Gebaute Organe – Aus welchen Elementen sich Architektur zusammensetzt

Von Daniel Thalheim

 

Wir kennen die Architekturführer, die uns die Welt des Bauens und des Baudesigns, des Bauhandwerks mit Begriffen und Bildern begreiflich machen wollen. Doch keines dieser Erklärbücher führt den Leser, egal ob Laie oder Fachmann, die elementaren Grundlagen vor Augen, wie der 2018 erschienene Architekturführer von u.a. Rem Koolhaas. Der über 2000 Seiten dicke Klotz aus Papier bringt uns die Stofflichkeit von Architektur näher als bewohnten und belebten wir organische Materie. Das Bauwerk wird als Organismus verstanden. Keine neue Idee, aber eine, die fortdauert, und, was große Baustrukturen anbelangt, in Veränderung begriffen war und ist.

 

Bauen als Organismus – wie hängt das zusammen?

Dass Architektur mehr ist als nur die Zusammenfassung von Baukörpern unterschiedlicher Funktionsweise, hängt von der Sichtweise ab wie man zum Beispiel Stadtstrukturen betrachtet. Schon in der Stadtplanung können wir von Organen sprechen wenn es um die Unterscheidung von administrativen, wirtschaftlichen, wohnlichen und kulturellen Gebäuden geht. Ein Stadtkörper setzt sich aus unterschiedlichen Organen zusammen. Angefangen vom Gehirn, bspw. das Rathaus, und endend im Abort, bspw. den Kläranlagen. Dazwischen spielen unterschiedliche Organe elementare gesellschaftliche Funktionen, die den Stadtkörper als Ganzes zusammenhalten. So muss man auch die Architektur an sich begreifen. Ein Haus ist ein in sich geschlossener Körper, der wiederum aus Organen besteht – angefangen vom Fundament, das das Haus trägt und endend mit dem Dach, das das Haus und seine Bewohner schützt. Auch hier nehmen unterschiedliche Räume verschiedene Funktionen ein: im Keller lagert man ein, im Parterre empfängt man und in den oberen Etagen befinden sich klassischerweise die privaten Rückzugsräume. Zinshäuser sind freilich noch kleiner organisiert. Die Wohnung birgt vom Flur bis hin zum Badezimmer ebenfalls einen Kleinstorganismus in sich. Jeder Raum nimmt eine andere Funktion ein. Unterschiede entstehen in Größe und Pracht nur in der Größe des Geldbeutels, will heißen: die administrative eines Systems und persönliche Macht bzw. Ansehen des Einzelnen. So bilden auch die in Haus und Wohnung verwendeten Materialien, auch ihr Design und ihre Qualität, den gesellschaftlichen Status ab. So gesehen bewohnen Menschen künstlich geschaffene Organismen, die sie verschiedenen Funktionen unterteilen, die wiederum in sich aufgegliedert sind.

Diese Sichtweise ist nicht neu und geht in die Antike zurück, fand aber als Begriff „Organische Architektur“ im 18. Jahrhundert wieder eine Erwähnung als es noch um die ästhetische Formung von Möbeln ging. Auf die Architektur übertragen begriffen bspw. Deutschlands Reformarchitekten, allen voran Hugo Häring, wie Baukörper und seine einzelnen Elementen architektonisch aufzufassen und zu gliedern seien. Hinzu spielen in Gesetze und Verordnungen gegossene Wohn- und Bautypen, die nun zum Standard geworden sind. Eine innenliegende Toilette war bspw. noch in der DDR für viele Menschen ein ferner Traum, obwohl diese bereits um 1900 – zumindest im gehobenen bürgerlichen Kreisen – zum Standard gehörte.

 

Rem Koolhaas – Elements Of Architecture

Wer sich einmal mit Architektur näher beschäftigt hat, kennt die Standardwerke, wo von der Antike bis in die Gegenwart die Entwicklung von Säulenordnungen, Dachtypen, Türstürzen, bis hin zum Aussehen von Handläufen und -knäufen beschrieben wird. Sie sind nicht mehr als Ratgeber und Auswendiglernhilfen für Architekten und Architekturhistoriker, die sicherheitshalber mal nachschlagen müssen, wenn sie nicht ohnehin schon alles wissen.

Rem Koolhaas. Elements of Architecture Irma Boom, Wolfgang Tillmans, Harvard Graduate School of Design, Stephan Trüby, James Westcott, Stephan Petermann Hardcover, 20 x 25,5 cm, 2528 Seiten. Preis € 100.
Rem Koolhaas. Elements of Architecture Irma Boom, Wolfgang Tillmans, Harvard Graduate School of Design, Stephan Trüby, James Westcott, Stephan Petermann Hardcover, 20 x 25,5 cm, 2528 Seiten. Preis € 100.

„Elements Of Architecture“ ist anders. Das Buch gliedert sich vom Keller und Boden bis zum Dach auf. Dazwischen findet der Laie und auch der Experte alles, was man rund um das Haus wissen muss. Dazwischen tummeln sich alle verbindenden Elemente: Flure, Fahrstühle, Treppenhäuser, Dielen, Vestibüle und sogar die einzelnen Räume des Schlafens, Essens, Kochens und Wohnens.

Daher ist „EOA“ mehr als nur ein Wissensgeber. Es bildet auch anschaulich ab, welche gesellschaftlichen und politischen Umstände Architektur prägten und prägen. Was Rem Koolhaas und sein Team an spannenden Fakten zusammengetragen hat ist ein Türstopper. Keiner, den man achtlos beiseite legt, sondern einer an dem man nicht vorbeikommt. Schon in seinen vergangenen Publikationen verdeutlichte der niederländische Stararchitekt die Funktionsweisen von Großstädten und wie Bauwerke gesellschaftliche Entwicklungen „katalysieren“. Er begreift Architektur als organische Struktur, selbst die städtische Struktur ist von gebauten Organismen geprägt und prägt den Begriff der Organischen Architektur neu, bzw. fasst sie für jeden begreifbar zusammen – als ein zukunftsweisendes Konzept des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

So gesehen stellt „EOA“ eine Zusammenfassung, eine Quintessenz des Denkens von Rem Koolhaas dar. Schon allein deshalb dürfte keiner daran vorbei kommen, der sich für Architektur interessiert. Wer das Werk nur grob durchblättert, erfährt die Fülle an Themen, die unterschiedliche Elemente, bzw. Organe eines Hauses inne wohnen. Sei es eine Tür, ein Fahrstuhl, ein Klosett, die Fliese, der Balkon, der Ofen, Korridor, die Küche und das Fenster: in „EOA“ bekommt man mehr als nur Lexikonwissen zwischen die Ohren gepustet. Hier wird Bauen als Philosophie verstanden. 

 

Die obere Abbildung zeigt Rem Koolhaas – der Architekturphilosoph (Copyright: Courtesy of OMA / Photography by Fred Ernst, Presse TASCHEN 2018 ff.)

 

Rem Koolhaas. Elements of Architecture
Irma Boom, Wolfgang Tillmans, Harvard Graduate School of Design, Stephan Trüby, James Westcott, Stephan Petermann  
Hardcover, 20 x 25,5 cm, 2528 Seiten.
Preis  € 100.

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