, jedes Buch, jedes Gemälde und Skulptur erfassen. Aufgrund dieser Bestandsaufnahme tauchten auch 500 Arbeiten in der Graphischen Sammlung auf, die in den letzten Jahrzehnten als Kriegsverluste international gesucht wurden. Nun kann die Staatsgalerie nun ihre Fehlermeldungen beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg aktualisieren und damit die Qualität der Lost Art-Datenbank verbessern.

»Die Staatsgalerie Stuttgart verlor im Jahr 1944 durch einen Bombenangriff fast alle Inventarbücher der Graphischen Sammlung«, heißt es weiterhin von der Direktorin. »Nun, über 70 Jahre später, gibt es endlich wieder eine Gesamtübersicht zum Bestand. Im Dezember 2020 konnte die über sechsjährige Inventur zu allen Kunstwerken erfolgreich abgeschlossen werden. Die Generalinventur geht zurück auf einen Landtagsbeschluss des Jahres 2012 mit der Aufforderung, alle Vermögenswerte des Landes zu inventarisieren.«

Eine bewegte Sammlungsgeschichte

Wie königlich die Sammlungen der Staatsgalerie Stuttgart sind, zeigt ein Blick in die Geschichte des Museums. Ihren Ursprung hat die Sammlung der Staatsgalerie im 1806 gegründeten königlichen Kupferstichkabinett. Mit der Gründung lag man damals voll im Trend. In Paris bspw. wurde das Musée Napoleon, dem heutigen Louvre, geschaffen, um der Bevölkerung die Pracht und Herrlichkeit des französischen Staates zu verinnerlichen. Diese Art der weichen Propaganda machte Schule. Natürlich öffneten nun auch Könige ihre Sammlungen für ihre Bürger, Kunstschätze, die vor der französischen Revolution nur dem Hofstaat und ihren Gästen vorenthalten waren. Im deutschsprachigen Raum entwickelte sich auch der Trend zur Gründung von Bürgersammlungen, wie die in Leipzig. In der Mesestadt haben seit 1844 mehrere Sammler zunächst in der Leipziger Bürgerschule, dann in einem eigens errichteten Museum ihre Gemälde und Skulpturen zusammen getragen und der Öffentlichkeit gezeigt. In Stuttgart standen ganz andere Hausnummern hinter den Ankäufen und Sammlungszuwächsen. 1852 kaufte König Wilhelm I. aus Venedig die Sammlung Barbini-Breganze mit 250 Werken italienischer Malerei für das von ihm 1843 eröffnete Museum der Bildenden Künste. Die Institutionalisierung der Sammlungen setzte auch in Stuttgart ein. 1906 gründeten Kunstliebhaber und Sammler den Stuttgarter Galerieverein, dessen erster Ankauf Claude Monets Bild „Felder im Frühling“ ist. Zwischen 1922 bis 1927, in der Weimarer Zeit, wird die Sammlung um Werke der deutschen Expressionisten erweitert. Allerdings seien die in der Zeit des Nationalsozialismus getätigten Ankäufe und Schenkungen von NS-Kunstwerken nicht von materiellem Wert für die Sammlung, urteilt man rückblickend in Stuttgart. Doch man sollte Forschungsinteressen nicht unterschätzen. Daher bilden auch vermeintliche Nazi-Kunstwerke eine wissenschaftliche Grundlage, mit der man aufklärerisch umgehen kann. Die heutige Staatsgalerie trägt die Verantwortung für alle Erwerbungen, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden und muss deren rechtmäßigen Erwerb beweisen oder bei unrechtmäßigem Erwerb restituieren. Denn nicht alles war „Nazi“, was in dieser Periode ans Museum kam. Das Thema NS-Raubgut schwingt mit. Von Weltrang ist der Bestand zur Klassischen Moderne, der aber erst Ende der 1950er-Jahre in die Sammlung gelangt. Dank großzügiger Vermächtnisse und Zuwendungen entstand die Sammlung mit ihrem heutigen Profil.

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