Konzepte für die Zukunft – Wie Architektur unser Miteinander verändert

Von Daniel Thalheim

Seit 20 Jahren bekommen Utopien Auftrieb, die unser Zusammenleben in den Städten verändern könnten. Vor allem in Südostasien, in arabischen Ländern und in den USA werden Architekturkonzepte umgesetzt, die die Zukunft greifbar nah machen können. 

Was das Neue Bauen im 21. Jahrhundert so spannend und interessant macht

Weltweit streiten zwei Architekturkonzepte um die Wette: Hochhausnadeln, die das Wohnen und Arbeiten in schwindelerregender Höhe möglich machen, sowie bepflanzte Häuser und Wohnsiedlungen, die eine klimatisierte Stadt zum Ziel haben. Wenn wir auf die kühnen Entwürfe eines Vincent Callebaut schauen, im Internet begrünte Wohnviertel betrachten, dann fühlen wir uns an die Stadt- und Architekturutopien erinnert, die um 1900 die große Runde machten und später in Spielfilmen auftauchten. Der Aufbruch ins 20. Jahrhundert wurde nicht nur durch Säbelrasseln begleitet sondern auch durch visionäre Ideen, wie sich die Menschen vor hundert Jahren die Zukunft vorstellten. Heute ist dies nicht anders. Der Eintritt des 21. Jahrhunderts führt ebenso zu Konzepten wie die Welt in naher Zukunft aussehen könnte – friedvoll, gerecht und grün. Dass diese Utopien wahr werden, liegt daran wie wir unsere Welt gestalten und darin leben wollen.

Dem Himmel entgegen strebend – die Wohn- und Geschäftshausnadeln in Asien und auf der Arabischen Halbinsel

Sie sind die neuen Kathedralen der Macht: Wolkenkratzer. Seit der Ära als in New York, Chicago und Denver Büro- und Wohngebäude in die Höhe schossen, stehen sie stellvertretend für das was in der sogenannten freien Welt als Liberalität angesehen wird. 

Einhundert Jahre später, nachdem die ersten Wolkenkratzer Höhenrekorde brachen und die ägyptischen Pyramiden den Rang der höchsten Bauwerke der Welt abliefen, erklimmen Wolkenkratzernadeln in Saudi-Arabien und in Asien schwindelerregende Höhen. Wegen ihrer technologischen Fortschrittlichkeit gelten solche hohen Ungetüme immer noch als Symbole für die Moderne, die, wie der Turm zu Babel, an die Hybris des Menschen mahnen. Knapp 1 Kilometer Meter hohe Bauwerke, die nicht nur an den Wolken kratzen sondern sie auch durchstechen, können, so die weitläufige Kritik, aber nicht von Dauer sein. 

Der Burj Khalifa ist derzeit mit über 800 m das höchste Gebäude Welt, wird aber bald übertroffen. (Copyright/Foto: ext-overallcontext_(c)som, Nick Merrick Hedrich Blessing 2010)
Der Burj Khalifa ist derzeit mit über 800 m das höchste Gebäude Welt, wird aber bald übertroffen. (Copyright/Foto: ext-overallcontext_(c)som, Nick Merrick Hedrich Blessing 2010)

Der 2010 fertig gestellte Burj Khalifa, ursprünglich als Burj Dubai 2003/2004 geplant, kratzt an der Kilometermarke mit seiner strukturellen Höhe von 829 Metern. Dicht gefolgt vom 2015 errichteten Shanghai Tower in China mit einer Höhe von 632 Metern. Wer in die Liste der höchsten Bauwerke der Welt blickt, stellt fest, dass 26 dieser Türme in China stehen. Der kleinste von ihnen befindet sich in Shenzhen und misst gerade einmal 350 Meter. Der Hanking Center Tower ist auch der derzeit jüngste Wolkenkratzer. Das Bauwerk wurde 2013 begonnen. Seine Errichtung soll 2018 abgeschlossen sein. Hinter dem Bauwerk steht Thom Mayne, der seinerseits hinter den in den Siebziger Jahren gegründeten Architekturbüro Morphosis Architects steht. Mayne und sein Team sind bekannt für atemberaubende und kühne Entwürfe, wie dem Kolon One & Only Tower, dem Orange County Museum, Bill & Melinda Gates Hall, das Emerson College, dem Perot Museum Of Nature & Science, das 41 Cooper Square u.v.a.m. Sein Büro wird in Zukunft mit Entwürfen wie dem Unicorn Island, dem University Campus Bocconi in Mailand, den Shenzhen Campus der Chinese University Of Hong Kong, das Olympische Dorf in New York City, und v.a. für das New New Orleans in den USA sowie mit der Neuplanung des Potsdamer Platzes in Berlin von sich Reden machen. Die wenigsten Entwürfe und Bauwerke seines Büros entsprechen dem Wolkekratzerprinzip, aber sie zeigen, wie aufregend Architektur, auch in Deutschland, heute gedacht und realisiert werden kann. 

