Erneut gehängt – Banksys Skandalbild der Staatsgalerie Stuttgart geliehen

Von Daniel Thalheim

Banksys Gemälde »Love is in the Bin« war 2018 in aller Munde. Nach einer Versteigerung im Kunstauktionshaus Sotheby’s schredderte sich das Bild »Girl with balloon« wie von selbst. Das als Unikat gehandelte Bild wurde hoch gehandelt. 1,18 Mio. EUR erzielte das Kunstwerk. Nun soll es in Stuttgart zu sehen sein.

 

Banksy in Stuttgart – hängt ihn neu

Wie die Staatsgalerie Stuttgart meldet, verlässt am 7. Mai Banksys »Love is in the Bin« die Alten Meister zusammen mit dem Selbstbildnis von Rembrandt. Banksys Kapitalismus- und Kunstmarktkritik wird von nun an in einem neuen Kontext in der Sammlung der Staatsgalerie zu sehen sein. Vorher ist es der Staatsgalerie gelungen, das während einer Auktion neu geschaffene Werk »Love is in the Bin« nach Stuttgart zu holen. An diesem Ort wird das Kunstwerk in der Sammlung präsentiert. Weil es wegen seiner Selbstzerstörung und der Diskussion um den Fakt, dass die Zerstörung eines Kunstwerkes auch ein kreativer Prozess sei, entspechend erweitert wurde, ist es auch Teil der Kunstgeschichte geworden, wird in neue Kontexte gestellt. Nicht unbedingt Kontexte, die wirklich Sinn machen.

Banksy selbst hatte vor der Zerstörung öffentlich gemacht, er würde das Bild zerstören, wenn es, wie geschehen, gegen seinen Willen versteigert würde. Die Zerstörung ist seine Kapitalismuskritik an die Wertschöpfungspolitik der Auktionshäuser und Privatleute, mit Kunstwerken Gewinn zu erzielen, ohne dass noch lebende Künstler bzw. ihre Erben etwas von den Gewinn sehen. Er rechnete aber nicht mit dem Umstand, dass Auktionärin und Auktionshaus das geschredderte Bild als Kunstwerk und ein Stück Kunstgeschichte verstehen und öffentlich als solches vertreten würden – und dem eigentlich entwerteten Kunstwerk so wieder einem materiellen Wert zurück geben.

Als Dauerleihgabe tritt »Love is in the Bin« nun anderen Schlüsselwerken der Kunstgeschichte gegenüber. Banksys Werk soll grundlegende Fragen, wie ein Künstler zur Marke wird, und was ein Bild zum Skandal macht oder wann Objekte durch Aktionen zur Kunst werden, aufwerfen.

Aber ist der Kontext richtig zu verstehen, wenn Banksys Bild mit dem Selbstbildnis von Rembrandt mit roter Mütze (um 1660) gegenübergestellt wird? Die Kuratoren der Staatsgalerie Stuttgart beschäftigt die Frage nach einer Markenbildungsstrategie Banksys. Weil Banksy seine wahre Identität geheim hält, jedoch Rembrandt als Marke in den frühmodernen Niederlanden ein Begriff war, entstünde so ein anderer Markenbegriff.

Doch dieser roten Faden wird nicht zu Ende gesponnen. Wenn ein Street Art-Künstler kein Interesse am Verkauf seiner Werke zeigt, die weltweit beliebt sind und auch Nachahmer finden, warum soll er sich als Marke erfinden und verkaufen? Es sei denn, ihm geht es um eine Gewinnbeteiligung an den Verkäufen seiner Bilder und eine grundsätzliche Kritik an der Aneignung von fremden geistigem Eigentum durch Dritte.

 

Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk?

Bei der aktuellen Gegenüberstellung trifft Banksy auf einen Revolutionär der Kunstgeschichte: Marcel Duchamp. Dieser stellte die gängige Definition von Kunst radikal infrage. Seine Ideen machten ihn zum Vordenker einer ganzen Generation von Konzeptkünstlerinnen und Konzeptkünstlern. Bis heute sind seine Ideen von erstaunlicher Aktualität. So will die Staatsgalerie Stuttgart »Love is in the Bin« neben einem ikonischen Kunstwerk aus dem 20. Jahrhundert zeigen. Steht nicht auch Banksy in der Folge dieses Künstlers, wird die Frage an die Besucher gestellt. Aber auch hier steht die Gegenfrage im Raum: sieht Banksy sich selbst als Konzeptkünstler? Er würde die Frage verneinen. Kunst ist für ihn Ausdruck, Kritik an dem Wirtschaftssystem und Gesellschaftsmodell zu üben, das weltweit Kollateralschäden hinterlässt: Krankheit, Epidemien, Terror, Umweltverschmutzung und -zerstörung, Hunger, Krieg, Wassermangel, finanzielle Abhängigkeiten, Verschuldungen, Artenvernichtung, Lebensmittelverschwendung, Rohstoffausbeutung – von den tagtäglichen Erniedrigungen, Diskriminierungen, Ausgrenzungen von Politik, Behörden und Mitmenschen ganz zu schweigen. Dann muss man tatsächlich fragen, ob ein musealer Kontext wirklich der angemessene Raum für Banksy ist.

Beitragsbild oben: Banksy, Love is in the Bin, 2018, private collection, Foto: Staatsgalerie Stuttgart © Banksy



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