Gerhard Richters Kunst – Ein Fall für die Mülltonne?

Daniel Thalheim

 

Am 24. April 2019 sonderten die Schnellmeldungen in Zeitung und Radio die Nachricht ab, dass der Maler Gerhard Richter einen Arbeitslosen verklagte, der aus Richters Altpapiermülltonne einige Arbeiten gefischt haben will um sich finanziell unabhängig von Hartz IV zu machen. Das Amtsgericht Köln stellte nur die Besitzansprüche fest, was an sich schon absurd erscheint. Im Subtext ging es auch um die Frage, was Kunst sein darf und was weg kann. Eine fast schon moralische Frage.

 

Gerhard Richters Klage – Von Können und Gönnen

Ein Arbeitssuchender aus Köln fand in der Altpapiertonne von Gerhard Richter Zeichnungen des teuersten Künstlers Deutschlands . Die weg geworfenen Skizzen schienen für den Künstler wertlos zu sein. Aber nicht wertlos genug, um einen Arbeitslosen sein Können für ein kleines Geschäft zu gönnen. Denn der Kölner Suchende nach Arbeit und Kunst empfand, dass man mit den nicht signierten Zeichnungen ein hübsches Sümmchen verdienen könne, um so aus der H-4-Falle entfliehen zu können. Der Schätzwert der Arbeiten solle sich nach Zeitungsmeldungen auf 60.000 EUR belaufen. Das Kölner Amtsgericht ging am 24. April 2019 der Frage nach, ob diese Entwürfe verkauft werden durften, auch wenn sie schon im Müll lagen. Die Antwort des Gerichts lautete, der Arbeitslose beging „schweren Diebstahl“ und wurde daher zu einer Geldstrafe von 3.150 EUR verurteilt. In der Begründung des Gerichts hieß es, dass die Skizzen solange dem Künstler gehören würden, bis die Müllabfuhr diese Gegenstände einsackt und endgültig entsorgt. Aber warum dieser Terz, wenn der Künstler gegenüber der Polizei versichert haben will, dass Kunstwerke ohne seine Signatur auf dem Kunstmarkt nichts wert seien?

 

Das Urteil – fragwürdig und unverhältnismäßig?

Wenn Richter sich so sicher gewesen ist, warum erstattete er Anzeige gegen den Mann, der die vermeintlich unsignierten Arbeiten aus der Tonne fischte, um sie zu verkaufen? Jedermann könnte etwas auf Papiere kritzeln, Farbe darauf klecksen und behaupten, sie wären von Gerhard Richter. Kein Galerist würde ihm das abnehmen, weil die Provenienz zweifelhaft erscheint, selbst wenn Signaturen auf den Zeichnungen vorhanden wären. Jeder seriöse Galerist oder jedes Auktionshaus hätte die Angaben des Verkäufers überprüft, und wäre persönlich an den Künstler heran getreten. Keiner will mit Fälschungen und Hehlerware handeln, weil man sich dadurch selbst strafbar macht. Denn so ist die ganze Sache aufgeflogen als der arbeitssuchende Kunstfreund vier der Skizzen, worauf nach Medieninformationen Landschaften und ein Blick ins Atelier des Künstlers zu sehen sind, einem Münchner Kunsthaus zur Schätzung übergab.

Doch dem Gericht ging es anscheinend um eine ganz andere und juristisch wohl einfacher zu beantwortende Frage: das Übertragen der Besitzverhältnisse. Denn jeder, der seinen Besitz wegwirft, sei es Müll oder ein altes Möbelstück, will seinen Eigentumsanspruch abgeben. Das wird Dereliktion genannt und im § 959 BGB geregelt. Das setzt voraus, dass der Besitzer sein Eigentum freiwillig abgibt. Das Werfen von Zeichnungen in eine Altpapiertonne reiche demnach als Abgabeerklärung nicht aus. Denn aus dem Willen, sich des Mülls zu entledigen, also auch von scheinbar wertvollen Zeichnungen, ergäbe es sich nicht, dass jedermann den Müll mitnehmen dürfe. So scheint es auch, dass selbst geschaffene Kunstwerke nur aus einem Grund in den Müll wandern; der Künstler will sie nicht mit sich als Person im Einklang sehen – aus welchen Gründen auch immer, sei es aus ästhetischen Bedenken, oder weil sie einfach unvollkommen sind und dem persönlichen Anspruch nicht gerecht werden. Einzig und allein sei es Fakt, dass ein Eigentumsverhältnis nicht in der Mülltonne endet, sondern mit der Mitnahme des Mülls durch ein Müllunternehmen. Also ist die Entnahme von Müll, in diesem Fall von Kunstwerken, ein Diebstahl. Der „Dieb“ hätte also Richter fragen müssen, die Papiere mitnehmen zu dürfen. Erst wenn er durch ihn eine mündliche bzw. schriftliche Einwilligung eingeholt hätte, wären die Besitzverhältnisse geklärt worden. Oder Richter hätte die Arbeiten an sich genommen, wenn sie wirklich so hässlich und wertlos wären, und sie selbst vernichtet.

Ein großes „Aber“ schwingt im Raum; hat der Künstler nicht selbst fahrlässig gehandelt, dass seine weg geworfenen Kunstwerke so öffentlich mitnehm- und zuordenbar waren? Insofern trüge Gerhard Richter eine Mitschuld daran, dass der vermeintliche Dieb so hart bestraft wurde. Wie konnte der Dieb ableiten, dass im Müll Richters weg geworfene Zeichnungen liegen? War es der Nachbarschaft bekannt, dass Richter seine Werke achtlos in die Tonne wirft, ohne sie – wie Kontoauszüge – vorher zu schreddern? Denn aus der Kunstgeschichte weiß man, dass Künstler ihre Werke übermalten, verbrannten, zerschnitten, weil sie mit ihnen nicht mehr zufrieden waren. Warum machte Gerhard Richter das nicht? 

Sind also die Gegenstände, die Richter wegwarf, nicht als herrenlos zu werten? Insofern hätte Richter das Eigentumsrecht an seinen Zeichnungen zum Zeitpunkt seines Wegwerfens verloren und wäre an den arbeitslosen Kölner übergegangen. Also muss Richter sein Eigentumsrecht als verletzt angesehen haben als er von der Angelegenheit Wind bekommen hatte. In diesem Fall hätte er über diese Angelegenheit stehen können, dem Arbeitslosen eine schriftliche Besitzübertragung übergeben können. Aber Richter wollte nicht. Insofern auch eine moralische Frage, wie der Künstler mit seinem Werk umgeht. Zunächst Besitzanspruch abgeben, und dann doch nicht? Fehlt noch, dass er die Arbeiten signiert und zum Verkauf freigibt. Dann sollte der Gewinn zumindest an Kölner Arbeitsloseninitiativen gehen. Denn Richter war, wenn es bspw. um Obdachlose ging, immer sehr spendenfreudig.

Insofern müsste das Urteil überdacht werden. Oder warum hat sich Gerhard Richter sonst krankgemeldet und ist nicht zum Gerichtstermin erschienen? Schlechtes Gewissen?

2 Antworten auf “Gerhard Richters Kunst – Ein Fall für die Mülltonne?”

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