Das Schokoladenmädchen – Die Story eines der berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte

Von Daniel Thalheim

So genau ist es nicht bekannt wie viele Reproduktionen des „Schokoladenmädchens“ in den Wohnungen und Häusern weltweit hängen. Hinzu kommen unzählige Abhandlungen und Schriften, die sich um das Mädchen mit dem Kakaotöpfchen drehen. Es gibt aber nur ein Original, das im 18. Jahrhundert von Jean Étienne Liotard gemalt wurde. 

Warum das Schokoladenmädchen noch immer populär ist

Eigentlich dürften wir den Reproduktionstechniken des 20. Jahrhunderts die Bekanntheit vieler Gemälde der Alten Meister verdanken. So war das auch bei uns in der Familie. Ich bin unter Raffaels, Bouchers und Liotards regelrecht aufgewachsen. Das Schokoladenmädchen war auch eins der hochwertigen Repro-Drucke, die unsere Wohnzimmerwände zierten; im edlen und aufwendig lasierten Holzrahmen umfasst hielt die Strahlkraft der Farben gute 25 Jahre, oder sogar noch etwas länger.

Daniel Thalheim,
Daniel Thalheim, „The tablet“, frei nach Liotards „Schokoladenmädchen“, Aquarell & Edding auf besch. Druckgrafik (DDR), 2019.

2019 hatte das Bild so sehr an Glanz und Kraft verloren, war u.a. auch beschädigt, dass ich entschloss es als Aquarell zu verfälschen und meinen eigenen Namen darunter zu setzen. Statt des Tabletts trägt das Mädchen nun ein MacBook. Darauf serviert sie ein Glas Wasser und ein Töpfchen Schokolade. Sie selbst ist mit dem Tragecomputer über das Kabel ihrer Kopfhörer verbunden. 

Denn, so fragte ich, was wäre, wenn Tradition auf die heutige Moderne träfe? Oder anders gefragt, können wir uns das Schritttempo denn angesichts der eindrucksheischenden Schnelligkeit von Informationen und ihren Austausch denn noch leisten? Ist es denn nicht schon Luxus, sich Kaffee zu mahlen anstatt im Supermarkt das nächstbeste Billigangebot einzupacken? So ist es auch mit dem Schokoladengenuss. Überall und jederzeit verfügbar, wobei man sagen muss, dass nicht überall Schokolade drin steckt, wo sie vermeintlich drin sein sollte. Liotards Gemälde macht es uns vor, zeigt uns eindringlich, dass wir unsere Rituale vergessen, unsere Lebensgewohnheiten dem Zeitgeist opfern. Für mich ist die Verfremdung des Schokoladenmädchens ein Bekenntnis: ja, ich will Langsamkeit im Genuss, doch ich will schnell Informationen aufnehmen, verarbeiten und weitergeben. Deswegen auch dieser Blog.

Weshalb Ikonen auch nach der Renaissance entstehen können

1743 reiste der Schweizer Maler Jean Étienne Liotard (1702-1789) nach Wien und malte ein Bild, das wohl zu seinen bekanntesten Stücken zählt und sich heute in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden befindet. Nach über 200 Jahren ist das Werk eine Ikone der Kunstgeschichte, fast schon ein Antipode der „Mona Lisa“ von Leonardo Da Vinci. Schon Zeitgenossen wie der Kunstsammler Francesco Graf von Algarotti, die Pastellmalerin Rosalba Carriera und andere venezianische Maler bezeichneten das Gemälde „als schönstes Pastell, das man je gesehen hat“. Liotard selbst galt als Künstlerpersönlichkeit, die seinerzeit für Aufsehen sorgte. Er porträtierte die High Society des 18. Jahrhunderts in Europa. Das Bild eines Wiener Stubenmädchens deren Identität immer noch Rätsel aufgibt, hat von seinen frühen Reizen nichts verloren. Das Schokoladenmädchen ist der beste Beweis dafür, dass das so unterschätzte 18. Jahrhundert seine Ikonen hervorbringen konnte. 

Das schönste Pastell als Buch

270 Seiten geballte Forschungspower bildet der Begleitband zur von September 2018 bis Januar 2019 durchgeführten Ausstellung in der Galerie Alter Meister „Das schönste Pastell, das man je gesehen hat“ ab. Hier wird im Detail und auf dem aktuellsten Forschungsstand das Leben und Werk von Jean-Étienne Liotard  diskutiert. So geht Marcel Roethlisberger zu Liotards Lebensstationen ein, führen Stephan Koja und Verena Perlhefter den Leser ins Wien der Kaiserin Maria Theresia. Roland Enke erzählt uns anhand der Begriffsrezeption im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Geschichte wie ein Stubenmädchen zum Schokoladenmädchen mutierte.

Das Buch zum schönsten Pastell, das man je gesehen hat, führt uns in das Wien und ins Europa des 18. Jahrhunderts (Foto: Hirmer Verlag & SKD Presse 2018 ff.)
Das Buch zum schönsten Pastell, das man je gesehen hat, führt uns in das Wien und ins Europa des 18. Jahrhunderts (Foto: Hirmer Verlag & SKD Presse 2018 ff.)

Holger Schuckelt stellt dem Leser welchen Niederschlag die Türkenkriege in Sachsen besaßen. Susanne Drexler führt uns in die Kaffee- und Kakaotrinkkultur in der Frühmoderne ein. Julia Weber zeigt exemplarisch, dass das von Liotard dargestellte Stubenmädchen im Gepräge des Wiener Hofes ziemlich weltfraulich erscheint; anhand der Schokoladentasse und des lackierten Serviertabletts. Roland Enke ist es, der uns Einblicke in das Pastellkabinett in der Dresdner Gemäldegalerie beschert. Welche Maltechniken Liotard angewendet hatte, analysiert Christoph Schölzel eindrucksvoll. Elisabeth Schlesinger spürt auf, welche Bewandtnis es mit dem Schmuckrahmen des „Schokoladenmädchens“ auf sich hat. Roland Enke und Susanne Drexler breiten uns die Rezeptionsgeschichte der „Schokoserviererin“ aus, also wie Künstler in der Folge Liotards v.a. im 20. Jahrhundert das Motiv aufgriffen, verfremdeten und weiter entwickelten. 

Das Buch weitet den Blick vom weiß gestärkten Rockzipfel des Barock auf die Renaissance und auf die Moderne aus. Deshalb sticht der Band von vielen Veröffentlichungen dieser Art auch so heraus. Die Ikonographie des „Bedienwanstes“ am kaiserlichen Hof in Wien dürfte die Kunstwissenschaftler auch in Zukunft bewegen. Längst ist nicht alles über die Malerei des 18. Jahrhunderts gesagt, aber die Zeit von 1700 bis 1800 birgt noch so manche Entdeckungen in sich. Wir sind gespannt.

„Das schönste Pastell, das man je gesehen hat“
Das Schokoladenmädchen von Jean-Étienne Liotard
Hg. Stephan Koja, Roland Enke  Staatliche Kunstsammlungen Dresden
272 Seiten, 218 Abbildungen in Farbe
21 x 25,5 cm, gebunden 
ISBN: 978-3-7774-3134-5

Zur Ausstellung im Archiv der SKD

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