Flügellahmes Genie – Warum Leonardo seine Gemälde nicht vollendet haben will

Von Daniel Thalheim

Anfang Mai 2019 wurde ein Artikel im „Journal of the Royal Society Of Medicine“ veröffentlicht, der die Fachwelt erstaunen lassen könnte. Mit dem Beitrag gelingt es Medizinern, einen Einblick in die letzte Schaffensperiode des Renaissance-Allrounders zu schaffen. Das Genie war in seinen letzten Lebensjahren „flügellahm“. 

Über Gerüchte und Mutmaßungen zu Leonardos Krankheit

Davide Lazzeri ist Arzt für plastische und ästhetische Chirurgie in der Villa Salaria Klink in Rom. Carlo Rossi ist Neurologe im Hospital von Pontedera. Beide Fachleute veröffentlichten Anfang Mai einen Beitrag, dass offenbar Leonardo da Vincis rechter Arm gelähmt gewesen sein muss. Ist diese Lähmung ein Grund dafür, dass der Universalkünstler Linkshänder war? Und wie kommen beide Experten darauf, dass Leonardo ein Handicap hatte?

Dieser Ferndiagnose geht eine lange Diskussion in der Fachwelt voraus; war Leonardo ein Linkshänder oder nicht? Analysen ergeben, dass er Linkshänder gewesen sein muss. Seine künstlerischen Techniken, die Ausführungen seiner Pinselstriche, lassen den Schluss zu. So wurde es zumindest  in einem 2004 erschienenen Buch über die Händigkeit von Leonardo da Vinci formuliert. Es gibt aber auch Hinweise, dass das hochbegabte Multitalent Zeichnungen und Gemälde mit Rechts ausgeführt hat. So untersuchte es zumindest Kenneth Clark an den Zeichnungen Leonardos, die im Besitz des englischen Königshaus sind. Auch Alessandro Vezzosi ist der Meinung, dass Leonardo die meisten seiner Arbeiten mit Rechts ausgeführt hat, seine Spiegelschrift jedoch mit Links. Es wird spekuliert, Leonardo habe in seinen letzten Lebensjahren unter Morbus Dupuytren gelitten. Einer Krankheit, die schleichend über mehrere Jahre erfolgt und zu Einschränkungen der Finger- und Fingermittelgelenke aufgrund von Verhärtungen in den Muskelsträngen führt. Auslöser können Leberschädigungen durch Alkoholmissbrauch und Diabetes sein. Doch der Maestro lebte streng asketisch. Dass Leonardos Vegetarismus Auslöser für eine „Flügellähmung“ sein könnte, gilt als unbewiesen und wenig glaubhaft.

Was Augenzeugen und Bildmaterial über Leonardos Gesundheitszustand sagen

Während eines 1517 erfolgten Besuchs in da Vincis Zuhause des persönlichen Assistenten des Kardinals Luigi d’Aragona, Antonio de Beatis, verfasste dieser einen detaillierten Bericht in seinem Tagebuch. Nachdem Leonardo den Besuchern drei seiner Meisterwerke, zeigte, notierte Beatis, dass er von Leonardo keine gute Arbeit mehr erwarten würde. Denn der Maestro habe eine verkrüppelte Hand. Gezeigt wurden ein Gemälde von einer Florentiner Dame im Auftrag des Magnifico Giuliano de`Medici, den vollendeten Johannes der Täufer und eines von Mutter Gottes und Sohn, die beide auf dem Schoß der heiligen Anna sitzen. Beatis schätzte ein, dass Leonardo nicht mehr in der Süßheit Gemälde schaffen könnte, wie man es von ihm der Vergangenheit gewohnt war. Aber er könne immerhin seine Schüler instruieren, wie seine Vorstellung von einem Gemälde umgesetzt werden könne. Diese Information und zwei Zeichnungen könnten die Forschungen zu Leonardos Werkstattbetrieb in seinen Ursachen und Wirkungen neu anschieben, wenn auch vieles von Leonardos gebrechen bereits bekannt ist. Dazu gehört auch der Besuch von Antonio de Beatis 1517 und seinen Notizen. Doch die zeichnerischen Beweise auf Leonardos Handicap scheinen etwas weit hergeholt. 

Als Beweis soll ein stilisiertes Porträt Leonardos von einem dem in Mailand lebenden lombardischen Künstler Giovan Ambrogio Figino (1548-1608) dienen, das weit nach Leonardos Tod geschaffen wurde und dessen zeichnerische Vorlage wahrscheinlich noch unbekannt ist. Es zeigt einen Leonardo wie wir ihn von der 1510-1515 mutmaßlich entstandenen Rötelzeichnung Kopf eines bärtigen Mannes (sog. Selbstbildnis) kennen. Aus seinem Gewand ragt die rechte Hand hervor, die, und deren Finger, steif erscheint. Die Fachleute Lazzeri und Rossi meinen, diese Lähmung käme nicht von einem gemeinhin angenommenen Schlaganfall, sondern eine sogenannte Ulinarislähmung. Diese auch als „Radfahrerlähmung“ bekannte Krallenhand führt auf eine Beschädigung des Ellenbogens zurück, kann aber auch auf eine Nervenwurzelschädigung der achten Halsnervenwurzel zurückzuführen sein.

