Rembrandtjahr 2019 – Was von einem Jubiläum übrig bleibt

Daniel Thalheim

Vor 350 Jahren verstarb der niederländische Barockmaler Rembrandt. 2019 ehrten die Museen in London und Amsterdam sein Werk und die Forschungen darüber. Die Ausstellungen zu ihm und seine Kunst ziehen nun in die Vergangenheit. Was bleibt, ist die Literatur über ihn und ein Überblick dessen, was 2019 rund um Rembrandt van Rijn (1606-1669) veranstaltet wurde – ein Sezierversuch.

 

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Weil Zusammenfassungen für die Nachwelt recherchierbar sein müssen

Über den großen Meister der niederländischen Barockmalerei steht vieles geschrieben, im Internet und auch in gedruckter Form. Es wäre müßig, an dieser Stelle wiederzugeben, was z.B. das Monopol-Magazin, ZEIT Online, bzw. „Arts in Words“ u.s.w. über Rembrandt geschrieben haben, was Wikipedia über ihn weiß, was wir in den historischen Zeitschriften zu seinem Werk und den Forschungen finden können. Hinzu kommen neu abgedrehte Dokus, Hörfunkbeiträge und hunderte Blogartikel. Rembrandt Harmenszoon van Rijn und seine Bilder standen schon im 19. Jahrhundert im Fokus der Kunstliebhaber und -kenner. Vieles wurde seither über ihn geschrieben, es gab Streitigkeiten wegen seiner Werkzuordnung, KunsthistorikerInnen prüften zunächst sehenden Auges, dann mittels technischer Hilfsmittel die Echtheit und die Zuschreibungen seiner Skizzen, Zeichnungen und Gemälde. Die Nachwelt wird angesichts der weit verbreiteten Fülle an Erkenntnissen kaum den Überblick finden, wenn es um die Rezipierung seines Werks im Jahr 2019 geht. Die fand vorrangig in Ausstellungen statt.
Die Betrachtungen und Rückbetrachtungen zu Rembrandt begann, so gesehen, bereits 2018. Das Rembrandt House Museum in Amsterdam zeichnete vom 21. September 2018 bis 6. Januar 2019 den Einfluss Rembrandts auf die französische Moderne in der Ausstellung „Rembrandt in Paris. Manet, Meryan, Degas and the Rediscovery of Etching (1830-1890)“ nach. Ein am 8. und 9. November 2018 stattgefundendes Symposium am Rijksmuseum in Amsterdam läutete den Auftakt zum Rembrandtjahr ein. Einige Tage später präsentierte das Dordrechts Museum in Dordrecht bis zum 26. Mai 2019 Arbeiten von Rembrandt im Rahmen der Ausstellung „Work, Pray and Admire: New Views on Art and Calvinism“. Darin wurden neue theologische Zusammenhänge zusammengefasst, die sich mit der Konfessionalisierung während und nach dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigen und wie sich diese theologische Propaganda in den Werken niederländischer Meister niederschlug.
Wesentlich persönlicher beleuchtete das Fries Museum in Leeuwarden vom 24. November 2018 bis zum 24. März 2019 das Leben des Niederländers. „Rembrandt and Saskia. Love and Marriage in the Dutch Golden Age“ betrachtet die Biografien der Eheleute anhand des Werkes des Meisters. Auch das Amsterdam City Archiv holte Zeugnisse des Rembrandtschen Lebens aus den Katakomben der Geschichte hervor und präsentierte diese Erkenntnisse vom 31. Januar bis 25. September 2019. Diese Schau war aus dem Grund so spannend, weil hier die Quellen zutage gelegt wurden, die sonst Kunsthistoriker wegen paläografischer und diplomatischer Unkenntnis beiseite legen.
Rembrandts Familienbande ist auch bei der Ausstellung „Rembrandt’s Social Network. Family, Friends and Acquaintances“ vom 1. Februar bis 19. Mai 2019 im Rembrandt House Museum Gegenstand des öffentlichen Interesses gewesen. Die große Leistungsschau vom 15. Februar bis 10. Juni 2019 im Rijksmuseum „All The Rembrandts“ trägt schon im Titel, was Programm war. Als Bewahrerin der größten Rembrandt-Sammlung der Welt, konnte das Museum die umfangreichste Darstellung im Rembrandtjahr bieten. Begleitend dazu erschien die Biografie „Rembrandt: Biography of a Rebel“ von Jonathan Bikker.
Wesentlich „kabinettiger“ ist die Schau „Rembrandt and the Mauritshuis“ vom 31. Januar bis 15. September 2019 gewesen. Dieselbe Institution vertiefte in der Ausstellung „Shifting Image: In Search of Johan Maurits“ die Beziehung des Künstlers mit dem Sammler Johann Moritz Fürst von Nassau-Siegen, niederl. Johan Maurits van Nassau-Siegen (1604-1679), der 1633 das Mauritshuis in Den Haag errichten ließ, wo nun die wichtigste Sammlung niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts präsentiert werden. In Den Haag wurde vom 28. April bis 8. September 2019, anknüpfend an Rembrandt, die Ausstellung „Gloss, Glory and Misery: The Golden Age In The Hague“ gezeigt. In Haarlem fand vom 15. Mai bis 15. September 2019 ebenfalls eine Ansicht in „Rembrandt’s World“ statt. Die Schau „Inspired by Rembrandt: 100 Years of Collecting by The Rembrandt House Museum“ vertiefte nochmals vom 7. Juni bis 1. September 2019 anhand der hauseigenen Sammlungen die eigene Sammlungstätigkeit zur Malerei des 17. Jahrhunderts. Vom 20. Juni bis 3. Oktober 2019 zeigte das Museum De Lakenhal in Leiden die Ausstellung „Rembrandt & the Dutch Golden Age“. Dort findet noch bis zum 20. Februar 2020 die Schau „Young Rembrandt – Rising Star“ statt, eine Ausstellung, die vom Ashmolean Museum in Oxford organisiert wurde. Am 6. und 7. Februar 2020 wird in den Niederlanden das Rembrandtjahr mit einem Symposium im Rijksmuseum beendet. In Österreich, Kanada, in der Tschechischen Republik, Deutschland, Ungarn, Irland, Polen, Russland, Spanien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Vereinigten Königreich, in Simbabwe und in den USA fanden zahlreiche Gedächtnisausstellungen zu Ehren Rembrandts statt. Um die 70 Ausstellungen in 14 Staaten beleuchteten Rembrandts Schaffen aus verschiedenen Perspektiven und Ebenen. Doch sicher wird dies nicht das Ende der Fahnenstange sein. 2026 jährt sich die Geburt des Ausnahmemalers zum 420. Mal. Hoffentlich lassen sich bis dahin die Kunsthistoriker bessere Ausstellungstitel einfallen, anstatt in alliterierendem Dreiklang Aussagen treffen zu wollen. Das klingt richtig langweilig und altbacken, vermittelt nur dürftig wichtige Fragestellungen und zieht kaum öffentliches Interesse im Nachgang nach sich.

