Es hing in der Küche – Mittelalter-Meisterwerk wiederentdeckt

Daniel Thalheim

 

Cimabue gilt als einer der großen frühen Meister der italienischen Vor-Renaissance. Im 13. bis 16. Jahrhundert entdeckten Gelehrte und Künstler die römisch-griechische Antike wieder. Der italienische Maler Cimabue gehört zu den frühen Entdeckern der antiken Malerei und ihren Techniken. Er trat aus den Traditionen der byzantinischen Ikonenmalerei heraus und versuchte, Sujets in dreidimensionalen Räumen zu erfassen. Jetzt erfährt der Meister eine Wiederentdeckung. Eine vermeintlich „wertlose“ Ikone entpuppte sich als Meisterwerk der Frührenaissance. Es handelt sich um die Verspottung Christi des besagten Künstlers. 

Achtlos in einer Pariser Küche hängend

Wie wenig Normalsterbliche von Kunst verstehen, zeigt sich anhand der neuesten Entdeckung zu einem Maler, der als Lehrer von Giotto und selbst als Wegbereiter der Renaissance in Italien gilt. Cimabue, bzw. Ceno di Pepo (ca. 1240-1302), hatte in seiner kurzen Lebensspanne die wichtigsten Werke der Frührenaissance geschaffen.ie wiederentdeckte Gemälde „Der verspottete Christus“ wurde vermutlich im Jahr 1280 auf Pappel gemalt. In dieser Zeit malte Cimabue u.a. ein Teil der Oberkirche San Francesco di Assisi aus. Ein emblematisches Bild aus der Kirche stellt ihn im Profil dar. Jahrelang hing das wiederentdeckte Fundstück in der Küche einer älteren Frau in dem Pariser Vorort Compiègne, unerkannt und ungeschätzt. Verkaufen wollte die Frau das Bild für ein paar „Kröten“, es ist aber laut Schätzungen des Kunsthistorikers Eric Turquin mehrere Millionen Euro wert.

„Selbst wenn das Gemälde düster wirkt, zeigt es eine Vielzahl von Emotionen in den Gesichtern und den Gesten“, betont Turquin gegenüber der Presse. Auf dem Gemälde ist Christus inmitten einer Menschenmenge zu sehen. Die versammelten Männer schauen grimmig oder schneiden Grimassen – für Turquin eine typische Darstellung der Verspottung Christi wie sie sich in die abendländische Kultur eingeschrieben hatte. 

Die Familie der Besitzerin hielt das Cimabue-Meisterwerk für eine einfache Ikone. Man kann dem Irrtum schnell erlegen. Das Bild ist nicht sehr groß. Es misst ca. 25 x 35 cm. Als sie das Bild verkaufen wollte, wandte die Besitzerin sich an das Auktionshaus Actéon in Compiègne. Dieses ließ das Gemälde von dem Kunstgutachter Eric Turquin untersuchen. Am 27. Oktober 2019 wird das Gemälde versteigert.

Vermutungen zur Herkunft des Gemäldes

Wie die „Verspottung Christi“ in eine französische Küche gelangen konnte, ist derzeit noch ein Rätsel. Vermutlich wurde es für einen Auftrag angefertigt, wahrscheinlich ist, dass es seinerzeit gestiftet wurde – entweder für das Seelgedächtnis eines Patriziers oder als Altarretabel für eine Bischofskirche oder für einen Bischof selbst. Fakt ist, dass es sich in einer Kirche befunden haben muss. Möglicherweise ist es nach seiner Entstehung entweder als Geschenk nach Frankreich gelangt, oder als Kriegsbeute. Mit Sicherheit durchforsten Kunsthistoriker fieberhaft alte Gemäldekataloge der ehemaligen Bourbonenkönige. Vielleicht ist es in den Wirren der Französischen Revolution in Privathände gelangt. Natürlich steht auch im Raum, dass das Gemälde überhaupt aus der Hand bzw. Werkstatt Cimabues stammen könnte. Eric Turquin ist der Meinung, dass das gefundene Werk jenen ähnlich sei, die in der London National Gallery und in der New Yorker Frick Collection zu sehen sind und Teil einer Cimabue-Serie zur Passion und Kreuzigung Christi seien. Außerdem sei das verwendete Pappelholz dasselbe wie die der beiden anderen Cimabue zugeschriebenen Kunstwerke. Der darin entdeckte Wurmfraß würde dem der anderen Retabeln ähneln. Die von den Vergleichswerken abweichende Farbigkeit lässt aber auch die Möglichkeit offen, dass die gefundene Retabel aus anderer Hand stammen könnte. Auch fehlt es an einer wirklichen identischen Ausführung der Jesus-Gesichter im „Scherzo“-Bild aus Paris und in der Geißelungsszene. Generell muss man auch sagen, dass augenscheinliche Zuschreibungen, wie sie Eric Turquin vornimmt, mit Zweifeln und Skepsis zu sehen sind. Auch wenn man hilfswissenschaftliche Methoden vornimmt, und Gemälde wie die kleine Retabel durchleuchten lässt. Es fehlt, nach Studium einschlägiger kunsthistorischer Literatur Italiens und Deutschlands, noch an einer belegbaren Provenienz, ausgehend von einem mutmaßlichen Auftraggeber und einer ausgiebigen Vergleichsanalyse mit dem Werk, das Cimabue ebenfalls nur mutmaßlich in der Oberkirche San Francesco di Assisi hinterließ. Zweifelsohne könnte auch ohne Zuschreibung zugunsten Cimabues das Bild viel wert sein und als ein Meisterwerk eines unbekannten Malers aus dem italienischen Trecento gelten.