In einer Inschrift auf der Rückseite der Zeichnung ist von einer Marmorbüste die Rede, die von Leonardo existiert haben soll. Aber bislang lässt sich diese Angabe nicht nachweisen. Eine Büste ist bisher völlig unbekannt und nicht verifizierbar, von wem sie stammt. Aber auf der Rückseite des Papiers steht der Hinweis, dass die Zeichnung nach einem Abbild Leonardos geschaffen wurde. Im Raum steht, wie und wann Leonardo konkret mit der rechten oder mit der linken Hand seine Arbeiten ausführte. De Beatis ging davon aus, Leonardo würde seine Tätigkeit mit der rechten Hand ausführen. Aufgrund von Untersuchungen seiner Zeichnungen und Handschriften gehen viele Fachleute von einer Linkshändigkeit des Künstlers aus. Das erklärt allerdings nicht die angeblich unvollendeten Gemälde. Hätte Leonardo seine Arbeiten mit der linken Hand ausgeführt, hätte er sich die Zureichung von Farben aus der Malerpalette assistieren lassen können oder hätte diese Zureichung links liegend vor sich selbst getätigt. Unberücksichtigt ist aber auch der Umstand, dass Leonardo nicht mehr freihändig seine Arbeiten ausführte, sondern einen Malerstab zu Hilfe nahm, die zwischen Achselhöhle und Körper eingeklemmt bedenkenlos über die rechte Hand hätte geführt werden können. Fakt ist aber, dass seine Produktivität mit zunehmendem Alter nachließ, aber durchaus mit Hilfe seiner Assistenten durchaus in der Lage war, Werke zu vollenden. Warum hätte er 1517 einem Assistenten eines Kardinals sonst gezeigt? Sicher nicht um zu prahlen, sondern um neue Aufträge für sich und seine Werkstatt zu erhalten. Sicher auch um vorzuführen, dass er trotz seiner bekannten Behinderung und dem Reden darüber in der Lage war, Gemälde von Brillanz und Vollkommenheit zu schaffen.

Leonardo – Das Buch zum Genie

In den vergangenen Jahren stand Leonardo Da Vinci hoch im Kurs der Kunsthistoriker. Neben den Monografien von Frank Zöllner haben Leonardo-Liebhaber auch die Biografien von Martin Kemp und Georg Nicholl auf dem Plan. Doch um Vollständigkeit, Recherche- und Quellensicherheit schlägt niemand Frank Zöllner.

Die Coverabbildung der Leonardo-Jubiläumsausgabe (Foto: TASCHEN 2019)
Die Coverabbildung der Leonardo-Jubiläumsausgabe (Foto: TASCHEN 2019)

Der Kunsthistoriker, der an der Universität Leipzig Seminare und Vorlesungen zum Jahrtausendgenie abhält und wie kein anderer mit Geist und Humor die Studierenden in die Welt der Renaissance einführt, hat im TASCHEN Verlag seit über 20 Jahren Schriften über Leonardo publiziert. Angefangen in der Kleinen Taschenbuchreihe hin zu den dicken Sonderausgaben bis zur Jubiläumsausgabe 2019. Was die diesjährige Publikation so einzigartig macht ist das Vorwort. Anders als in den vorangehenden Büchern beschäftigt sich Zöllner mit der Herkunft, der Restaurierung und Verbleib des nunmehr wieder vermissten „Salvator Mundi“. 

Es ist jenes Bild, das wie der Künstler selbst, ein Mysterium erscheint. Zöllner umreißt mit seiner lebendigen Erzählsprache den Entstehungszeitrahmen des „Salvators“ und das persönliche Umfeld des Meisters aus Florenz. Es gibt unterschiedliche Fassungen des Motivs, worauf Christus als Erlöser mit dem Segensgestus abgebildet ist, ikonographisch eng mit der Entstehung der Renaissance verbunden. Der Kunsthistoriker verweist auf eine Entstehungsgeschichte des „Salvators“, ausgehend von ersten Skizzen, bis hin zu Abwandlungen des Christusporträts. Zöllner zweifelt nicht an, dass der Entwurf des 2017 in London an einen saudisch-arabischen Kronprinzen auf Skizzen Leonardos zurückgehen. Problematisch sieht er die Auslegung, das 2017 versteigerte Gemälde sei vollständig aus Leonardos Hand entstanden. Kritisch steht er der lückenhaften Provenienz gegenüber, aber auch gegenüber mehreren Restaurierungsversuchen, die das ursprüngliche Gemälde nahezu vollständig überformt hatten.Frank Zöllner belegt seine Thesen mit einer Fülle an Bildmaterial und -vergleichen, Ableitungen aus dem religiösen Gebrauch dieses Motivs in der religiösen Buchmalerei. Schon wegen des Vorwortes allein, ist der neue Band anschaffenswert. Auch diejenigen Leonardo-Jünger unter den Kunstbegeisterten, die bereits alle Publikationen von Frank Zöllner besitzen, sollten bei dieser Ausgabe zugreifen. 

Doch wer weiß, vielleicht wird bald noch eine aktualisierte Ausgabe seines zeichnerischen Werkes erscheinen. Denn in London ist Anfang Mai 2019 eine Skizze aufgetaucht, die künftig im Buckingham-Palast ausgestellt werden soll. Angeblich sei die Zeichnung mit dem Antlitz eines älteren bärtigen Mannes aus der Hand eines unbekannten Schülers Leonardos stammen, der Porträtierte soll Leonardo selbst darstellen.

Leonardo – Sämtliche Gemälde und Zeichnungen / Da Vinci im Detail – Jubiläumsausgabe zum 500. Todestag

703 Seiten

40 EUR

Beitragsbild oben: Litt Leonardo am „Radfahrerarm“? – Neue Forschungen werfen ein neues Licht auf Leonardos Gesundheit (Foto: TASCHEN 2019/Presse)

Weiteres zum Nachlesen Online:

The right hand palsy of Leonardo da Vinci (1452–1519): new insights on the occasion of the 500th anniversary of his death

Das Rätsel um Leonardo da Vincis rechte Hand

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