Künstlerische Techniken – Warum man nicht mit Schellack einen Firnis auftragen darf

Daniel Thalheim

Es soll selbsternannte Kunstmaler geben, die halten das Experimentieren mit verschiedenen Werkstoffen für eine künstlerische Technik und für innovativ. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Blick auf eine Praxis wie mit Schellack umgegangen wird.

Schellack ist ein harter und spröder Werkstoff

Aus der Blattschildlaus gewonnen, ist das Substrat harzig und hart. Es muss daher für seine Verwendung in der holzverarbeitenden Möbel- und Instrumentenindustrie verflüssigt werden. Dies wird Ethern bzw. Spiritus unternommen. Die Lösemittel tragen dazu bei, dass Schellack überhaupt auf eine Fläche aufgetragen werden kann. Man kann sicher auch Schellack erhitzen. Üblich ist das aber nicht. Dass der Schellack elastisch bleibt – denn der Werkstoff versprödet wegen seines raschen Trocknungsvorgangs sehr schnell und leicht – wird auf Fläche nachgeölt. So entsteht eine doppelte Schutzschicht gegenüber dem Holz. Schellack dringt schnell in die Poren des Holzes ein und verfestigt sich. Dadurch wird das Holz sozusagen versiegelt. Weil aber Schellack feuchtigkeitsempfindlich und auch empfindlich gegen Alkohole ist, muss diese Imprägnierschicht vor sich selbst geschützt werden. Öl bildet eine wasserabweisende Schutzschicht. Wer Instrumente und Möbel pfleglich behandelt, sie nicht unbedingt im feuchten Keller aufbewahrt, kann lange seine Freude daran haben.

Gibt es Verwendung von Schellack in der Malerei?

Leider muss man die Frage eingangs bejahen. Sei es aus Unkenntnis der alchemistischen und chemischen Eigenschaften von Stoffen zueinander, oder dem Drang, etwas „besonderes“ und „einmaliges“ abzuliefern, scheint die Empfänglichkeit einiger „Künstler“ für Ratschläge herabzusetzen. Gerade bei „Künstlern“, die ihre Bestätigung aus dem „schnellen Geld“ ziehen. Wer Geschichtswissenschaften studiert, bekommt Einblicke wie im Mittelalter die dicken roten Siegel gesetzt und hergestellt wurden. Für die roten Batzen wurde auch „Lacca in tabulis“ verwendet, weil es mithilfe von Ethern schnell härtet. Das Siegel trocknete relativ schnell durch. Dadurch wurde das Siegel kurze Zeit haltbar, es sei denn, es wurde beim Öffnen des versiegelten Schreibens gebrochen. Erhaltene Siegel werden immer mehr rar. Wenn sie mit Schellack versetzt wurden, verliert sich ihre Festigkeit mit der Zeit, sie werden spröde und zerbröseln. 

In der Malerei taucht Schellack höchstens als schnelltrocknendes Bindemittel auf. Der Spiritus als Lösemittel verdunste schnell, dadurch trocknet dieser schnell an. Bis zum 19. Jahrhundert setzte sich diese Technik auch nur schwer bis gar nicht durch. Denn durch die Verwendung von Schellack versprödeten die Bilder leicht. Sie bildeten Risse. Hinzu kamen noch falsche Aufbewahrungs- und Hängeorte für Kunstwerke. Von Museumsbauwerken aus dem 19. Jahrhundert weiß man, dass sie nicht beheizt waren, aber auch nicht gedämmt. Wenn ein Museum zudem noch mit Kupfer- bzw. Zinkblech überdacht war, wie u.a. auch das Museum der bildenden Künste im 19. und frühen 20. Jahrhundert, konnte es geschehen, dass Bilder hohen Temperaturschwankungen unterworfen waren: im Sommer war es im Museum sehr warm, im Winter kalt. Dazu noch die wechselhaften Feuchtigkeitsverhältnisse bei unterschiedlichen Witterungen und Besucherzahlen im Museum. 

Nun können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn man Schellack, wenn auch nur dünn, auf ein getrocknetes Sujet aufträgt, dessen Farbe aus künstlichen Bindemitteln bzw. Dispersionen besteht: Acrylmalfarbe. Sie ist schnell zu verarbeiten, man kann mit ihr lasierend und auch deckend arbeiten, sie trocknet auch schnell, ist weitgehend geruchlos und sondern auch sonst keine Giftstoffe ab. Dennoch ist Acrylfarbe empfindlich. Die im Schellack gebundenen Esther, um das natürliche Harz zu verflüssigen, docken an den Acrylbestandteilen an und beginnen diese zu lösen. Dadurch „verschwimmen“ die Farbflächen. 

