Der Tausendkünstler – Warum Koloman Moser der wichtigste Protagonist für die Wiener Sezession ist

Wenn die Wiener Sezession Thema in der kunsthistorischen Fachliteratur und in den Postillen ist, tauchen immer wieder Namen wie Gustav Klimt, Josef Hoffmann, Joseph Maria Olbrich und Adolf Hölzl auf. Koloman Moser – von seinen Zeitgenossen als Tausendkünstler bewundert – spielt heute eine eher untergeordnete Rolle. Langsam wird das Phänomen „Kolo Moser“, wie er sich selbst nannte, wieder stärker durchleuchtet. 

Vielfalt, Kreativität und ein Gesamtkunstwerk

Objektiv betrachtet ist Kolo Moser ein Gesamtwerk-Künstler, wie seinerzeit Gustav Klimt, Max Klinger und Josef Hoffmann es waren. Doch keiner durchdrang so viele Kunstgattungen wie Kolo Moser. So nannte er sich gern selbst. Er, und andere Künstler um 1900, standen mitten in einer Umbruchphase. Der Hauch von Dekadenz, der v.a. in Wien in den Caféstuben, Nachtbars, in der opulenten Architektur und der ebenso üppig gemalten Kunst heimwohnte, wich einer eleganten Dekorationskunst, die alle Bereiche umfasste: Design, Malerei, Grafik und Architektur. Künstler wie Gustav Klimt und Max Klinger sahen sich Allrounder, fast schon Universalgenies ähnlich, wie man sie aus der Antike und der Renaissance kennt. Auch Kolo Moser fällt in diese Kategorie. 

Auffällig bei dieser damals jungen Kunstbewegung, die zusammen mit anderen Strömungen aus dem Kunsthandwerk, dekorativen Künsten, Malerei und Architektur Ende des 19. Jahrhunderts zu neuen Ufern aufbrach, ist ihre Suche nach klaren Formen, die Zuwendung zur Fläche, die Abgrenzung der Farben und eine Individualisierung, die wir in ganz schnellen Schritten folgend, im De Stijl, im italienischen Futurismus und im Bauhaus an einem Endpunkt und in Vollendung in der Klassischen Moderne finden. Alles das, was nach der berühmten Pariser Ausstellung zu den dekorativen Künsten 1925 v.a. in der Architektur wiederfinden ist eine Verflachung der Moderne, eine Entradikalisierung der Radikalität und entspricht nur im geringen Maß in ihrer kurzen Phase zwischen 1925 und 1935, in Teilen auch bis in die Fünfzigerjahre hinein, dem, was die Moderne ausmachte: Stringenz und Funktionalität. Diese Aspekten wichen v.a. in der blühenden Reformarchitektur der Zwanzigerjahre in Deutschland, Frankreich, England in Buntheit, sinn- und maßlosem Dekor. Die Anfänge dieser modernen „Opulenz“, die mitunter als expressives Rokoko ihre wahre Stileinordnung fanden, sind u.a. in den Entwürfen und Designs von Kolo Moser zu finden. Aber er hätte sich im Grab umgedreht, wenn er, Adolf Loos, Josef Hoffmann gewusst hätte, was nachfolgende Architekten und Künstler aus seinem Erbe anstellten. Was um 1900 noch revolutionär war, sah knapp dreißig Jahre später, mit Ausnahme des letzten radikalen Vertreters der Klassischen Moderne – das Bauhaus – wie eine hohle Kopie der Moderne aus. Es noch dazu Art Déco zu nennen, ist nicht nur irreführend, sondern auch falsch.

Kolo Moser, Fries- und Stuckentwurf für die Fassade des Sezessionshotels in Wien, 1899, ersch. in: L’Art Décoratif D’Art Industriel Et De Dècoration, Paris 1899.
Kolo Moser, Fries- und Stuckentwurf für die Fassade des Sezessionshotels in Wien, 1899, ersch. in: L’Art Décoratif D’Art Industriel Et De Dècoration, Paris 1899.

Wer war Kolo Moser?

Kolo Moser verstand es jedwedes Material für seine Ideen anzuwenden und zu beherrschen. Seine Fantasie, Vielfältigkeit und hohe Produktivität ist auch nicht zuletzt durch den Einfluss seines Vaters entstanden, der ihn früh an handwerkliche und künstlerische Tätigkeiten heranbrachte. Er genagte bereits als 18-jähriger an die Wiener Akademie der bildenden Künste. Um sich selbst zu finanzieren, wandte er sich den mediengestalterischen Künsten zu – Gebrauchs- und Werbegrafik würde man heute zu dem Beruf sagen, den er ausübte. 

