Ein Künstler neu gedacht – Mischa Kuball durchleuchtet Nazi-Nolde mit kritischem Licht

Daniel Thalheim

Der Expressionist Emil Nolde kam in der jüngsten Zeit nicht gut weg. Aus der Fachliteratur erfahren wir seit einigen Jahren, dass der Maler in den Nachkriegsjahren sich als Opfer der nationalsozialistischen Kunstpolitik stilisierte, obwohl er bei Propagandaminister Joseph Goebbels und vielen Nazigrößen als Künstler mit seiner expressionistischen Position anerkannt, sogar verehrt wurde. Nolde selbst biederte sich der NS-Partei auch an, schlug sprachlich und inhaltlich in den selben Jargon wenn es um die Ausgrenzung von Minderheiten und jüdisch-gläubigen Mitbürger ging. Wenn in der vergangenen Zeit Noldes Positionen im Rahmen von Einzelausstellungen und Gruppenschauen gezeigt wurden, umging man dieses Thema zumeist mit peinlich vorgehaltener Hand. Seit offen über die Nazi-Vergangenheit des Malers aus dem hohen Norden debattiert wird, öffnet sich auch Noldes Werk in einem neuen Licht. Die Frage ist auch die nach der Ästhetik und der von Nolde erfundenen Form und Farbsprache. Ein Künstler wagt sich an den umstrittenenen Maler der Klassischen Moderne und zeigt im Museum Draiflessen seine Arbeiten.

Mischa Kuball ist ein Konzeptkünstler aus Düsseldorf. Er bschäftigt sich in seinen Installationen v.a. mit der historischen aufgeladenen Räumen, irgendwo zwischen Symbol und Abstraktion. Kuball, der u.a. auch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig als Gastprofessor tätig war, beschäftigte sich mit jüdischer Mystik als er in Argeninien mit seiner Installation „El Aleph“ sich mit der Einzigheit Gottes auseinandersetzte und auch so im Umkehrschluss den Blick auf die Entwicklung dieses Begriffs, der zu einem hebräischen Buchstaben sich entwickelte, öffnete. Kuball macht uns so klar, wie sehr die heutigen nordafrikanischen Nationen mit der ägyptischen Antike verquickt sind und auf diese Weise eher Gemeinsamkeiten als Gegensätze besitzen, um auf den israelisch-radikal-islamischen Konflikt in Palästina abzuzielen.

2017 stand der Expressionist Ernst-Ludwig Kirchner in seinem Fokus. In Davos (Sui) setzte Kuball sich künstlerisch mit dem Werk auseinander. Nun befindet sich Nolde in der Beschäftigung des Installationskünstlers. Wie er Nolde im neuen Licht zeigt, verdeutlicht die aktuelle Ausstellung in der Sammlung Draiflessen in Mettingen. Kuball reproduziere nach Aussage der Sammlungskuratoren und der in einem ausstellungsbegleitenden Katalogband zu Wort kommenden Experten nicht Noldes Werk, sondern wirft diverse Fragen auf. Aus Sicht einiger Kunstwissenschaftler habe – trotz politischer Kritik an ihn – sich das künstlerische Werk Emil Noldes in seiner Ästhetik und Form nicht verändert, aber unser Blick darauf. So fragt die Ausstellung nach welchen Kriterien wir Kunst beurteilen wollen. Prägt unser Wissen die Wahrnehmung von Kunst und wie wurde eine künstlerische und politische Position wie die von Nolde gedeutet und wie wird sie künftig betrachtet?

Dass Nolde ein Nazi war, ist Kollegen und Forschern auch nach 1945 durchaus bewusst gewesen. Doch erst seit kurzer Zeit wird er kritisch beleuchtet. Fragen und Deutungen werden durchaus aufgeworfen, dass Künstler sich immer ein Mäzenatentum bei Despoten und Regimen suchten, ebenso Anpassungsprozessen unterworfen waren wie andere Menschen auch, die vor ebenjenen gesellschaftlich-politischen Systemen sich aufgrund privater Gründen nicht fliehen wollten, bzw. die neuen Ordnungssysteme durchaus gut fanden. Trotz Dafürhaltens Goebbels‘ für Nolde und andere expressionistisch tätige Maler, Bildhauer und Grafiker als „Ausdruck des Deutschen“ hielt Adolf Hitler an seiner klassischen Kunstauffassung fest und lehnte die Aufnahme expressionistischer Positionen in die Kulturpolitik des Nazi-Regimes ab. Sicher wäre es interessant, wie Künstler wie Nolde, Kirchner & Co. zwischen 1933 und 1945 leben konnten, wenn ihnen Ausstellungen etc. verweigert wurden, bzw. eine Art Berufsverbot über sie verhängt wurde. Dies betrifft ebenfalls Architekten, die wegen Parteizugehörigkeiten bzw. modernen Positionen abgelehnt und von Wettbewerben und Aufträgen ausgeschlossen wurden. In dieser Zeit entstanden durchaus Werke der genannten Maler und Grafiker. Insofern dürfte die Frage im Raum stehen, warum Nolde sich so an die Nazis anbiederte: wollte er nur eine Rehabilitation seiner künstlerischen Tatkraft erreichen? Oder waren ihm das Gesagte und Geschriebene ernst?