Der vom Architekturdesignbüro Gensler konzipierte Shanghai Tower bildet neben dem Xiamen Shimao Straits Tower auch nur eine Ausnahme im Portfolio der Gensler Architekten. Seine kreativen Ideen für ein reichhaltiges Formenrepertoire lebt das Architekturbüro in repräsentative, aber auch riesige, öffentliche Bauwerke, wie dem 2017 eröffneten Westin DEN Hotel in Denver (USA) oder in den Johnson Controls Headquarters in Shanghai (China), aus. 

Dass Wolkenkratzer nicht futuristisch aussehen müssen, wie die Hochhausnadeln des Burj Khalifa und des Shanghai Tower, zeigt das Beispiel am monströsen Makkah Clock Royal Tower Hotel in Mekka. Das 2012 eingeweihte und von der Dar-Al-Handasah (Shair & Partners) entworfene Gebäude der Saudi Binladen Group misst 601 Meter und ist mit diesen Maßen auch das weltgrößte Hotel. Es scheint auch die umliegenden Hügelketten zu überragen. 65.000 Menschen finden auf 1,5 Mio. Quadratmetern Platz. Für eine Gebetshalle für 3800 Personen ist im gigantischen Gebäude- und Turmkomplex in direkter Nachbarschaft zu Mekka auch gesorgt und lässt die für die muslimische Welt heilige und große religiöse Anlage winzig erscheinen. Sonst bewegt sich das Gros der höchsten Wolkenkratzer um den 500-Meter-Bereich. Selbst diese Bauwerke lassen ihre Umgebung zu einer Zwergenwelt schrumpfen. 

Schon die Architekturkritikerin Ada Louise Huxtable (1921-2013) sagte zeitlebens, dass die merkantilen Riesen lediglich die gesellschaftliche Macht Einzelner, den Geldfluss sowie die Wirtschaftsmacht verherrlichen anstatt der Vernunft zu folgen. Diese Hochhäuser, angefangen vom u.a. Chrysler Building, stehen für Habsucht und Chaos. Sie zerreißen das Stadtbild und erniedrigen die Umgebung ins Lächerliche und Groteske, obwohl die Wolkenkratzer selbst für das Groteske stehen. Die Stadt verkomme so zu einer Skyline. Die Stadtkronen-Idee eines bspw. Weg weisenden Architekten wie Bruno Taut wird so ins Extreme, und auch ins Lächerliche geführt.