Wer im Internet nach künstlerischen Arbeiten mit Schellack sucht, findet sofort mehrere Einträge aus dem zeitgenössischen ungegenständlichen Bereich, aber auch aus dem gegenständlichen. Inwieweit Schellack als Bindemittel oder als Firnis verwendet wird, ist aus den Werkinformationen nicht abzulesen. Doch oft werden sie als „speziell gemachte“ Stücke angepriesen. Dahingehend wäre Vorsicht geboten. Nicht umsonst haben die Alten Meister die Finger von dem Stoff gelassen, der auch aus der antik-chinesischen Möbelherstellung in Europa bekannt ist. 

Trügerisch ist auch sein „schickes“ Aussehen, wenn die Bilder einen „vergilbten Touch“ erhalten und so irgendwie „alt“ aussehen. Gerade in der Acrylmalerei sei vor der Verwendung dieses Stoffes gewarnt. Schellack ist wegen Umwelteinflüssen (Feuchtigkeit, Lösung) reversibel, die Schäden irreversibel. Die Bilder sind unwiederbringlich verloren. Die Restaurierung ist nicht mehr möglich. Ein in Leipzig viel beachteter Restaurator dazu: „Schellack in der Öl- und Tafelmalerei ist als Abschlussfirnis nicht üblich, und auch in historischen Quellen und Traktaten nicht belegt. Es gibt dafür mehrere Gründe: Schellack vergilbt sehr stark, versprödet und ist meistens in reinem Ethylalkohol, selten mit einer Zugabe von ganz bestimmten Ethern, gelöst. Das hat zur Folge, dass diese Lösungsmittel die Farb- und Lasurschichten stark und schnell anquellen und im Extremfall in Lösung gehen können – sie verwischen und verbinden sich miteinander. Dass ein Künstler mit Schellack auf Acrylbildern arbeitet, wundert mich etwas, da getrocknete Acrylfarben unter Ethylalkohol zwar nicht mehr löslich sind, aber stark anquellen und es infolge, je nach Dicke des Auftrags, zu Schichtentrennungen führen kann. Ich finde diese Maltechnik sehr problematisch und irreversibel.“

Was Schellack wirklich ist

Im Handbuch der künstlerischen Techniken, einem Standardwerk für Restauratoren und Kunsthistoriker, heißt es dazu, dass der im Schellack enthaltene Lac-dye-Farbstoff von tierischer Herkunft ist. Schellack wird von Lackschildläusen (Coccus lacca Kerr) abgeschieden, die in Indien, Hinterindien und Ostasien auf bestimmten Bäumen, zum Beispiel auf dem indischen Lackbaum, leben. Bei der Reinigung des von den Bäumen gesammelten Rohprodukts (Stock- oder Körnerlack) extrahiert man den Lac-dye-Farbstoff mit verdünnter Sodalösung. Aus dieser kann durch Eindampfen der Farbstoff gewonnen oder durch Zusatz von Alaun roter Farblack ausgefällt werden. Lac-dye, dessen färbender Bestandteil Laccainsäure ist, ähnelt sowohl in seine chemischen Zusammensetzung als auch in der Farbe dem Karmin. In Indien und Ostasien ist der Lac-dye-Farbstoff seit langem bekannt. Im 7. Jh. soll er von den Arabern aus Indien nach Europa gebracht worden sein. Wahrscheinlich, aber einen weiteren Boom der Schellackverwendung scheint auch die Entdeckung alter chinesischer und japanischer Möbel in der Frühmoderne ausgelöst zu haben. Gut zu sehen auch am Beispiel des Liotard-Gemäldes „Schokoladenmädchen„. Dort trägt die Dienerin ein chinesisches Lacktablett mit einem Glas Wasser und einer Tasse heißer Schokolade.

Weiter heißt es, dass Schellack ein alkohollösliches Harz ist, das die Lackschildlaus ausscheidet. Mit Alkalien lässt sich Schellack verseifen, wodurch er wasserlöslich wird. Zusätze von Schellackseife vermindern die Wasserempfindlichkeit wässriger Bindemittel, wie z.B. Pflanzengummi. Die wenigen Malereien, in denen dieser Farbstoff bis heute eindeutig nachgewiesen werden konnte, lassen noch keine Schlüsse auf dessen Verbreitung in der mittelalterlichen europäischen Malerei zu. Viel eher wurde Schellack als Siegellack und zum Versiegeln von Holzinstrumenten verwendet. Neuesten Erkenntnissen zufolge, wurde Schellack nahezu nicht in altmeisterlichen Gemälden als Firnis verwendet. Viel eher setzte sich Schellack in der Möbel- und Instrumentenherstellung Ende des 19. Jahrhundert wegen seiner, zusammen mit den darauf verarbeiteten Ölen, Elastizität verstärkt durch. Auch die Tonträgerindustrie profitierte zunächst von der Verwendung von Schellack. Doch modernere und künstlich hergestellte Bindungen lösten auch Schellack ab, weil die Schallplatten nicht mehr so spröde und zerbrechlich waren.

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