Es zeigt eine für Duccio und Giotto bekannte Szene in der Christus inmitten einer Gruppe von Männern steht. Der Heiland wird von den grimmig drein blickenden Männern dicht umdrängt. Die Männer tragen Schwerter, was sie als Edelmänner bzw. Soldaten kennzeichnet. Hinter der Szene wird Architektur angedeutet, die noch nicht der Zentralperspektive folgt. Ikonenhaft ist der goldfarbene Hintergrund.

 

Die Bedeutung Cimabues in der Kunstgeschichte

Giorgio Vasari hielt einige mündliche Überlieferungen des Lehrmeisters von Giotto schriftlich fest. Er schildert in seinen Lebensbeschreibungen, dass wohl Cimabue einer der ersten Künstler es ausgehenden 13. Jahrhunderts war, der nach verheerenden Kriegswirren im mittelalterlichen Italien sich in Beschäftigung mit der antiken Literatur der Kunst zuwandte und so mit der traditionsreichen byzantinischen Ikonenmalerei zu brechen versuchte. Er ging dem Naturstudium nach, brach seine wissenschaftlichen Forschungen ab und soll laut Vasari bei griechischen Malern bei der Ausmalung der Kapelle der Familie Gondi neben der Florentiner Kathedrale Santa Maria Novella das Kunsthandwerk gelernt haben. Vasari unterstellt Cimabue laut Carl Friedrich von Schlosser, aus eigenen Stücken und mit voller Absicht eine neue Kunstströmung ins Leben gerufen zu haben.

Cimabue, Kupferstich eines zeitgenössischen Bildes aus dem 13. Jh., B 10,4 cm, H 10,6 cm (Blatt), Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg, Inventar-Nr. Graph. Slg. P_0562.
Cimabue, Kupferstich eines zeitgenössischen Bildes aus dem 13. Jh., B 10,4 cm, H 10,6 cm (Blatt), Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg, Inventar-Nr. Graph. Slg. P_0562.

Dass Vasari lediglich eine Sicht aus Florenz wiedergibt, hatten Kunsthistoriker bereits 1920 in den Italienischen Forschungen dargelegt und befußnotet, dass im ausgehenden 13. Jahrhundert auch in anderen Städten, unabhängig von Florenz, neue Malerschulen entstanden. Auch dass Cimabue durch Vasari als „Retter und Neuerer der Kunst nach einem dunklen Zeitalter Italiens“ darstellt, scheint reine Propaganda für die Malerei in Florenz und die Abhängigkeit seiner Schrift durch Finanziers zu sein. Italiens Kunst stand im Mittelalter unter dem Einfluss griechisch-byzantinischer Traditionen, die wiederum in der Tradition enkaustischer Werke der Spätantike standen. Wie groß der griechische Einfluss in Italien war zeigt ein anderes Beispiel. Der Altarbereich der Klosterkirche von Montecassino wurde unter Federführung des Abtes Leo von Ostia mittels griechischen Kunstmalern ausgestaltet. Diese lehrten die von ihnen praktizierten Techniken den dortigen Mönchen. So wurde die mittelalterlich-griechische Tradition nach Italien getragen. Cimabue & Co. jedoch gingen einen Schritt weiter. Die lückenhaften Überlieferungen aus dieser Zeit lassen aber die These zu, dass Cimabue nicht allein die Entwicklung des Naturstudiums betrieb. Duccio di Buonisegna wirkte in Siena zeitgleich wie Cimabue in Florenz. Unabhängig von ihm entwickelte er die griechisch-byzantinische Ikonenmalerei mit Hilfe des Naturstudiums weiter. Von einer vollendeten Renaissancemalerei, wie wir sie aus dem 15. und 16. Jahrhundert kennen, darf man aber auch bei ihm nicht sprechen. Zu sehr halten sich beide Künstler an der tradierten Formen- und Dekorsprache der Ikonenmalerei fest, dass sie hundertprozentig als „Renaissance“ klassifiziert werden können. Dennoch bleibt Cimabue wichtig für die kunstwissenschaftliche Geschichtsschreibung. Wie Duccio hält er sich an die griechischen Lehrbücher für Komposition und Farbgebung. Doch in einer Entwicklung der perspektivischen Darstellung und bei Darstellungen des Gesichts, Körpers und der Haut emanzipiert er sich von dieser Überlieferung. Beachtung in der Kunstgeschichte fand Cimabue durch seine Wandmalereien in der Oberkirche S. Francesco di Assisi und durch seine Majesta- und Madonnendarstellungen.

 

Aus rechtlichen Gründen verzichtet Artefakte auf die bekannten Abbildungen aus der Presse, wo das wiederentdeckte Bild gezeigt wird. Stattdessen zeigen wir einen Kupferstich, der Cimabue abbildet. Wir bitten die LeserInnen Google zu bemühen, um das Referenzwerk zu sichten. Das Digitalisat des Kupferstichs ist rechtlich für unkommerzielle Portale wie diesem freigegeben.

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