1899 taucht sein Name in der französischen Zeitschrift „L’Art Décoratif D’Art Industriel Et De Dècoration“ zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf. Darin wird er als Vertreter der „Modernen Bewegung“ genannt, der mit anderen Künstlern Wiens, die Dekorkunst erneuerte und fantasievoll mit Formen und Farben umzugehen verstand, seine Individualität, sein überbordendes Talent und seine Persönlichkeit in die angewandten Künste einbrachte und so etwas ganz eigenes schuf.Als Beispiele wurden Dekormuster von Teppichen abgebildet, eine Vignette einer geflügelten Frau, sowie Tapetenmuster, ein Titelblatt für einen „Frommen Kalender“, Stoffmuster und Gestaltungsbeispiele aus dem Saal des Sezessionshotels in Wien. In der Zeitschrift für Innendekoration 1901 wird ausführlich auf die Arbeiten von drei Hauptvertretern der Klassischen Moderne um 1900, Charles Rennie Mackintosh, Josef Hofmann und Henry van der Velde, eingegangen. Kolo Moser war als Professor bereits etabliert und wurde in einem Atemzug mit Josef Hoffmann erwähnt. Moser und Hoffmann würden unter dem Einfluss der Arbeiten von Adolf Loos stehen, schöpften aber alle zugleich aus der selben Quelle: Ashbee und van der Velde. Mosers Talent sei „achtungsgebietend“ und „ernst“, wird aber auch als „erfindungsreich“ und „witzig“ bezeichnet. Abgebildet werden ein Büffet „Der reiche Fischzug“ und ein Paravent. In einer 1905 erschienenen Ausgabe wird Moser als Entwerfer verschiedener Interieurs und Möbel erwähnt, allesamt von der Wiener Werkstätte angefertigt und eingebaut. 

Moser entwarf Titelblätter, gestaltete Wände, konzipierte Ausstellungen: sozusagen eine eierlegende Wollmilchsau der Angewandten Künste. Auf den Gebieten Typografie und Gebrauchsgrafik trat er direkter an die Öffentlichkeit als andere Künstler seiner Zeit. Seine Entwürfe waren auf Briefmarken und Geldscheinen zu sehen. Näher konnte man den Menschen nicht kommen, außer damals hätte es schon das Internet gegeben.

Man kann schon zusammenfassen, dass Kolo Moser einer der Künstler war, der wie ein Abziehbild für spätere Bauhauskünstler gedient haben könnte. Noch ist ihm das Serielle und Industrielle nicht in Vollendung gelungen, aber die Verknüpfung entwerfender, ausführender Künstler zugleich, und im Umfeld agierende Werkstätten, findet sich in seiner Person als Entsprechung wieder, das später auch Bauhaus so interessant macht. Seine Umtriebigkeit, seine Produktivität und auch seine Bekanntheit machen ihn zu einem der herausragenden und wichtigsten Künstler der Wiener Sezession.

 

Die Einstiegsdroge – Koloman Moser in der Sammlung Leopold

2018 erschien über den Verlag Klinkhardt & Biermann ein kleines Buch in der Reihe „Junge Kunst“ von Elisabeth Leopold und Stefan Kutzenberger. Es beschreibt, warum Koloman Moser ein „Jahrtausendkünstler“ war, schreibt ihm eindeutig den verdienst zu, den „Wiener Stil“, wie er damals genannt wurde, über die Grenzen des Habsburgerreichs zu verbreiten, und innerhalb seiner Grenzen diesen Stil in die Köpfe und Herzen der Menschen zu pflanzen. Auf sein Werk wird nur sammlungsbezogen eingegangen, wobei es mehr als nur knapp über 60 Seite bedarf, ihn zu würdigen. Biografisches wurde ebenfalls eingeflochten wie auch das Phänomen Kolo Moser beleuchtet. Ein Künstler, der zuletzt sich Dürer gleich en-face dem Zuschauer präsentiert – mit nackter Brust und hypnotischem Blick. Leider vel zu lange unter den Teppich gekehrt. Vielleicht hilft dese kleine Publikation, dem Tausendkünstler das Renommeé zurück zu geben, den er verdient hat.

Beitragsbild: Kolo Moser, „Liebespaar“ (1914), Öl auf Leinwand, Leopold Privatsammlung.

Dieser Link führt Sie auf die Verkaufsseite des Hirmer Verlags

KOLOMAN MOSER

Elisabeth Leopold, Stefan Kutzenberger

80 Seiten, 78 Farbabbildungen

14 x 20,5 cm, gebunden

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