Wenn nun die neuen Türme modernsten technologischen und vielleicht auch ökologischen Maßstäben des heutigen Bauens folgen, so richtig „grün“ scheinen sie nicht zu sein. Was allein diese Bauwerke an Wasser und Energie während ihrer Bauphasen verschlungen haben und an Kosten pro Jahr weiterhin verschlingen, dürfte die Kosten-Nutzen-Effizienz in ein paar Jahren ad absurdum führen. Dystopisch auch die Grundidee, dass mit viel Geld viel Macht ausgedrückt werden kann. Ebenso ist das mutmaßliche Zusammenpferchen einer Arbeits- und Lebenswelt in einem Gebäude widernatürlich und in-humanistisch. Sie dürfte in Europa kaum Entsprechungen finden, weil hierzulande Stadtstrukturen sich aus anderen historischen Begebenheiten entwickelten als anderswo. Auch zügeln Bau-, Brandschutz- und Arbeitsschutzbestimmungen die Höhenflüge der Architekten und Investoren. Die Höhenrekorde werden anderswo weiterhin hochgeschraubt. Der bis 2020 fertig gestellte und 1 Mrd. Dollar teure Dubai Creek Tower in Dubai soll 1007 Meter hoch werden, aber Gerüchte verbreiten schon eine Höhe von 1345 Metern. Der Dubai Creek Tower wird von den Planern Emaar Properties als Monument für die Welt und als Ikone des 21. Jahrhunderts gepriesen. Das zeigt auch den Werteverfall, wo jedewede Verantwortung für das Soziale und Strukturelle verloren gegangen ist. Ein anderer Beweis für ein grundlegendes Missverständnis gegenüber Raum und Natur ist das Dubai Aquarium unterhalb der Dubai Mall. Das Meereswasseraquarium misst 10 Mio. Liter und stellt lediglich eine obskure „Wunderkammersammlung“ von seltenen Hai- und Rochenarten sowie anderen Meeresspezies dar.

Die Hyperion Hochhäuser bei Neu Delhi sollen komplett energieautark bewohnbar sein. (Copyright/Foto: Vincent Callebaut Architectures)
Die Hyperion Hochhäuser bei Neu Delhi sollen komplett energieautark bewohnbar sein. (Copyright/Foto: Vincent Callebaut Architectures)

Forest City und die Visionen von Vincent Callebaut 

In Singapur plant derzeit ein chinesisches Konsortium aus Investoren ein Mammutprojekt. 100 Billionen Dollar soll Forest City kosten, das viermal so groß werden soll wie der Central Park in New York City. 700.000 Menschen sollen dort Räume zum Wohnen und Arbeiten finden. Doch Forest City stößt auf Widerstand. Es fehlen ausländische Investoren für die auf vier Inseln geplante Stadt. Dennoch wurde das Mega-Projekt 2016 gestartet, soll bis 2035 vollendet sein. Experten prognostizieren bereits jetzt eine riesige Geisterstadt. Angeblich würde es an Menschen fehlen, die dort leben möchten, und auch darin investieren wollen. Der Verkauf der Wohneinheiten stagniert bzw. geht zurück, schreibt bspw. der Business Insider bereits 2017. Für einheimische Malaysianer sei ein Wohnen in dieser Stadt zu teuer, hat Today’s Online im September 2018 veröffentlicht. Schon im Mai 2018 schrieb das Handelsblatt, dass diese Retortenstadt mächtig unter Kritik der politischen Opposition stehe. Die künftige Stadt kann nur von reichen und wohlhabenden Menschen bewohnt werden. Der malaysische Premierminister Mahatir Mohamad will diesen reichen Investoren erst recht kein Visum ausstellen lassen, eben weil malaysische Bürger sich das Wohnen in dem bewaldeten Wohn- und Shopping-UFO nicht leisten können. Diese am Reißbrett entwickelte Modellstadt ist ein Beispiel dafür, wie reiche Investoren versuchen, die Politik für ihre eigenen Interessen auszunutzen und ihnen zu diktieren, wie die Politiker zu entscheiden haben. Dass mit dem Premier Mohamad ein Mensch ihnen gegenüber steht, der das Interesse seines Landes vertritt und nicht die Interessen der ausländischen Investoren, sorgt für einen Konflikt, dessen Reibungspunkt schon längst überschritten scheint. Auch wird kritisiert, dass, trotz des gepflanzten Grüns, die Stadt wohl nicht nach ökologischen Prinzipien gebaut wird.