Weiterführend zu allen Ausstellungen im Überblick

 

Der Triumph des Mordechai, um 1641 Radierung und Kaltnadel (Copyright: Albertina, Wien)
Der Triumph des Mordechai, um 1641 Radierung und Kaltnadel (Copyright: Albertina, Wien)

Rembrandtjahr 2019 – die wichtigsten deutschsprachigen Veröffentlichungen

2019 erschienen einige Bücher zu Rembrandt und seinem Leben. So beleuchtet Anja K. Sevcik mit „Inside Rembrandt“ das Leben des Meisters. Ebenso die 2018 erschienene Neuauflage von Michael Bockemühl und die seit 2014 erhältliche Biografie „Rembrandt: Licht und Schatten“ von Nils Büttner. Abseitig der kunstwissenschaftlichen Betrachtung bietet uns „Typex“ mit einer Graphic Novel über Rembrandt ein künstlerisches Werk an, das sich mit dem Leben des Niederländers beschäftigt. Die Biografie von Jonathan Bikker, „Rembrandt: Biography of a Rebel“ wurde bereits an anderer Stelle erwähnt. Das wichtigste Buch im deutschsprachige Raum ist womöglich die Werkmonografie „Rembrandt“ von Volker Manuth, Marieke de Winkel u.a. aus dem Haus TASCHEN, daran anschließend die Werkmonographie zu Rembrandts zeichnerischem und grafischem Werk von Erik Hinterding und Peter Schatborn und von Volker Manuth und Marieke de Winkel ebenfalls herausgegeben, das Buch zu Rembrandts Selbstporträts.

Rembrandt – Sämtliche Gemälde

Über 700 starke Einblicke in die Welt Rembrandts, ersch. b. TASCHEN 2019.
Über 700 starke Einblicke in die Welt Rembrandts, ersch. b. TASCHEN 2019.

Einen echten Überblick über das Gesamtschaffen des frühmodernen Malers verschafft uns die Werkmonographie zum Rembrandts sämtlichen Gemälden. In über 700 Seiten wird uns anhand der Bilder das Leben der damaligen Zeit ausgebreitet, aber auch die Arbeitsweise und der Blick des Künstlers. Wir erfahren alles wissenswerte über Rembrandts Anfänge in Leiden, seine Festigung in Amsterdam sowie über sein Spätwerk. „Rembrandt – Sämtliche Gemälde“ fasst alle bislang erschienenen Forschungen zusammen, und präsentiert sie uns in einem, im Kofferformat gepackten, Glückstreffer. Knüller an dem Buch sind die brillanten Bilddrucke und „Zoom-Ins“. Werkvergleichen wird ebenfalls Raum gelassen, wie Rembrandts Rezipierungen von Werken italienischer Meister. Uns wird so verdeutlicht, mit welchem offenen Auge der Maler seine Welt und die ihn umgebende Kunst wahrnahm, dass er Malerei auch als dokumentarisches Medium verstand, alltägliche Begebenheiten und Beobachtungen in große Werke einfließen ließ. Die begleitenden Texte vermitteln uns zwar Inhalte und den Rahmen, vor welchem Hintergrund wir Rembrands Malerei verstehen dürfen. Im Mittelpunkt stehen aber seine sich wandelnde künstlerische Technik, die vieles vorwegnimmt, was wir v.a. von englischen und französischen Malern des 19. Jahrhunderts im stärkeren Maß sehen können. Es dürfte nicht allzuviel verwundern, dass „sie“ von „ihm“ gelernt haben, schnell und präzise zu arbeiten.