Kuball behandelt laut der Ausstellungsorganisatoren mit seiner künstlerischen Arbeit „Emil Nolde – A Critical Approach by Mischa Kuball“ mittels dem Medium Licht und seiner Lichtbildverfahren, wie Film und Fotografie, gesellschaftspolitische Themen und Fragen der Wahrnehmung. Er lässt Zusammenhänge und Strukturen sichtbar werden und lenkt unsere Aufmerksamkeit in neue Richtungen. „So erlauben die neu entstandenen Videoinstallationen und Bildserien Kuballs für das Ausstellungsprojekt einen ungewohnten Blick auf das Œuvre Emil Noldes, denn sie zeigen oder reproduzieren keine Werke, sondern öffnen Assoziationsräume, die über das konkrete Beispiel Nolde hinausweisen. So soll angeregt werden, Prozesse im Hintergrund der Werke abstrakt zu beleuchten, bewusst werden zu lassen und kritisch zu hinterfragen.“

Wie die Ausstellung zustande kam, teilt die Sammlung Draiflessen ebenfalls mit. Die „Nolde Stiftung Seebüll“ ermöglichte dem Installationskünstler freien Zugang zu ihren Räumlichkeiten. So konnte Kuball vor Ort sich inspirieren lassen und neue künstlerische Arbeiten für diese Ausstellung zu entwickeln. So entstanden drei Aspekte in seinem neuesten Werk; wie bspw. Nolde Kulturen außerhalb des kulturellen Wirkungskreises Europas wahrnahm. Es ist bekannt, dass auch er sich im Zuge einer ersten Globalisierungswelle aufgrund des im 19. und frühen 20. Jahrhunderts manifestierten Kolonialismus mit Kunst und Kulturen von Bevölkerungsgruppen aus anderen Erdteilen wie Afrika, Asien und Südostasien beschäftigte. Doch wie Nolde mit den sich verändernden politischen Verhältnissen in Deutschland ab 1933 umging, steht auch im Mittelpunkt von Kuballs Arbeit. Und wie konnte es dazu kommen, dass Nolde sich in der BRD der Nachkriegszeit so vehement sich von seiner Nazi-Begeisterung trennte und sich als selbststilisierender und im Widerstand sich befindender „entarteter Künstler“ erneut anderen politischen Verhältnissen anpasste?

Kuball interessierte sich nicht vorrangig für Noldes malerisches und grafisches Werk, suchte mit künstlerischem Blick in der Umgebung von Noldes ehemaligen Zuhause nach Spuren. Die fand er im Wohnbereich und im Atelier des Expressionisten. Auch die Korrespondenz des Malers stand in Kuballs Fokus, ebenso Noldes Sammlung an Ethografika. „Von zentraler Bedeutung für die Ausstellung sind außerdem die drei ersten Ausstellungen der documenta, auf denen Werke Noldes gezeigt wurden. Kuball wählte für sein Projekt ausschließlich Arbeiten aus, die in diesen drei Schauen zu sehen waren“, heißt es von der Galerie Fraiflessen außerdem. „Vor allem die erste documenta von 1955 wurde als Gegenentwurf zur Ausstellung Entartete Kunst von 1937 wahrgenommen. Sie war nicht das einzige Projekt, das am Mythos von Nolde als verfemtem Künstler Anteil hatte, aber in jedem Falle jenes, mit der bis in die heutige Zeit weitreichendsten Wirkung.“

Zur Ausstellung erschien ein mehrbändiger Ausstellungskatalog.

EMIL NOLDE – A CRITICAL APPROACH BY MISCHA KUBALL
11.10.2020–07.02.2021

Der Webauftritt der Sammlung Draiflessen

https://www.draiflessen.com/articles/780?locale=de

Beitragsbild: Mischa Kuball, ethnographica_lumetri_Nolde/Kritik/Kuball, 2020

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