Vincent Callebaut ist ein Visionär. Wer seine Internetseite besucht, muss denken, dass die dort abgebildeten Projekte nicht realisierbar sind. Der Belgier ist derzeit tatsächlich nur wegen seinen virtuellen Projekten bekannt – und die haben es in sich. Zwei Projekte wurden bzw. werden aber auch gebaut: der in Taipei einer Doppel-Helix angelehnte Agora Garden sowie ein multikomplexes Wohnviertel in Indien namens Hyperion. Der Agora Garden folgt den seit zehn Jahren boomenden ökologischen Prinzipien in der Architektur. Im komplett bepflanzten Doppelturm wachsen insgesamt 23.000 Bäume. Im Vergleich dazu besitzt der Bosco Vertikale in Mailand nur ca. 1000 Bäume, So absorbiert das Hochaus den Feinstaub der taiwanesischen Mega-Metropole. Callebaut beschreibt seinen grünen Wohnhausturm als „grünen Berg inmitten einer Stadt aus Beton, Stahl und Glas“. Die Wohnungen verfügen über einen Raum für 40 Familien, die ihre Garage in ihrer Wohnung besitzen, Obst- und Gemüsegärten anlegen können. Fitnessstudio, Swimmingpools und Klubs sind auf dem Dach vorhanden. Callebaut ist auch ein stiller Beobachter. Schon längst haben Bewohner der Mega-Citys weltweit Dächer für sich entdeckt, um dort zu leben und auch zu gärtnern, Hühner und Ziegen zu halten.

Mit dem Projekt Hyperion verfolgt Callebaut ein ähnliches Prinzip wie in Taiwan. Dieses Hochhaus aus Holz will der Visionär als Gebäude konzipieren, dass den Charakter eines Dorfes in sich vereint. Nicht ohne Grund; sind in Indien dörfliche Strukturen immer noch maßgeblich für das Zusammenleben der Menschen. In der Nähe von Neu-Delhi will Callebaut sechs hölzerne Dorfhochhäuser in einem zusammenhängenden Komplex bauen. Auch hier können nach seinen Plänen die Bewohner auf den Hochhausdächern ihr eigenes Gemüse und Obst anbauen. In den Jahren 2020 bis 2022 sollen die Gebäude realisiert sein und pro Familie Raum um die 85 Quadratmeter bieten. 1000 Wohnungen und Büros werden in den sechs Village-Towers untergebracht. Die Türme werden, im Vergleich zu den himmelwärts aufstrebenden Hochhausnadeln, nur 128 Meter hoch sein und 26 Stockwerke in sich aufnehmen. Diese in dem Ort Jaypee geplanten Hyperione besitzen ingesamt eine Fläche von 119.582 Quadratmetern. Alle Wohnungen, selbst kleine Studentenbuden, besitzen nach den Plänen des Architekten begrünte Balkone. Nicht nur das: der gesamte Komplex soll energieautark funktionieren, sogar mehr Energie produzieren als die Bewohner verbrauchen würden. Das soll durch Solarenergie und durch das Kompostieren von Abfall geschehen. In dem Komplex werden Regenwasserspeicher eingebaut, sowie ein Wasser-Recycling-System, um gebrauchtes Wasser in den Wasserkreislauf zur Bewässerung der Pflanzen bspw. zurückzuführen. So will der Architekt den Wasserverbrauch aus öffentlichen Leitungen um 90 % reduzieren. Neu ist auch die Idee des Beheizens und Klimatisierens der Hyperion-Türme. Im Inneren des Komplexes sollen sich sogenannte Windschlote befinden, die die Luft mittels des natürlichen Luft- und Verdunstungskreislaufs im Inneren des Komplexes je nach Jahreszeit erwärmen oder abkühlen. An den Brücken, die die Türme verbinden sollen, sind Wind-Pylone geplant, die die Wege im Komplex durch selbst erzeugten Strom beleuchten.

Für Rio De Janeiro will Vincent Callebaut Inseln aus Plastikmüll und Algen errichten, worauf 50.000 Menschen leben könnten. Die als Lilypads am Computer entwickelte Idee will so einen ökologischen Beitrag gegen die Umweltverschmutzung durch die Verpackungsindustrie leisten, aber führt auch die Recycling-Idee seiner gestapelten Dörfer weiter. 

In Ägypten plant der Architekt ein ebenso kühnes Projekt. The Gate soll in Kairo bis 2019 realisiert sein. Auch dieser Wohnkomplex folgt dem Prinzip der grünen Architektur und der vertikalen Gärten. Hier treten Architektur, Öko-Technologie und Natur in eine Symbiose, dass die darin lebenden Menschen das von öffentlicher und privater Hand forcierte System der Energiezufuhr unabhängig macht. Diese „atmende Architektur“ versorgt sich nach dem künstlich geschaffenen Naturprinzip selbst. 