 

Rembrandt – Sämtliche Gemälde
Volker Manuth, Marieke de Winkel, Rudie van Leeuwen
Hardcover mit Ausklappseiten, 29 x 39,5 cm, 744 Seiten
150 EUR

Rembrandt – Die Selbstporträts

Nahm Rembrandt die "Selfi-Kultur" vorweg? TASCHEN zeigt 80 Selfporträts in einem Blick. (C by TASCHEN 2019)
Nahm Rembrandt die „Selfi-Kultur“ vorweg? TASCHEN zeigt 80 Selfporträts in einem Blick. (C by TASCHEN 2019)

Realismus steht ganz im Fokus der Publikation. Seine über 80 Selbstporträts aus all seinen Lebensaltern markieren den beginn des impressionistischen Pinselstrichs, weisen strikt in die Moderne, geben sogar der Moderne wichtige Impulse. Die schnell hingeworfen erscheinenden Bilder sind wie eingefrorene Eindrücke und Momente als stünde uns der Meister leibhaftig vor einem. Rembrandt nimmt sozusagen auch die heute grassierende „Selfie-Kultur“ vorweg, hat aber mit seinen Bildern mehr zu sagen gehabt als jeder „No-Name“ in irgendeinem Internetkanal. Man wünschte sich auch, dass das malerische und zeichnerische Geschick Rembrandts so manchen heute lebenden Künstler berühren könnte. Je mehr man sich mit der Materie rund um die künstlerischen Techniken beschäftigt, umso mehr wird klar, dass bspw. die Malerei der Leipziger Schule 1946 bis 2000 im Gegensatz zu den Alten Meistern in Sachen Bildfunktion, Komposition und Technik stark abfällt.

 

Rembrandt – Die Selbstporträts
Volker Manuth, Marieke de Winkel
Hardcover mit Hologramm, 25,9 x 34 cm, 176 Seiten

 

Rembrandt – Sämtliche Zeichnungen

Verlernen wir im "digitalen Zeitalter" das Zeichnen und die Wahrnehmung unserer Umwelt? Fragen, die Rembrandt heute uns aufwirft. (TASCHEN 2019)
Verlernen wir im „digitalen Zeitalter“ das Zeichnen und die Wahrnehmung unserer Umwelt? Fragen, die Rembrandt heute uns aufwirft. (TASCHEN 2019)

Wir warten noch auf wissenschaftliche Studien, die den Zusammenhang zwischen Hirnaktivitäten und künstlerischen Techniken bzw. ihren Anwendungen und ihre Präzision herstellen. Wie erfasst das Auge und das Gehirn das Gegenüber, wie schnell wird dieser Eindruck auf Papier gebannt? Wie stark hat künstlerisches Produkt mit der erfassten Realität zu tun? Im Grunde beschäftigt sich das zeichnerische Werk vorrangig mit Rembrandts Vermögen, seine Umwelt wahrzunehmen und uns durch seine Wahrnehmung 300 Jahre nach dem Entstehen seiner Bilder daran teilhaben zu lassen. So zeitlos sein auf Papier gebannter Eindruck auch ist so zeitlos ist auch sein künstlerisches Ansinnen. Heute verlasen sich viele auf Computer, Apps und dergleichen; aber wer kann heute noch so zeichnen wie Rembrandt? Gerade in der Kunstwelt schlägt sich der digitale Wandel so stark nieder, dass das Beherrschen altmeisterlicher Techniken und Grundlagen fast schon als „überholt“ abgetan werden. Wenn Rembrandt das Maß aller Dinge ist, dann müssen Künstler ihre Smartphones und Digitalkameras wegwerfen und mit Bleistift und Rötel losziehen und die Skizzenblöcke wie Dokumentare füllen und daraus große Werke schaffen, am besten mit natürlichen Grundstoffen, ganz ohne Acryl und bunte Knete.

 

Rembrandts sämtliche Zeichnungen und Radierungen
Peter Schatborn, Erik Hinterding
Hardcover mit Ausklappseite, 29 x 39,5 cm, 756 Seiten

 

Beitragsbild oben: Die Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp, 1632 Öl auf Leinwand (Copyright: Mauritshuis, The Hague/Den Haag/ La Haye)

 

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