Imaginative Impulse – Malerei von Juliette Sturlèse und Sophie Ullrich in Berlin zu sehen

Daniel Thalheim

EIne neue Malergeneration ist da. Auf Artefakte ersparen wir uns das „gendern“ mit der weiblichen Form. Denn das sagt nichts über die Kunst aus. Aber zwei Frauen, die das Kunstmalerhandwerk studierten, müssen unbedingt im Lichtkegel der Kunstinteressierten stehen. Was Reiter Galleries in Berlin ab dem vorletzten Novemberwochenende in Berlin zeigt, dürfte auf Interesse stoßen. Juliette Sturlèse und Sophie Ullrich, beide in den Jahren 1989 und 1990 geboren, offenbaren uns wie stark unser Auge geschult wird, wenn Farbe und Farbigkeit mit Schärfe und Unschärfe die Synapsen zum Hüpfen bringen.

„Juliette Sturlèses große Gemälde pendeln zwischen Figuration und Abstraktion und sitzen bequem zwischen diesen beiden Stühlen“, teilt die Reiter Galerie mit Sitzen in Berlin und Leipzig über die Frau mit, die an der Sorbonne in Paris und an der Kunsthochschule Berlin Weißensee Malerei studierte, mit. Die Französin, die in Sheffield und in Berlin lebt und arbeitet, war 2017 bis 2019 Stipendiatin von der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ihre Malerei spielt mit Erinnerung an die Mark Rothko’sche Herangehensweise, Kontraste mit ineinanderlaufenden und -verarbeiteten Farben zum Klingen zu bringen und so in unseren Köpfen die Sinne anzuregen. Wir erkennen auch einen sanften Griff zu den französischen Fauvisten, wie Henry Matisse. Farbigkeit spielt eine zentrale Rolle in Sturlèses Werk. Sie steht dem sehr nahe, was wir von den malerischen Entwicklungsspüngen zu Anfang des 20. Jahrhunderts kennen; die Modulation von Licht und Stimmungen. Wer sich ihre Malerei betrachtet, dem wird das innere Licht angeknipst. Es gibt auch andere Verknüpfungen, wie die Galerie stellvertretend für die Künstlerin mitteilt. Die suggestiven Bilditel verweisen auf das, was man sehen sollte und lösen einen imaginativen Impuls im Gehirn aus. Sturlèse will nicht Materielles zeigen, Dinge, Menschen, Tiere. Ihr geht es um etwas anderes. Die Farbflecken auf der Oberfläche der Leinwand werden laut Reiter Galerie zu komplexen Szenen voller Dinge und Emotionen. Wenn auch Sturlèse stellenweise Personen, Pflanzen und Orte darstellt, scheinen sich ihre Bilder in Auffassung ihrer Galerie mit essentiell erfassten Augenblick zu befassen: „der Farbe des Lichts, der Bewegung der Menschen und den Klängen eines Ortes.“

Juliette Sturlèse »Compost-worm castle« 2020. Öl auf Leinwand. 204 x 160 cm, Copyright: Reiter Galleries u. J. Sturlèse 2020.

In der „Buddies“ (zu deutsch: Kumpel) genannten Schau geht es nicht nur um Sturlèses Malerei allein. „Buddies“ impliziert natürlich einen Partner. In diesem fall heißt die Partnerin Sophie Ullrich. Die an der Düsseldorfer Malakademie gelernte Künstlerin arbeitet ihre Werke „comicstripartig“ aus, wie es von der ausstellenden Galerie heißt: „Die meist auf Arme und Hände reduzierten Umrisslinien verbinden abstrakte Bildelemente und schematische Hintergründe mit akkurat gemalten Objekten. In diesem humorvollen Narrativ schlüpft der neutrale Protagonist in unterschiedlichste Rollen und ermöglicht die Aneignung verschiedenster Gegenstände und Konsumartikel.“

Wie ihr Kollegin Sturlèse, zeigte sie in Leipzig bereits 2019 erste Werke. Die gebürtige Schweizerin stellt somit eine ideele Parallele zu den Romantikern der Düsseldorfer Schule her. Klingt vielleicht weit hergeholt. Aber die Verbindung Düsseldorf-Sachsen hat es bereits im 19. Jahrhundert gegeben. Fast schon wie die Romantiker im 19. Jahrhundert spielt sie mit anderen stilistischen Mitteln um Gefühle wie Sehnsucht zu versinnbildlichen. Anders als die Romantiker bedient sie sich der Sprache der heutigen Fernseh- und Internetgeneration, die Suchtbefriedigung mit Teilaspekten des Lebens betreiben. Da spielt Sexualität ebenso eine Rolle, wie die Definition der eigenen Persönlichkeiten über Avatare, Suchtmittel und eigene Antriebe. „Zugleich beschreibt ihr künstlerischer Ansatz eine spielerische Auseinandersetzung mit den klassischen Sujets des Portraits und Stilllebens in Zeiten potenziell austauschbarer Identitäten in unserer Selfie- und Socialmediagesellschaft“, wird auf ihrer Webpräsenz mitgeteilt.

20.11.2020 – 06.02.2021 | R E I T E R Berlin prospect

Juliette Sturlèse / Sophie Ullrich

Buddies

Beitragsbild oben: Sophie Ullrich »She_rlock« 2020. Öl auf Leinwand. 90 x 70 cm, Copyright: Reiter Galleries Berlin 2020 u. S. Ullrich 2020.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s