Aber auch in Europa entwickelt sich etwas: in Wien-Aspern will das Architekturbüro RLP Rüdiger Lainer + Partner ein ebenfalls ein Hochaus komplett aus Holz realisieren. Das derzeit im Bau sich befindende Gebäude wird 24 Etagen umfassen und 84 Meter hoch sein und ist mit diesen Maßen dann das höchste Holzhochhaus der Welt.

Von der Wohnmaschine zur Quartiermaschine

Zinshäuser und Mietskasernen prägen viele mittel- und westeuropäische Städte. Oftmals reihen sich Laden- und Gastronomiezonen an den Hauptstraßen wie eine Perlenschnur auf, in den Nebenstraßen tauchen hin und wieder eine Gaststätte, eine Kneipe, ein Friseurgeschäft, Bäcker oder Fleischer auf. Vor über 100 Jahren bezogen die Architekten und Planer kurzwegige Angebote für die Einwohner mit ein, ganz auf die Bedürfnisse der Bürger zugeschnitten. Es gab keine Eventzonen in den Wohngebieten, wie heute. Gefeiert wurde entweder im Zentrum einer Stadt, oder in der Eckkneipe nebenan. Undenkbar, Diskotheken, Konzert- und Theaterhäuser in Wohngebieten zu schaffen. Das höchste der Gefühle waren an Kiezzentren gelegene Kinohäuser. 

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich im geteilten Deutschland das stadtstrukturelle Gepräge aus Mangel an geeigneten Gebäuden. Gerade hierzulande finden Anwohner in stillgelegten Fabrik- und Gewerbehäuser Räume für Kulturzentren und Spielstätten. Seit den Neunzigerjahren werden die kulturellen Belange stärker in den Stadtplanungen berücksichtigt. 

Ein Wohnquartier ist keine reine Wohn- und Schlafstadt mehr, wo Menschen zur Arbeit gelangen und davon zurückkehren. Die Arbeitsverhältnisse sind inzwischen Veränderungen unterworfen. Anwohner wollen vor Ort kulturelle Veranstaltungen aufsuchen und nicht nur in der Innenstadt wahrnehmen. Die heutige Freizeit- und Eventkultur prägt die Stadtplanung nachhaltig. 

Dagegen stehen die seit den Sechzigerjahren entstandenen „Wohnmaschinen“ der Trabantenstädte in den Vororten von London, Paris, Berlin, Moskau u.v.a.m. Selbst in den Dörfern im Osten der deutschen Republik sehen wir die schnörkellosen Plattenbetonbauwerke. Bis in die Jahrtausendwende hinein und auch noch vielerorts noch heute werden reine Wohnsiedlungen konzipiert und gebaut. Wir finden auch Beispiele, die Ladengeschäfte mit in ihrem Konzept einbeziehen, sei es Kleingeschäfte oder Supermärkte. 

Doch inzwischen ändert sich auch hier das Prinzip. Kulturzentren finden wir nun auch in den Vororten der Großstädte. Vor allem in den schnellwachsenden Metropolen und Giga-Citys klaffen die Entwicklungen des Bevölkerungszuwachses und die Bedürfnisse nach Kultur auseinander. Diese Entwicklung zusammenführen, werden Gebäude konzipiert, die eher einer Stadt im Kleinen gleichen als einem „normalen“ Wohnhaus. In solchen Konzepten finden wir neben Wohnungen auch Garagen, Büros, Gewerbe, Geschäfte und Kultureinrichtungen. Sogar die Anbindung an den ÖPNV und öffentliche Behörden werden in diesen Konzepten untergebracht. 

