Elend für Mittelstand – Sebastião Salgado zeigt neue Fotografien

Daniel Thalheim

Noch immer schuften Menschen unter unmenschlichen Bedingungen für den Wohlstand in Europa, Asien und auf den beiden amerikanischen Kontinenten. Das neue Gold heißt jetzt seltene Erde, für das plumpe Smartphone eines mitteleuropäischen Prolls, für die Elektroschaukel für Tesla-versessene Narren und Elektromobile im urbanen Raum für die grüne Öko-Klientel. Der Fotograf Sebastião Salgado hielt vor über dreißig Jahren das Elend in den Goldminen der Serra Pelada in Brasilien in Fotos fest, die uns aufrütteln müssten. Seine Eindrücke hat er in Fotos gegossen, die nun wieder weltweit in Ausstellungen zu sehen sind. Auf der Frankfurter Buchmesse ist der Künstler ebenfalls anwesend. Als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels signiert er am 19. Oktober „sein“ Gold.

In der angeheizten Debatte um den Klimawandel und den anhaltenden Wirtschaftswachstum, die letztlich in der Gier weniger endet, erscheinen Fotografien vom brasilianischen Fotograf Sebastião Salgado. Der diesjährige Friedensnobelpreisträger des Deutschen Buchhandels arbeitete jahrelang an dem Fotoband, um sozialkritisch auf die Nöte von Menschen hinzuweisen, und um uns aus unserer verbretterten Discounterwelt heraus zu reißen. Denn folgen wir nicht alle den Ruf des Goldes? 

„Was hat dieses leblose gelbe Metall nur an sich, dass es die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen, all ihre Habe zu verkaufen und einen ganzen Kontinent zu durchqueren, um ihr Leben, ihre Knochen und ihre Gesundheit für einen Traum aufs Spiel zu setzen?“, fragt der Fotograf angesichts der Verelendung von Menschen, nur um den Goldhunger weniger Reiche und Staaten zu befrieden. Brasilien ist neben dem afrikanischen Kontinent die Hauptquelle für den Stoff, der angeblich so selten sein soll. Die Geschichte dieses Fotobandes geht aber noch weiter zurück, als man es vermuten könnte.

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Elend für Gold: bis vor 30 Jahren schufteten Menschen für den Wohlstand der Bling-Bling-Welt der Schönen und Reichen (Foto: Sebastiao Salgado)

Die Story beginnt seitdem als die Goldmine in Brasilien geschaffen wurde. Nachdem 1979 in einem der Flüsse der Gegend Gold entdeckt wurden, weckte die Serra Pelada seit dem Fund erneut die Sehnsüchte nach dem legendären Goldland „El Dorado“. Ein Jahrzehnt lang war die Serra Pelada die weltgrößte Freiluftgoldmine, in der unter unmenschlichen Bedingungen rund 50.000 Goldgräber Erde und Erz abtrugen. Heute ist Brasiliens Goldrausch nur noch Stoff für Legenden. Sebastião Salgado hielt mit einen Fotos diesen „mythischen“ Stoff am Leben. Erst im September 1986 erhielt Salgado die Genehmigung, Serra Pelada zu besuchen. Sechs Jahre lang hatten ihm brasilianische Militärbehörden den Zugang verweigert. Nach dem Zusammenbruch des Militärregimes öffnete sich das Land der internationalen Öffentlichkeit, wandte sich auch aufarbeitend und kritisch ins Landesinnere und der eigenen Geschichte zu. Dass „Gold“ nun jetzt erscheint, ist auch ein Clou, um auf die massive Abholzung des brasilianischen Regenwaldes hinzuweisen.

Auf die Szenen, die ihn auf dieser abgelegenen Bergkuppe am Rande des Amazonas-Regenwalds erwartete, war der Fotograf nicht gefasst. Es schien als blickte er den Schlund der Hölle. Was sich vor ihm ausbreitete hätte nicht einmal der Apokalypsen-Maler Hieronymous Bosch in seinen fantastischen Gemälden zu Dantes Inferno nicht ausmalen können. 

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Serra Pelada in Brasilien 1986: Zustände wie im tiefsten Mittelalter oder einem Film über römische Sklaven (Foto: Sebastiao Salgado)

 

Vor Salgados Augen tat sich ein gewaltiges Loch auf. Aus dem 200 Meter Durchmesser großen wie tiefen Schlund krabbelten Zehntausende notdürftig bekleidete Männer wie Ameisen hinein und wieder hinaus. Eine Hälfte von ihnen schleppte bis zu 40 Kilo schwere Säcke über hölzerne Leitern nach oben, die anderen sprangen an schlammigen Böschungen hinunter in den höhlenartigen Schlund, Körper und Gesichter ockerfarben von der eisenerzhaltigen Erde, die sie ausgeschachtet hatten. 

Als Salgados Bilder beim New York Times Magazine eintrafen, geschah etwas Außergewöhnliches. In der Hochglanzwelt aus Farbfotografien crashten Salgados Fotos alles bisher dagewesene. Hatte man doch geglaubt, die Verelendung sei überwunden. Dass der Wohlstand immer noch Opfer schafft, öffnete auch den Redakteuren der Times die Augen. Es beim Anblick seiner Fotografien vollkommene Stille geherrscht haben. „In meiner ganzen Karriere bei der Times“, erinnerte sich Fotoredakteur Peter Howe, „habe ich niemals erlebt, dass Redakteure so auf eine Serie von Bildern reagierten wie auf die Aufnahmen von Serra Pelada.“ 

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Kolonialismus und Ausbeutung: Ob Salgado noch die Kobaltminen Afrikas besuchen würde? (Foto: Sebastiao Salgado)

Dass Salgados Portfolio mit einer geradezu biblischen Qualität ausgestattet ist, zeigten bereits seine Arbeiten wie „Exodus“, „Africa“, „Terra“ und „Genesis“. Die Mine in Serra Pelada ist längst geschlossen, doch das bittere Drama des vergangenen Goldrauschs springt den Betrachter aus jedem dieser Bilder immer noch an. 

Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Sebastião Salgado, wird am Samstag, 19. Oktober, von 11 bis 12 Uhr exklusiv am Stand des TASCHEN Verlags auf der Frankfurter Buchmesse (Halle 3.0, D 85) sein großes neues „Gold“ signieren.

Ausstellung: Opening of Sebastião Salgado’s exhibition GOLD 

Seit 10. Juli 2019 Sesc, São Paulo 

Ausstellung: Opening of Sebastião Salgado’s exhibition GOLD 

Seit 12. September 2019 Fotografiska, Stockholm 

Ausstellung: Opening of Sebastião Salgado’s exhibition GOLD 

Ab 10. November 2019 CEART, Fuenlabrada 

Ausstellung: Opening of Sebastião Salgado’s exhibition GOLD 

Ab 13. Februar 2020 Fotografiska, Tallinn 

Das Buch des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels können Sie im TASCHEN-Shop erwerben.

Sebastião Salgado, Lélia Wanick Salgado, Alan Riding

Hardcover, 24,8 x 33 cm, 208 Seiten

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