In Europa sehen wir solche Entwicklungen an Beispielen wie der Gasometer City in Wien. Alte, nicht mehr genutzte, Gasometer wurden als Quartierszentren umgerüstet. Darin finden wir Wohnungen, Büroräume, Ladengeschäfte und sogar ein Kulturzentrum mit modular ausgerichteten Sälen für Theater- und Konzertnutzungen. In Asien wird dieses Prinzip in weitaus größeren Maßstäben geplant und gebaut. Architekten flechten Grünanlagen in die Architektur – einerseits als ökologischer Beitrag zur Verbesserung des Mikroklimas eines Hauses und seiner direkten Umgebung, andererseits zur Schaffung von Parkanlagen in großer Höhe. 

Die Integration von Grün in Gebäuden hat jedoch nichts mit einem Spleen von „besonders querulanten“ Architekten zu tun, sondern mit der Tatsache, dass Bauland weltweit immer teurer und deshalb in die Höhe gebaut wird. In Deutschland wird diese Entwicklung noch nicht realisiert. Hier wird immer noch in althergebrachter Wohnsiedlungsbauweise mit der klassischen Blockrandbebauung gebaut. Es tauchen unter Architekten die Argumente auf, Grün gehöre nicht ins Haus. Sie ziehen sich auf die Position zurück, dass Städte wie Dresden, Berlin und Leipzig sehr viel öffentliches und vereinsgebundenes Grün, wie Parkanlagen und Kleingärten, besäßen und dies für den ökologischen Eintrag ausreiche. Sie vergessen aber, dass in den wenigsten Fällen energieautarke Systeme verwirklicht sind und die Energieerzeugung und -zufuhr teuer und aufwendig ist, und immer teurer gemacht wird. Dabei böten v.a. geschlossene Wohnkarrees in den europäischen Städten, sowohl in Altbau- als auch in Neubaugebieten, so viele Möglichkeiten, in zusammenhängenden Innenhofflächen in die Höhe und in die Tiefe zu bauen – inklusive energieautarken Systemen und ohne Energiezufuhr von Außen. So würden Parkhäuser, Geschäfte und Gewerbeflächen, aber auch Parkanlagen, Kindergärten und Kinderspielplätze Raum finden. Problem dabei ist, dass solche Projekte vorwiegend aus privater Initiative entstehen müssten. Förderprogramme dafür sind derzeit noch nicht ausgeschrieben. Hinderlich sind auch die v.a. in Deutschland restriktiven Brand- und Bauschutzverordnungen, die einen Blick auf die Zukunft der Menschen – nämlich echte „Smart Citys“, bzw. „Smart Quarters“- verstellen.

 

Von Heiß zu Kalt – Eine weltumspannende Reise zu den Öko-Bauwerken

Ein Buch beleuchtet wie kein anderes den weltweiten Trend des Bauens, wo Ökologie und Ökonomie in sogenannten Smart-Gebäuden verwirklicht werden. Visionäre Ideen, das Prinzip Dorf oder Kleinstadt in atemberaubende Bauwerke zu formen, gab es schon vor über 100 Jahren. Jetzt tritt die Wirklichkeit ein. Natur und Architektur werden vereint, ja sogar miteinander versöhnt. Galt das Bauen – auch mit Naturwerkstoffen – immer als umweltbeeinflussend oder sogar zerstörend. Die Überhitzung von Städten durch Betonhochhäuser und Betonlandschaften ist längst messebar. Hinzu kommt die Lichtverschmutzung in der Nacht. „BIG. From Hot to Cold“ tritt dieser Entwicklung entgegen und versammelt Bauwerke, die sich in ihrer Umwelt einfügen und einen positiven Umweltbeitrag leisten möchten. Inwieweit das Bauen der Smart-Architektur auch tatsächlich umweltfreundlich ist, sei dahingestellt. Aber dass mit dem Öko-Bauen mit der Green Architecture ein Anfang gesetzt wird, hin zu einem sozio-ökologischen Wohnen, das steht fest. „BIG“ ist so gesehen ein ganz großes Manifest, von TASCHEN.

BIG.From Hot to Cold – An Odyssey of Architectural Adaption

Softcover, 712 Seiten

Beitragsbild ganz oben: In Indien entstehen die Hyperiontürme. Sie nehmen die für Indien typische Dorfstrukturen in sich auf. (Copyright/Foto: Vincent Callebaut Architectures)

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